Weserwerft Minden

Am Alten Weserhafen in Minden erinnert heute nur noch wenig an die Zeit, als hier Schiffe gebaut und repariert wurden. Die ehemalige Weserwerft war über Jahrzehnte ein bedeutender Schiffbaubetrieb der Stadt. Rund 200 Schiffe entstanden auf dem Werftgelände, darunter Binnenschiffe, Leichter, Fähren und zahlreiche Spezialfahrzeuge. Nach der Insolvenz im Jahr 2004 wurde aus dem Produktionsstandort eine weitläufige Industriebrache. Heute gehört das Gelände der Stadt Minden und soll grundlegend neu entwickelt werden.

Gründung am Alten Weserhafen

Die Geschichte der Weserwerft begann 1918. Unter dem Namen Schiff- und Maschinenbau Gesellschaft mit beschränkter Haftung zu Minden wurde das Unternehmen am Alten Weserhafen gegründet. Zu den Hauptgesellschaftern gehörten die Bremer und die Mindener Schleppschifffahrtsgesellschaft sowie die Stadt Minden. Der Standort am Wasser bot ideale Voraussetzungen für Schiffbau und Reparatur.

Die Werft entwickelte sich zu einem vielseitigen Betrieb. Gebaut wurden unter anderem Kähne, Motorgüterschiffe, Heckraddampfer und Leichter. Hinzu kamen Spezialfahrzeuge wie Pumpenprähme, Eimerkettenbagger, Schwimmgreifer, Grundsaugbagger, RoRo-Pontons, Seeschlepper, Fähren und Fischkutterrümpfe. Insgesamt sollen rund 200 Schiffe die Werft verlassen haben.

Patent für ein besonderes Ruder

Eine eigene technische Entwicklung machte die Weserwerft ebenfalls bekannt. Das Unternehmen besaß ein Patent auf das sogenannte Universal-Schilling-Ruder. Die Konstruktion galt als einfach und robust und sollte gute Steuereigenschaften ermöglichen. Damit war die Mindener Werft nicht lediglich ein Reparaturbetrieb, sondern auch an technischen Entwicklungen im Schiffbau beteiligt.

Vom Neubau zur Reparaturwerft

Mit dem Strukturwandel im Schiffbau veränderte sich auch die Ausrichtung des Unternehmens. Zuletzt konzentrierte sich der Betrieb vor allem auf Reparaturen und Umbauten sowie die Fertigung von Ruderanlagen, Düsen, Sektionen und Schiffsrümpfen. Ein Beispiel für diese späte Phase war die aufwendige Restaurierung des Raddampfers „Wappen von Minden“ zwischen 1999 und 2001.

Doch die Auftragslage verschlechterte sich zunehmend. Der klassische Schiffbau an kleineren Binnenwerften geriet wirtschaftlich unter Druck. Für die Weserwerft gab es schließlich keine tragfähige Perspektive mehr.

2004 kommt das Aus

Am 29. Februar 2004 wurde die Weserwerft wegen schlechter Auftragslage geschlossen und ein Insolvenzverfahren eröffnet. Damit endete eine Industriegeschichte, die Minden über 85 Jahre begleitet hatte. Nach der Versteigerung der letzten verwertbaren Gegenstände im November 2004 begann der eigentliche Verfall des Areals.

Die großen Hallen blieben stehen. Pflanzen eroberten das Gelände zurück, Graffiti prägten die Wände und die verlassenen Gebäude wurden zunehmend zu einem bekannten Lost Place. Fotografen und Künstler nutzten die Kulisse, während gleichzeitig immer wieder über eine neue Nutzung des Areals diskutiert wurde.

Die Stadt übernimmt das Gelände

2007 kaufte die Stadt Minden das rund 33.600 Quadratmeter große Werftgelände, um langfristig eine städtebauliche Entwicklung zu ermöglichen. Das Areal ist Teil der Planungen für das rechte Weserufer. Wegen seiner Lage direkt an der Weser gilt es als besonders interessant für eine spätere Wohn- und Freiraumentwicklung.

Der Weg zur neuen Nutzung ist allerdings kompliziert. Die Fläche ist durch die jahrzehntelange industrielle Nutzung potenziell mit Altlasten belastet. Hinzu kommen Hochwasserschutz, Denkmalschutz und weitere städtebauliche Vorgaben. Die Stadt hat deshalb historische Untersuchungen und Altlastenerkundungen durchführen lassen.

Abriss für die neue Weser

Die Tage der meisten alten Werftgebäude sind inzwischen gezählt. Im Rahmen der geplanten Entwicklung sollen baufällige Industriegebäude abgebrochen werden. Gleichzeitig gibt es ein bemerkenswertes Beispiel für den Erhalt historischer Substanz: Das denkmalgeschützte Dach einer großen Halle, das ursprünglich zu einem Flugzeughangar in Minden-Minderheide gehörte, soll abgetragen und an einem anderen Standort wieder aufgebaut werden. Die Stadt bezeichnet dieses Verfahren als Translozierung.

Damit verschwindet die Weserwerft nicht einfach vollständig. Einzelne Zeugnisse ihrer Geschichte sollen erhalten bleiben, während das ehemalige Werftgelände eine völlig neue Funktion erhält.

Wohnen statt Schiffbau

Nach den aktuellen städtebaulichen Vorstellungen soll auf dem Areal künftig Wohnraum am Wasser entstehen. Die Stadt sieht in der Alten Weserwerft wegen der Lage am Fluss und des Blicks auf die Mindener Altstadt ein erhebliches Entwicklungspotenzial. Gleichzeitig müssen die besonderen Bedingungen eines hochwassergefährdeten Standorts berücksichtigt werden.

Damit steht das Gelände vor dem wohl größten Wandel seiner Geschichte. Wo einst Schiffe gebaut, repariert und umgebaut wurden, könnten künftig Wohnungen, Freiflächen und neue Wege entstehen.

Die Weserwerft Minden ist damit ein weiteres Beispiel für den tiefgreifenden Strukturwandel ehemaliger Hafen- und Industriestandorte. Aus einem Ort der Arbeit und Produktion wurde eine Lost-Place-Kulisse, aus der Industriebrache soll nun ein neues Quartier entstehen. Die großen Hallen und Kräne werden verschwinden – doch die Geschichte des Schiffbaus am Alten Weserhafen bleibt in einzelnen baulichen Relikten und in der Erinnerung an rund 200 hier entstandene Schiffe erhalten.

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