Kraftwerk Plessa – Vom Industriejuwel zur Ruine der Schande

Foto: rottenplaces Archivfoto
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Es war eines der schönsten ehemaligen Kraftwerke: Plessa im Landkreis Elbe-Elster. Die beiden 120 Meter hohen Kamine sind noch heute von Weitem zu sehen und gelten für die Einheimischen als Landmarke. Tauchen beide am Horizont auf, weiß man, man ist zuhause.

Das Kraftwerk dokumentiert, oder sagen wir besser dokumentierte nahezu unmittelbar die Entwicklung der Lausitzer Braunkohlewirtschaft von der frühen Industrialisierung über die DDR-Zeit bis zum Ende der Braunkohleverstromung nach der Wiedervereinigung. Plessa wurde 1926/27 errichtet und 1927 in Betrieb genommen. Den Standort wählte man, weil sich in unmittelbarer Nähe die Braunkohlengrube Agnes und eine Brikettfabrik befanden – die Kohle konnte damit direkt vor Ort verarbeitet und zur Stromerzeugung genutzt werden.

Bei seiner Inbetriebnahme galt das Plessa als eines der modernsten und leistungsfähigsten Braunkohlekraftwerke Mitteldeutschlands. Ursprünglich war es vor allem als Spitzenlast- und Reservekraftwerk für den Elektrizitätsverband Gröba konzipiert. Die Anlage wurde im Laufe der Jahrzehnte mehrfach erweitert.

Eine Besonderheit ist, dass große Teile der historischen Anlage erhalten geblieben sind. Das Kraftwerk wurde bereits 1985 unter Denkmalschutz gestellt und entging nach der Stilllegung dem Abriss. Als Erlebnis-Kraftwerk wurde es 1998 unter dem Motto Kraftwerk im Wandel in die Projektliste der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land aufgenommen. Der Jahre später wurde vom Förderverein Kraftwerk Plessa e. V. und der Gemeinde Plessa die Industrie-Denkmal und Industrie-Museum Kraftwerk Plessa gGmbH gegründet. Ziel war die museale Nutzung und die Ausführung von notwendigen Sanierungsarbeiten.

Auch wenn das einstige Kraftwerk heute nach wie vor unter Denkmalschutz steht, nagt der Zahn der Zeit unaufhörlich an der Substanz. Zwingende Sanierungsmaßnahmen stünden an, aber dafür fehlt allen Parteien schon lange das Geld. Die letzten großen Summen, die in das Kraftwerk flossen, kamen durch die Internationale Bauausstellung (IBA), dessen Programm bis 2010 lief. 2017 teilte der Förderverein Kraftwerk Plessa mit, dass zahlreiche Bereiche erneuert werden müssten, auch an den Außenanlagen. Alleine die Erhaltung des jetzigen Zustandes kostet viel Geld. Die dafür benötigten Fördermittel oder Finanzspritzen blieben aus. Die Folge: die Schließung des Kraftwerks für den Besucherverkehr.

Endet eine Nutzung, kommen die Vandalen. Seit 2020 wird das Denkmal immer wieder von Kriminellen heimgesucht, die sich an der Substanz zu schaffen machten und damit großen Schaden anrichteten. Im Mai 2020 konnte die Polizei gleich sieben Männer (17-28 Jahre) stellen, die in das Kraftwerk eingebrochen waren. Fünf Monate später stahlen Einbrecher Gegenstände aus dem Museumsbereich, darunter einen Beamer. Dabei entstand ein Sachschaden im fünfstelligen Bereich.

Im Dezember 2020 waren Stromleitungen und Maschinenteile aus dem Kraftwerk gestohlen worden. Die Täter hatten dazu auch stromführende Leitungen durchtrennt, wodurch die Beleuchtungsanlage auf den zwei 120 Meter hohen Schornsteinen ausfiel. Aus diesem Grund musste sogar die Deutsche Flugsicherung über den Ausfall der Warneinrichtung informiert werden. Anfang Oktober 2021 drangen Unbekannte in das Kraftwerk ein und entwendeten nach Polizeiangaben eine große Menge Kupferkabel.

Auch Unbelehrbare und „Möchtegern-Influencer“ in der Lost-Places-Szene haben sich in der Vergangenheit immer wieder unbefugt Zutritt verschafft. Der Kick, die Sozialen Medien mit Bildmaterial zu fluten, scheint manche jeden Anstand und Gesetz vergessen zu lassen. So sehr mich diese illegal verschafften „Zutritte“ auch ärgern, sie zeigen eines deutlich: den schlechten Zustand des Denkmals in Gänze und die massive Zerstörung der historischen Technik.

Auf der Webseite des Amtes Plessa findet sich seit Langem lediglich der Hinweis: Aus baulichen Gründen ist aktuell leider keine Besichtigung des Kraftwerkes und des Kraftwerksgeländes möglich. Ein Berliner Anbieter für Fototouren hat das Kraftwerk in seinem Portfolio. Hier können Interessierte offiziell das Kraftwerk begehen. Die Einnahmen sollen zum Teil für die Reparatur eingesetzt werden, die über die Jahre am Inventar oder der Substanz entstanden sind. Ein kleiner Hoffnungsschimmer, wenn auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Man kann nicht verstehen, warum ein Bundesland, ein Landkreis oder eine Gemeinde so ein Juwel völlig verkommen lässt. Die Kassen sind klamm, das Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Viele Städte und Gemeinden melden Rekorddefizite durch höhere Aufgaben und schwache Steuereinnahmen. Dabei ist das Problem der fortlaufenden Finanzierung eines solchen Vorhabens wie dem beim Kraftwerk Plessa seit vielen Jahren – ja eigentlich schon seit der Gründung des Vereins, klar. Sollte man zumindest denken.

Es ist logisch, dass der langfristige Erhalt nur dann gelingen kann, wenn Denkmalschutz und wirtschaftliche Nutzung miteinander verbunden werden. Ein modernes Nutzungskonzept könnte dabei nicht nur die historische Substanz bewahren, sondern gleichzeitig neue Impulse für Tourismus, Kultur und regionale Entwicklung setzen. Die Sanierung und Unterhaltung eines historischen Kraftwerks verursacht hohe laufende Kosten. Deshalb gilt ein tragfähiges Finanzierungskonzept als Voraussetzung für jede langfristige Perspektive.

Neben öffentlichen Mitteln könnten Förderprogramme des Bundes und des Landes Brandenburg genutzt werden. Auch europäische Förderfonds für Kultur, Strukturentwicklung und nachhaltige Regionalentwicklung bieten Möglichkeiten, Investitionen in historische Industrieanlagen zu unterstützen. Ergänzend kommen Stiftungen, Unternehmenspartnerschaften sowie Spenden und Mitgliedsbeiträge von Fördervereinen infrage. Doch Fördergelder allein reichen selten aus. Entscheidend ist ein Finanzierungsmix, der öffentliche Zuschüsse mit eigenen Einnahmen kombiniert. Eintrittsgelder, Vermietungen, Veranstaltungen oder Kooperationen mit Bildungseinrichtungen könnten dazu beitragen, den laufenden Betrieb dauerhaft abzusichern und die Abhängigkeit von staatlicher Förderung zu reduzieren.

Statt ausschließlich als Museum könnte sich das Kraftwerk Plessa zu einem modernen Energie- und Industriekulturzentrum entwickeln. Ein solches Konzept würde historische Technik mit zeitgemäßer Wissensvermittlung verbinden und unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Neben einem lebendigen Kraftwerksmuseum könnten interaktive Ausstellungen die Entwicklung der Energieversorgung von der Braunkohle bis zu erneuerbaren Energien nachvollziehbar machen. Veranstaltungsflächen für Konzerte, Fachmessen oder Ausstellungen würden zusätzliche Besucher anziehen und neue Einnahmequellen schaffen.

Ebenso denkbar wären Forschungs- und Bildungsangebote in Zusammenarbeit mit Hochschulen, Schulen und technischen Einrichtungen. Historische Maschinen, originale Anlagen und moderne Präsentationstechniken könnten zu einem Lernort werden, der Technikgeschichte und Zukunftstechnologien miteinander verbindet.

Ein attraktives Nutzungskonzept hätte das Potenzial, weit über die Region hinaus Besucher anzuziehen. Industriekultur gewinnt seit Jahren zunehmend an Bedeutung. Erfolgreiche Beispiele zeigen, dass ehemalige Industrieanlagen längst nicht mehr nur Erinnerungsorte sind, sondern sich zu beliebten Ausflugszielen, Veranstaltungsorten und kulturellen Zentren entwickelt haben.

Davon könnten auch Gastronomie, Hotellerie und der Einzelhandel in der Region profitieren. Das Kraftwerk würde nicht nur Geschichte bewahren, sondern gleichzeitig neue wirtschaftliche Perspektiven eröffnen. Mit einem langfristigen Finanzierungskonzept, gezielten Fördermitteln und einer modernen Nutzung könnte aus dem ehemaligen Braunkohlekraftwerk ein Leuchtturmprojekt der deutschen Industriekultur entstehen – ein Ort, der Vergangenheit bewahrt und zugleich den Blick in die Zukunft richtet.

Herzlich, Ihr André Winternitz

Diese Kolumne ist, wie der Name schon sagt, Meinung. Begründet, aber gefärbt, wertend und evtl. provokativ. Dieser Text gibt nicht die Meinung der gesamten Redaktion wieder.

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