Kristallklares Wasser, endlose Sandstrände, spektakuläre Bergpanoramen und historische Altstädte: Für viele Menschen gehört genau das zu einem gelungenen Urlaub. Doch längst zieht es Reisende nicht mehr ausschließlich an Orte, die mit Schönheit, Erholung und unbeschwerten Erlebnissen verbunden werden. Immer häufiger stehen Ziele auf dem Reiseplan, deren Namen mit Tod, Gewalt, Katastrophen und menschlichem Leid verbunden sind. Ehemalige Konzentrationslager, Schlachtfelder, verlassene Gefängnisse, Unglücksorte, Katastrophengebiete und Schauplätze historischer Verbrechen ziehen Besucher aus aller Welt an. Das Phänomen trägt einen Namen: Dark Tourism.
Was zunächst widersprüchlich klingt, hat sich zu einem eigenen Forschungs- und Tourismusbereich entwickelt. Dark Tourism, im Deutschen häufig als dunkler Tourismus bezeichnet, beschreibt das Reisen zu Orten, die in besonderer Weise mit Tod, Leid, Gewalt, Katastrophen oder dem Makabren verbunden sind. Der Begriff wurde in den 1990er-Jahren durch die Tourismusforscher John Lennon und Malcolm Foley wissenschaftlich geprägt. Er ist dabei nicht mit dem früher häufig verwendeten Begriff Katastrophentourismus gleichzusetzen. Denn während dieser vor allem das unmittelbare Interesse an Unglücks- und Katastrophenorten beschreibt, umfasst Dark Tourism ein deutlich breiteres Spektrum – von historischen Gedenkstätten über ehemalige Gefängnisse bis hin zu Friedhöfen und Orten des Krieges.
Die Beweggründe der Reisenden sind unterschiedlich. Manche wollen Geschichte dort begreifen, wo sie tatsächlich stattgefunden hat. Andere suchen eine intensive Auseinandersetzung mit menschlichen Abgründen, gesellschaftlichen Konflikten oder den Folgen politischer Entscheidungen. Wieder andere reizt das Unheimliche, das Verbotene oder schlicht der Nervenkitzel. Zwischen historischer Bildungsreise, persönlicher Betroffenheit und voyeuristischer Neugier verläuft dabei eine oftmals schmale Grenze.

Zwischen Gedenken, Geschichte und Nervenkitzel
Die Bandbreite möglicher Reiseziele ist enorm. Zu den bekanntesten Orten zählen die ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, Dachau und Buchenwald, die Pariser Katakomben, die Kapuzinergruft in Palermo, das Gelände des ehemaligen World Trade Centers in New York oder die sogenannten Killing Fields in Kambodscha. Auch das japanische Waldgebiet Aokigahara am Fuß des Fuji, das wegen seiner Verbindung zu Suiziden international bekannt wurde, wird häufig in diesem Zusammenhang genannt.
Hinzu kommen ehemalige Gefängnisse, Hinrichtungsstätten, Schlachtfelder und militärische Anlagen. Verlassene Sanatorien, psychiatrische Einrichtungen, Bunker und Orte mit einer dokumentierten Geschichte von Gewalt oder Katastrophen gehören ebenso zum Spektrum. In den Vereinigten Staaten und Europa werden zudem historische Tatorte, ehemalige Gefängnisse und Gebäude mit angeblichen paranormalen Erscheinungen vermarktet. Nicht immer steht dabei die tatsächliche Geschichte im Vordergrund. Gerade bei sogenannten Spukorten vermischen sich historische Überlieferung, Legendenbildung und touristische Inszenierung.
Ein besonders bekanntes Beispiel ist das Gelände des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau im heutigen Polen. Im Jahr 2025 besuchten rund 1,95 Millionen Menschen die Gedenkstätte. Damit gehört sie zu den meistbesuchten historischen Erinnerungsorten Europas. Die hohe Besucherzahl zeigt, welche Bedeutung die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus bis heute besitzt. Zugleich stellt sie die Verantwortlichen vor große Herausforderungen: Wie lässt sich ein authentischer Erinnerungsort bewahren, wenn jährlich Millionen Menschen durch die historischen Anlagen gehen? Und wie verhindert man, dass aus einem Ort des Gedenkens eine gewöhnliche touristische Sehenswürdigkeit wird?

Die Faszination des Unheimlichen
Wissenschaftler beschäftigen sich seit Jahren mit den psychologischen und gesellschaftlichen Beweggründen des Dark Tourism. Das Institute for Dark Tourism Research an der University of Central Lancashire in Großbritannien gehört zu den Einrichtungen, die sich intensiv mit diesem Forschungsgebiet befassen. Im Mittelpunkt stehen unter anderem die Frage nach den Reisemotiven, der Umgang mit historischem Leid und die Auswirkungen touristischer Vermarktung auf Erinnerungsorte.
Die Faszination entsteht aus unterschiedlichen Bedürfnissen. Für viele Besucher ist es das unmittelbare Erleben eines historischen Schauplatzes, das den Reiz ausmacht. Ein ehemaliger Bunker, ein Schlachtfeld oder eine verlassene Industrieanlage vermittelt eine andere Form des Zugangs zur Vergangenheit als ein Buch oder eine Dokumentation. Die räumliche Nähe zu den Ereignissen kann Geschichte greifbarer machen und Fragen aufwerfen, die im Alltag häufig unbeantwortet bleiben.
Andere suchen bewusst die Konfrontation mit Angst, Beklemmung und Unbehagen. Dunkle Gänge, verlassene Räume, unterirdische Anlagen und die Vorstellung, dass an einem bestimmten Ort einst Menschen starben oder schreckliche Verbrechen begangen wurden, erzeugen eine besondere emotionale Wirkung. Der Reiz liegt für manche darin, sich einer solchen Atmosphäre auszusetzen und sie anschließend wieder verlassen zu können.
Doch nicht jeder Besuch eines düsteren Ortes ist Ausdruck von Sensationslust. Gerade bei historischen Gedenkstätten steht häufig der Wunsch nach Information, Aufklärung und Erinnerung im Vordergrund. Dark Tourism ist deshalb kein einheitliches Phänomen, sondern ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Formen des Reisens.

Wenn aus Leid ein Geschäftsmodell wird
Mit der wachsenden Aufmerksamkeit für außergewöhnliche Reiseziele hat sich auch ein Markt entwickelt. Reiseveranstalter, spezialisierte Agenturen und lokale Anbieter organisieren Führungen, Themenreisen und mehrtägige Touren zu historischen Schauplätzen. Das Angebot reicht von geführten Rundgängen durch ehemalige Gefängnisse bis hin zu Reisen entlang historischer Schlachtfelder oder zu verlassenen Militäranlagen.
Besonders umstritten ist die Vermarktung von Orten, an denen Menschen tatsächlich ums Leben gekommen sind oder schweres Leid erfahren haben. Kritiker sehen darin die Gefahr, menschliche Tragödien zu touristischen Produkten zu machen. Wo Eintrittspreise, Souvenirshops, Erlebnisangebote und Werbekampagnen eine immer größere Rolle spielen, stellt sich unweigerlich die Frage nach den Grenzen der Vermarktung.
Dabei ist eine pauschale Verurteilung zu kurz gegriffen. Viele Gedenkstätten, Museen und historische Einrichtungen sind auf Einnahmen angewiesen, um Gebäude zu erhalten, Ausstellungen zu betreiben, Forschung zu finanzieren und Bildungsangebote zu ermöglichen. Eintrittsgelder sind daher nicht automatisch ein Zeichen von Kommerzialisierung. Entscheidend ist vielmehr, welchem Zweck die Einnahmen dienen und wie verantwortungsvoll ein Ort vermittelt wird.
Seriöse Anbieter legen offen, welche Leistungen im Reisepreis enthalten sind, welche Genehmigungen erforderlich sind und ob lokale Einrichtungen oder soziale Projekte unterstützt werden. Problematisch wird es dort, wo Veranstalter ohne ausreichende Genehmigungen arbeiten, Sicherheitsvorschriften missachten oder die Geschichte eines Ortes zugunsten möglichst spektakulärer Erlebnisse verzerren.
Auschwitz, Tschernobyl und Ground Zero – Orte mit besonderer Verantwortung
Einige Reiseziele stehen beispielhaft für die unterschiedlichen Facetten des Dark Tourism. Auschwitz-Birkenau ist ein authentischer Ort nationalsozialistischer Verbrechen und ein zentraler Erinnerungsort an den Holocaust. Hier geht es nicht um Unterhaltung oder Nervenkitzel, sondern um historische Aufklärung, das Gedenken an die Opfer und die Auseinandersetzung mit den Ursachen und Folgen des nationalsozialistischen Vernichtungswahns.
Auch Ground Zero in New York ist ein Ort, an dem sich individuelle Trauer, kollektive Erinnerung und touristisches Interesse begegnen. Das 9/11 Memorial erinnert an die Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001. Besucher können dort die Namen der Getöteten lesen und sich mit den Ereignissen auseinandersetzen, die die Welt nachhaltig verändert haben.

Eine andere Form des Dark Tourism entwickelte sich rund um das ukrainische Kernkraftwerk Tschernobyl. Nach der Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 wurde die umliegende Region zur Sperrzone erklärt. Über viele Jahre hinweg waren organisierte Besuche in Teilen des Gebiets möglich. Besonders die verlassene Stadt Prypjat entwickelte sich zu einem international bekannten Ziel für Interessierte an sowjetischer Geschichte, verlassener Architektur und den Folgen nuklearer Katastrophen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 ist die touristische Situation jedoch grundlegend verändert. Die Sperrzone ist kein gewöhnliches Reiseziel; Sicherheitslage, militärische Nutzung und Zugangsbeschränkungen müssen berücksichtigt werden. Frühere Reiseangebote und Preisangaben sind deshalb nicht als aktuelle Buchungsmöglichkeiten zu verstehen.
Auch Fukushima in Japan wird häufig im Zusammenhang mit Katastrophentourismus genannt. Die Region wurde 2011 durch das schwere Erdbeben, den Tsunami und die anschließende Nuklearkatastrophe international bekannt. Heute stehen dort neben der Erinnerung an die Katastrophe auch Wiederaufbau, regionale Entwicklung und die langfristigen Folgen für die betroffenen Gemeinden im Mittelpunkt.
Deutschland und Europa: Die Geschichte liegt vor der Haustür
Gerade in Europa ist Dark Tourism eng mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden. Die Verbrechen des Nationalsozialismus, der Zweite Weltkrieg, der Kalte Krieg und die Teilung Deutschlands haben zahlreiche Orte hinterlassen, die heute als Gedenkstätten, Museen oder historische Ausflugsziele besucht werden können.
Ehemalige Konzentrationslager, Gefängnisse, Bunkeranlagen, Grenzbefestigungen und militärische Sperrgebiete dokumentieren die politischen und gesellschaftlichen Abgründe dieser Zeit. In Deutschland gehören dazu unter anderem die Gedenkstätten in Bergen-Belsen, Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau. Auch die Berliner Gedenkstätte Berliner Mauer, das ehemalige Ministerium für Staatssicherheit in Berlin und zahlreiche Grenz- und Bunkeranlagen vermitteln einen unmittelbaren Zugang zur jüngeren deutschen Geschichte.
Daneben existiert eine weitere Facette, die besonders für die Lost-Places-Szene von Bedeutung ist: verlassene und aufgegebene Orte mit einer düsteren Vergangenheit. Ehemalige Heilstätten, psychiatrische Einrichtungen, Gefängnisse, Kasernen, Rüstungsbetriebe und Industrieanlagen ziehen Menschen an, die sich für Architektur, Verfall und die Geschichten hinter den Gebäuden interessieren. Nicht jeder verlassene Ort ist automatisch ein Ziel des Dark Tourism. Wo jedoch historische Ereignisse, menschliches Leid oder eine besondere Tragödie mit einem Gebäude verbunden sind, überschneiden sich Lost-Place-Tourismus und dunkler Tourismus.
Gerade hier ist allerdings Vorsicht geboten. Viele dieser Anlagen befinden sich in Privatbesitz, sind einsturzgefährdet oder dürfen nicht betreten werden. Das unbefugte Eindringen ist weder ein Zeichen besonderer Entdeckerlust noch eine vertretbare Form der Geschichtsvermittlung. Wer solche Orte besuchen möchte, sollte auf legale Führungen und ausgewiesene Besichtigungsmöglichkeiten zurückgreifen.

Zwischen Erinnerungskultur und Voyeurismus
Die Diskussion um Dark Tourism wird seit Jahren kontrovers geführt. Befürworter betonen die Möglichkeit, Geschichte unmittelbar zu erleben, historische Zusammenhänge besser zu verstehen und sich mit den Folgen menschlichen Handelns auseinanderzusetzen. Gegner warnen vor der Gefahr, dass Leid und Tod zu einer Attraktion werden und die Würde der Opfer hinter dem Erlebnisinteresse der Besucher verschwindet.
Besonders deutlich wird dieser Konflikt beim Umgang mit Kameras und Smartphones. An Gedenkstätten kommt es immer wieder zu unangemessenem Verhalten: Besucher posieren an historischen Orten, veröffentlichen selbstinszenierte Aufnahmen oder nutzen die Kulisse für möglichst spektakuläre Beiträge in sozialen Netzwerken. Nicht jede Fotografie ist respektlos – Dokumentation und persönliche Erinnerung können durchaus berechtigte Gründe sein. Entscheidend sind Ort, Situation und Haltung. Wer an einem ehemaligen Vernichtungsort für ein Selfie posiert oder die Geschichte für eine möglichst spektakuläre Inszenierung instrumentalisiert, überschreitet eine Grenze.
Die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau hat deshalb klare Regeln für den Besuch und den Umgang mit Foto- und Filmaufnahmen. Auch die Verpflichtung, die Würde der Opfer zu achten, ist Teil der Vermittlungsarbeit. Ein Besuch sollte nicht als gewöhnlicher touristischer Programmpunkt verstanden werden, sondern als Begegnung mit einem historischen Ort, dessen Bedeutung weit über das individuelle Reiseerlebnis hinausgeht.
Dark Tourism braucht Verantwortung
Der dunkle Tourismus ist längst ein fester Bestandteil der internationalen Reisekultur. Er umfasst Bildungsreisen, historische Exkursionen, Gedenkstättenbesuche und Angebote, die gezielt mit dem Unheimlichen und Makabren spielen. Die Motive der Besucher sind dabei so unterschiedlich wie die Orte selbst. Eine pauschale Einordnung als Voyeurismus wird diesem vielschichtigen Phänomen nicht gerecht.
Dennoch braucht Dark Tourism klare Grenzen. Historische Fakten dürfen nicht verfälscht, Opfer nicht instrumentalisiert und Katastrophen nicht zu bloßen Kulissen degradiert werden. Veranstalter müssen Verantwortung übernehmen, Eigentumsrechte und Sicherheitsvorschriften respektieren und die Perspektiven der betroffenen Menschen berücksichtigen. Besucher wiederum sollten sich vor einer Reise mit der Geschichte des jeweiligen Ortes auseinandersetzen und vor Ort angemessen verhalten.
Wer ein ehemaliges Konzentrationslager besucht, sollte sich bewusst sein, dass er keinen gewöhnlichen touristischen Anziehungspunkt betritt. Wer durch ein verlassenes Gefängnis geht, sollte die Menschen nicht vergessen, die dort eingesperrt waren. Und wer eine Katastrophenregion bereist, sollte bedenken, dass die Folgen für viele Betroffene bis in die Gegenwart reichen.
Dark Tourism kann Geschichte sichtbar machen, Erinnerung bewahren und zum Nachdenken anregen. Er kann aber auch zur oberflächlichen Inszenierung menschlichen Leids verkommen. Der Unterschied liegt nicht allein im Reiseziel, sondern vor allem in der Haltung derjenigen, die es besuchen. Denn Orte des Schreckens sind keine Kulissen für den nächsten Urlaubsschnappschuss. Sie sind Zeugnisse menschlicher Geschichte – und verlangen Respekt.
