Hamburg: „Lighthouse Zero“ wird abgerissen

Foto: Raimond Spekking/CC BY-SA 4.0
Foto: Raimond Spekking/CC BY-SA 4.0

Hamburg. Es sieht aus wie ein außerirdisches Bauwerk, ein überdimensionierter Pilz oder ein futuristischer Aussichtsturm. Doch das „Lighthouse Zero“ auf dem Baakenhöft in der Hamburger HafenCity war ein ernst gemeintes Architekturprojekt. Seit 2015 steht der ungewöhnliche Wohnturm an der Elbe – als Prototyp einer neuen Wohnform, die hoch über dem Boden ein ganz eigenes Raumgefühl schaffen sollte. Nun ist Schluss: Am 19. Oktober 2026 beginnt der Rückbau des markanten Bauwerks.

Der Abriss steht im Zusammenhang mit der langfristigen Entwicklung des Baakenhöfts. Die Halbinsel an der Norderelbe soll für eine Bebauung mit besonderer öffentlicher Bedeutung vorbereitet werden. Im Gespräch ist unter anderem eine neue Oper für Hamburg. Eine endgültige Entscheidung über das mögliche Musikhaus wird zwar erst 2028 erwartet, doch die vorbereitenden Maßnahmen beginnen bereits jetzt. Dafür sollen auch weitere bestehende Gebäude verschwinden, die überwiegend leer stehen oder ihre bisherige Nutzung verlieren.

Eine Idee von der Nordsee

Die Geschichte des Lighthouse reicht bis ins Jahr 2003 zurück. Damals hatte der Hamburger Bauunternehmer Arne Weber den Leuchtturm Großer Vogelsand in der Deutschen Bucht erworben. Nachdem das ursprüngliche Leuchtfeuer durch moderne Technik ersetzt worden war, wollte Weber den Turm in ein kleines Hotel verwandeln. Das Vorhaben scheiterte an behördlichen Auflagen – die Faszination für das Wohnen in luftiger Höhe blieb jedoch.

Der Blick von oben gab schließlich den entscheidenden Anstoß für eine neue Idee: Warum nicht Wohnraum schaffen, der sich deutlich über dem Boden erhebt und seinen Bewohnern das Gefühl vermittelt, beinahe zu schweben? Aus dieser Vorstellung entwickelte Weber über Jahre hinweg ein ungewöhnliches Architekturkonzept. Was zunächst viele für eine kaum realisierbare Vision hielten, wurde schließlich auf dem Baakenhöft tatsächlich gebaut.

Eine Wohnscheibe über den Dächern der HafenCity

Das Lighthouse Zero unterscheidet sich deutlich von klassischen Wohnhäusern. Ein schlanker Turmschaft trägt in rund 20 Metern Höhe eine kreisrunde Wohneinheit. Die Konstruktion orientiert sich an Prinzipien des Brückenbaus. Im Inneren stehen gut 230 Quadratmeter Wohnfläche zur Verfügung. Hinzu kommen ein rund 60 Meter langer Rundbalkon und ein etwa 150 Quadratmeter großer Dachgarten.

Auch die Ausstattung war auf ein flexibles und möglichst komfortables Wohnen ausgerichtet. Verschiebbare Wände ermöglichten eine veränderbare Raumaufteilung, während ein automatischer Sonnenschutz dem Sonnenstand folgte. Das wohl wichtigste Merkmal blieb allerdings der Ausblick: Das Gebäude eröffnete ein nahezu vollständiges 360-Grad-Panorama über Innenstadt, HafenCity, Hafen und die Bereiche jenseits der Elbbrücken.

Als dauerhaftes Zuhause war der Turm allerdings nie gedacht. Das Lighthouse diente als Prototyp, mit dem sich das Konzept in der Realität erproben und potenziellen Interessenten präsentieren ließ. Auch die HafenCity Hamburg GmbH nutzte das Gebäude für Veranstaltungen.

Vom Prototyp zum internationalen Geschäftsmodell

Arne Weber verfolgte mit dem Lighthouse weitreichende Pläne. Das Hamburger Bauwerk sollte nicht allein ein spektakulärer Einzelbau bleiben, sondern als Vorbild für weitere Projekte dienen. Insgesamt 100 solcher Wohntürme waren zeitweise vorgesehen – mit möglichen Standorten in Europa, den USA und im arabischen Raum. Für das Grundmodell wurde ein Preis von mindestens fünf Millionen Euro angesetzt.

Obwohl das Projekt in Hamburg Aufmerksamkeit auf sich zog, blieb es zunächst bei dem Prototyp auf dem Baakenhöft. Die ursprüngliche Grundstückspacht war auf vier Jahre angelegt. Weil die Fläche langfristig für andere Zwecke vorgesehen war, sollte das Gebäude nur vorübergehend dort stehen. Durch mehrfach verlängerte Standzeiten blieb es schließlich deutlich länger als geplant.

Baakenhöft soll für öffentliche Nutzung freigemacht werden

Mit der künftigen Entwicklung der Halbinsel endet nun auch die Zeit des Lighthouse an seinem bisherigen Standort. Die HafenCity Hamburg GmbH sieht das Grundstück als strategisch bedeutsame Fläche am Wasser, die dauerhaft einer Nutzung mit besonderer öffentlicher Wirkung dienen soll. Eine mögliche neue Oper könnte diesem Anspruch entsprechen; endgültig entschieden ist darüber jedoch noch nicht.

Der Rückbau ist deshalb mehr als das Verschwinden eines ungewöhnlichen Gebäudes. Er markiert zugleich den Übergang von einem experimentellen Architekturprojekt zu einer neuen Entwicklungsphase der HafenCity. Für das Lighthouse war die temporäre Nutzung von Anfang an Teil des Konzepts – auch wenn aus den ursprünglich vier Jahren am Ende mehr als ein Jahrzehnt wurde.

Das Ende in Hamburg muss nicht das Ende der Idee sein

Für Weber ist der Abbau offenbar nicht gleichbedeutend mit dem endgültigen Aus seines Wohnexperiments. Der 82-Jährige sucht nach einem neuen Standort. Dort soll das Lighthouse in leicht veränderter Form erneut entstehen; die Erfahrungen aus dem Hamburger Prototyp sollen in die Weiterentwicklung einfließen. Wo das geschehen könnte, ließ er bislang offen.

Damit verschwindet das Lighthouse Zero zwar aus der Hamburger HafenCity, die dahinterstehende Idee bleibt aber bestehen. Ob aus dem futuristischen Wohnturm doch noch ein international vermarktbares Wohnmodell wird, muss sich erst zeigen. Auf dem Baakenhöft jedenfalls beginnt am 19. Oktober der Rückbau – und damit das Ende eines Bauwerks, das vielen Hamburger Besuchern mehr Fragen als Antworten geliefert hat.

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