Über Jahrzehnte galt das Albrechtshaus im Selketal bei Stiege als Symbol für Hoffnung und Heilung. Die einst renommierte Lungenheilstätte im Harz behandelte Tausende Tuberkulosepatienten und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten medizinischen Standorte der Region. Heute erinnert jedoch kaum noch etwas an die traditionsreiche Einrichtung: Nach einem verheerenden Brand und dem späteren Abriss sämtlicher Gebäude soll auf dem Gelände künftig eine Ferienhaussiedlung entstehen.
Die Geschichte des Albrechtshauses begann Ende des 19. Jahrhunderts. Die damalige Landesversicherungsanstalt Braunschweig plante und errichtete die Anlage als moderne Heilstätte für Menschen mit Lungentuberkulose – einer Krankheit, die zu dieser Zeit zu den häufigsten Todesursachen gehörte. Am 19. Juni 1897 nahm die Einrichtung ihren Betrieb auf und bot zunächst Platz für 40 männliche Patienten. Benannt wurde die Heilstätte nach dem braunschweigischen Prinzregenten Albrecht von Preußen. Bereits ein Jahr später entstand mit dem „Marienheim“ ein weiteres Gebäude für weibliche Patienten, das nach Marie von Sachsen-Altenburg benannt wurde. Die Behandlung basierte auf den damals üblichen Liegekuren und mehrwöchigen Aufenthalten an der frischen Luft des Harzes. Die abgeschiedene Lage im Selketal galt als ideal für die Genesung der Erkrankten.

Ausbau zum Fachkrankenhaus
In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Klinik kontinuierlich. Bis 1930 standen bereits 180 Betten für männliche und weibliche Patienten zur Verfügung. Hinzu kam später ein separates Gebäude für lungenkranke Kinder. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Einrichtung ein wichtiger Bestandteil der medizinischen Versorgung. In der DDR wurde aus der ehemaligen Heilstätte ein Fachkrankenhaus für Lungenerkrankungen. Mit dem starken Rückgang der Tuberkulose verlor die ursprüngliche Aufgabe jedoch zunehmend an Bedeutung. 1987 erfolgte die Umwandlung in ein Sanatorium für Herz-Kreislauf-Patienten, bevor die Klinik nach der deutschen Wiedervereinigung als Rehabilitationszentrum weitergeführt wurde. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen führten schließlich zur Schließung der Einrichtung Ende 1993. Seitdem stand das weitläufige Areal leer.

Gescheiterte Luxuspläne und ein folgenschwerer Brand
Mehrere Investoren wollten dem markanten Hauptgebäude neues Leben einhauchen. Besonders weit fortgeschritten waren die Pläne für ein exklusives Wellness- und Luxushotel unter der Marke Kempinski. Bereits erste Nebengebäude wurden abgerissen, doch das Projekt scheiterte und wurde 2009 endgültig eingestellt. Die dramatische Wende folgte in der Nacht zum 22. August 2013: Ein Großbrand zerstörte die historische Lungenheilstätte nahezu vollständig. Ermittlungen ergaben später, dass Brandstiftung die Ursache gewesen war. Zurück blieb eine ausgebrannte Ruine, deren Zukunft jahrelang ungewiss blieb.

Ende eines historischen Kapitels: Abriss für neue Ferienhäuser
Nach Jahren des Verfalls wurde 2025 die Neuentwicklung des Geländes vorbereitet. Geplant ist der Bau von rund 120 Ferienhäusern. Im Zuge der Erschließung wurden die verbliebenen Gebäude des ehemaligen Klinikkomplexes vollständig abgerissen. Damit verschwand eines der bekanntesten historischen Bauwerke des Selketals endgültig aus der Harzer Landschaft.

Die Stabkirche Stiege: Ein außergewöhnliches Denkmal bleibt erhalten
Während das Albrechtshaus verloren ging, konnte eines der bemerkenswertesten Bauwerke des Areals gerettet werden: die Stabkirche von Stiege. Die im Jahr 1905 errichtete Holzkirche entstand unmittelbar neben der Heilstätte und orientierte sich architektonisch an den berühmten norwegischen Stabkirchen. Genau genommen handelt es sich allerdings nicht um eine klassische Stabkirche, da sie in Blockbauweise errichtet wurde. Die Konstruktion gilt als architektonische Besonderheit. Im Inneren wurde weitgehend auf Nägel und Schrauben verzichtet – eine traditionelle Bauweise nordischer Holzkirchen. Mit einer Länge von 23 Metern und 110 Sitzplätzen zählt sie zu den außergewöhnlichsten Sakralbauten in Deutschland.

Einzigartige Kirche mit bewegter Geschichte
Der Entwurf stammte vom Osterwiecker Zimmermeister R. Witte, während die kunstvollen Fenster von der renommierten Glasmalereianstalt Ferdinand Müller in Quedlinburg gefertigt wurden. Bis heute rankt sich um die Entstehung der Kirche eine besondere Geschichte: Einer Überlieferung zufolge soll ein skandinavischer Patient, der im Albrechtshaus von seiner Tuberkulose geheilt wurde, den Bau der Kirche aus Dankbarkeit finanziert haben. Deutschlandweit existieren lediglich drei Nachbauten norwegischer Stabkirchen aus dieser Zeit – neben Stiege lediglich in Hahnenklee und Stahnsdorf.
Rettung durch spektakulären Umzug
Der abgelegene Standort im Wald wurde der Kirche jedoch zunehmend zum Problem. Wiederholte Einbrüche und Vandalismus verursachten erhebliche Schäden, insbesondere an den historischen Bleiglasfenstern. 2014 gründete sich deshalb ein Förderverein mit dem Ziel, das Bauwerk an einen sichereren Ort zu versetzen. Unterstützt wurde das Vorhaben unter anderem von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Im März 2021 begann schließlich die spektakuläre Umsetzung der Kirche. Das Gebäude wurde sorgfältig demontiert, restauriert und in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs der Harzer Schmalspurbahnen wieder aufgebaut.

Nach monatelangen Arbeiten konnte die Stabkirche am 20. Mai 2022 feierlich eingeweiht werden. Die Kosten für die Rettungsaktion beliefen sich auf rund 1,1 Millionen Euro und wurden überwiegend durch Fördermittel und Spenden finanziert.
National wertvolles Kulturdenkmal im Harz
Heute präsentiert sich die Stabkirche nahezu im Originalzustand. Lediglich die ursprünglichen Holzschindeln wurden im Laufe der Zeit durch Ziegel ersetzt. Das Bauwerk steht unter Denkmalschutz und trägt inzwischen den Titel „National wertvolles Kulturdenkmal“. Damit bleibt wenigstens ein Teil der Geschichte des Albrechtshauses und seiner medizinischen Vergangenheit für kommende Generationen erhalten.
Hinweis
Aufgrund der Anzahl der Gebäude und deren positive und/oder negative Veränderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (häufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.
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