{"id":4384,"date":"2017-03-31T15:19:00","date_gmt":"2017-03-31T13:19:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/?p=4384"},"modified":"2026-07-02T15:21:12","modified_gmt":"2026-07-02T13:21:12","slug":"nachgefragt-bei-dieter-klein-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/interviews\/nachgefragt-bei-dieter-klein-2\/","title":{"rendered":"Nachgefragt bei: Dieter Klein"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Leidenschaft des Fotografen Dieter Klein f\u00fcr Autowracks begann mit einem alten Citro\u00e9n-Laster im franz\u00f6sischen Aquitaine, der mitten in einem Holunderbusch vor sich hin rostete. Von da an suchte Klein nach weiteren morbiden Motiven fernab der Abwrackpr\u00e4mie, nach vergessenen Fahzeugen auf noch vergesseneren Schrottpl\u00e4tzen in Europa. Schnell wurde seine neue Faszination zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Denn nicht nur der Verfall der zur\u00fcckgelassenen Automobile schritt st\u00e4ndig voran, auch das Ber\u00e4umen jener Schrottpl\u00e4tze. Als Ergebnis erschien 2013 \u201eForest Punk\u201c, mit 105 Fotografien von Pl\u00e4tzen in Deutschland, Belgien, Frankreich und Schweden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr den zweiten Teil der \u201eForest-Punk-Reihe\u201c verschlug es Klein mehrere Male in die USA, auf den nordamerikanischen Kontinent, wo das automobile Kulturgut vergangener Tage links und rechts des Weges in jedwedem Verwitterungszustand zu finden ist und nicht nur nostalgische Gef\u00fchle bei Oldtimer-Fans weckt. Mehrere Reisen, mehrere Wochen und Zehntausende Kilometer: Ausgew\u00e4hlt wurden 400 einzigartige Fotografien, lesenswerte Geschichten und Anekdoten f\u00fcr zwei beeindruckende Bildb\u00e4nde. Wer das erste Buch \u201eForest Punk\u201c von Klein kennt, den zieht auch das neue Werk \u201eForest Punk \u2013 The Fabulous Emotion \u2013 Retired Automobiles of North America\u201c sofort in den Bann. Wir haben nachgefragt \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das letzte Interview mit unserem Magazin ist fast vier Jahre her. Seitdem ist bei Ihnen viel passiert. Jetzt sind Ihre neuen beiden Bildb\u00e4nde erschienen. Wie ist die Resonanz darauf?<\/strong><br>Ich habe inzwischen eine tolle Fangemeinde. Liebhaber von Automobilen leiden sicherlich immer noch ein wenig beim Betrachten meiner Bilder; doch es \u00fcberwiegt der Anteil positiver Resonanz. Es sind Freunde sowohl von Automobilen als auch Liebhaber von Fotografie. Neben den B\u00fcchern pr\u00e4sentiere ich die Bilder auf Ausstellungen und ich biete einen Vortrag \u00fcber das Projekt an. Auf Oldtimer-Messen meist die 30-Minuten-Version, bei anderen Veranstaltungen erz\u00e4hle ich 90 Minuten \u00fcber meine Erlebnisse. Neben der Fotografie sind die Zuh\u00f6rer schon recht fasziniert von den vielen Geschichten drum herum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach wie vor sehe ich in den Motiven neben den alternden Fahrzeugen, der Geschichte der Mobilit\u00e4t vielmehr den Wandlungsprozess, den die Zeit mit sich bringt. Fahrzeuge an sich sind uns seit Kindesbeinen vertraut. Der Zustand, dass sich die Natur alles zur\u00fccknimmt, ist allerdings nicht sichtbar in unserem Alltag. Dieses Fremde mit all seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen macht einen Reiz aus, der zum Schmunzeln wie auch zum Nachdenken f\u00fchren kann. Die Betrachter staunen und tr\u00e4umen. Die einen w\u00fcrden gerne restaurieren, andere f\u00fchlen eine beruhigende Wirkung bei der Stille der Bilder. Und vielleicht tr\u00e4umt so mancher davon, auch solche Reisen zu unternehmen, um in diese sonderbare Welt einzutauchen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>F\u00fcr \u201eForest Punk \u2013 The Fabulous Emotion\u201c waren Sie mehrere Wochen in den Staaten unterwegs. Wie waren Ihre Eindr\u00fccke?<\/strong><br>Insgesamt verbrachte ich mit vier Reisen 20 Wochen in den USA. Mit ca. 42.000 Kilometern durchkreuzte ich insgesamt 39 Bundesstaaten. Die Bandbreite an Eindr\u00fccken \u00fcber die unterschiedlichsten Mentalit\u00e4ten, Landschaften und St\u00e4dte war gewaltig. Ich habe die scheinbar unendlich langen Stra\u00dfen durch W\u00fcsten in Kaliforniern, Nevada und Arizona ebenso durchfahren wie die Agrarlandschaften im mittleren Westen mit den Feldern, die sich bis zum Horizont erstrecken. Naturparks wie auch verlassene St\u00e4dte, Hitze bis 45 Grad und 5 Prozent Luftfeuchtigkeit sowie Wolkenbr\u00fcche, die das Ende der Welt vermuten lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich befuhr sowohl sechsspurige Autobahnen wie auch meilenlang unbefestigte Stra\u00dfen (Dirty Roads). Letztere im Zustand, der bisweilen nur maximal 5 km\/h erlaubte. Da brauchte ich schon manches Mal mehrere Stunden, um an einen Standort zu gelangen. In Kalifornien habe ich auf diese Weise sowohl die Sch\u00f6nheit des Yoshua-Tree Nationalparks als auch abgelegene Bereiche des Death Valley (National Park) erlebt. Und am Ende solcher Ausfl\u00fcge wurde ich fast immer mit einem Autowrack belohnt. Mal als Zeugnis der Familiengeschichte auf dem Grundst\u00fcck ab- bzw. ausgestellt, oder einfach zur\u00fcckgelassenen in der \u00d6dnis und inzwischen von hunderten Sch\u00fcssen durchsiebt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Au\u00dfer ein paar Moskitostichen und Zeckenbissen hat mich die Fauna zum Gl\u00fcck verschont. Giftige Schlangen oder Skorpione z. B. sind mir nicht begegnet \u2013 allerdings h\u00e4ufig Warnschilder. Ich habe mich vor der Reise eingelesen in diese Thematik, um mich entsprechend vorsichtig zu verhalten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein solches Projekt braucht f\u00e4hige Leute um einen herum, ein gutes Team. Nach welchen Kriterien haben Sie sich Ihre Unterst\u00fctzer und Experten zusammengestellt?<\/strong><br>Zur Fotografie: Ich arbeite tats\u00e4chlich nicht im Team \u2013 ich bin eine One-Man-Show. Aber Unterst\u00fctzung in Form von Standortinformationen holte ich mir meist online \u00fcber verschiedene Informanten. Da gibt es inzwischen eine Szene von Gleichgesinnten, die Informationen nur noch teilen, wenn man einander kennt. Denn leider werden Orte nach einer Ver\u00f6ffentlichung oft von vielen Menschen besucht bzw. von einigen heimgesucht. Da gibt es tats\u00e4chlich Leute, die nach ihren Fotos die Szene zerst\u00f6ren, damit niemand mehr fotografieren kann. Ziemlich bizarr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zur Buchproduktion: Inzwischen bin ich mit dem Produzent Stefan Bernhard befreundet. Wir haben bereits ein Dutzend B\u00fccher vor \u201eForest Punk\u201c zusammen produziert. Es wurden gemeinsam alle Aspekte f\u00fcr die Druckvorstufe besprochen, Papier ausgew\u00e4hlt und getestet, Varianten der Papieroberfl\u00e4che diskutiert. Proofs wurden gedruckt, um optimale Tonwerte und Farbe zu verifizieren. Letztlich habe ich mich f\u00fcr ein gl\u00e4nzendes Papier entschieden, das zus\u00e4tzlich UV-lackiert wurde, um eine optimale Fotoqualit\u00e4t zu erreichen. Und da meine Daten recht gro\u00df sind \u2013 ich fotografiere mit einem 80-Megapixel-R\u00fcckteil \u2013 konnte mit dem Druck im 80er-Raster ein fotorealistischer Druck erreicht werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Texte habe ich Christian Vogeler als Autor gew\u00e4hlt. Uns verbindet eine lange berufliche und private Freundschaft. Ich habe ihm alle Freiheiten f\u00fcr die Texte gegeben, wie beim ersten Band auch. Dieses Mal hat er St\u00e4dte, Landschaften und Geschichten zu Personen nachrecherchiert und K\u00f6stlichkeiten herausgefunden, die wunderbar zu den Bildern passen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das aktuelle Fotoprojekt war mit einem enormen Aufwand verbunden. Haben Sie alle Destinationen und Locations zuvor geplant oder haben sich auch spontane Tipps ergeben?<\/strong><br>Ich habe \u00fcber Bekannte, Verlinkungen auf Netzwerken und durch Internetrecherche viele Orte vor der Reise entdeckt \u2013 immer mit dem Risiko, ob die Bilder und Informationen noch aktuell sind. So konnte ich zumindest eine vorl\u00e4ufige Reiseroute planen. Auf der Fahrt ergaben sich dann meist zahlreiche weitere Hinweise. Manchmal waren es Entdeckungen beim Fahren, aber meist Hinweise von Menschen vor Ort. Ich habe an allen m\u00f6glichen Stellen nach Automobilen gefragt. Beim Bezahlen an der Tankstelle, aber auch im kleinen Supermarkt, bei Werkst\u00e4tten oder Zubeh\u00f6rshops. Mit ein paar Beispielbildern war sofort klar, worum es mir ging. Oft wurde ich auch angesprochen, was mich in den Ort gef\u00fchrt habe. So begannen h\u00e4ufig nette Gespr\u00e4che.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es blieb nicht nur bei der Begeisterung f\u00fcr die Fotos oder einfach nur beim Spa\u00df sich mit jemand aus Deutschland zu unterhalten. Das ein oder andere Mal begleiteten mich Leute ganz spontan, um mir verborgene Stellen zu zeigen. Man erz\u00e4hlte sich Geschichten aus allen Lebensbereichen, a\u00df und trank etwas zusammen \u2013 ich habe so viele freundliche Begegnungen gehabt, dass ich allein aus diesem Grund wieder reisen m\u00f6chte. Einmal z. B. bekam ich einen Tipp \u00fcber einen gro\u00dfen Platz mit vielleicht 300 Fahrzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz Beschreibung habe ich die Stelle nicht gefunden, obwohl ich vier Mal hin und her gefahren bin. An der Tankstelle, die mir auch als Markierung benannt wurde, habe ich nach diesem Platz gefragt. Die Dame an der Kasse griff einfach zum Telefon, avisierte einen Fotografen aus Deutschland, schickte mich gerade mal 50 Meter weiter zu einem Tor. Dort wurde ich abgeholt. Das Tor war v\u00f6llig eingewachsen, deshalb hatte ich vorher nichts erkennen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach ein paar Minuten kamen zwei Mitarbeiter dieses Schrottplatzes und \u00f6ffneten mir das Tor. Aus Versicherungsgr\u00fcnden solle ich nicht mit dem Wagen \u00fcber den Platz fahren, sondern zu Fu\u00df gehen. Wenn ich fertig bin, bitte das Tor schlie\u00dfen und das Schloss wieder verriegeln. Viel Spa\u00df. Und nach drei Minuten Fu\u00dfweg stand ich vor einer alten Holzscheune und da schaute auf der linken Seite die Front des Cadillac heraus. Solch eine Szene nenne ich \u201eBig Picture\u201c. Das kann man nicht einfach finden \u2013 da geh\u00f6rt auch ein bisschen Gl\u00fcck dazu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie waren die Reaktionen der \u201eEigner\u201c im Allgemeinen auf Ihre Anfragen oder Besuche, um die automobilen Sch\u00e4tze abzulichten?<\/strong><br>Es ist wichtig, ein paar \u201eSpielregeln\u201c einzuhalten. Verlassene Automobile stehen nicht auf \u00f6ffentlichem Grund. Privatbesitz f\u00e4llt in den USA unter den Freiheitsbegriff \u2013 und da hat niemand auch nur einen Fu\u00df drauf zu setzen ohne Einverst\u00e4ndnis. Das machen Hinweisschilder wie \u201eNo trespassing\u201c deutlich. Und deshalb habe ich immer den Eigent\u00fcmer gefragt, bzw. erst ausfindig gemacht und dann um Erlaubnis gefragt. Dann war immer alles m\u00f6glich. Wenn ich niemanden fand, habe ich verzichtet. Eigentlich ganz einfach. Meist sprachen wir ein paar Minuten \u00fcber das Projekt und dann hie\u00df es: \u201eFeel free\u201c, und oft bekam ich nach einer Weile die wirklichen Sch\u00e4tze gezeigt. Alte oder auch ganz moderne Hallen wurden ge\u00f6ffnet nach der rhetorischen Frage: \u201eYou want to see some more?\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Fazit: Mit Offenheit und ehrlicher, klarer Ansprache war ich immer willkommen. In Nord Dakota z. B. habe ich einen Farmer besucht. Er hat etwa 1.200 Automobile in Zweierreihen geparkt auf einem Feld, aufgebockt auf Baumst\u00e4mmen oder alten Felgen, damit die Reifen und Lager nicht einseitig belastet werden. Die Farm erreicht man erst nach etwa 20 Meilen \u201eDirty Road\u201c. Das Grundst\u00fcck liegt so weit im Abseits, dass es noch nicht einmal mit einem Zaun begrenzt ist. Weder Haus, Scheunen oder die Pkw\u00b4s sind hier abgeschlossen. \u201eBitte die Adresse nicht angeben\u201c, bat mich der Besitzer, damit nicht ungebetene G\u00e4ste eingeladen werden. Nach einem netten Gespr\u00e4ch \u00f6ffnete er mir dann seinen gr\u00f6\u00dften Schatz: eine Scheune mit rund 70 unrestaurierten Chevrolets aus den 1920er bis 1930er Jahren. Als ich bemerkte, dass ich allein daf\u00fcr mindestens einen Tag brauchen w\u00fcrde, w\u00fcnschte er mir mit einem stolzen L\u00e4cheln \u201eGut Licht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Thema Planung: Haben Sie im Rahmen Ihres aktuellen Projektes strukturiert Objekte f\u00fcr die beiden Bildb\u00e4nde recherchiert und fotografiert, oder wurde die Auswahl des Materials erst nach der R\u00fcckkehr getroffen?<\/strong><br>Nach der ersten Reise hatte ich bereits eine sch\u00f6ne Bandbreite unterschiedlicher Motive. Die reichten bereits aus, um eine Grundstruktur zu planen. Doch fand ich nach weiteren Recherchen \u2013 ca. drei Monate Arbeit \u2013 viele faszinierende Orte, die ich noch bereisen wollte. Da habe ich mich gerne treiben lassen, nat\u00fcrlich behielt ich die vorhandenen Motive im Hinterkopf, um nicht Duplikate zu erstellen. Ich habe dabei nicht versucht, alle Modelle oder Jahrg\u00e4nge von Autos zu komplettieren, sondern die Entscheidung wurde gepr\u00e4gt von der fotografischen Umsetzbarkeit. Kurz gesagt: Tolles Auto vor langweiligem oder st\u00f6rendem Hintergrund habe ich erst gar nicht fotografiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ein perfektes Foto eines Automobils ben\u00f6tigt neben dem Motiv auch eine visuelle Geschichte. Auf den zahlreichen Schrottpl\u00e4tzen, die Sie besucht haben, mit teilweise Hunderten Fahrzeugen und den unterschiedlichsten Gegebenheiten, wie und worauf haben Sie Ihre Tiefen fixiert?<\/strong><br>Die erste Reise war schon gepr\u00e4gt vom Wunsch, m\u00f6glichst viele, unterschiedliche Fahrzeuge zu fotografieren. Die erste Tour ging \u00fcber Oklahoma, dann westlich durch Texas, New Mexico bis Arizona, zur\u00fcck \u00fcber Utah, Colorado, Kansas und Missouri. Gro\u00dfartige und abwechslungsreiche Landschaften mit den verlassenen Autos lie\u00dfen mich spannende Motive sammeln. Die zweite Tour startete ich in Seattle. Ein Platz mit einigen Hundert Fahrzeugen, wunderbar eingewachsen und mit Moosen und Flechten verzierte Autos brachten wieder andere Motive. Dann ging es s\u00fcdlich durch Oregon und Nevada bis Las Vegas.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ungeheuren Weiten, die Gebirge, W\u00fcsten und die Lichtszenen waren wunderbar. \u00dcber Utah, dann \u00f6stlich durch Wyoming, in einem gro\u00dfen Bogen durchfuhr ich Montana. Dort entstand in einem kleinen Dorf auch das Titelbild mit dem rosaroten Dodge Pioneer aus dem Jahr 1960. Im s\u00fcdlichen Idaho hatte ich einen Platz recherchiert, der verkauft werden sollte. Larry Harms, inzwischen 82 Jahre alt, m\u00f6chte sein Areal mit den 8.000 Autos verkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach drei Tagen Arbeit fuhr ich weiter n\u00f6rdlich in den Bundesstaat Washington. Dort hatte ich vor, mehrere Pl\u00e4tze zu besuchen. Der spannendste hatte ca. 120 Automobile, die meisten aus den 1920er Jahren. Auch eine ehemalige Werkstatt steht auf dem Areal mit tausenden Ersatzteilen, die um ein 1930er Hupmobil standen und hingen. Das war eine Szenerie, die ich mir nicht ertr\u00e4umt hatte. Diese Sammlung wird gerade abverkauft \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun hatte ich bereits einen ausreichend gro\u00dfen Fundus mit unterschiedlichsten Szenen, Landschaften, Wettersituationen und Autotypen. Insbesondere bei der vierten Reise durch Kalifornien, Nevada und Arizona hatte ich mir vorgenommen, mich nur noch auf spannende Landschaft und sch\u00f6nes Licht zu konzentrieren. Daf\u00fcr verbrachte ich auch schon mal zwei Tage f\u00fcr ein einziges Motiv. Z. B. in der D\u00e4mmerung, nach Sonnenuntergang, war in diesem s\u00fcdlichen Bereich dann nur noch 15 bis 25 Minuten Zeit f\u00fcr das Foto. Dann wurde es schlagartig schwarze Nacht. Ich habe mit etwas Lightpainting verschiedene Stimmungen erreicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Fotografien f\u00fcr die aktuellen Bildb\u00e4nde sind gr\u00f6\u00dftenteils unbearbeitet. So entsteht ein besonderer, nat\u00fcrlicher Eindruck einer jeweiligen Szenerie. Warum verzichten Sie auf Photoshop-Skills oder andere \u201eSpielereien\u201c?<\/strong><br>Ich retuschiere nicht an den Bildern. Kontrast und Farbe korrigiere ich f\u00fcr den Druck. Aber inhaltlich ver\u00e4ndere ich nichts. Und da ich immer mit dem Stativ arbeite, lege ich auch den Ausschnitt fest, sodass ich hinterher das ganze Motiv verwende. Au\u00dfer bei Panoramaformaten, bei denen ich den Beschnitt beim Fotografieren ber\u00fccksichtige. Ich halte das Thema f\u00fcr so spannend und ereignisreich, dass ich inhaltliche Retusche f\u00fcr unangebracht halte. Es gibt keinen Grund, an den Bildern \u201ePixel zu schieben\u201c. Ich habe beispielsweise ein Motiv bei einem Kollegen gesehen, das ich ebenfalls fotografiert habe. Ich habe die Stromleitungen, die an dem verfallenen Haus hingen, in die Komposition einbezogen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der andere Fotograf hat dieselbe Szene von einem etwas anderen Standpunkt fotografiert und die Leitungen samt Halterung wegretuschiert. Das wird niemand wissen oder bemerken, aber trotzdem ist das Bild manipuliert, ein Fake, der nicht benannt wird. Da sage ich ganz frech: Das habe ich nicht n\u00f6tig. Das Einzige, was ich ver\u00e4ndert habe an manchen Bildern: Ich habe Vorort schon mal M\u00fcll wie Getr\u00e4nkedosen oder Plastikt\u00fcten aus dem Bild genommen oder einen Zweig umgebogen oder abgebrochen. Mehr nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ihre USA-Reisen waren ja voller Emotionen und Eindr\u00fccke. Gab es ein besonders skurrile Erlebnisse in den Staaten?<\/strong><br>Zwei Beispiele. Das Titelbild mit dem rosa Dodge habe ich beim Cruisen gefunden. Ich schaute mir die Szene an und war ganz begeistert. Nach ein paar Minuten kam ein Nachbar und erkundigte sich, was ich dort zu suchen habe. Dann zeigte er mir das Haus des Eigent\u00fcmers. Es war leider niemand zu Hause. Ich hatte Gl\u00fcck, denn er kehrte nach einer viertel Stunde zur\u00fcck. Er wurde ein wenig traurig und erz\u00e4hlte die Geschichte des Wagens. Den hatte sein Vater vor seinem Haus abgestellt, zwei Tage, bevor er verstorben ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Seitdem wurde weder Grundst\u00fcck, Haus noch Auto mehr angefasst, aus Respekt wird diese letzte Szene einfach belassen. Und das ereignete sich im Jahr 1977. Faszinierend wie auch ein bisschen schr\u00e4g f\u00fcr europ\u00e4ische Vorstellungen. Ich verbrachte einige Stunden mit diesem Motiv und erhielt zum Schluss die rosa W\u00f6lkchen, die zum Auto passen als h\u00e4tte ich sie bestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In der N\u00e4he der Stadt Mojave in Kalifornien sah ich mitten im W\u00fcstenbereich eine Autowerkstatt. Im Vorbeifahren sah ich ein paar Autowracks im hinteren Teil des Areals. Ich wendete und sah ein paar interessante Fahrzeuge. Wie \u00fcblich bat ich um Erlaubnis f\u00fcr Fotos. Alles kein Problem. Auch war es m\u00f6glich, im Abendlicht nochmals zu fotografieren. Ein Mitarbeiter sagte, ich solle mich melden, wenn ich die Mittagsfotos fertig habe \u2013 dann stelle man mir den Besitzer vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gene, ein \u00e4lterer Herr begr\u00fc\u00dfte mich freundlich und bat mich dann in sein Haus. Das war sehr unauff\u00e4llig, eher wie ein Baracke oder Container. Er \u00f6ffnete mir die Eingangst\u00fcr und schon stand ich inmitten einer historischen Tankstellenausstattung. \u201eDie Tankstelle hat meine Mutter damals gegr\u00fcndet, hier in diesem ehemaligen H\u00fchnerstall. Ich habe die Tankstelle 1946 \u00fcbernommen.\u201c Uuups, dachte ich, 1946?. \u201eWie alt bist Du denn, Gene?\u201c \u201e89\u201c antwortete er mit einem verschmitzten L\u00e4cheln. Doch dann ging es erst richtig los.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Wohnzimmer stand ein Designwagen in leuchtendem Rotorange mit einer Glaskuppel f\u00fcr den Fahrer, Vitrinen voller Pokale, andere mit ungez\u00e4hlten Spielzeugautos. \u201eDas sind nur ein paar Pokale \u2013 die meisten sind in Kartons untergebracht \u2013 daf\u00fcr habe ich keinen Platz mehr. Und die Spielzeugautos \u2013 schau, auf allen steht mein Name. Die habe ich entworfen\u201c. Dann durchschritten wir eine f\u00fcnfeckige Schiebet\u00fcr und standen in einer Star-Trek Steuerzentrale. Und zum Ende der privaten F\u00fchrung zeigte Gene mit die neueste Gitarre f\u00fcr ZZ Top. Die hat er designt. Dann erst habe ich begriffen, dass mich der Zufall zu Gene Winfield geschickt hatte, die amerikanische Rennfahrer-Legende und Ikone f\u00fcr Customcars und Filmfahrzeuge (z.B. f\u00fcr: Blade Runner, Robocop, Star Trek, Batman und Mission: Impossible).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein herzlicher Empfang gepaart mit einer riesigen Portion Understatement. Und Gene sprach von seinen Zukunftspl\u00e4nen, Ausstellungen und neuen Entw\u00fcrfen f\u00fcr Customcars. Respekt!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie lauten Ihre Zukunftspl\u00e4ne? Gibt es einen dritten Teil von \u201eForest Punk\u201c oder auf was k\u00f6nnen sich Freunde der Sch\u00f6nheit des Verfalls freuen?<\/strong><br>Ich gebe es ja zu: Das Thema hat mich ergriffen. Gerade komme ich aus Frankreich zur\u00fcck. Dort konnte ich in einer Kalksteinh\u00f6hle fotografieren. Ein vergessener Ort mit ca. 40 Autos aus den 1930er bis 1940er Jahren. Mehrere Renault Monaquattre standen unter anderen dort, in dieser feuchten, dunklen Behausung, inzwischen in einem recht desolaten Zustand. Solche Ereignisse sind schon aufregend und fotografisch einmalig. Jetzt ist die H\u00f6hle allerdings ger\u00e4umt und die Bilder bekommen zus\u00e4tzlich den Status der Dokumention.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Inhaber der kleinen Pension, in der ich \u00fcbernachtete, stellte mir im Nachbarort den Besitzer einer Werkstatt vor. Spezialisiert auf Citro\u00ebn DS und Maserati arbeit ein ganzes Team von Fachleuten fast unsichtbar als Spezialisten f\u00fcr Autorestaurierung. Die Halle war gef\u00fcllt mit \u00fcber 100 Fahrzeugen. So \u201emusste\u201c ich noch zwei Tage l\u00e4nger in Frankreich bleiben.<br>Neben dieser Arbeit werde ich an verschiedenen Kunstmessen teilnehmen und ich m\u00f6chte weiterhin den Kreis erweitern f\u00fcr den Vortrag \u00fcber dieses nunmehr 8-j\u00e4hrige Projekt. Und sollten mir die Kunden treu bleiben, dann k\u00f6nnte ich noch weitere B\u00e4nde fertigstellen. Ganz einfach: Eins nach dem Anderen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wir danken Dieter Klein f\u00fcr das Interview. Das Interview f\u00fchrte Andr\u00e9 Winternitz<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Forest Punk \u2013 \u201eThe Fabulous Emotion\u201c<br>Retired Automobiles of North America<br>Gebundene Ausgabe: 480 Seiten<br>Verlag: Klein, Dieter<br>Sprache: Englisch, Deutsch<br>ISBN-10: 3937907475<br>ISBN-13: 978-3937907475<br>Teil 1 und 2 Preis: 68,00 EUR<br>www.forest-punk.de<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Leidenschaft des Fotografen Dieter Klein f\u00fcr Autowracks begann mit einem alten Citro\u00e9n-Laster im franz\u00f6sischen Aquitaine, der mitten in einem Holunderbusch vor sich hin rostete. 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