Karlsruhe. Karlsruhe verändert sich – und mit der Stadt verschwinden auch Gebäude, Arbeitswelten und Orte, die einst zum Alltag gehörten. Eine neue Sonderausstellung im Stadtmuseum widmet sich genau diesen Spuren der Vergangenheit. Unter dem Titel „Lost Places in Karlsruhe. Fotografien von Harald Wacker“ zeigt das Stadtmuseum Aufnahmen von Orten, die heute nicht mehr existieren, aufgegeben wurden oder inzwischen eine völlig andere Nutzung erfahren. Die Ausstellung läuft vom 4. Juli 2026 bis zum 7. Februar 2027.
Zwischen Leerstand, Verfall und Veränderung
Stillgelegte Hallen, leere Flure, beschädigte Fenster und zurückgelassene Räume: Harald Wacker richtet seinen fotografischen Blick auf die besondere Atmosphäre ehemaliger Karlsruher Orte. Dabei geht es nicht ausschließlich um klassische Lost Places im Sinne verfallender Gebäude. Einige der fotografierten Orte sind inzwischen verschwunden, andere wurden umgenutzt. Wackers Bilder halten damit einen Zustand fest, der in vielen Fällen bereits Vergangenheit ist. Die Fotografien dokumentieren somit nicht nur Architektur, sondern auch den stetigen Wandel des Stadtbildes.
Wenn aus Stadtgeschichte Lost Places werden
Zu den Motiven gehören unter anderem das ehemalige Tullabad, das Ausbesserungswerk der Deutschen Bahn sowie die frühere Seifenfabrik F. Wolff & Sohn. Gerade solche Orte machen deutlich, wie unterschiedlich sich eine Stadt im Laufe der Jahrzehnte verändert. Was einst Produktionsstätte, Freizeiteinrichtung oder Arbeitsplatz war, kann später verschwinden oder eine völlig neue Funktion erhalten. Die Fotografien bewahren diese Orte zumindest visuell und machen damit einen Teil der Karlsruher Stadtgeschichte zugänglich, der ansonsten zunehmend aus dem Stadtbild verschwunden wäre.
Die Ästhetik des Verfalls
Wacker interessiert sich nicht allein für die historische Bedeutung seiner Motive. Seine Fotografien leben auch von der besonderen Bildsprache verlassener Räume. Rost, Staub, Schatten, leere Flächen und zerbrochene Fensterscheiben erzeugen eine Ästhetik, die zwischen Melancholie und Faszination liegt. Die Abwesenheit von Menschen wird dabei selbst zum Motiv. Gleichzeitig lassen die Bilder erahnen, was früher an diesen Orten geschah. Die leeren Räume werden zu Projektionsflächen für Erinnerungen und Geschichten.
Historische Objekte ergänzen die Fotografien
Das Stadtmuseum belässt es nicht bei der fotografischen Dokumentation. Ergänzend werden Objekte aus der eigenen Sammlung gezeigt, die einen direkten Bezug zu den fotografierten Orten besitzen oder dort hergestellt wurden. Dazu gehören beispielsweise Kosmetikartikel aus der ehemaligen Seifenfabrik F. Wolff & Sohn, Fleischerhaken vom Alten Schlachthof sowie ein Gemälde aus den früheren Künstlerateliers am Hauptbahnhof. Damit bekommen die fotografierten Räume eine zusätzliche Ebene: Die Besucher sehen nicht nur, wie ein Ort aussah, sondern können anhand konkreter Gegenstände auch etwas über seine frühere Nutzung erfahren.
Vom Tullabad zum Exotenhaus
Eine besondere Geschichte erzählt die Ausstellung anhand des ehemaligen Tullabads. Das einstige Schwimmbad existiert in seiner ursprünglichen Funktion nicht mehr. Heute wird das Gebäude als Exotenhaus des Zoologischen Gartens Karlsruhe genutzt. Die Ausstellung macht diesen Wandel nachvollziehbar und zeigt damit, dass ein Lost Place nicht zwangsläufig für immer verloren sein muss. Ein Gebäude kann seine ursprüngliche Funktion verlieren und dennoch eine neue Zukunft erhalten.
Escape Game führt ins ehemalige Tullabad
Das Tullabad wird sogar auf spielerische Weise erneut erlebbar. Bestandteil der Sonderausstellung ist das Escape Game „Der letzte Badetag“. Die Besucher können dabei in die Geschichte des ehemaligen Schwimmbads eintauchen und sich spielerisch mit dem historischen Ort auseinandersetzen. Das Angebot ist ohne Anmeldung nutzbar, dauert etwa 40 Minuten und kann sowohl von Einzelpersonen als auch von Gruppen gespielt werden. Jugendliche benötigen eine erwachsene Begleitung.
Karlsruhe aus einer anderen Perspektive
Die Ausstellung zeigt eine Stadt, die normalerweise kaum sichtbar ist. Hinter modernen Fassaden und neu gestalteten Quartieren liegen verschwundene Arbeitsplätze, Freizeiteinrichtungen und Produktionsstätten. Harald Wackers Fotografien halten diese Entwicklung fest. Sie dokumentieren nicht nur den Zustand verlassener Gebäude, sondern erzählen von einer Stadt im permanenten Wandel. Gerade darin liegt die historische Bedeutung des Projekts: Lost Places werden zu fotografischen Zeitzeugen.
Ausstellung im Prinz-Max-Palais
Die Sonderausstellung „Lost Places in Karlsruhe. Fotografien von Harald Wacker“ ist bis zum 7. Februar 2027 im Stadtmuseum im Prinz-Max-Palais, Karlstraße 10, 76133 Karlsruhe, zu sehen. Der Eintritt kostet regulär 4 Euro, ermäßigt 2 Euro. Begleitend finden Führungen durch die Ausstellung statt. Auch dabei werden Orte vorgestellt, die heute verschwunden sind oder inzwischen anders genutzt werden.
Die Ausstellung macht deutlich, dass Lost Places nicht zwangsläufig abgelegene Ruinen oder spektakuläre Industrieanlagen sein müssen. Auch mitten in einer Großstadt können Orte verschwinden, ihre Funktion wechseln und aus dem kollektiven Gedächtnis geraten. Harald Wacker hält diese Veränderungen mit der Kamera fest. Seine Bilder bewahren damit nicht nur Rost, Beton und leere Räume, sondern vor allem die Erinnerung an eine Stadt, die sich ständig neu erfindet.
