Kalkwerk Hammerunterwiesenthal

Im Erzgebirge gibt es Orte, an denen sich Industriegeschichte und Landschaft besonders eindrucksvoll überlagern. Das Kalkwerk Hammerunterwiesenthal bei Oberwiesenthal gehört dazu. Über mehr als zwei Jahrhunderte wurde hier Kalkstein und Marmor gewonnen, verarbeitet und für Bau- und Industriezwecke genutzt. Heute stehen zwischen den alten Brüchen und Halden noch Relikte des einstigen Werkes – während sich die Natur längst Teile des Areals zurückgeholt hat.

Kalk aus dem Berg

Die Geschichte des Kalkabbaus reicht in Hammerunterwiesenthal weit zurück. Bereits 1741 wird in einer Akte des Bergamtes Oberwiesenthal ein Kalkofen erwähnt. Im 19. Jahrhundert nahm die industrielle Nutzung deutlich Fahrt auf. 1867 ist die Herstellung von Bau- und Düngekalk dokumentiert, 1869 wurde am sogenannten Bruch I ein rund 170 Meter langer Förderstollen aufgefahren. 1874 begann die Marmorförderung mit einer Grubenbahn.

Die Lagerstätte bestand aus mehreren Bereichen, darunter das Päßlers Lager, Schreiters Lager, Böhmes Lager und Schlösselweg-Lager. Damit handelte es sich keineswegs um einen kleinen Steinbruch am Ortsrand, sondern um ein über Jahrzehnte gewachsenes Bergbaugebiet mit Tagebauen, Stollen, Sohlen und umfangreicher Fördertechnik.

Vom Tagebau unter die Erde

Um 1900 waren bereits sechs Kalköfen in Betrieb. Mit zunehmender Tiefe verlagerte sich die Gewinnung immer stärker unter Tage. Ab 1925 wurde der Stollenabbau intensiviert, 1930 endete der Tagebau im Bruch I. In den 1930er-Jahren arbeiteten rund 30 Bergleute und Aufbereiter im Werk und förderten jährlich etwa 30.000 Tonnen Marmor. Auch technisch wurde aufgerüstet. Druckluftbohrhämmer kamen zum Einsatz, später Benzollokomotiven und elektrische Fördermaschinen. Neue Stollen verbanden die einzelnen Brüche miteinander und erschlossen immer tiefere Bereiche der Lagerstätte.

Ein Bergwerk im Schatten des Krieges

1938 übernahm der sächsische Staat den bis dahin privaten Böhmeschen Bruch und gliederte ihn dem staatlichen Werk an. Zwischen 1939 und 1941 entstand ein rund 600 Meter langer Verbindungsstollen zwischen den wichtigsten Bereichen. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Bergwerk zudem in Planungen für unterirdische Rüstungsproduktion einbezogen. Damit bekam der eigentlich auf Kalk und Marmor ausgerichtete Betrieb eine weitere, deutlich düsterere Facette. Der Erzgebirgsbergbau wurde – wie zahlreiche andere unterirdische Anlagen der Region – Teil der deutschen Kriegswirtschaft.

Weiterbetrieb in der DDR

Nach 1945 wurde der Bergbau fortgesetzt. Ab 1954 gehörte das Werk als Betriebsteil zum VEB Erzgebirgische Kalkwerke Oberscheibe. Der Abbau wanderte immer weiter in die Tiefe. 1957 wurde der Tagebau im Böhmeschen Bruch beendet, anschließend konzentrierte man sich zunehmend auf die unterirdische Gewinnung. Doch die Lagerstätte bereitete zunehmend technische Probleme. 1984 kam es zu einem Bruch zwischen zwei Sohlen, 1986 folgte ein größerer Verbruch an der Südwestböschung des Bruchs II. 1998 ereignete sich schließlich ein Durchbruch zwischen der dritten und vierten Sohle; 2000 kam es erneut zu einem Tagesbruch.

Anfang der 1990er ist Schluss

1991 wurden noch einmal Abbauversuche im Schreiterschen Lager unternommen. Die Qualität des gewonnenen Materials reichte jedoch nicht aus. 1993 wurde der Tiefbau endgültig eingestellt. Damit endete eine Bergbaugeschichte, die sich über rund 250 Jahre erstreckte. Seit 1992 wird die Lagerstätte als Reservelagerstätte der GEOMIN Erzgebirgische Kalkwerke GmbH geführt. Gleichzeitig wurden unter Tage Sicherungs- und Verwahrungsarbeiten notwendig. Ein einfacher Rückzug aus dem Berg war also nicht möglich – die Hinterlassenschaften des Bergbaus mussten langfristig gesichert werden.

Denkmal, Natur und eine Industrie, die verschwindet

Das ehemalige Kalkwerk ist heute eine denkmalgeschützte Sachgesamtheit. Zum Kulturdenkmal gehören unter anderem das Kalkwerk mit seinen Brennöfen, ein Beamtenwohnhaus, Halden sowie die ehemaligen Brüche mit Teich und Stollen. Das Landesamt für Denkmalpflege bewertet die Anlage als von bergbau-, orts- und technikgeschichtlicher Bedeutung. Gleichzeitig hat sich die Natur ihren Raum zurückgeholt. Teile der ehemaligen Abbauflächen sind heute als FFH-Gebiet „Kalkbruch Hammerunterwiesenthal“ geschützt. Das rund 21 Hektar große Schutzgebiet umfasst unter anderem mehrere Tagebaurestlöcher und Kalkbrüche. Damit hat sich die Bedeutung des Ortes vollständig verändert. Wo einst gesprengt, gebohrt, gefördert und gebrannt wurde, finden sich heute geschützte Lebensräume und stille Bergbaurelikte.

Ein Lost Place mit schwerem Erbe

Das Kalkwerk Hammerunterwiesenthal ist kein gewöhnlicher Lost Place. Hier verfällt nicht einfach eine alte Fabrik – hier endet ein Stück jahrhundertealter Erzgebirgs-Bergbaugeschichte. Die alten Öfen und Gebäude erzählen von Arbeit und technischem Fortschritt, die Brüche und Stollen aber ebenso von den Risiken eines Bergbaus, der immer tiefer in den Berg vordrang. Und während die alten Anlagen langsam verschwinden, bleibt der eigentliche Rohstoff im Berg: Die Lagerstätte besitzt weiterhin Restvorräte. Die Zukunft des Kalkwerks besteht deshalb paradoxerweise nicht unbedingt im weiteren Abbau, sondern zunehmend in der Bewahrung dessen, was vom alten Bergbau übrig geblieben ist.

Der Berg ist noch da. Die Industrie ist gegangen. Zurück blieb ein steinernes Gedächtnis des Erzgebirges.

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