{"id":5381,"date":"2012-08-04T12:43:00","date_gmt":"2012-08-04T10:43:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/?p=5381"},"modified":"2026-08-04T12:46:01","modified_gmt":"2026-08-04T10:46:01","slug":"munitionsfabrik-hirschhagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/lostplaces\/munitionsfabrik-hirschhagen\/","title":{"rendered":"Munitionsfabrik Hirschhagen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten begann bereits 1933 der systematische Ausbau der deutschen R\u00fcstungsindustrie. Unter strengster Geheimhaltung entstanden im gesamten Deutschen Reich moderne Munitions- und Sprengstoffwerke, die nach einheitlichen Planungsstandards errichtet wurden. Zu den bedeutendsten Anlagen geh\u00f6rte die sp\u00e4tere Munitionsfabrik Hirschhagen bei Hessisch Lichtenau in Nordhessen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr den Standort sprach nahezu alles: dichter Mischwald zur Tarnung vor feindlicher Luftaufkl\u00e4rung, eine gute Anbindung an Stra\u00dfe und Schiene, gro\u00dfe Wasserreserven sowie nahegelegene Braunkohlegruben zur Energieversorgung. Gleichzeitig bot die l\u00e4ndliche Region gen\u00fcgend Arbeitskr\u00e4fte, ohne andere kriegswichtige Industrien zu schw\u00e4chen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"900\" height=\"603\" src=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5383\" srcset=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen5.jpg 900w, https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen5-300x201.jpg 300w, https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen5-768x515.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Tarnname \u201eFriedland Werke\u201c: Gigantische Fabrik mitten im Wald<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1936 begannen unter dem Decknamen \u201eFriedland Werke\u201c die Bauarbeiten f\u00fcr eines der gr\u00f6\u00dften deutschen Sprengstoffwerke. Tausende Arbeiter errichteten im Mehrschichtbetrieb Produktionshallen, Lager, Werkst\u00e4tten, Gleisanlagen und eine umfangreiche Infrastruktur. Die Besch\u00e4ftigten lebten \u00fcberwiegend in einfachen Baracken und Notunterk\u00fcnften in umliegenden Orten wie Hessisch Lichtenau, Waldhof, F\u00fcrstenhagen oder Eschenstruth. Die Arbeitsbedingungen galten als \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlich. Unzureichende Sicherheitsma\u00dfnahmen f\u00fchrten immer wieder zu schweren Verletzungen, Erkrankungen und Todesf\u00e4llen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Produktion von TNT und Pikrins\u00e4ure auf H\u00f6chstleistung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bereits 1938 begann die Herstellung von Trinitrotoluol (TNT), wenig sp\u00e4ter folgte die Produktion von Pikrins\u00e4ure. Ab 1940 wurde das Werk kontinuierlich erweitert und entwickelte sich zu einem nahezu autarken R\u00fcstungsbetrieb. Die Anlage verf\u00fcgte \u00fcber eigene Energieversorgung, Sprengstofflager, Werkst\u00e4tten, Verwaltungsgeb\u00e4ude, ein ausgekl\u00fcgeltes Schienennetz sowie eine moderne S\u00e4urer\u00fcckgewinnungsanlage, mit der wertvolle Rohstoffe recycelt wurden. Zwischen 1938 und 1945 entstanden in Hirschhagen rund 135.000 Tonnen TNT sowie etwa 7.000 Tonnen Pikrins\u00e4ure \u2013 Mengen, die f\u00fcr die deutsche Kriegsf\u00fchrung von enormer Bedeutung waren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"900\" height=\"603\" src=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5384\" srcset=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen4.jpg 900w, https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen4-300x201.jpg 300w, https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen4-768x515.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Feuerlose Lokomotiven und strengste Sicherheitsma\u00dfnahmen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auf dem rund 17 Kilometer langen Werksbahnnetz durften ausschlie\u00dflich sogenannte feuerlose Dampflokomotiven verkehren. Herk\u00f6mmliche Dampfloks h\u00e4tten durch Funkenflug jederzeit eine Explosion ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. Auch innerhalb des Werks galten strenge Vorschriften. Der Transport kleinerer G\u00fcter erfolgte ausschlie\u00dflich mit elektrisch betriebenen Fahrzeugen. Fl\u00fcssige Chemikalien wurden \u00fcber ein weit verzweigtes Rohrleitungssystem zwischen den Produktionsanlagen, Lagertanks und Kesselh\u00e4usern verteilt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Tausende Zwangsarbeiter mussten unter lebensgef\u00e4hrlichen Bedingungen arbeiten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit zunehmender Kriegsdauer stieg der Arbeitskr\u00e4ftemangel drastisch an. Ab 1940 wurden zun\u00e4chst ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte aus Polen, den Niederlanden, Tschechien und Italien eingesetzt. Sp\u00e4ter kamen Menschen aus Frankreich, Belgien, Bulgarien sowie der Sowjetunion hinzu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ab 1942 nahm der Anteil der Zwangsarbeiter erheblich zu. Im Sommer 1944 wurden zus\u00e4tzlich 150 H\u00e4ftlinge aus dem Lager Breitenau sowie rund 1.000 ungarische J\u00fcdinnen aus dem Konzentrationslager Auschwitz nach Hirschhagen gebracht. Wer aufgrund der extremen Arbeitsbedingungen nicht mehr arbeitsf\u00e4hig war, wurde zur\u00fcck in die Konzentrationslager transportiert und dort vielfach ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1944 arbeiteten mehr als 4.000 Menschen in der Munitionsfabrik. Jeder Produktionsschritt war mit einem enormen Explosionsrisiko verbunden \u2013 bei einem Unfall h\u00e4tten die Besch\u00e4ftigten praktisch keine \u00dcberlebenschance gehabt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"900\" height=\"603\" src=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5385\" srcset=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen3.jpg 900w, https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen3-300x201.jpg 300w, https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen3-768x515.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>\u00dcberraschend kaum Ziel alliierter Bombenangriffe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Obwohl die britische Royal Air Force das Werk bereits 1943 aus der Luft fotografierte, blieb Hirschhagen weitgehend von Bombardierungen verschont. Der Grund lag in der besonderen Bedeutung der dortigen S\u00e4urespaltanlage. Sie versorgte zahlreiche andere Sprengstofffabriken mit wichtigen chemischen Vorprodukten. Eine Zerst\u00f6rung h\u00e4tte erhebliche Auswirkungen auf die gesamte deutsche Munitionsproduktion gehabt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Nach Kriegsende Demontage und massive Umweltbelastung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Einmarsch der Alliierten im April 1945 endete die Produktion schlagartig. Die Anlagen wurden demontiert, wertvolle Maschinen abtransportiert und gro\u00dfe Mengen Chemikalien achtlos in der Umgebung entsorgt. Zun\u00e4chst blieb das gesamte Ausma\u00df der Umweltverschmutzung verborgen. Erst Anfang der 1960er Jahre wurden die ersten hochgiftigen Altlasten entdeckt. Bekannt wurde der Fall, nachdem 1963 ein Hund in ein verseuchtes Becken geraten und an den Folgen der Vergiftung verendet war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von 1992 bis 2009 wurden im Auftrag des Landes Hessen umfangreiche Bodensanierungen durchgef\u00fchrt, die Millionenbetr\u00e4ge verschlangen. Dennoch existieren bis heute eingez\u00e4unte Bereiche mit Warnhinweisen vor giftigen Altlasten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"900\" height=\"603\" src=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5386\" srcset=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen2.jpg 900w, https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen2-300x201.jpg 300w, https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Munitionsfabrik_Hirschhagen2-768x515.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\"><strong>Vom Sprengstoffwerk zum Industriegebiet<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach dem Krieg siedelten sich nach und nach zahlreiche Unternehmen auf dem ehemaligen Werksgel\u00e4nde an. Viele fr\u00fchere Produktionsgeb\u00e4ude wurden zu Werkhallen, Lagerfl\u00e4chen oder sogar Wohnh\u00e4usern umgebaut und pr\u00e4gen bis heute das ungew\u00f6hnliche Erscheinungsbild des Industriegebietes Hirschhagen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz umfangreicher Sanierungsma\u00dfnahmen erinnern zahlreiche Relikte noch immer an die Geschichte der einstigen Munitionsfabrik. Verlassene Bunker, ehemalige Produktionsgeb\u00e4ude sowie abgesperrte Altlastenfl\u00e4chen machen deutlich, welche enormen \u00f6kologischen und historischen Folgen die NS-R\u00fcstungsindustrie bis heute hinterlassen hat.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><strong>Hinweis<\/strong><br><br>Aufgrund der Anzahl der Geb\u00e4ude und deren positive und\/oder negative Ver\u00e4nderungen der Bausubstanz im Laufe der Zeit, stellen einzelne Abbildungen (h\u00e4ufig) nicht den derzeitigen Zustand dar. Die Reihenfolge der Bilder ist keine Zeitreihenfolge.<br><br>Sie haben aktuelle Informationen zum Objekt? Dann schreiben Sie diese gerne (mit Quellenangabe) in die Kommentare. Oder kontaktieren Sie uns unter kontakt@rottenplaces.de.<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten begann bereits 1933 der systematische Ausbau der deutschen R\u00fcstungsindustrie. 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