Schwerin. Der Wasserturm Neumühle gehört zu den markantesten technischen Bauwerken Schwerins. Auf dem rund 86 Meter hohen Weinberg errichtet, prägt der neugotische Backsteinturm seit dem späten 19. Jahrhundert das Bild des Stadtteils. Noch heute erfüllt er eine wichtige Funktion für die Trinkwasserversorgung: Der 22,5 Meter hohe Turm dient als Druckausgleichsbehälter im Wassernetz. Sein genieteter Stahlbehälter fasst rund 350 Kubikmeter Wasser.
Nun steht das denkmalgeschützte Bauwerk vor einer millionenschweren Sanierung. Die Stadt Schwerin geht derzeit von Kosten in Höhe von etwa drei Millionen Euro aus. Grundlage der aktuellen Einschätzung ist unter anderem ein Sanierungskonzept aus dem Jahr 2019, dessen wesentliche Ergebnisse nach Angaben der Stadt 2025 durch den zuständigen Eigenbetrieb geprüft und bestätigt wurden.
Frühere Sanierung wird zum Problem
Besonders kritisch ist der Zustand der Außenfassade. Zwischen den 1990er Jahren und 2003 wurden umfangreiche Arbeiten am Wasserturm durchgeführt. Dabei wurden unter anderem Klinker ausgebessert, Mauersteine ersetzt sowie Fenster, Türen, Balkone, Dach und weitere Bauteile instandgesetzt. Aus heutiger Sicht könnte ausgerechnet eine dieser Sanierungsentscheidungen zur Verschärfung der Schäden beigetragen haben. Bei den damaligen Arbeiten kam nach Angaben der Stadt ein harter, unelastischer zementgebundener Mörtel zum Einsatz. Das Sanierungskonzept von 2019 kommt zu dem Ergebnis, dass dieser Mörtel das historische Ziegelmauerwerk stärker beanspruchen kann als geeignetere, elastischere Materialien.
Durch unterschiedliche Materialeigenschaften können Spannungen im Mauerwerk entstehen. Eindringende Feuchtigkeit und Frost können die Schäden anschließend weiter verstärken. Die Folge sind unter anderem Abplatzungen an den Klinkern. Der Fall zeigt damit ein bekanntes Problem im Umgang mit historischen Bauwerken: Eine technisch gut gemeinte Sanierung kann sich langfristig als Belastung für die originale Bausubstanz erweisen.
Auch der Wassertank muss saniert werden
Nicht nur die Außenhülle bereitet Sorgen. Im Inneren befindet sich der historische Wasserbehälter, der mit einem Fassungsvermögen von 350 Kubikmetern das technische Herzstück des Turms bildet. Eine abschließende Bewertung und konkrete Sanierungsempfehlung für den Behälter liegt nach Angaben der Stadt bislang allerdings nicht vor. Gleichzeitig wird eine Sanierung aus baulichen Gründen in den kommenden Jahren als erforderlich angesehen. Der Wasserversorger WAG hält den Behälter nach den vorliegenden Angaben grundsätzlich für sanierbar. Welche technische Lösung letztlich umgesetzt wird, soll erst im Zuge der weiteren Planung entschieden werden.
Drei Millionen Euro – Finanzierung noch offen
Damit steht die Stadt vor einer erheblichen finanziellen Herausforderung. Die bislang kalkulierten drei Millionen Euro umfassen die erforderlichen Sanierungsmaßnahmen am historischen Bauwerk. Fördermöglichkeiten aus dem Denkmalschutz wurden nach Angaben der Stadt bereits geprüft, stehen dem Eigentümer WAG Schwerin jedoch nur eingeschränkt zur Verfügung. Ein verbindlicher Finanzierungsplan und ein konkreter Zeitplan für die Sanierung liegen derzeit nicht vor. Gleichzeitig steht der Turm unter Denkmalschutz. Seine Erhaltung bleibt damit unabhängig von einer späteren Nutzung eine dauerhafte Aufgabe des Eigentümers.
Für Besucher bleibt der Turm geschlossen
Eine Öffnung für die Öffentlichkeit ist vorerst ebenfalls nicht in Sicht. Der Wasserturm ist Bestandteil der Trinkwasserversorgungsanlagen und wird von der Stadt als Teil der kritischen Infrastruktur eingestuft. Eine öffentliche Nutzung sei deshalb derzeit nicht möglich. Das ist auch für die Freunde des Wasserturms ein Rückschlag. Der Förderverein hatte das Bauwerk in der Vergangenheit regelmäßig für Besucher geöffnet. Bei Veranstaltungen wie den „Tagen der Industriekultur am Wasser“ konnten Interessierte den Turm besichtigen und den Ausblick über Schwerin genießen. Diese Zeiten sind vorerst vorbei.
Ein Denkmal, das bis heute arbeitet
Der Wasserturm Neumühle ist allerdings weit mehr als ein historisches Relikt. Das Bauwerk entstand im Zusammenhang mit der zentralen Wasserversorgung Schwerins Ende des 19. Jahrhunderts. Das Wasserwerk Neumühle wurde ab 1888 aufgebaut; 1890 ging die Anlage in Betrieb. Der Turm gehört heute zu den ältesten technischen Bauwerken der öffentlichen Wasserversorgung Schwerins, die noch immer genutzt werden.
Auch architektonisch ist das Gebäude bemerkenswert. Der zweischalige Backsteinbau mit Spitzbogenfenstern, Blendnischen, glasierten Ziegeln und Zinnen greift Formen der norddeutschen Backsteingotik auf. Im Inneren verbirgt sich mit dem genieteten Intze-Wasserbehälter eine für die Entstehungszeit fortschrittliche technische Konstruktion. Die Stadt selbst bezeichnet den 1889 errichteten Wasserturm als Wahrzeichen Neumühles.
Zwischen Denkmalschutz und kritischer Infrastruktur
Der Wasserturm steht damit vor einem schwierigen Spagat. Einerseits ist er ein denkmalgeschütztes Zeugnis der Schweriner Industrie- und Versorgungsgeschichte. Andererseits ist er weiterhin Bestandteil der Trinkwasserversorgung und damit kein gewöhnliches historisches Gebäude, das ohne Einschränkungen touristisch genutzt werden kann. Entscheidend wird deshalb sein, wie die anstehende Sanierung finanziert und technisch umgesetzt wird. Mit den veranschlagten drei Millionen Euro steht bereits eine erhebliche Summe im Raum. Wann die Arbeiten beginnen können und wann der Wasserturm wieder für Besucher zugänglich sein könnte, ist dagegen weiterhin offen.
