Heilanstalten Hohenlychen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörten Tuberkulose und andere Lungenerkrankungen zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen in Deutschland. Inmitten der wald- und seenreichen Landschaft bei Lychen entstand deshalb ab 1902 eine der modernsten Heilanlagen des Deutschen Reiches: die Heilanstalten Hohenlychen. Was zunächst als vergleichsweise kleine Einrichtung für tuberkulosekranke Kinder begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem medizinischen Großkomplex mit internationalem Ruf. Heute stehen die historischen Gebäude unter Denkmalschutz und zählen zu den bekanntesten Lost Places Brandenburgs.

Kampf gegen die Volkskrankheit Tuberkulose

Die Entstehung der Heilanstalten war eng mit den sozialen Reformen des späten 19. Jahrhunderts verbunden. Während sich wohlhabende Patienten private Sanatorien leisten konnten, fehlten für die breite Bevölkerung geeignete Behandlungsmöglichkeiten. Auf Initiative des Deutschen Roten Kreuzes und des Mediziners Gotthold Pannwitz entstand deshalb in Lychen zunächst eine kleine Versuchseinrichtung für lungenkranke Kinder. Bereits im ersten Betriebsjahr wurden Mädchen und Jungen in einfachen Unterkünften behandelt. Der Erfolg des Projekts führte schnell zu einer Erweiterung. Schon 1903 entstanden die ersten festen Klinikgebäude, weitere Ausbauphasen folgten in kurzen Abständen.

Aus einer Kinderheilstätte wird ein medizinisches Zentrum

In den folgenden Jahren wuchs Hohenlychen kontinuierlich. Neue Kliniken, Erholungsheime und Spezialabteilungen entstanden auf dem weitläufigen Gelände. Besonders bedeutend waren die Einrichtungen für tuberkulosekranke Kinder und Frauen sowie spezialisierte Abteilungen für Knochen- und Gelenktuberkulose. Ergänzt wurde die Anlage durch eine eigene Krankenpflegeschule, landwirtschaftliche Versorgungseinrichtungen und sogar ein Kurhotel in Bahnhofsnähe. Bis Mitte der 1920er Jahre waren bereits fast 50 Gebäude errichtet worden. Die Heilanstalten entwickelten sich zu einem der größten medizinischen Standorte Deutschlands.

Internationale Anerkennung für moderne Medizin

Vor allem die Behandlung von Knochen- und Gelenktuberkulose machte Hohenlychen international bekannt. Ärzte aus zahlreichen Ländern informierten sich über die dort entwickelten Therapiekonzepte. 1927 tagte sogar die Hygienekommission des Völkerbundes auf dem Gelände der Heilanstalten – ein Beleg für die hohe medizinische Bedeutung des Standorts in der Zwischenkriegszeit.

Der Wandel unter den Nationalsozialisten

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann ein tiefgreifender Wandel der Einrichtung. Unter der Leitung des Arztes Karl Gebhardt verlor die Tuberkulosebehandlung zunehmend an Bedeutung. Stattdessen entstanden neue Fachbereiche für Unfallchirurgie, Orthopädie und Wiederherstellungsmedizin. Die Heilanstalten entwickelten sich zum Reichssportsanatorium und wurden zu einem der wichtigsten medizinischen Zentren für Spitzensportler und Funktionäre des NS-Regimes.

Treffpunkt der NS-Elite

Hohenlychen wurde in den 1930er Jahren zu einem bevorzugten Aufenthaltsort führender Nationalsozialisten. Zu den regelmäßigen Gästen gehörten unter anderem Heinrich Himmler, Rudolf Heß und zahlreiche hohe Parteifunktionäre sowie internationale Delegationen. Auch Adolf Hitler besuchte die Anlage mehrfach. Durch umfangreiche Investitionen entstanden moderne Sportanlagen, medizinische Spezialabteilungen, Schwimmhallen und Forschungsbereiche, die den Ruf der Klinik weiter steigerten.

Menschenversuche und Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Die Geschichte Hohenlychens ist jedoch untrennbar mit den Medizinverbrechen des Nationalsozialismus verbunden. Unter Karl Gebhardt und seinen Mitarbeitern wurden medizinische Experimente an Häftlingen aus Konzentrationslagern durchgeführt. Besonders die sogenannten Sulfonamidversuche an Frauen des Konzentrationslagers Ravensbrück zählen zu den schwersten Verbrechen deutscher Medizingeschichte. Die Opfer wurden absichtlich mit gefährlichen Infektionen verletzt, um Behandlungsmethoden zu testen. Mehrere Frauen starben infolge dieser Experimente, zahlreiche weitere erlitten lebenslange gesundheitliche Schäden.

Auch weitere Ärzte aus Hohenlychen waren an Menschenversuchen in Konzentrationslagern beteiligt.

Himmlers letzte Verhandlungen im Krieg

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs spielte Hohenlychen erneut eine bedeutende Rolle. Hier fanden Gespräche zwischen Heinrich Himmler und dem schwedischen Diplomaten Folke Bernadotte statt, die später zur Rettungsaktion der sogenannten „Weißen Busse“ führten, mit denen zahlreiche KZ-Häftlinge in Sicherheit gebracht wurden. Zeitweise befand sich zudem eine mobile Kommandostelle Himmlers auf dem Gelände der Heilanstalten.

Besatzungszeit und sowjetisches Militärhospital

Nach Kriegsende übernahm die Rote Armee die weitgehend unzerstörten Gebäude. Die sowjetischen Streitkräfte nutzten die Anlage jahrzehntelang als Militärhospital, Geburtsstation und Wohnstandort für Angehörige der Armee. Zahlreiche medizinische Einrichtungen wurden demontiert oder abtransportiert. Erst mit dem Abzug der sowjetischen Truppen im Jahr 1993 endete die militärische Nutzung der historischen Anlage.

Vom Krankenhaus zum Lost Place

Nach der deutschen Wiedervereinigung verloren die meisten Gebäude ihre Funktion. Die riesige Anlage verfiel zunehmend und entwickelte sich zu einem der bekanntesten Lost Places Deutschlands. Verlassene Stationen, überwucherte Wege und leerstehende Gebäude lockten Fotografen, Filmemacher und Geschichtsinteressierte aus dem In- und Ausland an. Nur wenige Gebäude wurden saniert und wieder genutzt.

Neue Zukunft für Teile der historischen Anlage

Seit 2009 bemühen sich Investoren um die Wiederbelebung einzelner Bereiche der ehemaligen Heilanstalten. Auf Teilen des Geländes entstanden barrierefreie Wohnungen, Ferienapartments und gastronomische Angebote. Schrittweise werden weitere denkmalgeschützte Gebäude restauriert und in moderne Nutzungskonzepte integriert. Damit könnte Hohenlychen langfristig den Wandel vom historischen Klinikstandort über den Lost Place hin zu einem neuen Wohn- und Tourismusquartier schaffen.

Ein Ort zwischen Medizin, Geschichte und Erinnerung

Die Heilanstalten Hohenlychen stehen heute wie kaum ein anderer Ort für die widersprüchliche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sie erzählen von medizinischem Fortschritt und sozialem Engagement, von nationalsozialistischen Verbrechen und militärischer Nutzung, aber auch von den Herausforderungen des Denkmalschutzes und der Wiederbelebung historischer Bausubstanz. Gerade diese Vielschichtigkeit macht Hohenlychen zu einem der geschichtlich bedeutendsten Krankenhausstandorte Deutschlands.

Hinweis

Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.

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