Forst (Spree-Neiße). Ein außergewöhnlicher Fund aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs sorgt in Brandenburg für Aufsehen: In der Neiße bei Forst (Landkreis Spree-Neiße) haben Spezialisten des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KMBD) eine nahezu vollständig erhaltene sowjetische Regimentkanone geborgen. Die historische Waffe lag vermutlich seit mehr als 80 Jahren verborgen im Flussbett und wurde nun bei geplanten Gewässerarbeiten entdeckt. Der Fund gilt als außergewöhnlich, da militärische Großgeräte dieser Art nur selten in einem derart guten Zustand gefunden werden.
Kanone lag jahrzehntelang konserviert im Flussschlamm
Bei dem geborgenen Geschütz handelt es sich um eine 76-Millimeter-Regimentkanone des sowjetischen Modells M1943. Nach Angaben des Kampfmittelbeseitigungsdienstes wurde die Kanone während vorbereitender Arbeiten im Bereich der Neiße entdeckt. Besonders bemerkenswert ist ihr Erhaltungszustand. Jahrzehntelang lag das Geschütz im sandigen Flussschlamm und wurde dadurch weitgehend vor Korrosion geschützt. Experten sprechen von einer natürlichen Konservierung, die für militärische Relikte dieser Größe äußerst selten ist. Mit Hilfe eines Schwerlastkrans wurde die Kanone vorsichtig aus dem Wasser gehoben. Anschließend sicherten Spezialkräfte den Fund und transportierten ihn zur weiteren Untersuchung ab.
Spur führt zurück in die letzten Kriegstage
Historiker vermuten, dass die Kanone während der heftigen Kämpfe im Frühjahr 1945 verloren ging. Damals verlief entlang der Neiße eine der letzten großen Frontlinien des Zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden. Im April 1945 standen sich hier deutsche Wehrmachtseinheiten und die vorrückende Rote Armee gegenüber. Die sowjetische Großoffensive auf Berlin begann am 16. April 1945. In dieser Phase entwickelten sich rund um Forst massive Kampfhandlungen, die große Teile der Stadt zerstörten.
Zahlreiche militärische Fahrzeuge, Waffen und Ausrüstungsgegenstände gingen während der Gefechte verloren oder wurden nach Kriegsende bewusst zurückgelassen. Die nun entdeckte Regimentkanone könnte ein direktes Zeugnis dieser dramatischen Ereignisse sein.
Bereits zweiter spektakulärer Fund an derselben Stelle
Die Entdeckung kommt nicht völlig überraschend. Bereits im vergangenen Jahr hatten Kampfmittelräumer in unmittelbarer Nähe einen historischen Munitionswagen geborgen. Dieser war sogar noch mit Munition beladen. Nach diesem Fund wurde das Gebiet systematisch untersucht. Die aktuelle Bergung der Kanone bestätigt nun, dass sich im Bereich der Neiße offenbar weitere Relikte der letzten Kriegstage befinden könnten. Experten gehen davon aus, dass insbesondere entlang ehemaliger Frontverläufe noch zahlreiche bislang unbekannte Hinterlassenschaften aus dem Zweiten Weltkrieg verborgen liegen.
Keine Gefahr für die Bevölkerung
Nach Angaben des Kampfmittelbeseitigungsdienstes bestand zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für Anwohner oder Besucher der Region. Die Kanone wurde fachgerecht gesichert und in einen Spezialbetrieb transportiert. Dort prüfen Experten nun den Zustand des Fundstücks sowie mögliche weitere Maßnahmen. Da es sich um militärisches Gerät handelt, ist derzeit davon auszugehen, dass die Kanone nach Abschluss aller Untersuchungen fachgerecht zerlegt und entsorgt wird.
Bedeutendes Zeitzeugnis aus den letzten Kriegstagen
Der Fund verdeutlicht einmal mehr, wie präsent die Spuren des Zweiten Weltkriegs auch Jahrzehnte nach Kriegsende noch sind. Die Region um Forst war Schauplatz schwerer Kämpfe während der sowjetischen Offensive auf Berlin. Die nun geborgene Regimentkanone liefert nicht nur neue Einblicke in die militärischen Ereignisse jener Zeit, sondern erinnert zugleich an die Zerstörungen und das Leid, die der Krieg über die Region brachte. Für Historiker und Kampfmittel-Experten zählt die Entdeckung bereits jetzt zu den bemerkenswertesten Funden der vergangenen Jahre in Brandenburg.
