Am Ufer der Saale in Halle-Kröllwitz liegt ein ungewöhnlicher Ort der Industriegeschichte. Was heute teilweise von Wohnnutzung und Grünflächen geprägt ist, war über Jahrhunderte ein bedeutender Standort der Papierherstellung. Die Geschichte der Cröllwitzer Papierfabrik reicht bis ins Jahr 1714 zurück. Damals wurde am Trothaer Wehr eine Papiermühle errichtet. Bereits 1716 konnte dort erstmals Papier geschöpft werden. Damit gehört der Standort zu den ältesten erhaltenen Zeugnissen der Papierindustrie in Mitteldeutschland. Aus der kleinen Mühle entwickelte sich im 19. Jahrhundert ein moderner Industriebetrieb – mit Maschinen, Dampfkraft und schließlich einer umfangreichen Fabrikanlage.

Die Familie Keferstein prägt den Standort
1718 übernahm die Familie Keferstein die Papiermühle zunächst als Pächter. Über Generationen baute sie nicht nur die Produktion, sondern auch den Handel mit Papier aus. Besonders Philipp Sebastian Ludwig Keferstein und später sein Sohn Christoph Ludwig Albrecht trieben die technische Entwicklung voran. Keferstein beschäftigte sich unter anderem mit Wasserpressen und Maschinen zur Aufbereitung der Rohstoffe. Ein schwerer Rückschlag kam 1823: Am 23. Oktober zerstörte ein Großbrand sämtliche Gebäude. Die Fabrik wurde anschließend wiederaufgebaut und in den folgenden Jahrzehnten technisch weiterentwickelt. 1840 kamen die ersten englischen Papiermaschinen hinzu. Damit begann endgültig der Übergang von der traditionellen Papiermühle zur industriellen Papierfabrik.

Aus der Mühle wird eine Aktiengesellschaft
Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich in den 1860er Jahren. Überproduktion und Veränderungen auf dem Papiermarkt setzten dem Familienunternehmen zu. Die Konsequenz war eine grundlegende Neuordnung: Am 7. Oktober 1871 wurde die Cröllwitzer Actien-Papier-Fabrik gegründet. Banken und Investoren übernahmen damit die wirtschaftliche Führung des traditionsreichen Standorts. Aus der alten Papiermühle entwickelte sich nun ein industrieller Großbetrieb. Fabrikgebäude, Maschinenanlagen und Schornsteine bestimmten zunehmend das Bild des Saaleufers.

Papier, Zellstoff und der „Cröllwitzer Geruch“
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Produktion nochmals erweitert. Neben Papier spielte zunehmend die Herstellung von Zellstoff eine Rolle. Insbesondere das Sulfatverfahren zur Herstellung von Strohzellstoff führte allerdings zu erheblichen Umweltbelastungen. Der Gestank war derart charakteristisch, dass sich in Halle sogar die Redewendung „es cröllwitzt“ etablierte. Die Fabrik belastete nicht nur die Luft, auch die Saale war von den industriellen Einwirkungen betroffen. Die zunehmenden Beschwerden der Bevölkerung entwickelten sich schließlich zu massiven Protesten.

Ein bedeutender Papierproduzent
Trotz der Umweltprobleme erreichte die Fabrik in den 1920er Jahren eine beachtliche industrielle Bedeutung. 1924 soll die Produktion rund 45.000 Kilogramm Schreib- und Druckpapier täglich erreicht haben. Die Fabrik war damit Teil jener rasanten Entwicklung, durch die Deutschland in dieser Zeit zu einem der führenden Papierproduzenten der Welt wurde. Die historische Anlage war längst keine kleine Mühle mehr. Zwischen Saale, Felsen und den Fabrikgebäuden entstand ein komplexer Industriestandort, der das Ortsbild von Kröllwitz nachhaltig veränderte.

1940 kommt das Ende
Die Umweltbelastungen wurden schließlich zum entscheidenden Faktor. Nach langjährigen Protesten wurde die Papierproduktion 1940 eingestellt. Nach Angaben der Stadt Halle begann damit der Verfall von Fabrik und Parkanlage; andere historische Darstellungen berichten zudem davon, dass größere Teile der alten Mühlenanlage gesprengt wurden. Damit endete nach mehr als zwei Jahrhunderten die industrielle Papierproduktion an diesem Ort. Das Gelände verschwand jedoch nicht aus dem Wirtschaftsleben. Teile der Gebäude wurden anschließend noch als Lager genutzt. Zu DDR-Zeiten befand sich auf dem Areal unter anderem der VEB Technische Dienst.

Jahrzehnte des Verfalls
Nach dem Ende der industriellen Nutzung begann eine lange Phase des Stillstands. Die historischen Gebäude verfielen zunehmend. Die Lage an der Saale, die überwucherten Flächen und die teilweise stark beschädigte Bausubstanz machten das Areal zu einem markanten Lost Place der Hallenser Industriegeschichte. Noch in den 2000er Jahren war von einer gesicherten Zukunft kaum etwas zu erkennen. Konzepte zur Erhaltung und Umnutzung existierten, doch lange fehlte ein Investor, der die historische Substanz mit einer wirtschaftlich tragfähigen Nutzung verbinden konnte.

Vom Lost Place zum Wohnstandort
Eine entscheidende Wende kam 2008. Die Prof. Schuh Securities GmbH erwarb das rund zwei Hektar große Areal. Erste Gebäude wurden bis 2010 saniert, weitere Bauarbeiten folgten ab 2016. Heute befinden sich auf dem Gelände sieben Gebäude mit insgesamt 35 Wohnungen. Damit hat sich der Charakter des ehemaligen Industrieareals grundlegend verändert. Aus Teilen der verlassenen Fabrikanlage wurde Wohnraum – und aus einem lange verfallenden Standort ein ungewöhnliches Quartier direkt an der Saale.

Der Kefersteinsche Garten bleibt erhalten
Besonders bemerkenswert ist die Verbindung von Industriegeschichte und historischer Gartenanlage. Zwischen Fabrik und Herrenhaus ließ die Familie Keferstein einst einen aufwendig gestalteten Park anlegen. Gewächshäuser, ein Orchideenhaus und ein Ananashaus gehörten zu der Anlage. Heute ist der Park der ehemaligen Papierfabrik Kröllwitz als geschützter Landschaftsbestandteil ausgewiesen und umfasst rund 2,5 Hektar. Der historische Park bildet damit einen grünen Gegenpol zur ehemaligen Fabrik und ist selbst Teil des kulturellen Erbes des Standorts.
Eine Fabrik, die ihre Geschichte nicht verloren hat
Die Cröllwitzer Papierfabrik ist heute kein klassischer Lost Place mehr. Gerade das macht ihre Geschichte interessant. Der Standort hat mehrere Leben hinter sich: Papiermühle, Industriefabrik, umweltbelasteter Großbetrieb, DDR-Nutzfläche, Ruinenlandschaft und schließlich Wohnstandort. Von der einstigen Fabrikarchitektur ist zwar nur ein Teil erhalten geblieben. Doch die Lage am Saaleufer, die verbliebenen historischen Strukturen und der Kefersteinsche Garten machen weiterhin sichtbar, welche Bedeutung dieser Ort einst hatte.

Mehr als 300 Jahre Papiergeschichte liegen zwischen der ersten Papiermühle von 1714 und den heutigen Wohnungen. Die Cröllwitzer Papierfabrik zeigt damit exemplarisch, dass Industriekultur nicht immer durch vollständige Erhaltung gerettet wird. Manchmal überlebt sie in Fragmenten – zwischen neuen Wohnungen, alten Mauern und einem Park, der längst mehr erzählt als nur die Geschichte eines Gartens.
