Wachau. Ein verlassenes Industriegebäude verschwindet – und das zu einem bemerkenswert hohen Preis: Die Niedermühle im Seifersdorfer Tal bei Wachau soll endgültig abgerissen werden. Nach einem Bericht der Sächsischen Zeitung sind dafür rund 840.000 Euro vorgesehen. Was zunächst wie eine kostspielige Beseitigung einer verfallenen Immobilie wirkt, hat einen größeren planerischen Hintergrund: Der Rückbau ist als ökologische Ausgleichsmaßnahme für den Ausbau der Dresdner Stadtbahn vorgesehen. Damit endet die Geschichte eines ehemaligen Mühlen- und Papierfabrikstandorts, der über Jahrzehnte dem Verfall preisgegeben war.
Einsturzgefährdete Gebäude direkt an der Großen Röder
Die Niedermühle befindet sich im Seifersdorfer Tal, im Gemeindegebiet von Wachau im Landkreis Bautzen. Der Gebäudekomplex liegt unmittelbar am Ostufer der Großen Röder und innerhalb des FFH-Schutzgebiets „Rödertal oberhalb Medingen“. Die frühere Papierfabrik ist seit Jahrzehnten dem Verfall ausgesetzt. Der bauliche Zustand ist inzwischen so schlecht, dass die Gebäude als einsturzgefährdet gelten. Die Planungsunterlagen sehen deshalb einen vollständigen Rückbau vor. Nicht nur die oberirdischen Gebäudeteile sollen verschwinden: Auch Fundamente, technische Versorgungsleitungen und Betonelemente werden beseitigt. Die betroffene Fläche einschließlich des Vorplatzes umfasst insgesamt rund 857 Quadratmeter. Damit wird der Standort weitgehend von seinen baulichen Überresten befreit.
Abriss als Ausgleich für die Dresdner Campuslinie
Der Hintergrund liegt mehrere Kilometer entfernt in Dresden. Dort wird im Rahmen des Projekts „Stadtbahn 2020“ der Abschnitt zwischen Nossener Brücke und Nürnberger Straße ausgebaut. Die neue Straßenbahnverbindung ist Teil der sogenannten Campuslinie. Für die damit verbundenen Eingriffe in Natur und Landschaft muss ein ökologischer Ausgleich geschaffen werden. Die Niedermühle wurde dafür als externe Ersatzmaßnahme ausgewählt. Durch den Abriss und die anschließende Entsiegelung soll die Fläche wieder stärker natürlichen Entwicklungsprozessen überlassen werden. Nach den Planungsunterlagen ist vorgesehen, dort einen Auwald-Biotopkomplex zu initiieren. Die Maßnahme dient somit nicht einer neuen Bebauung oder wirtschaftlichen Nutzung, sondern der ökologischen Aufwertung des Standorts.
Auwald statt Industriebrache
Die geplante Renaturierung ist eng auf den Bereich der abzubrechenden Gebäude begrenzt. Die vorhandenen Wege, Hofflächen und die Ufermauer sollen ebenso erhalten bleiben wie der angrenzende Flusslauf. Auch der in diesem Bereich verfüllte Mühlgraben ist nicht Gegenstand des Rückbaus.
Das Vorhaben liegt in einem ökologisch sensiblen Gebiet. Das FFH-Gebiet „Rödertal oberhalb Medingen“ umfasst wertvolle Lebensräume entlang der Großen Röder. Dazu gehören naturnahe Fließgewässer, Auwaldreste, Feuchtgrünland und strukturreiche Waldbestände. Die Niedermühle liegt zudem im Bereich des Naturschutzgebiets Seifersdorfer Tal. Entsprechend waren die Auswirkungen der geplanten Arbeiten auf die geschützten Lebensräume und Arten zu untersuchen.
Rettungsversuche für die Niedermühle gescheitert
Dass die Gebäude nun endgültig verschwinden sollen, ist auch aus Sicht der Industriekultur ein Verlust. Die Niedermühle dokumentiert eine frühere gewerbliche Nutzung des Seifersdorfer Tals. Mit dem Abbruch gehen die letzten baulichen Zeugnisse dieses Standorts verloren. Nach Angaben der Sächsischen Zeitung sind sämtliche Rettungsversuche gescheitert. Die Entscheidung macht einen grundsätzlichen Konflikt sichtbar: Auf der einen Seite steht der Erhalt historischer Bausubstanz, auf der anderen Seite die ökologische Aufwertung einer Fläche in einem geschützten Landschaftsraum. Der schlechte bauliche Zustand der Mühle und die geplante Renaturierung geben nun den Ausschlag für den vollständigen Rückbau.
840.000 Euro für den Rückbau – eine ungewöhnliche Ausgleichsmaßnahme
Die veranschlagten rund 840.000 Euro verdeutlichen, wie aufwendig die Beseitigung eines solchen Gebäudekomplexes sein kann. Neben dem eigentlichen Abriss müssen auch Fundamente, technische Anlagen und versiegelte Flächen zurückgebaut werden. Hinzu kommen die besonderen Anforderungen, die sich aus der Lage direkt an der Großen Röder und innerhalb eines Schutzgebiets ergeben.
Die Landeshauptstadt Dresden hatte für den 1. Oktober 2026 eine öffentliche Informationsveranstaltung zum geplanten Abbruch angesetzt. Dort sollten insbesondere die vorgesehenen Baustellenflächen und Anfahrtswege erläutert werden. Eingeladen waren betroffene Grundstückseigentümer, Anwohner und interessierte Bürger.
Mit dem geplanten Abriss verschwindet ein weiterer Lost Place aus der Region. An seine Stelle soll ein naturnäherer Lebensraum treten. Für die Niedermühle selbst kommt jede Rettung offenbar zu spät. Die Geschichte des Standorts wird künftig nicht mehr durch seine Gebäude erzählt werden können, sondern allenfalls durch historische Dokumente und Fotografien.
