Rätselhaftes Bronzezeit-Gebäude nahe Seddin entdeckt

Foto: S. Weinberger/Seminar UFG/Universität Göttingen
Foto: S. Weinberger/Seminar UFG/Universität Göttingen

Seddin. Ein ungewöhnlicher archäologischer Fund wirft neues Licht auf die Bronzezeit in Brandenburg: In unmittelbarer Nähe des berühmten Königsgrabs von Seddin haben Forschende einen annähernd quadratischen Gebäudebefund freigelegt. Große Mengen an Keramikscherben und zahlreiche verbrannte Tierknochen unterscheiden den Fundplatz deutlich von den bislang untersuchten Siedlungsbereichen. Ob das Gebäude vor rund 3.000 Jahren als Kultstätte für rituelle Handlungen diente, ist noch offen. Die bisherigen Befunde liefern jedoch gewichtige Hinweise auf eine besondere Funktion.

Ein Bau, der aus dem bronzezeitlichen Rahmen fällt

Der im September 2026 freigelegte Grundriss misst rund 10,6 Meter in Nord-Süd-Richtung und 11,4 Meter von West nach Ost. Damit ist das Gebäude nahezu quadratisch – eine für die jüngere Bronzezeit ausgesprochen ungewöhnliche Form. Zeitgenössische Gebäude waren in den bekannten regionalen Bautraditionen überwiegend langrechteckig angelegt. Auch die Lage hebt den Fund hervor: Das Gebäude stand exponiert auf einer leichten Anhöhe. Seine Bauweise mit Wandgräbchen und darin liegenden Steinen weist Parallelen zur sogenannten „Halle des Königs“ auf, die ebenfalls in Seddin nachgewiesen wurde.

Für die Archäologie ist der Befund deshalb besonders interessant, weil Grundriss, Lage und Fundmaterial zusammengenommen auf ein Gebäude hindeuten, das sich von gewöhnlichen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden unterschied. Welche Funktion es tatsächlich erfüllte, müssen weitere Untersuchungen klären.

Keramik in ungewöhnlichen Mengen

Auffällig ist vor allem das Fundmaterial rund um den Bau. Während die Ausgrabungen der vergangenen zehn Jahre in den untersuchten Siedlungsgruben vergleichsweise wenig Keramik erbrachten, stießen die Forschenden im Umfeld des quadratischen Gebäudes auf große Mengen an Gefäßscherben. Einige Gefäße besaßen Randdurchmesser von mehr als 50 Zentimetern. Damit waren sie deutlich größer als die bislang bekannten Vorratsgefäße, deren Durchmesser üblicherweise zwischen 30 und 40 Zentimetern lag. Solche großen Gefäße könnten dazu gedient haben, Speisen und Getränke für größere Gruppen bereitzustellen. Die Funde lassen damit besondere Zusammenkünfte oder gemeinschaftliche Veranstaltungen als mögliche Erklärung zu. Ob diese im Rahmen von Festen, Zeremonien oder anderen gemeinschaftlichen Aktivitäten stattfanden, ist bislang nicht geklärt.

Verbrannte Tierknochen geben Rätsel auf

Noch ungewöhnlicher ist der Kontrast bei den Tierknochen. Bei den Siedlungsgrabungen zwischen 2015 und 2025 waren insgesamt lediglich zwei Tierknochen gefunden worden. Im Umfeld des neuen Gebäudes enthalten dagegen sämtliche bislang untersuchten größeren Grubenbefunde Fragmente verbrannter Tierknochen.

Die Forschenden gehen davon aus, dass die Tierknochen gezielt verbrannt wurden. Was dahintersteckt, ist allerdings noch offen. Eine Möglichkeit ist, dass Tiere in größerer Zahl geschlachtet und verzehrt wurden und ihre Knochen anschließend ins Feuer gelangten. Ebenso lässt sich derzeit nicht ausschließen, dass vollständige Tiere im Rahmen kultischer Handlungen verbrannt wurden. Erst weitere naturwissenschaftliche Analysen können helfen, die Überreste genauer zu bestimmen und die möglichen Abläufe zu rekonstruieren. Gerade diese Kombination aus außergewöhnlichem Gebäude, großen Keramikmengen und verbrannten Tierknochen macht den Fund wissenschaftlich bedeutsam.

War das Gebäude ein bronzezeitlicher Kultplatz?

Das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum (BLDAM) stellt die Frage, ob es sich um ein sogenanntes „Templum“ gehandelt haben könnte – einen Ort für Zeremonien. Die Bezeichnung ist ausdrücklich als Forschungsfrage zu verstehen, nicht als gesicherte Bestimmung des Gebäudes.

Für eine besondere Nutzung sprechen die exponierte Lage, der ungewöhnliche Grundriss und die auffälligen Funde. Ein eindeutiger Nachweis für einen Tempel oder eine konkrete religiöse Praxis liegt bislang jedoch nicht vor. Die archäologische Auswertung muss erst zeigen, ob die Hinweise tatsächlich auf kultische Handlungen hindeuten oder ob andere Erklärungen plausibler sind. Die Entdeckung eröffnet damit neue Fragen zum religiösen und gesellschaftlichen Leben der Menschen in der norddeutschen Bronzezeit. Sie zeigt zugleich, wie stark neue Grabungsbefunde bisherige Vorstellungen über prähistorische Siedlungen verändern können.

Nur 900 Meter vom berühmten Königsgrab entfernt

Der neue Gebäudebefund liegt rund 900 Meter vom Seddiner Königsgrab entfernt. Die bisherigen Keramikfunde und Radiokarbondaten sprechen dafür, dass das Gebäude zeitgleich mit der Bestattung entstand, die mit dem sogenannten „König Hinz“ verbunden wird.

Das 1899 entdeckte Königsgrab zählt zu den bedeutenden Grabanlagen der jüngeren Bronzezeit. Der Grabschatz ist heute im Neuen Museum auf der Berliner Museumsinsel zu sehen. Die volkstümliche Bezeichnung „König Hinz“ ist allerdings kein gesicherter historischer Name: Da die Bronzezeit keine schriftlichen Zeugnisse aus dieser Region hinterlassen hat, lässt sich die Identität des Bestatteten nicht eindeutig bestimmen. Die neuen Erkenntnisse erweitern den Blick deshalb über das Grab hinaus. Sie legen nahe, dass das Umfeld Teil einer komplexen Siedlungslandschaft war, in der neben Alltag und Handwerk möglicherweise auch besondere gemeinschaftliche oder rituelle Aktivitäten eine Rolle spielten.

Archäologische Forschungen gehen weiter

Die Untersuchungen in Seddin werden vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum gemeinsam mit dem Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Universität Göttingen durchgeführt. Die laufenden Auswertungen sollen klären, welche Bedeutung dem quadratischen Gebäude und den außergewöhnlichen Funden zukommt.

Noch ist der vermeintliche Tempel also eine Hypothese. Sicher ist jedoch, dass der Befund die archäologische Forschung zur jüngeren Bronzezeit bereichert. Die weiteren Grabungen könnten entscheidende Hinweise darauf liefern, wie die Menschen vor rund 3.000 Jahren in Seddin lebten, zusammenkamen und möglicherweise ihre religiösen Vorstellungen zum Ausdruck brachten.

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