Zwischen Straßberg und Siptenfelde im Ostharz liegt mit der ehemaligen Grube Fluor, auch Fluorschacht beziehungsweise früher Herzogschacht genannt, ein Relikt des industriellen Bergbaus, dessen Geschichte weit tiefer reicht als die heute noch sichtbaren Anlagen vermuten lassen. Über Jahrzehnte wurde hier Flussspat gewonnen – ein unscheinbares Mineral, das für Industrie und später sogar für die strategischen Interessen der DDR von erheblicher Bedeutung war. Heute ist der Bergbau längst Geschichte.

Bergbau mit langer Vorgeschichte
Der Bergbau im Straßberger Revier reicht mindestens bis ins 15. Jahrhundert zurück. Zunächst standen vor allem Metallerze wie Silber und Eisen im Mittelpunkt. Mit der Industrialisierung gewann jedoch ein anderer Rohstoff an Bedeutung: Fluorit beziehungsweise Flussspat. Bereits seit etwa 1820 ist bei Straßberg ein planmäßiger Abbau des Minerals belegt. Der Fluorschacht selbst wurde 1910 als Hauptschacht abgeteuft. Damit entstand eine zentrale Anlage für den späteren modernen Flussspatbergbau des Reviers.
Der Rohstoff des Kalten Krieges
Seine größte Bedeutung erlangte das Bergwerk allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Ab den 1950er Jahren wurde der Flussspatbergbau im Straßberger Revier massiv ausgeweitet. Das Mineral wurde unter anderem als Flussmittel in der Metallindustrie benötigt. Während des Kalten Krieges kam eine weitere strategische Bedeutung hinzu: Die Sowjetunion benötigte Fluorchemikalien unter anderem für Prozesse im Zusammenhang mit der Uranaufbereitung. Die Dimensionen waren entsprechend beachtlich. Über den Fluorschacht wurden bis 1990 rund eine Million Tonnen Flussspat aus dem Revier ans Tageslicht gefördert. Auf der 9. Sohle des Bergwerks lag die Arbeitsebene rund 330 Meter unter Tage.

Verbund mit der Grube Glasebach
Zum komplexen Bergbausystem gehörte auch die historische Grube Glasebach. Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgeschlossen und erneut für die Fluoritgewinnung genutzt. Über unterirdische Strecken war sie mit dem Fluorschacht verbunden. Das gewonnene Material wurde schließlich über den Fluorschacht gefördert. Der Fluorschacht war damit nicht einfach irgendeine Grube im Harz. Er bildete den zentralen Förderpunkt eines weit verzweigten unterirdischen Bergbausystems.
1990 war endgültig Schicht im Schacht
Mit dem Ende der DDR verlor auch der Flussspatbergbau seine wirtschaftliche Grundlage. 1990 wurde der Betrieb eingestellt. Die Grube Glasebach wurde anschließend zum Bergwerksmuseum und Schaubergwerk entwickelt, während der Fluorschacht selbst seine frühere Funktion verlor. Auch unter Tage begann eine neue Phase: Das Revier wurde geflutet. Die Flutung wurde Ende 1992 zunächst bei einem Niveau von 345 Metern über Normalhöhennull beendet. Spätere Maßnahmen dienten der kontrollierten Führung und Ableitung der Grubenwässer.

Heute: Industriegeschichte im Wald
Von der einstigen Bedeutung des Fluorschachts ist heute kaum noch etwas zu spüren. Die Tagesanlagen liegen in einer bewaldeten Landschaft des Unterharzes. Der Regionalverband Harz führt den Standort weiterhin als Zeugnis des historischen Flussspatbergbaus.
Während die benachbarte Grube Glasebach heute als Bergwerksmuseum die Geschichte des Bergbaus vermittelt, ist der Fluorschacht selbst wesentlich weniger präsent. Gerade dieser Gegensatz macht den Ort interessant: Hier standen einst Fördertechnik, Bergleute und industrielle Produktion im Mittelpunkt – heute hat sich die Natur einen Teil des ehemaligen Bergbaugeländes zurückgeholt.

Eine Million Tonnen Flussspat sind aus diesem Berg verschwunden. Geblieben ist ein Stück Industriegeschichte, das zeigt, wie weit die Rohstoffpolitik der DDR in die Tiefe ging – buchstäblich.
