VEB Saatgut Hainichen

Über Jahrzehnte gehörte der VEB Saat- und Pflanzgut Hainichen zur landwirtschaftlichen Infrastruktur der sächsischen Kleinstadt. Besonders prägend war der große Saatgutspeicher am Bahnhof, der über Jahre das Stadtbild mitbestimmte. Heute ist von diesem markanten Bauwerk nichts mehr zu sehen. Die Aufgabe des Betriebes lag in der Aufbereitung, Lagerung und Bereitstellung von Saatgut. Damit erfüllte der VEB eine wichtige Funktion innerhalb der staatlich organisierten Landwirtschaft der DDR.

Die Saat- und Pflanzgutbetriebe waren für die Versorgung der Landwirtschaft und des Gartenbaus mit qualitativ geeignetem Saat- und Pflanzgut verantwortlich. Dazu gehörten auch Qualitätsprüfung, Aufbereitung und die Organisation von Reserven.

Der große Speicher am Bahnhof

Besonders bekannt war der Hainichener Saatgutspeicher an der Bahnlinie. Der imposante Speicher wurde 1960 fertiggestellt und diente der Lagerung und Bereitstellung des Saatguts für die Frühjahrsaussaat. Schon wenige Jahre später erwies sich das Gebäude angesichts steigender landwirtschaftlicher Erträge und moderner Erntetechnik als zu klein. Deshalb wurde ab 1964 ein neuer Silospeicher errichtet. Der Standort am Bahnhof war dabei strategisch günstig: Das Saatgut konnte auf dem Schienenweg angeliefert und weitertransportiert werden.

Eingebunden in das DDR-Saatgutwesen

Der Hainichener Betrieb war Teil eines landesweiten Systems von volkseigenen Saat- und Pflanzgutbetrieben. Nach der Neuordnung des Wirtschaftszweiges 1972 bestanden unter anderem VEB Saat- und Pflanzgut in Dresden, Leipzig, Karl-Marx-Stadt, Erfurt, Gera, Halle und weiteren Bezirksstädten. Sie unterstanden der WB Saat- und Pflanzgut in Quedlinburg. Damit war Hainichen in eine zentral gesteuerte Struktur eingebunden, die von der Saatgutproduktion bis zur Versorgung der landwirtschaftlichen Betriebe reichte.

Ein Betrieb mit regionaler Bedeutung

Der VEB war nicht nur irgendein Produktionsstandort. Er gehörte zu den Betrieben, die Hainichen während der DDR-Zeit wirtschaftlich prägten. Noch Jahrzehnte später erinnern sich ehemalige Beschäftigte an das Unternehmen. Zwischen 1980 und 1996 arbeitete beispielsweise ein späterer stellvertretender Betriebsleiter im VEB Saat- und Pflanzgut Hainichen. Unter seiner Verantwortung entstanden am Standort an der B 169 mehrere große Lagerhallen, die teilweise bis heute genutzt werden.

Nach 1990 kommt der Umbruch

Mit dem Ende der DDR veränderten sich auch die Strukturen der Saatgutwirtschaft grundlegend. Der volkseigene Betrieb wurde privatisiert und später unter anderem mit BayWa in Verbindung gebracht. Der alte Hainichener Saatgutstandort verlor jedoch zunehmend seine frühere Bedeutung. Der markante Speicher am Bahnhof blieb nach der Aufgabe lange Zeit ungenutzt. Wie bei vielen ostdeutschen Industriebauten führten Leerstand und ungeklärte Eigentumsverhältnisse dazu, dass sich die Zukunft des Gebäudes über Jahre hinzog.

2018 verschwindet das Wahrzeichen

Schließlich kam das Ende: 2018 wurde der alte Saatgutspeicher abgerissen. Nach jahrelangen Diskussionen fiel damit ein weithin sichtbares Zeugnis der Hainichener Landwirtschafts- und Industriegeschichte. Die Abrisskosten beliefen sich laut einer lokalen Dokumentation auf knapp 700.000 Euro.

Ein verschwundenes Stück DDR-Industriegeschichte

Der VEB Saat- und Pflanzgut Hainichen steht beispielhaft für jene Betriebe, die abseits der großen Kombinate die alltägliche Versorgung der DDR sicherstellten. Saatgut war eine unscheinbare, aber unverzichtbare Grundlage der Landwirtschaft. Mit dem Abriss des Speichers verschwand 2018 auch ein markanter Erinnerungsort. Geblieben sind Fotografien, Erinnerungen ehemaliger Beschäftigter und die Geschichte eines Betriebes, der einst dafür sorgte, dass das Saatgut für die nächste Ernte rechtzeitig bereitstand.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert