Bitte nichts anfassen – es könnte Geschichte sein

Foto: pixabay.com
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Wir müssen dringend über unsere Städte reden. Genauer gesagt über ihre Krankheit. Sie heißt Sanierungswahn.

Keine Sorge: diese Krankheit ist gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Man erkennt sie daran, dass plötzlich überall Gerüste stehen, Fassaden eingerüstet werden, historische Fenster verschwinden und alte Gebäude nach ihrer „Aufwertung“ aussehen, als hätten sie gerade einen Termin beim Schönheitschirurgen hinter sich. Das Ergebnis wird anschließend gerne als „zeitgemäß“ bezeichnet.

Zeitgemäß. Ein herrliches Wort. Es bedeutet ungefähr: Wir haben das Alte so lange bearbeitet, bis es uns nicht mehr daran erinnert, dass es alt ist.

Bloß keine Gebrauchsspuren

Unsere Gebäude sollen heute möglichst viel können. Sie sollen energieeffizient sein, barrierefrei, nachhaltig, wirtschaftlich, flexibel nutzbar und selbstverständlich attraktiv. Und attraktiv bedeutet offenbar zunehmend: glatt. Der Putz darf nicht bröckeln. Das Holz darf nicht verwittert aussehen. Die Fenster müssen dicht sein. Die Fassade soll frisch wirken. Innen bitte Sichtbeton, Stahl, Glas und eine Beleuchtung, bei der man sich fragt, ob man gerade ein historisches Gebäude oder einen Apple Store betreten hat.

Der Charme der Vergangenheit? Natürlich. Aber bitte mit Fußbodenheizung.

Das alte Gebäude wird zum Lifestyle-Produkt

Besonders interessant wird es, wenn ehemalige Industriegebäude „revitalisiert“ werden. Plötzlich ist die alte Fabrik ein „Creative Hub“. Aus der Maschinenhalle wird ein „innovativer Workspace“, aus dem Güterbahnhof wird ein „urbanes Quartier“, aus dem historischen Speicher wird ein „exklusives Wohnensemble“.

Die Begriffe klingen großartig. Und irgendwo zwischen „Loft“, „Coworking“ und „Premium-Apartments“ steht dann noch eine alte Backsteinwand. Als Dekoration. Das ist der Moment, in dem Geschichte endgültig zur Tapete geworden ist. Man lässt gerade noch so viel Vergangenheit stehen, dass sie marketingtechnisch verwertbar bleibt. Nicht zu viel natürlich. Man möchte schließlich keine echte Vergangenheit zumuten.

Und dann kommen die Lost Places. Diese hässlichen, kaputten, verlassenen Orte. Orte, bei denen die Farbe abblättert. Fenster fehlen. Dächer undicht sind. Wände Risse haben. Pflanzen durch Räume wachsen. Eigentlich müsste man sie ablehnen. Tun wir aber nicht. Im Gegenteil. Millionen Menschen schauen sich Fotos und Videos solcher Orte an.

Warum? Weil dort etwas sichtbar ist, das in vielen perfekt sanierten Gebäuden verschwunden ist: Zeit.

Man sieht, dass etwas gelebt wurde, dass Menschen dort waren. Man sieht Veränderung und Alter. Man sieht Geschichte nicht hinter einer perfekt restaurierten Oberfläche – sondern direkt vor sich. Und plötzlich ist der Riss in der Wand kein Makel mehr. Er ist eine Information.

Natürlich ist das nicht immer schön

Und genau hier wird es unbequem. Denn wir müssen aufhören, Denkmalpflege mit Nostalgie zu verwechseln. Nicht jede Ruine ist ein Denkmal, jedes alte Haus muss erhalten werden. Nicht jeder Verfall ist romantisch. Und manchmal ist ein Abriss tatsächlich die richtige Entscheidung. Aber dann bitte nach einer ernsthaften Abwägung.

Nicht nach dem Prinzip: „Das sieht nicht mehr schön aus, also muss es weg.“ Denn Schönheit ist keine historische Kategorie. Und schon gar keine ausreichende Begründung für Abriss. Wir haben einen erstaunlichen Umgang mit Patina

Nehmen wir ein altes Holzbrett. Wenn es tatsächlich hundert Jahre alt ist, verwittert und von Gebrauchsspuren gezeichnet, landet es im schlimmsten Fall auf dem Sperrmüll. Im Möbelhaus kostet anschließend ein künstlich auf alt getrimmtes Brett 89,90 Euro. Wir nennen das dann „Vintage“. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Echte Geschichte werfen wir weg und kaufen künstliche Geschichte nach. Vielleicht ist das die treffendste Beschreibung unseres Verhältnisses zur Vergangenheit.

Und dann kommt die Abrissbirne

Irgendwann ist die Diskussion vorbei. Das Gebäude sei nicht mehr wirtschaftlich. Die Sanierung zu teuer. Eine Nachnutzung nicht darstellbar. Der Neubau wirtschaftlicher. Und selbstverständlich müsse man auch an die Zukunft denken. Das klingt vernünftig. So vernünftig, dass man kaum noch widersprechen kann. Bis man sich fragt, warum die Zukunft eigentlich immer auf den Trümmern der Vergangenheit beginnen muss.

Warum kann ein historisches Gebäude nicht Teil der Zukunft sein? Warum muss Zukunft automatisch Neubau bedeuten? Warum betrachten wir alte Bausubstanz so häufig als Hindernis und nicht als Ressource? Vielleicht, weil sich ein Quadratmeter Neubau einfacher berechnen lässt als ein Stück Geschichte.

Das Problem sitzt nicht immer im Gebäude

Manchmal liegt das eigentliche Problem nämlich nicht im Denkmal. Es liegt in unserer Fantasielosigkeit. Ein altes Gebäude bekommt die Etiketten „schwierig“, „teuer“ und „kompliziert“. Und damit ist die Diskussion praktisch beendet. Dabei wäre genau hier Kreativität gefragt.

Neue Nutzungen, neue Finanzierungsmodelle, Mischkonzepte, Zwischennutzungen, Bürgerinitiativen, Genossenschaften, Private Investoren und öffentliche Förderung. Es gibt Möglichkeiten. Aber Möglichkeiten sind anstrengender als Abriss. Ein Bagger braucht kein Nutzungskonzept. Er braucht nur Diesel.

Die schönste Stadt ist nicht die jüngste

Vielleicht sollten wir deshalb unsere Vorstellung von einer „attraktiven“ Stadt überdenken. Eine attraktive Stadt muss nicht aussehen wie ein frisch eröffnetes Einkaufszentrum. Sie darf Ecken haben. Sie darf Brüche haben. Sie darf hässliche Gebäude besitzen. Sie darf Spuren ihrer industriellen Vergangenheit zeigen. Sie darf sogar Stellen haben, die nicht sofort gefallen.

Denn genau dort beginnt häufig das Interessante. Eine Stadt ohne sichtbare Geschichte ist vielleicht ordentlich. Aber sie ist austauschbar. Und Austauschbarkeit ist vermutlich das Gegenteil von Identität.

Deshalb: Lasst die Gebäude erzählen

Wir bei rottenplaces.de schauen auf Gebäude mit einem anderen Blick. Wir fragen nicht zuerst, ob die Fassade makellos ist. Wir fragen, was hier passiert ist. Wer hier gearbeitet hat. Wer hier gewohnt hat. Was hier produziert wurde. Was hier verloren ging. Warum der Ort verlassen wurde. Und was von all dem morgen noch übrig sein wird. Das ist keine romantische Verklärung des Verfalls. Es ist eine Form von Dokumentation.

Denn irgendwann wird aus dem Gebäude ein Foto. Aus dem Foto ein Archivbild. Aus dem Archivbild eine Erinnerung. Und irgendwann fragt jemand: „Warum hat man das eigentlich abgerissen?“ Dann wird es wieder interessant. Nur leider zu spät.

Vielleicht ist nicht das Alte das Problem

Vielleicht ist unser Verhältnis zum Alten das Problem. Wir wollen Geschichte, aber bitte ohne Staub. Wir wollen Denkmale, aber bitte ohne Kosten. Wir wollen Authentizität, aber bitte ohne Gebrauchsspuren. Wir wollen Vergangenheit, aber bitte so aufbereitet, dass sie nicht unangenehm wird. Und wenn ein Gebäude all diese Anforderungen nicht erfüllt, bekommt es einen neuen Namen: Abrissobjekt.

Das ist praktisch. Es klingt neutral. Fast so, als würde man keinen Teil unserer Geschichte beseitigen, sondern lediglich ein defektes Gerät entsorgen. Aber ein Gebäude ist kein Gerät. Und Geschichte hat keine Ersatzteilversorgung. Was einmal verschwunden ist, kommt nicht zurück.

Der Restwert

Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich innehalten, bevor wir wieder von „Aufwertung“ sprechen. Vielleicht ist ein Gebäude nicht wertvoll, obwohl es alt ist. Vielleicht ist es wertvoll, weil man an ihm noch sehen kann, dass es alt ist. Vielleicht müssen wir nicht jede Narbe entfernen. Vielleicht müssen wir nicht jeden Riss verspachteln. Vielleicht darf ein Gebäude erzählen, dass es ein langes Leben hinter sich hat. Denn irgendwann sind wir selbst die Vergangenheit. Dann wäre es doch ganz schön, wenn von unserer Zeit mehr übrig bliebe als ein perfekt gedämmter Neubau mit Tiefgarage.

Also bitte: Nicht alles anfassen. Es könnte Geschichte sein.

Herzlich, Ihr André Winternitz

Diese Kolumne ist, wie der Name schon sagt, Meinung. Begründet, aber gefärbt, wertend und evtl. provokativ. Dieser Text gibt nicht die Meinung der gesamten Redaktion wieder.

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