Der Bahnhof Windelsbleiche im Bielefelder Stadtbezirk Senne ist ein Beispiel dafür, wie eng die Entwicklung der Eisenbahn mit der Industriegeschichte Westfalens verbunden war. Anders als viele Stationen, die vor allem für den Personenverkehr errichtet wurden, verdankte dieser Haltepunkt seine Entstehung maßgeblich dem Güteraufkommen eines örtlichen Unternehmens. Die Textilfirma Windel benötigte einen leistungsfähigen Anschluss an das Eisenbahnnetz, um Waren und Rohstoffe transportieren zu können. Aus diesem wirtschaftlichen Bedarf entstand Anfang des 20. Jahrhunderts eine Station, deren Name sich später auf die umliegende Siedlung übertrug.
Die Senne bekommt Anschluss an die Eisenbahn
Mit dem Ausbau der Bahnstrecke zwischen Bielefeld und Paderborn wurde die Senne Anfang des 20. Jahrhunderts verkehrstechnisch erschlossen. Die nördliche Teilstrecke bis Schloß Holte ging im Dezember 1901 in Betrieb, die Verbindung nach Paderborn folgte am 1. Juli 1902. Bereits 1901 war der Bahnverkehr in Senne I angekommen. In der Nähe der sogenannten Windelschen Bleichen entstand wegen des hohen Güteraufkommens der Firma Windel ein Bahnhof.

Dass die Station nicht den Namen der damaligen Gemeinde Senne I erhielt, war kein Zufall. Die örtliche Textilfirma setzte sich dafür ein, dass der Bahnhof Windelsbleiche genannt wurde. Damit wurde der Name des Unternehmensumfelds zum offiziellen Stationsnamen. In der Folge übernahm auch die sich entwickelnde Wohnbebauung diese Bezeichnung. Der Bahnhof prägte somit nicht nur den Verkehr, sondern indirekt auch die geografische Identität des Ortsteils.
Von der Bleiche zum bedeutenden Textilstandort
Die Industriegeschichte Windelsbleiches reicht deutlich weiter zurück als die Eisenbahn. Bereits 1832 legte Heinrich Christoph Scherpel in der Nähe seines Hofes Bleichen an, deren Wassergräben vom Reiherbach gespeist wurden. 1851 übernahm der Bielefelder Leinenkaufmann August Wilhelm Kisker den Betrieb. 1872 gingen die Bleichen an Hermann Windel über. Unter ihm und seinem Sohn Gustav entwickelte sich das Unternehmen zu einem bekannten Betrieb der Textilveredelungsindustrie.

Die Eisenbahn eröffnete dem Unternehmen neue Möglichkeiten. Der Anschluss erleichterte den Transport von Waren und Rohstoffen und stärkte die Position des Betriebs in einer Region, deren wirtschaftliche Entwicklung lange von der Leinen- und Textilindustrie geprägt war. Der Bahnhof war damit Teil einer Infrastruktur, die industrielle Produktion und überregionalen Warenverkehr miteinander verband.
Werkswohnungen und ein wachsender Ortsteil
Mit der wirtschaftlichen Entwicklung veränderte sich auch das Umfeld der Station. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden Werkswohnungen der Firma Windel. Nach dem Ersten Weltkrieg verdichtete sich die Bebauung zusätzlich, unter anderem durch die Ansiedlung des Metallwerks Windelsbleiche. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die Entwicklung fort.
Der Bahnhof wurde zum Bezugspunkt eines Ortsteils, der zuvor aus einzelnen Höfen und verstreuten Siedlungsbereichen bestanden hatte. Seine Bedeutung reichte damit über die reine Verkehrsfunktion hinaus. Die Station stand für den Wandel von einer ländlich geprägten Landschaft zu einem industriell und wohnbaulich geformten Siedlungsraum. Seit 1973 gehört Windelsbleiche als Teil des Stadtbezirks Senne zur Stadt Bielefeld. Der Name, der ursprünglich im Zusammenhang mit der örtlichen Textilindustrie und dem Bahnhof stand, ist bis heute erhalten geblieben.

Die Sennebahn bleibt eine wichtige Verbindung
Während zahlreiche Nebenstrecken in Deutschland stillgelegt wurden, blieb die Bahnverbindung durch Windelsbleiche Teil des regionalen Schienenverkehrs. Der heutige Haltepunkt Bielefeld-Windelsbleiche liegt an der Strecke Bielefeld–Paderborn und bietet eine direkte Verbindung zum Bielefelder Hauptbahnhof. Damit erfüllt er weiterhin eine Funktion, die sich von der ursprünglichen Bedeutung als Güterverkehrsstandort unterscheidet.
Der Bahnhof ist deshalb kein klassischer Lost Place und auch keine vollständig aufgegebene Eisenbahnanlage. Seine Geschichte ist vielmehr ein Beispiel dafür, wie sich die Aufgaben einer Station über die Jahrzehnte verändern können: Aus einem Bahnhof, der wesentlich durch den Güterverkehr eines Industrieunternehmens geprägt war, wurde ein Haltepunkt im regionalen Personennahverkehr.

Ein Stück Industrie- und Verkehrsgeschichte
Die Geschichte des Bahnhofs Windelsbleiche zeigt, wie stark einzelne Unternehmen die Entwicklung ganzer Siedlungen beeinflussen konnten. Ohne die wirtschaftliche Bedeutung der Firma Windel hätte die Station möglicherweise einen anderen Namen erhalten oder wäre in dieser Form gar nicht entstanden. Die Eisenbahn erleichterte den Warentransport, begünstigte die industrielle Entwicklung und wurde zum Namensgeber eines Ortsteils.
Heute ist der Bahnhof Teil des alltäglichen Nahverkehrs. Seine historische Bedeutung erschließt sich erst beim Blick auf die Entwicklung der Textilindustrie, die Entstehung der Werkswohnungen und den Ausbau der Sennebahn. Windelsbleiche ist damit ein anschauliches Beispiel für die enge Verbindung von Industrie, Eisenbahn und Stadtentwicklung in Ostwestfalen.
