Elisabeth-Sanatorium

Jahrzehntelang war das Elisabeth-Sanatorium am Rand von Potsdam und Stahnsdorf ein Ort der Heilung für Menschen mit schweren Lungenerkrankungen. Heute steht das denkmalgeschützte Gebäude leer, umgeben von stark befahrenen Straßen und den Spuren jahrzehntelangen Verfalls. Doch aus dem ehemaligen Lost Place könnte in den kommenden Jahren ein innovatives Wohn- und Gesundheitsquartier entstehen. Die Geschichte des Hauses reicht bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg zurück und spiegelt zugleich die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche Deutschlands im 20. Jahrhundert wider.

Jüdischer Arzt gründete moderne Lungenklinik

Zwischen 1912 und 1914 ließ der Arzt Dr. Walter Freymuth nahe Neubabelsberg ein modernes Lungensanatorium errichten. Die Klinik erhielt den Namen seiner Ehefrau Elisabeth und wurde zunächst als „Sanatorium Freymuth bei Neubabelsberg“ bekannt. Das Sanatorium spezialisierte sich auf die Behandlung von Patienten mit Lungenerkrankungen. Damals galten frische Luft, Ruhe und längere Aufenthalte in naturnaher Umgebung als zentrale Bestandteile der Therapie. Die Anlage verfügte unter anderem über offene Liegehallen, in denen die Patienten stundenlang an der frischen Luft ruhen konnten. Zum Komplex gehörten neben dem repräsentativen Hauptgebäude mehrere Wirtschaftsgebäude sowie Unterkünfte für Mitarbeiter und Pflegepersonal.

Für seine langjährige medizinische Arbeit wurde Walter Freymuth später mit dem Ehrentitel „Sanitätsrat“ ausgezeichnet.

Enteignung unter die Nationalsozialisten

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das Schicksal der Familie Freymuth dramatisch. Das jüdische Ärzteehepaar wurde enteignet und verlor die Kontrolle über die von ihm aufgebaute Einrichtung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Klinik zu einer Heilstätte für Haut- und Lymphdrüsentuberkulose umfunktioniert. Mit dem medizinischen Fortschritt und dem erfolgreichen Rückgang dieser Erkrankungen verlor die Einrichtung jedoch zunehmend ihre Bedeutung. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde das Gebäude an die in den USA lebende Erbin Ursula Freymuth zurückgegeben. Trotz verschiedener Nutzungskonzepte gelang es jedoch nicht, eine wirtschaftlich tragfähige Zukunft für die historische Anlage zu finden.

Vom Krankenhaus zum Lost Place

Seit der endgültigen Schließung im Jahr 1994 steht das Sanatorium leer. Die verlassenen Gebäude entwickelten sich zunächst zu einem beliebten Ziel für Fotografen, Filmemacher und sogenannte Urban Explorer. Mit zunehmender Bekanntheit nahmen jedoch auch Einbrüche, Vandalismus und Sachbeschädigungen zu. Zahlreiche Gebäudeteile wurden beschädigt oder geplündert. Graffiti und Zerstörungen hinterließen deutliche Spuren an der historischen Bausubstanz. Die einstige Ruheoase für Lungenpatienten verlor zudem durch den Ausbau der umliegenden Verkehrsinfrastruktur ihren ursprünglichen Charakter.

Straßenbau verändert die Bedingungen grundlegend

Besonders der Bau der Landesstraße L40 stellte die Zukunft des Areals vor neue Herausforderungen. Wo Patienten früher die Ruhe der umliegenden Wälder suchten, dominiert heute der Verkehrslärm einer wichtigen Verkehrsachse. Da zum Zeitpunkt des Straßenausbaus keine konkrete Nachnutzung des Gebäudes absehbar war, wurde auf die Errichtung eines Lärmschutzwalls verzichtet. Dieses Versäumnis erschwert die heutige Entwicklung des Standorts erheblich. Die aktuellen Eigentümer sehen sich deshalb gezwungen, eigene Lösungen für den Schallschutz zu entwickeln.

Vision eines neuen Mehrgenerationen-Campus

Mit dem Erwerb des rund drei Hektar großen Grundstücks im Jahr 2018 begann ein neues Kapitel für das ehemalige Sanatorium. Investor Wolfhardt Schroedter und seine Familie verfolgen die Idee eines sogenannten Mehrgenerationen-Campus unter dem Namen „PD1“. Ziel ist die Schaffung eines Quartiers, in dem ältere und jüngere Menschen gemeinsam leben, arbeiten und sich gegenseitig unterstützen. Die Initiatoren möchten bewusst mit klassischen Pflegeheimstrukturen brechen und stattdessen auf Teilhabe, Begegnung und soziale Integration setzen.

Pflege, Wohnen und Bildung an einem Standort

Das Konzept sieht weit mehr vor als eine klassische Seniorenresidenz. Geplant sind moderne Wohnangebote für Familien, generationenübergreifende Wohnformen sowie inklusive Projekte für Menschen mit Unterstützungsbedarf. Darüber hinaus sollen Gesundheits- und Betreuungseinrichtungen, medizinische Dienstleistungen und ein Kindergarten mit rund 80 Plätzen entstehen. Auch Forschungs- und Bildungseinrichtungen könnten künftig Teil des Campus werden. Denkbar sind Kooperationen mit Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen beispielsweise in den Bereichen Pflege, Sozialwissenschaften oder Denkmalpflege.

Historisches Hauptgebäude bleibt erhalten

Das denkmalgeschützte Hauptgebäude soll trotz der schwierigen Rahmenbedingungen erhalten und saniert werden. Aufgrund der unmittelbaren Nähe zur L40 ist eine Wohnnutzung dort allerdings kaum realisierbar. Stattdessen werden gewerbliche Nutzungen wie Gastronomie, Büros, kulturelle Angebote oder Veranstaltungsräume diskutiert. Die geplanten Neubauten sollen gleichzeitig als Lärmschutz fungieren und geschützte Wohnbereiche im Inneren des Quartiers ermöglichen.

Großprojekt mit vielen Herausforderungen

Die Umsetzung des Vorhabens ist anspruchsvoll und kostenintensiv. Da historische Bauunterlagen weitgehend fehlen, müssen sämtliche Gebäude neu vermessen und bauhistorisch untersucht werden. Erst auf Grundlage dieser Gutachten lassen sich belastbare Sanierungskosten und Bauzeiten ermitteln. Steigende Baupreise, höhere Finanzierungskosten und die angespannte Wirtschaftslage erschweren die Planung zusätzlich. Die Initiatoren setzen daher auf Fördermittel, Bankfinanzierungen sowie die Unterstützung weiterer Partner und Investoren.

Politik signalisiert Unterstützung

Für das Projekt gibt es inzwischen breite politische Unterstützung auf kommunaler und überregionaler Ebene. Fördermöglichkeiten aus Programmen des Denkmalschutzes werden geprüft, zudem signalisierten verschiedene politische Vertreter Interesse an der Entwicklung des Standorts. Bereits 2019 wurde das Gelände aus dem Landschaftsschutzgebiet herausgelöst und für eine Bebauung freigegeben. Die Gemeinde unterstützte anschließend die entsprechenden Planungen.

Kann aus dem Lost Place wieder Leben entstehen?

Das Elisabeth-Sanatorium steht exemplarisch für viele historische Klinikstandorte in Deutschland: bedeutende Architektur, schwierige wirtschaftliche Rahmenbedingungen und eine ungewisse Zukunft. Die Familie Schroedter verfolgt dennoch eine ambitionierte Vision: Aus dem ehemaligen Sanatorium soll ein lebendiger Ort für Wohnen, Pflege, Bildung und Begegnung entstehen. Ob der Wandel vom verlassenen Krankenhauskomplex zum modernen Mehrgenerationen-Campus gelingt, dürfte in den kommenden Jahren eines der spannendsten Stadtentwicklungsprojekte im südwestlichen Berliner Umland werden.

Hinweis

Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.

Sie haben aktuelle Informationen zum Objekt? Dann schreiben Sie diese gerne (mit Quellenangabe) in die Kommentare. Oder kontaktieren Sie uns unter kontakt@rottenplaces.de.

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