Jahrzehntelang gehörte das Schraubenwerk Dorn zu den wichtigen Zulieferbetrieben der Montanindustrie im Ruhrgebiet. In den Werkshallen in Herne entstanden Schrauben, Muttern und Nieten für den Bergbau, später auch für die Automobilindustrie und den Maschinenbau. Tausende Beschäftigte arbeiteten im Laufe der Unternehmensgeschichte auf dem Gelände oder waren über ihre Familien mit dem Betrieb verbunden. Doch Ende 1993 wurden die Werkstore geschlossen. Zurück blieben große Industriehallen, technische Relikte und eine Fläche, deren Zukunft über Jahre ungeklärt blieb. Das ehemalige Werk Knipping-Dorn wurde zu einem bekannten Lost Place – bevor Abriss- und Sanierungspläne eine neue Perspektive eröffneten. Heute steht das Gelände im Zeichen des städtebaulichen Wandels: Wohnen und öffentliche Grünflächen sollen den früheren Industriestandort neu in das Stadtgefüge einbinden.
Ein Unternehmen aus dem Westerwald zieht nach Herne
Die Wurzeln des Schraubenwerks Dorn liegen ursprünglich in Altenkirchen im Westerwald. Im Jahr 1900 wurde der Produktionsstandort nach Herne verlegt. Ausschlaggebend war die Übernahme der insolventen Herner Mutter- und Schraubenfabrik GmbH, die den Unternehmern Otto Langhorst und Carl Leising eine Grundlage für den Aufbau des neuen Betriebs bot. Der Standort im Ruhrgebiet war strategisch günstig. Die rasch wachsende Steinkohlenindustrie benötigte große Mengen an Verbindungselementen für Maschinen, Förderanlagen und andere technische Einrichtungen. Schrauben, Muttern und Nieten waren unverzichtbare Bestandteile der industriellen Infrastruktur. Ein spezialisierter Zulieferbetrieb in unmittelbarer Nähe zu den Zechen und metallverarbeitenden Unternehmen konnte von dieser Nachfrage profitieren.

In den ersten Jahren konzentrierte sich die Produktion vor allem auf den Bergbau und dessen Zulieferindustrie. Der wirtschaftliche Start verlief allerdings nicht reibungslos. Schwierigkeiten bei der Beschaffung geeigneter Maschinen, fehlende Fachkräfte und die allgemeine wirtschaftliche Lage bremsten die Entwicklung. Erst ab 1907 stabilisierte sich der Betrieb zunehmend.
Vom Schraubenhersteller zum wichtigen Zulieferer der Ruhrindustrie
Mit der zunehmenden Industrialisierung erweiterte das Unternehmen sein Produktionsspektrum. Neben dem Bergbau wurden die Eisenbahn, der Brückenbau, der Schiffbau, der Waggonbau sowie der Fahrzeug- und Landmaschinenbau zu wichtigen Abnehmern. Die Produkte des Schraubenwerks fanden damit in zahlreichen Bereichen Anwendung, in denen belastbare und präzise gefertigte Verbindungselemente benötigt wurden. Das Unternehmen wuchs gemeinsam mit seinen Absatzmärkten. 1912 beschäftigte der Betrieb rund 170 Menschen, 1914 waren es bereits etwa 300. In den 1920er-Jahren wurde das Werk durch zusätzliche Grundstückskäufe erweitert. Neue Fertigungshallen entstanden, und die industrielle Produktion nahm immer größere Dimensionen an.
Die Entwicklung verlief nicht geradlinig. Wirtschaftliche Krisen und konjunkturelle Einbrüche wirkten sich auch auf die Beschäftigung aus. 1928 erreichte die Belegschaft rund 500 Mitarbeiter, 1933 sank sie infolge der wirtschaftlichen Krise auf etwa 180. Dennoch blieb Dorn ein bedeutender Betrieb der eisenverarbeitenden Industrie in Herne.

Ein Konkurrent gibt auf
Ein wichtiger Einschnitt in der Unternehmensgeschichte ereignete sich 1933 und 1934. Die benachbarte Schüchtermann & Kremer-Baum AG stellte ihre eigene Schrauben- und Nietenproduktion ein. Die Maschinen des Unternehmens wurden an die Gewerkschaft Dorn verkauft. Der Wegfall eines unmittelbaren Konkurrenten stärkte die Stellung des Herner Schraubenwerks. Der Betrieb konnte seine Bedeutung als Zulieferer für die regionale Schwerindustrie weiter ausbauen. Die Erweiterung der Fertigungskapazitäten spiegelte sich auch in der baulichen Entwicklung des Werksgeländes wider.
Die Fabrik war längst mehr als eine Ansammlung einzelner Werkshallen. Sie bildete einen eigenständigen industriellen Komplex, in dem Fertigung, Lagerung und betriebliche Abläufe aufeinander abgestimmt waren. Die Dimensionen des Geländes verdeutlichten die Bedeutung, die das Unternehmen für die industrielle Infrastruktur des Ruhrgebiets besaß.

Rekordbeschäftigung und ein eigenes Schwimmbad
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich das Schraubenwerk erneut zu einem bedeutenden Arbeitgeber. Im September 1949 erreichte die Belegschaft mit rund 717 Beschäftigten einen historischen Höchststand. Die Zahl zeigt, welche Bedeutung der Betrieb für Herne und die umliegenden Stadtteile hatte. Ein Jahr später waren noch etwa 569 Menschen beschäftigt. Bemerkenswert war auch die soziale Infrastruktur des Unternehmens. Für die Beschäftigten stand ein betriebseigenes Schwimmbad zur Verfügung. Es war Ausdruck einer Zeit, in der größere Industriebetriebe nicht nur Arbeitsplätze bereitstellten, sondern teilweise auch soziale und gemeinschaftliche Einrichtungen unterhielten.
Das Schwimmbad ist heute eines der ungewöhnlichen Details, die in Erinnerungen und Fotodokumentationen über das ehemalige Schraubenwerk auftauchen. Es verdeutlicht, dass die Geschichte der Fabrik nicht allein aus Maschinen, Hallen und Produktionszahlen besteht. Für die Belegschaft war das Werk zugleich ein sozialer Mittelpunkt, an dem sich Arbeitsleben und betriebliche Gemeinschaft miteinander verbanden.

Aus der Gewerkschaft Dorn wird Knipping-Dorn
Im Laufe der Unternehmensgeschichte änderten sich die Eigentumsverhältnisse und die organisatorische Struktur mehrfach. 1981 wurde der Betrieb in Knipping-Dorn GmbH umfirmiert. Der neue Name spiegelte die Einbindung in die Knipping-Unternehmensgruppe wider. Auch die Anforderungen an die Produktion veränderten sich. Neben den traditionellen Abnehmern aus dem Bergbau gewann die Automobil- und Nutzfahrzeugindustrie zunehmend an Bedeutung. Hergestellt wurden unter anderem Sonder- und Zeichnungsschrauben, die nach konkreten technischen Vorgaben gefertigt wurden. Hinzu kamen Verbindungselemente für den Maschinen- und Anlagenbau.
Die Herstellung solcher Spezialteile erforderte Präzision und eine zuverlässige Qualitätssicherung. Das Unternehmen war damit nicht mehr ausschließlich auf die klassische Montanindustrie ausgerichtet, sondern belieferte auch anspruchsvolle industrielle Kunden. Zu den Abnehmern gehörten nach historischen Darstellungen Unternehmen aus der Automobilbranche, darunter BMW, Mercedes-Benz und Ford.
Proteste gegen die Werksschließung bleiben erfolglos
Die Schließung des Schraubenwerks war für die Belegschaft ein schwerer Einschnitt. Am 28. Januar 1993 erfuhr der damalige Betriebsratsvorsitzende Bernhard Steinberg von den Plänen der Knipping-Holding, den Standort Herne aufzugeben und Maschinen sowie Kundenbeziehungen an die Peiner Umformtechnik zu übertragen. Die Ankündigung löste Proteste aus. Beschäftigte legten die Arbeit nieder, und auch Bürger aus Herne solidarisierten sich mit den Mitarbeitern. Betriebsrat, Belegschaft und Stadt bemühten sich darum, den Betrieb zu erhalten. Nach den überlieferten Berichten wurde die drohende Schließung besonders kritisch gesehen, weil der Betrieb trotz der angekündigten Aufgabe noch Aufträge abarbeitete und Überstunden geleistet wurden.
Die Proteste und Hilfsangebote blieben jedoch ohne Erfolg. Am 31. Dezember 1993 schloss das Werk seine Tore. Zuletzt waren dort noch rund 200 Menschen beschäftigt. Mit dem Ende der Produktion verlor Herne einen traditionsreichen Zulieferbetrieb, dessen Entwicklung eng mit dem Aufstieg und dem Strukturwandel der Ruhrindustrie verbunden war. Die Maschinenproduktion wurde aufgegeben, die Hallen verloren ihre Funktion und das Gelände stand vor einer ungewissen Zukunft.
Vom Industriestandort zum Lost Place
Nach der Stilllegung blieben die großen Werkshallen über Jahre hinweg erhalten. Ohne regelmäßige Nutzung und Instandhaltung verschlechterte sich ihr Zustand. Beschädigte Dächer, zerbrochene Fenster und überwucherte Freiflächen prägten zunehmend das Bild des Areals. Fotografen und Freunde verlassener Orte entdeckten das Gelände als Lost Place. Die leeren Hallen boten Einblicke in die Dimensionen der einstigen Produktion. Maschinen waren allerdings nicht in größerem Umfang zurückgelassen worden. Von den industriellen Abläufen zeugten vor allem die Hallenstrukturen, Maschinenfundamente, Wartungsschächte und weitere bauliche Spuren.

Besonders eindrucksvoll waren die Kontraste zwischen den massiven Industriegebäuden und der einsetzenden Natur. Pflanzen breiteten sich auf den Hallenböden aus, während Feuchtigkeit und Witterung ihre Spuren an den Gebäuden hinterließen. Das ehemalige Schraubenwerk wurde so zu einem sichtbaren Symbol für den Niedergang eines Industriestandorts.
Ein Elektronikmarkt sollte das Gelände neu beleben
Schon vor dem vollständigen Verschwinden der Industriebrache gab es Überlegungen für eine Nachnutzung. Das Gelände sollte nicht dauerhaft ungenutzt bleiben. Diskutiert wurden unter anderem Einzelhandel, Wohnen und Naherholung. Im Jahr 2008 erhielt ein großer Elektronikhandelskonzern eine Baugenehmigung für ein Vorhaben auf dem Areal. Die Entwicklung hätte dem Standort eine neue wirtschaftliche Funktion geben können. Während der ersten Abbrucharbeiten zog sich das Unternehmen jedoch 2010 zurück. Damit scheiterte das Vorhaben, und die Fläche blieb erneut ohne die erhoffte umfassende Neuentwicklung.
Das Scheitern verdeutlichte die Schwierigkeiten bei der Revitalisierung großer Industrieflächen. Der Abriss alter Hallen allein schafft noch keine nachhaltige Stadtentwicklung. Solange Investoren, Nutzungskonzepte und die Finanzierung notwendiger Sanierungsmaßnahmen nicht zusammenpassen, können solche Grundstücke über Jahre brachliegen.
Die Stadt Herne kündigt Abriss und Bodensanierung an
Im Juni 2022 konkretisierte sich die Perspektive für das ehemalige Knipping-Dorn-Gelände. Die Stadt Herne berichtete über einen geplanten Abriss der alten Hallen und die Vorbereitung einer neuen Wohnbebauung. Die Deutsche Reihenhaus wollte dort Eigenheime errichten. Vor dem Neubau musste jedoch zunächst geklärt werden, wie mit den Gebäuden und dem Untergrund umzugehen war. Zwischen der Eigentümerfamilie Knipping und der Stadt sollte ein Sanierungsvertrag die erforderlichen Maßnahmen regeln. Neben dem Entfernen der Aufbauten war eine Untersuchung und gegebenenfalls Sanierung des Bodens vorgesehen. Erst anschließend sollten die Voraussetzungen für die neue Nutzung geschaffen werden.
Der Umgang mit möglichen Altlasten ist bei ehemaligen Industriestandorten von besonderer Bedeutung. Über Jahrzehnte wurden auf solchen Flächen Maschinen betrieben, Öle und Schmierstoffe eingesetzt und Produktionsabfälle gehandhabt. Ob und in welchem Umfang eine Bodensanierung erforderlich ist, muss durch Untersuchungen und die zuständigen Fachstellen geklärt werden. Mit dem angekündigten Rückbau wurde zugleich das Ende eines bekannten Lost Place eingeläutet. Die Hallen, die über Jahre das Bild des verlassenen Standorts geprägt hatten, sollten einer neuen Nutzung weichen.
Neue Wohnbebauung und Quartierspark
Die geplante Entwicklung geht über den Bau einzelner Häuser hinaus. Für das ehemalige Knipping-Dorn-Gelände wurden Wohnnutzungen vorgesehen; ältere städtebauliche Untersuchungen gingen von rund 100 Wohneinheiten in Reihenhäusern aus. Diese Zahl beschreibt einen Planungsansatz und ist nicht mit einer nachgewiesenen Fertigstellung gleichzusetzen. Darüber hinaus verfolgt die Stadt Herne das Ziel, die nördliche Innenstadt aufzuwerten und zusätzliche Grünflächen zu schaffen. Im Zusammenhang mit der Entwicklung des Bereichs Funkenberg-Ost wurde ein Quartierspark auf mehr als 12.000 Quadratmetern ins Gespräch gebracht. Auch eine neue Wohnbebauung in Geschossbauweise und Eigenheime gehören zu den öffentlich beschriebenen Vorstellungen für das weitere Umfeld.
Wie weit die einzelnen Vorhaben inzwischen umgesetzt sind, lässt sich anhand der ausgewerteten Veröffentlichungen nicht abschließend bestätigen. Deshalb wäre es nicht korrekt, das gesamte Areal bereits als fertiggestelltes Wohnquartier zu beschreiben. Fest steht, dass die Stadt und die Projektbeteiligten den früheren Industriestandort langfristig einer neuen Nutzung zuführen wollen.
Ein Stück Industriegeschichte verschwindet
Der Wandel des Knipping-Dorn-Geländes steht beispielhaft für die Entwicklung vieler ehemaliger Industriestandorte im Ruhrgebiet. Unternehmen, die über Jahrzehnte eng mit dem Bergbau und der Schwerindustrie verbunden waren, verloren mit dem Strukturwandel ihre wirtschaftliche Grundlage. Zurück blieben Flächen, deren Gebäude häufig nur schwer weiterzuverwenden waren. Für die Stadtentwicklung eröffnet der Rückbau solcher Areale neue Möglichkeiten. Wohnraum kann geschaffen, die Umgebung neu geordnet und Grünflächen können in dicht bebauten Stadtteilen ergänzt werden. Gleichzeitig verschwindet mit den alten Werkshallen ein Teil der materiellen Überlieferung der Industriegeschichte.
Beim Schraubenwerk Dorn wäre deshalb eine umfassende fotografische und bauhistorische Dokumentation besonders wertvoll. Sie könnte den Zustand der Hallen, die Spuren der Produktion und die Entwicklung des Areals für die Nachwelt festhalten. Denn sobald die Gebäude abgetragen sind, bleiben von der industriellen Vergangenheit oft nur Archivunterlagen, Fotografien und die Erinnerungen ehemaliger Beschäftigter.

Vom Zulieferer der Montanindustrie zur Fläche für die Stadt von morgen
Das Schraubenwerk Dorn war mehr als eine Fabrik. Seit der Verlagerung nach Herne im Jahr 1900 entwickelte sich der Betrieb zu einem wichtigen Zulieferer für Bergbau, Eisenbahn, Fahrzeugbau und Maschinenindustrie. Zeitweise arbeiteten dort mehr als 700 Menschen. Mit dem Ende der Produktion 1993 verlor Herne einen traditionsreichen Industriebetrieb und einen bedeutenden Arbeitgeber. Der jahrzehntelange Leerstand machte das ehemalige Werk zu einem bekannten Lost Place. Frühere Ansiedlungspläne scheiterten, bevor 2022 der Rückbau und die Bodensanierung als Vorbereitung für eine neue Wohnnutzung angekündigt wurden.
Die geplante Umgestaltung bietet eine Chance, die Fläche wieder in das Stadtgefüge einzubinden. Sie bedeutet zugleich den Verlust weiterer Zeugnisse der industriellen Vergangenheit. Das Schraubenwerk Dorn steht damit für die zentrale Herausforderung des Strukturwandels: Neue Nutzungen müssen geschaffen werden, ohne die Geschichte eines Ortes vollständig aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden zu lassen.
