Haidemühl. Über Jahrzehnte prägten sie die Silhouette von Alt-Haidemühl: die gewaltigen Schornsteine der ehemaligen Brikettfabrik und des traditionsreichen Glaswerkes. Nun sind die letzten weithin sichtbaren Zeugnisse der Industriegeschichte verschwunden. Die markanten Schlote wurden abgetragen und dem Erdboden gleichgemacht – für viele ehemalige Einwohner kam der Abriss überraschend und hinterlässt tiefe emotionale Spuren. Mit den Schornsteinen verliert Haidemühl nicht nur Bauwerke aus einer vergangenen Zeit, sondern auch die letzten sichtbaren Symbole eines Dorfes, das bereits vor zwanzig Jahren dem Braunkohlebergbau weichen musste.
Ein Dorf verschwindet – die Erinnerung bleibt
Haidemühl gilt in der Lausitz bis heute als Sinnbild für die Macht des Tagebaus. Zwischen 2003 und 2006 wurde die gesamte Ortschaft für die Erweiterung des Tagebaus Welzow-Süd umgesiedelt. Die Bewohner verließen ihre Heimat und zogen nach Neu-Haidemühl bei Spremberg. Während die Häuser und Straßen des alten Dorfes verschwanden, blieben die verlassenen Industrieanlagen des Glaswerkes und der Brikettfabrik zurück. Die verfallenen Gebäude und die mächtigen Schornsteine entwickelten sich zu stillen Zeugen einer untergegangenen Welt und wurden über Jahre hinweg zu einem bekannten „Lost Place“ in der Lausitz.
Das Glaswerk schrieb DDR-Geschichte
Besonders das Glaswerk Haidemühl besaß für die Region eine enorme Bedeutung. Bereits im 19. Jahrhundert gegründet, entwickelte sich der Betrieb in der DDR zu einem wichtigen Produktionsstandort. Bundesweit bekannt wurde das Werk als einziger Hersteller der legendären 0,5-Liter-Milchflaschen aus Glas, die über Jahrzehnte in nahezu jedem Haushalt der DDR zu finden waren. Darüber hinaus produzierte das Werk für den Export und gehörte zu den bedeutenden Industriebetrieben der Region. Direkt neben dem Glaswerk befand sich die Brikettfabrik, die eng mit der Braunkohleindustrie verbunden war. Nach der Wiedervereinigung endete jedoch die industrielle Nutzung abrupt. Die Gebäude verfielen, Eigentumsfragen blieben über Jahre ungeklärt und die Schornsteine überdauerten als letzte Landmarken der Vergangenheit.
Der Wunsch nach einem Denkmal blieb unerfüllt
Noch Anfang 2026 hatten ehemalige Bewohner vorgeschlagen, zumindest die Schornsteine dauerhaft zu erhalten. Die mächtigen Bauwerke sollten als außergewöhnliches Denkmal an das verschwundene Dorf erinnern – sichtbar über die Grenzen der Region hinaus. Die Idee: Statt eines kleinen Erinnerungssteins könnte ein Industrieschornstein die Geschichte Haidemühls erzählen und an die Umsiedlung sowie die Bergbaugeschichte der Lausitz erinnern. Doch aus dieser Vision wurde nichts.
Warum die Schornsteine aus Sicherheitsgründen weichen mussten
Der entscheidende Grund für den Abriss liegt nicht im fehlenden Interesse an der Geschichte des Ortes, sondern in rechtlichen und sicherheitstechnischen Vorgaben. Alte Industrieschornsteine stellen nach Jahrzehnten ohne Nutzung erhebliche Risiken dar. Frost, Regen und Temperaturschwankungen greifen das Mauerwerk an. Feuchtigkeit dringt in Fugen ein, Material ermüdet und Windkräfte wirken dauerhaft auf die Konstruktionen ein. Bereits einzelne herabfallende Mauerteile könnten schwere Unfälle verursachen. Eigentümer solcher Bauwerke sind deshalb gesetzlich verpflichtet, Gefahren für die Öffentlichkeit auszuschließen und die Sicherheit der Anlagen dauerhaft zu gewährleisten.

Hohe Kosten und große Haftungsrisiken
Für freistehende Industrieschornsteine gelten strenge Prüf- und Wartungspflichten. Regelmäßige Kontrollen durch Statiker und Spezialfirmen wären notwendig gewesen. Schäden hätten aufwendig saniert und die Bauwerke dauerhaft gesichert werden müssen. Für ungenutzte Industrieanlagen ohne wirtschaftliche Nutzung wären diese Maßnahmen mit erheblichen Kosten verbunden gewesen. Gleichzeitig hätte der Eigentümer weiterhin die volle Verantwortung für mögliche Schäden oder Unfälle getragen. Ohne ein tragfähiges Nutzungskonzept oder einen öffentlichen Träger, der die Verantwortung übernimmt, blieb letztlich nur der Abriss als wirtschaftlich und rechtlich vertretbare Lösung.
Leag sieht sich an gesetzliche Vorgaben gebunden
Das Energieunternehmen Leag, dem das Gelände des ehemaligen Glaswerkes seit Ende 2022 gehört, bestätigte inzwischen offiziell den Rückbau der Schornsteine im Rahmen laufender Sanierungsmaßnahmen. Nach Angaben des Unternehmens erfolgt die Beräumung auf Grundlage bestehender bergrechtlicher Genehmigungen und ist Teil der gesetzlich vorgeschriebenen Sicherung und Nachnutzung der Flächen. Da von kommunaler oder öffentlicher Seite keine konkrete Initiative zur Übernahme der Verantwortung für die Schornsteine eingereicht wurde, spielte ein Erhalt der Bauwerke im Genehmigungsverfahren letztlich keine Rolle.
Bergrecht verpflichtet zur vollständigen Beräumung
Eine wichtige Rolle spielt dabei das Bundesberggesetz. Für ehemalige Bergbauflächen gelten umfangreiche Vorgaben zur Wiedernutzbarmachung und Gefahrenabwehr. Betreiber müssen potenzielle Risiken beseitigen und die Flächen in einen sicheren Zustand versetzen. Alte Industrieanlagen ohne Nutzungsperspektive stehen diesen Zielen häufig entgegen und werden deshalb zurückgebaut.
Ein weiterer Verlust für das industrielle Erbe Ostdeutschlands
Mit dem Verschwinden der Haidemühler Schornsteine verliert die Lausitz erneut ein Stück ihrer Industriegeschichte. Bereits seit den 1990er Jahren sind zahlreiche Fördertürme, Kraftwerksanlagen, Fabrikgebäude und Kesselhäuser aus dem Landschaftsbild verschwunden. Für viele ehemalige Bewohner endet damit endgültig die sichtbare Verbindung zu ihrer alten Heimat. Was bleibt, sind Erinnerungen, Fotos und die Geschichte eines Dorfes, das einst dem Braunkohlebergbau weichen musste und dessen letzte Wahrzeichen nun ebenfalls verschwunden sind.
