Das perverse Geschäft mit Lost Places

Foto: Zulfugar Karimov/Bildmontage
Foto: Zulfugar Karimov/Bildmontage

Die Faszination für Lost Places – das gezielte Aufsuchen und Dokumentieren verfallener, vom Menschen verlassener Bauwerke hat sich verständlicherweise von einer spezialisierten Subkultur zu einem weltweiten Phänomen entwickelt. Diese Anziehungskraft speist sich aus dem Spannungsfeld zwischen Ästhetik, Historie und Nervenkitzel, während die rasante mediale Verbreitung der vergangenen Jahre den Trend maßgeblich befeuert hat. Das gestiegene Interesse an postapokalyptischen Narrativen in Film, Serie und Videospielen hat die Wahrnehmung verlassener Kulissen im Mainstream verankert. Plattformen wie Facebook, Instagram, YouTube und TikTok haben das Genre maßgeblich aus der Nische geholt. Kurzvideos, Drohnenaufnahmen und reißerische Headlines generieren Millionen Klicks. Qualität? Uninteressant. In ist, wer drin ist.

Foto: Screenshot
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Da viele Objekte unzugänglich oder verschlossen sind, verbindet das Erkunden ein Element des Risikos und der Abenteuerlust mit dem psychologischen Anreiz des Exklusiven und Verbotenen. Content-Creatoren, die weltweit die „Sahnehäubchen“ der Lost Places wie Trophäen in die Sozialen Netzwerke spülen, werden von jenen, denen diese Orte – aus welchen Gründen auch immer – verborgen bleiben, wie Popstars gefeiert.

Schwarzmarkt der Geisterorte: Wie digitale Landkarten den Verfall beschleunigen

Wo früher strenges Stillschweigen herrschte (so meinte man), blüht heute ein lukratives Geschäft: Sogenannte Lost-Place-Maps werden auf Messenger-Kanälen und Social-Media-Plattformen hundertfach getauscht, gehandelt und auf Online-Marktplätzen verkauft. Mit nur wenigen Klicks und gegen kleine Geldbeträge erhalten Käufer punktgenaue GPS-Koordinaten von tausenden verlassenen Villen, Bunkern und Industrieruinen weltweit.

Diese automatisierte Verfeuerung von Geheimtipps hebelt den einst eisernen Ehrenkodex der Szene (den es, wenn man ehrlich ist und die Szene kennt, nie wirklich gab) – Standorte zum Schutz der Objekte geheim zu halten – vollkommen aus. Die Folge ist ein digital gesteuerter Massentourismus mit verheerenden Konsequenzen für die Bausubstanz: Kaum taucht eine Adresse in den einschlägigen Kartensammlungen auf, folgen Vandalismus, Graffitis und Diebstahl auf dem Fuß. Der illegale Handel mit den Geodaten verwandelt einst konservierte Zeitkapseln im Eiltempo in zerstörte Ruinen – und zwingt Eigentümer sowie Behörden zu immer drastischeren Sicherungs- und Abrissmaßnahmen.

Das Scheinheilige daran: wir mussten uns jahrelang von „Möchtegern-Samaritern“ in Foren und Sozialen Medien vorwerfen lassen, wir würden durch unsere Objektnennung zum Zerstören ganzer Lost Places beitragen. Das das Schwachsinn ist und war, dürfte heutzutage jedem klar sein. Der Wandel vom Nischenhobby zum Massenphänomen hat irreversible Folgen für die Bausubstanz: Die stark gestiegenen Besucherzahlen gehen zunehmend mit Vandalismus, Entwendungsdelikten und Brandstiftung einher. Dies führt wiederum zu verschärften Sicherungsmaßnahmen seitens der Eigentümer sowie zum beschleunigten Abriss historisch wertvoller Objekte.

Rechtliche und regulative Maßnahmen erforderlich

Um den Handel und das invasive Sharing von Lost-Place-Koordinaten einzudämmen, bräuchte es eine Kombination aus rechtlichen, technischen und Community-basierten Hebeln. Plattformen wie Google, Telegram oder Facebook-Gruppen könnten rechtlich stärker in die Pflicht genommen werden, um Kartensammlungen mit urheberrechtlich oder eigentumsrechtlich geschützten/gefährdeten Daten nach Meldung unverzüglich zu löschen (Notice-and-Takedown).

Karteninhalte bestehen oft aus gebündelten Geodaten. Betreiber privater Liegenschaften oder Denkmalschutzbehörden könnten zivilrechtlich wegen Verletzung von Hausrechten oder Datenschutz/Eigentumsrechten gegen gewerbliche Kartenverkäufer vorgehen. Der Verkauf digitaler Kartenpakete auf Plattformen wie Etsy, eBay oder Telegram erfolgt meist unredlich und ohne Gewerbeanmeldung. Gezielte Razzien oder Kontrollen von Verkaufsportalen treffen Händler an ihrer empfindlichsten Stelle: den Finanzen.

Einsatz von Bild- und Texterkennungs-KI auf Handelsplattformen, um Angebote mit Stichworten wie „Lost Place Map“, „Urbex Koordinaten“ oder Datei-Uploads wie .kml / .gpx automatisch zu sperren. Wenn etablierte Lost-Place-Gruppen oder Foren gezielt Falschinformationen oder veraltete/bereits abgerissene Standorte in den Umlauf brächten, würde der Wert kostenpflichtiger Karten drastisch sinken.

Ich möchte den Verkäufern von Lost-Place-Karten und den „Karten-Tauschern“ abschließend gerne folgendes mitteilen:

„Ihr verkauft und tauscht nicht einfach Karten. Ihr verkauft und tauscht Wissen über Orte, die euch nicht gehören! Wer tausende Lost Places zusammenträgt und diese Informationen anschließend verkauft oder weiterreicht, trägt Verantwortung dafür, was danach an diesen Orten geschieht. Lost Places sind kein Selbstbedienungsladen – und ihre Koordinaten sind keine Handelsware.“

Herzlich, Ihr André Winternitz

Diese Kolumne ist, wie der Name schon sagt, Meinung. Begründet, aber gefärbt, wertend und evtl. provokativ. Dieser Text gibt nicht die Meinung der gesamten Redaktion wieder.

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