Bochum. Bochum hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass Strukturwandel gelingen kann. Die Transformation des ehemaligen Opel-Werks zum Technologie- und Wissenschaftsquartier Mark 51/7 gilt bundesweit als Vorzeigeprojekt. Nun richtet sich der Blick der Stadt auf ein weiteres Areal mit erheblichem Entwicklungspotenzial – mitten im Westen der Innenstadt. Doch bevor dort innovative Unternehmen und neue Technologien angesiedelt werden können, steht eine grundlegende Aufgabe an: die Beseitigung jahrzehntealter Altlasten.
Im Fokus steht das sogenannte „Zukunftsareal Innenstadt West“ an der Gußstahlstraße. Das rund 70.000 Quadratmeter große Gelände liegt innenstadtnah, grenzt unmittelbar an das Rotlichtviertel und ist geprägt von seiner industriellen Vergangenheit. Die Stadt Bochum plant, das Areal perspektivisch für zukunftsorientierte Gewerbe- und Technologieansiedlungen zu entwickeln. Voraussetzung dafür ist jedoch eine umfassende Bodensanierung.
Um diesen Prozess vorzubereiten, hat die EGR Projekt GmbH, eine Tochter der Bochum Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft, nun die Erstellung eines Sanierungsplans ausgeschrieben. Der Zustand des Bodens macht deutlich, warum dieser Schritt unumgänglich ist: Das Gelände wurde über Jahrzehnte intensiv von der Schwerindustrie genutzt, entsprechend hoch ist die Belastung. Schon bei der Entnahme von Bodenproben ist das Tragen von Schutzkleidung erforderlich.
Zwar liegt bereits ein Gutachten zur Gefährdungsabschätzung aus den Jahren 2013 und 2014 vor, doch dieses bildet nur die Grundlage. Damals wurden rund zwölf Hektar des ehemaligen Betriebsgeländes der Vereinigten Schmiedewerke untersucht, das die Stadt bereits 1990 erworben hatte. Das Areal ist Teil des historischen Industriekomplexes des Bochumer Vereins für Bergbau und Gußstahlfabrikation, später Friedrich Krupp Hüttenwerke, in dem über mehr als ein Jahrhundert Stahl und Eisen produziert wurden. Bis heute nutzt die Bochumer Verein Verkehrstechnik (BVV) GmbH Teile des Geländes für die Herstellung von Rädern und Radsätzen für Schienenfahrzeuge.
Die jetzt ausgeschriebene Leistung umfasst die Auswertung der vorhandenen Daten sowie zusätzliche Untersuchungen von Boden und Bodenluft. Welche Sanierungsmaßnahmen letztlich erforderlich sind, hängt maßgeblich von der künftigen Nutzung ab – ob das Gelände erneut industriell oder gewerblich genutzt wird oder ob auch Freizeit- und Aufenthaltsflächen entstehen sollen.
Denn die Stadt verfolgt mit dem Projekt mehr als reine Wirtschaftsförderung. Geplant ist ausdrücklich auch eine bessere städtebauliche Vernetzung: Ein Rad- und Fußweg entlang eines Grünstreifens im Norden soll künftig eine direkte Verbindung von der Innenstadt zum Westpark, zur Erzbahnbahntrasse und zur Jahrhunderthalle schaffen. Voraussetzung dafür wäre allerdings der Neubau einer Brücke über die Bahnstrecke Bochum–Herne in Höhe der Malteserstraße – ein weiteres anspruchsvolles Infrastrukturprojekt.
Schon das Gutachten von 2013/14 kam zu dem Ergebnis, dass es neben einer allgemeinen industriellen Hintergrundbelastung lokal deutlich erhöhte Schadstoffkonzentrationen gibt, die ein Gefährdungspotenzial darstellen. Die Kosten für die Sanierung wurden damals auf rund eine Million Euro geschätzt. Angesichts gestiegener Bau- und Entsorgungskosten dürfte dieser Betrag heute spürbar höher liegen.
Dringlichkeit erhält das Vorhaben auch durch die Vergangenheit des Geländes. Das weitgehend brachliegende Areal hinter teils bereits abgerissenen Werkshallen gilt seit Jahren als sogenannter „Lost Place“ und zog immer wieder unbefugte Besucher an. Vor mehr als fünf Jahren kam es dort zu einem tödlichen Unfall, bei dem eine 22-jährige Frau zusammenbrach und nach einer aufwendigen Bergung später im Krankenhaus starb.
Bochum steht damit erneut vor einer Aufgabe, die Risiken und Chancen zugleich birgt. Gelingt es, die Altlasten zu beseitigen und das Areal klug zu entwickeln, könnte im Westen der Innenstadt ein weiteres Kapitel erfolgreichen Strukturwandels geschrieben werden. Der Weg dorthin beginnt jedoch im Boden – und dürfte lang, teuer und politisch anspruchsvoll werden.
