Die Henrichshütte in Hattingen zählt zu den bedeutendsten Zeugnissen der Industriekultur im Ruhrgebiet. Gegründet 1854, entwickelte sie sich zu einem der traditionsreichsten Hüttenwerke der Region – bekannt vor allem für ihre hochwertigen Edelstahlprodukte. Namensgeber war Graf Henrich zu Stolberg-Wernigerode, dessen Vision der Gründer Carl Roth umsetzte. Trotz mehrerer Eigentümerwechsel – von Henschel & Sohn über Ruhrstahl und Rheinstahl bis hin zu Thyssen – blieb die Henrichshütte über 130 Jahre lang ein Symbol industrieller Stärke.

Die Geschichte der Henrichshütte ist eng verknüpft mit der Entwicklung des Ruhrgebiets zum industriellen Zentrum Deutschlands. Durch die Nutzung der damals revolutionären koksbefeuerten Hochofentechnologie etablierte sich das Werk schnell als Vorreiter in der Roheisenproduktion. Schon 1856 galt der erste Hochofen mit seiner Tagesleistung von 25 Tonnen Roheisen als leistungsstärkster im Ruhrgebiet. Im Laufe der Jahrzehnte wurde die Produktion kontinuierlich modernisiert und ausgebaut, um den steigenden Anforderungen, insbesondere während der Rüstungsproduktion im Zweiten Weltkrieg, gerecht zu werden.


Trotz technischer Fortschritte kämpfte die Henrichshütte stets mit begrenztem Raum und schlechter Verkehrsanbindung. Der fehlende Wasserweg für den Transport von Rohstoffen zwang das Werk zur Spezialisierung auf hochwertige Einzelprodukte – vom Dampfkessel über ICE-Radsätze bis hin zu Bauteilen für Raketen und Castorbehälter. Sogar der Druckbehälter des ersten deutschen Kernkraftwerks wurde hier gefertigt. Diese Nische sicherte der Hütte lange Zeit ihre Wettbewerbsfähigkeit.


Der Strukturwandel im Ruhrgebiet und der Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie führten ab den 1980er-Jahren zum schrittweisen Aus der Henrichshütte. 1987 wurde der letzte Hochofen stillgelegt, 1993 folgte die Schließung des Stahlwerks. Trotz enormer Investitionen in die Infrastruktur, wie der Neubau der „Kosterbrücke“ zur besseren Verkehrsanbindung, konnte der Niedergang nicht aufgehalten werden. Die Schließung bedeutete einen tiefen Einschnitt für Hattingen: Arbeitsplätze gingen verloren, Kaufkraft sank, und auch der Einzelhandel litt stark.

Nach dem Ende der Stahlproduktion begann der Wandel vom Industriebetrieb zum Kulturstandort. Heute ist die Henrichshütte ein lebendiges Museum und Teil der Route der Industriekultur. Das Gelände bietet Platz für neue Gewerbeansiedlungen und Veranstaltungen, etwa im ehemaligen Bessemerstahlwerk. Ein Wahrzeichen der Stadt war das 60 Meter hohe Blasstahlwerk, das 2005 spektakulär gesprengt wurde, da seine Erhaltung als Industriedenkmal finanziell nicht realisierbar war.

Die Umwandlung der Henrichshütte steht exemplarisch für den tiefgreifenden Wandel im Ruhrgebiet: Vom Schwerindustriestandort hin zu einem modernen Kultur- und Wirtschaftsraum. Die Henrichshütte bleibt dabei nicht nur ein Mahnmal der Industriegeschichte, sondern auch ein Ort, an dem Industriekultur lebendig erlebt und vermittelt wird. Das Engagement ehemaliger Mitarbeiter, künstlerische Installationen und die Integration in touristische Routen zeigen, wie Industriegeschichte in der Region nachhaltig bewahrt und neu interpretiert werden kann.
Die Henrichshütte steht somit symbolisch für den Strukturwandel des Ruhrgebiets – ein lebendiges Denkmal, das Vergangenheit und Zukunft verbindet.
Infos für Besucher
Henrichshütte Hattingen
Werksstraße 31-33, 45527 Hattingen
Koordinaten: 51°24’27.8″N 7°11’18.6″E
henrichshuette.lwl.org/de/
