Kaiserwagen Kleinbahnwaggon

Die Geschichte der Herforder Kleinbahnen begann bereits Ende des 19. Jahrhunderts. Schon 1895 entstanden erste Planungen für ein rund 111 Kilometer langes Schienennetz, das zahlreiche Orte im Kreis Herford miteinander verbinden sollte. Mit der Gründung der Herforder Kleinbahnen GmbH am 14. Juni 1898 wurde das Projekt schließlich offiziell auf den Weg gebracht. Finanziert wurde die Gesellschaft durch den Kreis Herford, die Stadt Herford, mehrere Anliegergemeinden, die Fürstliche Rentkammer in Detmold sowie private Investoren.

Nach intensiven Diskussionen entschied man sich gegen eine zunächst vorgesehene Spurweite von 600 Millimetern und setzte stattdessen auf Meterspur. Geplant waren Verbindungen bis nach Melle sowie eine Zweigstrecke nach Bünde. Während die Strecke bis Wallenbrück tatsächlich entstand, blieb die Verbindung nach Bünde lediglich ein Vorhaben auf dem Papier. Die ersten Jahrzehnte prägten Dampflokomotiven den Betrieb der Kleinbahn. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg gab es Pläne zur Elektrifizierung, die jedoch erst zwischen 1930 und 1933 umgesetzt wurden. Mit modernen elektrischen Triebwagen begann eine neue Ära für die Bahn.

Neben dem Personenverkehr spielte auch der Gütertransport eine wichtige Rolle. So wurden unter anderem Waren für die Oetker-Werke transportiert. Über den Weserhafen in Vlotho gelangten zudem Getreidelieferungen aus Bremen in die Region und machten die Kleinbahn zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erreichte die Herforder Kleinbahn ihren betrieblichen Höhepunkt. Zwischen Spenge und Bad Salzuflen verkehrten die Züge im Stundentakt, zahlreiche Fahrgäste nutzten die Verbindung täglich. Die Strecke bis Vlotho wurde im Zwei-Stunden-Takt bedient, während Wallenbrück mehrmals täglich angebunden war.

Mit Beginn des Krieges änderte sich die Situation jedoch dramatisch. Bombenangriffe beschädigten insbesondere das Bahnhofsgelände in Herford erheblich. Mehrfach musste der gesamte Betrieb eingestellt werden. Zusätzlich zerstörte ein Hochwasser 1946 die Hansabrücke in Herford, wodurch die Strecke mehrere Jahre unterbrochen war. Erst 1949 konnte die wichtige Verbindung wieder vollständig genutzt werden.

Nach dem Krieg stiegen die Fahrgastzahlen zunächst wieder an. Doch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der 1950er Jahre gewann der Straßenverkehr zunehmend an Bedeutung. Omnibusse und der wachsende Individualverkehr machten der Kleinbahn immer stärkere Konkurrenz. Besonders problematisch war, dass sogar Buslinien des eigenen Mutterunternehmens Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg (EMR) parallel zur Schienenstrecke verkehrten. Moderne Triebwagen, die ab 1952 angeschafft wurden, konnten den Fahrgastschwund nicht mehr aufhalten.

Als 1962 die notwendige Betriebskonzession nicht verlängert wurde und die beteiligten Kommunen kein Interesse am Erhalt der Bahn zeigten, war das Schicksal der Herforder Kleinbahn endgültig besiegelt. Schritt für Schritt wurden die Strecken stillgelegt und zurückgebaut. Der letzte Güterverkehr endete am 30. Juni 1966. Über Jahrzehnte verfügte die Herforder Kleinbahn über einen beachtlichen Fahrzeugbestand. Anfangs kamen Dampflokomotiven der Firmen Hagans und Borsig zum Einsatz, später ergänzten Diesellokomotiven von Deutz und Ruhrtaler den Fuhrpark. Mit der Elektrifizierung wurden zahlreiche Trieb- und Beiwagen beschafft, darunter moderne Duewag-Einheitswagen sowie Fahrzeuge der Mindener Straßenbahn.

Auch der Güterverkehr war umfangreich organisiert. Zeitweise gehörten bis zu 130 Güterwagen und 70 Rollböcke zum Bestand. Trotz mehrfacher Modernisierung konnte der wirtschaftliche Niedergang letztlich jedoch nicht verhindert werden. Ein besonders außergewöhnliches Relikt der ehemaligen Herforder Kleinbahn sorgt heute für traurige Schlagzeilen. Auf einem verwilderten Privatgrundstück direkt an der früheren Kleinbahntrasse steht ein historischer Eisenbahnwagen, der einst eigens für Kaiser Wilhelm angefertigt worden sein soll.

Der Wagen befindet sich inzwischen in einem erschreckenden Zustand. Er steht lediglich auf Holzbohlen, sämtliche Fensterscheiben fehlen, große Teile der technischen Ausstattung wurden entfernt oder sind zerstört. Das Grundstück ist vollständig zugewachsen und mit Müll übersät. Von der einst repräsentativen Innenausstattung ist kaum noch etwas erhalten. Bereits vor einigen Jahren bemühte sich ein Kleinbahnverein darum, den historischen Waggon zu erwerben und als bewegliches Denkmal unter Schutz stellen zu lassen. Doch der bauliche Zustand war bereits so schlecht, dass eine Rettung kaum noch realisierbar erschien.

Damit droht eines der letzten sichtbaren Zeugnisse der Herforder Kleinbahn endgültig zu verschwinden. Während die einst bedeutende Bahn längst Geschichte ist, verfällt auch ihr wohl außergewöhnlichstes Erinnerungsstück immer weiter – verborgen zwischen Bäumen, Gestrüpp und Müll.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert