Rund zwei Kilometer südwestlich des Stadthäger Zentrums liegt ein Ort, an dem sich Aufstieg und Niedergang des Schaumburger Steinkohlebergbaus besonders eindrucksvoll ablesen lassen: der ehemalige Georgschacht. Zwischen 1902 und 1960 wurde hier Steinkohle gefördert. Die Anlage entwickelte sich zu einem industriellen Zentrum mit Schachtanlagen, Kokerei, Kraftwerk, Werkstätten, Waschkaue, Verwaltung und einer umfangreichen Infrastruktur.
Heute ist vom einstigen Bergwerkskomplex nur noch ein Bruchteil erhalten. Zahlreiche markante Bauwerke sind verschwunden. Andere historische Gebäude stehen weiterhin auf dem Gelände, während sich das Areal längst zu einem modernen Gewerbe- und Recyclingstandort gewandelt hat. Der Georgschacht ist damit zugleich ein bedeutendes Zeugnis der Industriekultur und ein Beispiel dafür, wie schnell industrielle Denkmale aus dem Stadtbild verschwinden können.

Der Zentralschacht des Schaumburger Reviers
Die Geschichte des Georgschachts begann Ende des 19. Jahrhunderts. Die Kohleförderung im Schaumburger Revier sollte neu geordnet und auf leistungsfähigere Anlagen konzentriert werden. Zwischen 1899 und 1902 wurde deshalb südwestlich von Stadthagen der fünf Meter durchmessende Schacht I bis auf eine Teufe von 251 Metern abgeteuft. Am 8. Dezember 1902 wurde die Anlage feierlich eingeweiht. Ihren Namen erhielt die Zeche nach Fürst Georg zu Schaumburg-Lippe. Der Anschluss an die Rinteln-Stadthagener Eisenbahn sorgte zugleich für eine leistungsfähige Verbindung zum regionalen Verkehrsnetz.
Der Georgschacht wurde zum zentralen Standort des Bergbaus im östlichen Schaumburger Revier. Nach 1910 wurde die Untertageförderung unter anderem durch Drucklufthämmer und Schüttelrutschen modernisiert. 1925 begann die Teufung eines zweiten Schachtes, der schließlich eine Tiefe von 353 Metern erreichte.

Kohle, Koks und Strom
Der Georgschacht war allerdings weit mehr als ein reiner Förderstandort. Auf dem Gelände wurde schon früh mit der Stromerzeugung aus Kohle experimentiert. Um 1902 arbeiteten dort zwei Dampfkolbenmotoren mit jeweils 500 PS. Die erzeugte Energie diente zunächst dem Eigenbedarf, wurde aber zunehmend auch an externe Abnehmer geliefert. 1905 entstand eine rund sieben Kilometer lange Freileitung nach Obernkirchen. Das Kraftwerk entwickelte sich zu einem wichtigen Bestandteil der regionalen Energieversorgung. 1914 konnte das Kraftwerk rechnerisch rund 80 Prozent der damaligen Grafschaft Schaumburg versorgen. Nach weiteren Modernisierungen und dem Netzverbund wurden am Standort schließlich Turbogeneratoren mit einer Maschinenleistung von insgesamt zehn Megawatt betrieben.
Auch die Kokerei entwickelte sich zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Bereits Ende 1902 nahm die Kohlenwäsche mit angeschlossener Kokerei den Betrieb auf. Die ursprünglichen Anlagen wurden 1926 durch eine modernere Kokerei ersetzt. Neben Koks entstanden unter anderem Steinkohlenteer, Benzol und Ammoniumsulfat. Ab 1930 wurde das bei der Verkokung entstehende Gas über Fernleitungen unter anderem nach Stadthagen, Obernkirchen und Bückeburg geliefert. Der Georgschacht war damit nicht nur Bergwerk, sondern ein weitgehend eigenständiger industrieller Produktions- und Energiestandort.

Die „Kohlenkirche“ als Wahrzeichen
Zu den markantesten Gebäuden gehörte das zwischen 1905 und 1908 errichtete Zechenhaus. Es vereinte die Verwaltung mit der Waschkaue und war für einen reinen Zweckbau ungewöhnlich aufwendig gestaltet. Jugendstil- und neobarocke Elemente verliehen dem Gebäude eine repräsentative Wirkung. Im Volksmund erhielt das Zechenhaus deshalb den Namen „Kohlenkirche“. Der Begriff war durchaus passend: Die hohe Waschkaue mit ihren Stahlkonstruktionen, den Kleidungszügen und der monumentalen Architektur erinnerte in ihrer Wirkung eher an einen Sakralbau als an eine industrielle Umkleidehalle.
Das Gebäude dokumentierte zugleich die soziale Organisation des Bergwerks. Während die Mannschaften die Gemeinschaftsduschen nutzten, verfügten die Steiger über eigene Badewannenkabinen. Im Keller befanden sich Räume der Grubenwehr sowie eine Kompressoranlage für Atemluftflaschen. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz bezeichnete die „Kohlenkirche“ später als ungewöhnliches und besonders prächtiges Zechenhaus. Das Gebäude stand seit 1983 unter Denkmalschutz.
Das Ende der Kohle
Mit dem Strukturwandel der Nachkriegszeit verlor der Georgschacht seine wirtschaftliche Grundlage. Am 28. März 1960 beschloss der Aufsichtsrat der Preussag die Stilllegung des Georgschachts und weiterer Bergwerke im Schaumburger Land. Ende 1960 war die Kohleförderung Geschichte. Damit begann ein schleichender Wandel des gesamten Areals. Teile der ehemaligen Bergwerksfläche wurden gewerblich genutzt. Metallbauunternehmen siedelten sich an, später folgten unter anderem Schrott- und Recyclingbetriebe. Was wirtschaftlich zunächst wie eine sinnvolle Nachnutzung aussah, erwies sich aus Sicht der Industriekultur zunehmend als Problem. Die historischen Gebäude blieben vielfach ohne tragfähiges Nutzungskonzept. Sanierungsüberlegungen scheiterten wiederholt an den Kosten.
Ein Industriedenkmal nach dem anderen verschwindet
Der Verlust setzte sich über Jahrzehnte fort. Fördertürme, Förderbrücken, Verladeanlagen, Schornsteine und die Kokerei verschwanden. Das Kohlensilo wurde 2006 gesprengt. Die Benzolfabrik, die einst aus Kokereigas Benzol für Treibstoffe und chemische Produkte gewann, wurde 2022 abgerissen. Besonders bitter war der Verlust des Wasserturms. Der 1901 errichtete, rund 34 Meter hohe Turm gehörte zu den ältesten Bauwerken des Georgschachts. Sein baulicher Zustand hatte sich jedoch so weit verschlechtert, dass eine Sanierung aus Sicht der damaligen Verantwortlichen wirtschaftlich nicht mehr darstellbar war. Im Januar 2018 wurde der Wasserturm schließlich abgerissen. Auch die Werkstatthallen überlebten den Niedergang nicht. 2019 brannten große Teile der historischen Werkstattgebäude aus. In der Folge wurden die beschädigten Hallen größtenteils beseitigt.

2023 fiel auch die „Kohlenkirche“
Der wohl schwerste Verlust für die Industriekultur des Georgschachts kam Ende 2023 und Anfang 2024. Trotz jahrelanger Diskussionen, politischer Initiativen und Vorschlägen für einen zumindest teilweisen Erhalt wurde das Zechenhaus abgerissen. Der Eigentümer PreZero verwies auf die marode Bausubstanz und die wirtschaftlich nicht darstellbare grundlegende Sanierung. Versuche, wenigstens Teile des Gebäudes beziehungsweise den markanten Turm zu erhalten, blieben erfolglos. Beim Abriss musste schließlich ein Bagger nachhelfen, nachdem ein erster Sprengversuch nicht wie geplant funktioniert hatte.
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz nahm die „Kohlenkirche“ in ihr Schwarzbuch der Denkmalpflege auf. Dort wird der Georgschacht als Beispiel für den schleichenden Verlust eines bedeutenden Industrieensembles beschrieben. Damit verlor der Georgschacht ausgerechnet jenes Gebäude, das sein historisches Erscheinungsbild am stärksten geprägt hatte.

Was heute noch vom Georgschacht übrig ist
Vom ursprünglichen Bergwerksensemble ist 2026 nur noch ein deutlich reduzierter Bestand vorhanden. Zu den erhaltenen historischen Gebäuden gehört insbesondere das alte Umspannwerk. Das 1918 in Betrieb genommene Bauwerk zählt zu den letzten erhaltenen Gebäuden des Georgschachts und steht als Industriedenkmal unter Schutz. Heute hat das Gebäude eine bemerkenswerte neue Funktion: Der Modelleisenbahnclub Stadthagen nutzt die ehemalige Umspannhalle. Dort wird unter anderem die Industriegeschichte Stadthagens und die frühere Rinteln-Stadthagener Eisenbahn im Modell dargestellt. Beim Tag des offenen Denkmals 2026 war das Gebäude öffentlich zugänglich.
Auch die historische Bergbausiedlung am Georgschacht hat Spuren der Vergangenheit bewahrt. Mehrere ehemalige Beamten- und Bergarbeiterhäuser gehören weiterhin zu einer denkmalgeschützten Gruppe baulicher Anlagen. Das bedeutet allerdings nicht, dass der historische Charakter des gesamten Geländes gesichert wäre. Der überwiegende Teil der ursprünglichen Industriearchitektur ist verloren. Der Georgschacht ist heute vor allem ein Nebeneinander von erhaltenen Einzelbauten, moderner gewerblicher Nutzung und den Resten einer inzwischen verschwundenen Bergwerkslandschaft.
Neue Pläne für das Georgschacht-Areal
Gleichzeitig steht das Gelände erneut vor einem Wandel. Die Stadt Stadthagen verfolgt inzwischen konkrete städtebauliche Planungen südlich der Georgschacht-Halde. Ein 2026 veröffentlichtes Bauleitplanverfahren sieht die Verlagerung einer Bauschuttrecyclinganlage sowie von Lagerflächen vom Bereich der Halde auf eine rund 4,8 Hektar große Fläche südlich davon vor. Hintergrund ist unter anderem die spätere vollständige Verkippung und Rekultivierung der Halde. Das Verfahren soll außerdem eine langfristige Neuordnung der Flächen ermöglichen. Die Stadt hat die Öffentlichkeit im Sommer 2026 frühzeitig an der Planung beteiligt. Die Halde selbst ist damit ebenfalls Teil eines neuen Kapitels. Aus dem ehemaligen Abraumkörper des Bergwerks soll langfristig ein anders genutzter Bestandteil des Stadtraums werden. In verschiedenen Konzepten wird dabei auch eine Nutzung für erneuerbare Energien diskutiert.

Zwischen Industriekultur und Flächenentwicklung
Der Georgschacht zeigt damit ein bekanntes Dilemma der Denkmalpflege besonders deutlich: Geschichte lässt sich nicht allein dadurch bewahren, dass Gebäude unter Schutz gestellt werden. Ohne Eigentümer, Nutzung, Finanzierung und ein tragfähiges Konzept bleibt Denkmalschutz vielfach machtlos gegenüber jahrzehntelangem Leerstand und Verfall. Am Georgschacht lässt sich dieser Prozess exemplarisch nachvollziehen. Erst verschwanden die großen technischen Anlagen, dann der Wasserturm, später die Werkstätten und schließlich mit der „Kohlenkirche“ eines der bedeutendsten Gebäude des gesamten Ensembles.
Übrig geblieben sind einzelne Gebäude und Spuren. Das alte Umspannwerk wird genutzt, die Bergarbeitersiedlung erinnert weiterhin an die Menschen hinter der Industriegeschichte. Doch das einstige Gesamtbild des Georgschachts ist unwiederbringlich verloren. Der Georgschacht ist deshalb heute weniger ein geschlossen erhaltenes Industriedenkmal als ein fragmentiertes Geschichtsbuch. Einige Seiten sind noch lesbar. Viele andere wurden längst herausgerissen.
