{"id":4216,"date":"2012-10-15T15:00:00","date_gmt":"2012-10-15T13:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/?p=4216"},"modified":"2026-06-24T15:03:07","modified_gmt":"2026-06-24T13:03:07","slug":"nachgefragt-bei-jens-kuhl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/interviews\/nachgefragt-bei-jens-kuhl\/","title":{"rendered":"Nachgefragt bei: Jens Kuhl"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wiesbadener Jens Kuhl erkundet seit Jahren Ruinen der Stadt- und Industriekultur und h\u00e4lt diese auf seiner Webseite www.geisterstadttaxi.de fest. Das Geisterstadttaxi nimmt den Betrachter mit an teilweise vergessene Orte und Pl\u00e4tze und bringt Selbigem die Sch\u00f6nheit des Verfalls n\u00e4her. Zum zehnj\u00e4hrigen Bestehen der Kreativfabrik am Wiesbadener Kulturzentrum Schlachthof hat Kuhl einen 48-seitigen Bildband herausgebracht, die den Wandel einer Industrielandschaft zeigen. Wir haben nachgefragt \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Jens, du bist auch dem Virus der Faszination f\u00fcr verlassene Orte und Industriekultur verfallen. Seit wann und warum?<\/strong><br>Ganz genau kann ich gar nicht sagen, seit wann. Als ich 1982 umgezogen bin, hat mich eine verfallene Kirche in der neuen Stadt total fasziniert. Betreten habe ich sie leider nie und ab Anfang der Neunziger wurde sie restauriert, zumindest konnte ich da zu Beginn der Bauphase noch ein paar Au\u00dfenaufnahmen des noch recht verfallenen Zustandes machen. Streng genommen habe ich eigentlich schon da diese Faszination gesp\u00fcrt. Wann ich dann so richtig anfing, zu urbexen, ist auch schwer zu sagen. 1999 habe ich das erste Mal einsturzgef\u00e4hrdete und schon teilkollabierte H\u00e4user betreten und ab da bin ich regelm\u00e4\u00dfig auf Schleichtouren gewesen. Aber schon 1998 war ich in einem Geb\u00e4ude unterwegs, in dem ich teilweise offiziell war, aber das nur in einem Fl\u00fcgel. Der gr\u00f6\u00dfte Teil dieses Ende der 1920er Jahre erbauten Warenlagers stand leer und war tabu \u2013 eigentlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einerseits war die Weite der leeren Hallen faszinierend, andererseits die alte Technik. Die Aufz\u00fcge waren teilweise ebenso von 1929 und offenbar nur unwesentlich ver\u00e4ndert, im Innenhof stand ein verwahrloster Armee-Sanit\u00e4tslastwagen, der offenbar noch aus der Zeit des 2. Weltkriegs stammte. Bet\u00e4tigte man im Keller den Lichtschalter, sprach ein Relais mit sattem Schlag an, der in den Hallen widerhallte. Deshalb sage ich mal, es begann 1998. Warum? Also genau wei\u00df ich es nicht. Ich habe die Vermutung, dass es an meiner Kindheit liegt. In einem Leipziger Viertel, das Industrie und Gr\u00fcnderzeith\u00e4user mit DDR-typischem Grau bot, habe ich eine wunderbare Kindheit erlebt. Vielleicht ist es ein bisschen wie bei dem pawlowschen Hund: Heruntergekommene Geb\u00e4ude erinnern mich unterbewusst an Geborgenheit und viele kleine Wunder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Du bezeichnest dich selbst als Urban Explorer. Besuchst du deine ausgew\u00e4hlten Objekte nur um sie zu erkunden und fotografisch \u201eabzulichten\u201c, oder steckt ein tieferer Gedanke dahinter?<\/strong><br>Manche Objekte besuche ich tats\u00e4chlich in erster Linie f\u00fcr Fotos und Erkundungen. Andere wieder fesseln mich, ber\u00fchren mich, laden zum Verweilen ein. Hier werden dann oft auch andere Intentionen wach, die, etwas zum Erhalt beizutragen. Die \u00d6lm\u00fchle Philipp Lorenz Fauth in Wiesbaden, Werk Steinm\u00fchle, war f\u00fcr mich so ein Ort und das szeneber\u00fchmte Kasteel van Mesen sowie eine Fabrik im Frankfurter Raum. Da w\u00e4chst der Wunsch, den Ort irgendwann nicht nur noch auf Fotos erleben zu k\u00f6nnen, sondern ihn dauerhaft zu sichern, so weit es irgendwie geht. Die Erfahrung, dass dann, wenn man wirklich versuchen will, etwas in der Richtung zu bewegen, man auf viele Urban Explorer offenbar nicht z\u00e4hlen kann, ist f\u00fcr mein Empfinden bitter. Ich denke, die Orte geben uns so viel und ab und an k\u00f6nnen wir ihnen auch etwas zur\u00fcckgeben. Allein schafft man es meist nicht, so einen Ort zu sichern, aber: Ich habe jedenfalls schon etliche Nicht-Urbexer kennenlernen d\u00fcrfen, die unserem Hobby offen und oft sogar interessiert gegen\u00fcberstehen und mit denen sich durchaus Synergien ergeben k\u00f6nnten, die \u201eunsere\u201c Orte ab und an vor endg\u00fcltiger Zerst\u00f6rung bewahren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Auf deiner Webseite finden sich zahlreiche Geb\u00e4ude und Objekte, deren Glanzzeit l\u00e4ngst verflogen ist. Einige wurden bedauerlicherweise bereits abgerissen. Erinnerst du dich noch an dein erstes Objekt, als du im Jahr 1998 mit dem Hobby begonnen hast \u2013 welches war das \u2013 und wie war das Gef\u00fchl, ein solches zu erkunden?<\/strong><br>Siehe Antwort 1. Welches Objekt das Erste war, ist schwer zu sagen. Das Erste, nachdem ich regelm\u00e4\u00dfig losgezogen bin, war jedenfalls ab 1998 jenes 1929 erbaute Warenlager. Die Weite der Hallen, eine irgendwie faszinierende Stimmung und ein paar alte technische Prachtst\u00fccke machten f\u00fcr mich hier das Besondere aus \u2013 die Lastenaufz\u00fcge von 1929, der Armee-Sanilastwagen und die alte K\u00fcchentechnik. Die Letztere hatte Gro\u00dfkochkessel, die \u00e4hnlich den Gro\u00dfkochkesseln im Chateau Noisy sind, sogar der Hersteller ist der Gleiche. Der Unterschied bestand in erster Linie in der Energiequelle. W\u00e4hrend die Noisy- Kessel mit Gas liefen, wurden die aus dem Warenlager elektrisch betrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Vierzehn Jahre bis du auf Entdeckungstour. Gibt es bei dir ein besonderes Erlebnis oder ein spezielles Vorkommnis, an das du sich besonders erinnerst, wenn du zur\u00fcckblickst? Oder gibt es eventuell sogar etwas Kurioses zu berichten?<\/strong><br>Definitiv, da gibt es Einiges. Kurios war eine Besteigung eines Industrieschornsteines. Gesichert mit einem Klettergurt, habe ich angefangen, ihn \u00fcber die Au\u00dfenleiter zu besteigen. In ungef\u00e4hr 50, 55 Metern H\u00f6he h\u00f6rte ich auf einmal jemanden von unten pfeifen. Unbemerkt von mir hatten sich unten 2 Streifenwagen postiert, deren Insassen nat\u00fcrlich in dem Moment etwas Anderes wollten als ich \u2026 Naja, meine Tour war, nur rund 10 Meter unterhalb der Spitze, dann nat\u00fcrlich zu Ende. Aber da man nicht jeden Tag so hohen Besuch bekommt und diesen dann aus so einer Perspektive betrachten darf, habe ich vor dem Abstieg von meinem Logenplatz aus noch ein paar Bilder von der Szenerie gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein besonderes Vorkommnis, das ich nie vergessen werde, war ein Besuch in einem stark verfallenen Kesselhaus. Der Besuch war wirklich gef\u00e4hrlich, das Haus rottete seit Jahrzehnten vor sich hin und ich kletterte dort in bestimmt 10 Metern H\u00f6he \u00fcber stark verrostete B\u00fchnen und Leitern aus Eisen, deren Zusammenbruch mein Ende gewesen w\u00e4re. Das Dach war teilweise schon kollabiert und im Inneren wuchsen B\u00e4ume, auf den Resten des Daches lag Schnee; jederzeit h\u00e4tte mich etwas erschlagen k\u00f6nnen. Ich kletterte dennoch durch die Anlage. Der Gefahren war ich mir bewusst und bewegte mich entsprechend. Sicher hat das auch mit dazu gef\u00fchrt, dass mich das Bauwerk sicher wieder aus seinem Bauch herauslie\u00df, ein bisschen war es vermutlich auch Gl\u00fcck. Als ich daheim ankam, erfuhr ich von dem Ungl\u00fcck in Kattowitz, bei dem eine offiziell freigegebene Hallendecke unter der Schneelast zusammenbrach und mehrere Menschen unter sich begrub. Es geschah genau in den Stunden, als ich durch das Kesselhaus kletterte. Mir jagt das noch heute Schauer \u00fcber den R\u00fccken. Menschen halten sich in einem Geb\u00e4ude auf, vertrauen auf Ingenieure und ihr K\u00f6nnen und sterben, ich betrete gleichzeitig ein Geb\u00e4ude mit dem Wissen um Gefahr und komme heil wieder zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sicher auch unvergesslich ist etwas, was ich geschenkt bekam. In einer leer stehenden Halle am Wiesbadener Schlachthof sollte ein Musikvideo gedreht werden. Eine Gothic-Band, der Name sagte mir damals nichts. Ich fragte freundlich an und durfte im Hintergrund dabei sein und Fotos machen, in einer kurzen Drehpause haben sie sich sogar einmal kurz f\u00fcr mich aufgestellt und ich durfte ein paar sch\u00f6ne Bilder von ihnen schie\u00dfen, an ihren Instrumenten, in der mir vertrauten Halle. Heute wei\u00df ich, wie wertvoll diese Fotos sind, denn es gibt sie schon nicht mehr in dieser Aufstellung. Tarja, die sich heute noch viele Nightwish-Fans zur\u00fcckw\u00fcnschen, stand damals nur wenige Meter von mir entfernt. Immer mal kommt sie in\u2019s Leben zur\u00fcck, die seit 2004 abgerissene Halle, wenn \u201eI wish I had an angel\u201c \u00fcber den Bildschirm flimmert \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Bei vielen Themen gehen die Meinungen auseinander. Welchen Fotografen man auch nimmt, der eine lichtet die Geb\u00e4ude nur von au\u00dfen ab, der andere legt Wert auf eine bunte Mischung zwischen Innen- und Au\u00dfenaufnahmen und wieder andere dokumentieren fotografisch jeden Winkel und noch so kleinen Raum. Auch bei dir gibt es eine \u201ebunte\u201c Mischung. Wie ist deine bevorzugte Herangehensweise und warum?<\/strong><br>Oh, ob ich eine bevorzugte Herangehensweise habe, wei\u00df ich gar nicht. Ich denke, es kommt auf das Objekt an. Bei manchen Objekten bieten sich Au\u00dfenaufnahmen an, weil die Fassade sch\u00f6n ist oder sich eine beeindruckende Vegetation vor oder auf dem Geb\u00e4ude entwickelt hat. Andere Objekte m\u00f6gen von au\u00dfen sch\u00e4big wirken, enthalten innen aber wahre Fundgruben an Inventar, Technik oder Schriften. Diese schreien nat\u00fcrlich nach Innenaufnahmen, teils Details. Was ich auch gern mache, sind Langzeitbelichtungen im Dunkeln. Hier kann man mit Taschenlampen die sch\u00f6nsten Bilder zaubern. Hier erf\u00e4hrt man, was Fotografieren ja eigentlich ist: Malen mit Licht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Welche Kamera(s) setzt du auf deinen Fototouren ein und was f\u00fcr ein Equipment wird von dir bevorzugt?<\/strong><br>Angefangen habe ich fotografisch im Urbex-Bereich mit einer einfachen kompakten Kamera f\u00fcr analogen Kleinbildfilm. Ich habe sie 1996 f\u00fcr 8 Mark auf einem Flohmarkt erworben und sie bot wirklich die einfachste Ausf\u00fchrung, die man sich nur vorstellen konnte: Der Ausl\u00f6ser, das R\u00e4ndelrad zum Weiterdrehen des Filmes und die Riegel f\u00fcr das Filmfach und den Linsenschutz waren nahezu die einzigen Funktionen. Dennoch leistete sie mir immer treue Dienste und wurde erst 1999 durch die ebenfalls analoge Minolta Dynax 500si abgel\u00f6st, meine erste Spiegelreflexkamera. Diese betrieb ich bis 2004. Au\u00dfer Betrieb nahm ich sie nicht, weil sie kaputt gewesen w\u00e4re, sondern weil mir der Platz f\u00fcr die analogen Fototaschen langsam knapp wurde. Ich stieg auf digital um mit einer Panasonic Lumix FX-5, 2006 kam dann die Nikon D50 dazu. Seitdem fotografiere ich zweigleisig \u2013 die Kompakten filmen und sind die Ger\u00e4te \u201ef\u00fcr die Hosentasche\u201c, die ich immer mitf\u00fchre, die DSLR \u00fcbernimmt die Aufnahme der hochwertigeren Fotos. Als die FX5 au\u00dfer Dienst ging, kam eine weitere Funktion f\u00fcr die Kompakten hinzu: Mit der Pentax W10 erwarb ich erstmalig eine wasser- und staubdichte Kamera, die in der Pentax WG-1 einen w\u00fcrdigen Nachfolger fand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manche Touren und die dabei auftretenden W\u00fcnsche lie\u00dfen mich auch ab und an selbst an Dingen basteln. So baute ich mir mit dem \u201eSchmetterling\u201c eine Konstruktion, durch die man eine filmende Kamera an einem Seil durch Fenster, L\u00f6cher im Boden etc. in tiefere Bereiche herablassen und so auch unzug\u00e4ngliche Bereiche filmen kann. Das System ist noch nicht ausgereift, da zum Beispiel das Schwanken der Kamera um die Vertikal-Achse am Seil schwer zu kontrollieren ist und das um so mehr, je weiter man sie heruntergelassen hat, aber ein erster Einsatz ist mir schon mal ganz gut gegl\u00fcckt. Video im neuen Fenster \u00f6ffnen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine weitere Idee entstand beim Begehen von Katakomben, Tunneln und Kan\u00e4len: Wie leuchtet man eine beispielsweise hundert Meter lange R\u00f6hre so aus, dass man seine Dimensionen auf einem Video voll erfassen kann? Auf dem Markt gibt es eine Menge guter Taschenlampen, doch ich habe keine gefunden, die mich in diesem Punkt zufriedenstellte. So baute ich mir die \u201eTunnelratte\u201c, die ein bisschen an eine Panzerfaust erinnert. Das \u201eMutterschiff\u201c ist bei mir eine bis 1000 Lumen helle und mit 6 D- Zellen best\u00fcckte LiteXpress Workx 503. Sie wird auf den Nahbereich eingestellt, den sie mit ihrem satten Licht mehr als gut ausleuchtet. F\u00fcr den Fernbereich sind hingegen andere Lampen besser geeignet. In einem ersten Prototyp befestigte ich an der Unterseite der Workx eine 200 Lumen helle und laut Hersteller bis 210 Meter weit leuchtende Zweibr\u00fcder Led Lenser P7, in einem 2. Typ verbaute ich eine Led Lenser X7R, die 500 Lumen und 320 Meter Reichweite bietet. Oberhalb der Lampe wird die Pentax WG-1 befestigt, der Blickwinkel der Kamera und die Lichtkegel der Lampen aufeinander abgestimmt und dann kann das Abenteuer auch schon beginnen. Hier ein Video zum Aufbau. Video im neuen Fenster \u00f6ffnen!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Fotografen wie du sehen auf ihren Fototouren viel Vandalismus und kriminelle Energie, die den Geb\u00e4uden arg zugerichtet hat. Teilweise sind solche, nicht nachvollziehbaren Entgleisungen der Grund f\u00fcr die Zerst\u00f6rung und das Ende ganzer Objekte. Das Resultat sind komplexe Sicherheitsvorkehrungen der Eigent\u00fcmer und harte Strafen f\u00fcr Fotografen, die ohne spezielle Genehmigung diese Objekte betreten. Wie ist deine Meinung zu diesem Thema?<\/strong><br>Ich denke, die ist der vieler anderer Urbexer \u00e4hnlich: Zus\u00e4tzlich zur bekannten Ethik hei\u00dft das, dass man die Lage von Orten, die noch nicht bekannt und hoffnungslos randaliert, saniert und neu genutzt oder abgerissen sind, eben nur mit Menschen teilt, die man kennt und denen man vertrauen kann. Reine Internetbekanntschaften erf\u00fcllen das in der Regel nicht. Ich vergleiche das immer wieder so: Du hast ein kleines Kind: W\u00fcrdest Du es einem Menschen anvertrauen, den Du nur aus dem Internet kennst? Und genauso schutzlos wie das Kind sind die Orte oft auch. Leider habe ich da schon Einstellungen erlebt, die mich nur hilflos zur\u00fccklassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein ehemaliges Mitglied meiner Urbex-Gruppe auf WKW hat im Forum \u00f6ffentlich die Weitergabe von Lagebeschreibungen angeboten. Auf meine Bitte, das doch auf pers\u00f6nlich bekannte und vertrauensw\u00fcrdige Personen zu beschr\u00e4nken, erfuhr ich, ich solle es ihr \u00fcberlassen, was sie mit ihren Locations tue. Wieder ein anderes Mitglied hat seine Ortsinfos im Tausch gegen f\u00fcr ihn neue Ortsinfos angeboten. Ich frage mich: Haben manche Leute vergessen, dass wir in \u201eunseren\u201c Locations meistens zu Gast sind und die wirklichen Eigent\u00fcmer Andere sind? Wo ist eigentlich die gesunde Portion Demut, die jeder haben sollte, der irgendwo zu Gast ist? In diesen Momenten kann ich Eigent\u00fcmer verstehen, die ihre Tore und Ohren f\u00fcr uns verschlie\u00dfen. Ich denke, wir sind verdammt noch mal Urbexer und keine Heuschrecken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Du hast auf deinen Fototouren bereits viel gesehen und erlebt. Gibt eine Location \u2013 wo auch immer \u2013 die du gerne einmal aufsuchen w\u00fcrdest, oder bleibst du bei einem \u201eLiebling\u201c, der immer wieder besucht wird?<\/strong><br>Ja, aber diese sind meist unerreichbar geworden. Die \u00d6lm\u00fchle Fauth, Werk Steinm\u00fchle, im S\u00fcdosten von Wiesbaden gelegen, besteht seit 2003 nicht mehr. Vom Kasteel van Mesen ist Vieles zerst\u00f6rt und die Fabrik im Frankfurter Raum ist so bewacht und ihre Bewacher so aggressiv, dass es keinen Spa\u00df mehr macht. Was mir aber jeder dieser Orte an wundervollen Momenten geschenkt hat, kann kein Vandale und kein Bagger zerst\u00f6ren. Aufsuchen w\u00fcrde ich alle diese Orte gern wieder und so mache ich dies immer wieder in Gedanken, beim Betrachten von Fotos und Filmen \u00fcber sie. Das sind die Wichtigsten, aber nicht einzigen Orte, die ich gern immer wieder besuchen w\u00fcrde. Oft geht es nur noch in der Fantasie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Am 12. Oktober diesen Jahres hast du dein Buch \u201eFreir\u00e4ume im Wandel \u2013 10 Jahre Kulturpark\u201c zum zehnj\u00e4hrigen Bestehen der Kreativfabrik am Wiesbadener Kulturzentrum Schlachthof ver\u00f6ffentlicht. Was hat es mit diesem Buch auf sich und was erwartet den Interessierten?<\/strong><br>Der Anlass f\u00fcr das Buch war in der Tat das 10-j\u00e4hrige Bestehen der Kreativfabrik, die sich 2002 aus der \u201eIG Schlachthof f\u00fcr die Jugend\u201c gegr\u00fcndet hat. Der alte Wiesbadener Schlachthof und die bereits erw\u00e4hnte \u00d6lm\u00fchle Fauth in direkter Nachbarschaft waren damals schon jahrelang weitgehendes Urbex-Gel\u00e4nde. Auf dem Gel\u00e4nde siedelte sich, meines Wissens seit den fr\u00fchen 1990er Jahren, weitgehend alternative Jugendkultur an. Das Gel\u00e4nde galt in Wiesbaden als Schmuddelecke, umgekehrt konnte sich da autarke Kultur jenseits des Kommerzes entwickeln. Ein Kulturzentrum etablierte sich, dass mittlerweile ein international geachteter Konzertveranstalter geworden ist. Das internationale \u201eMeeting of Styles\u201c, in den ersten Jahren unter dem Namen \u201eWall Street Meeting\u201c am Start, holte internationale Graffiti-K\u00f6nner auf das Gel\u00e4nde, die mit ihren Kannen wahre Kunstwerke zauberten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Gel\u00e4nde bot einen Platz, an dem man legal spr\u00fchen konnte und hier passte auch zusammen, was es oft nicht tut: Urbexer und Graffitispr\u00fcher. Meines Wissens war es damals die gr\u00f6\u00dfte Freiluft- Graffiti-Galerie Europas. Doch ab 2001 kamen die Bagger und machten in den kommenden Jahren immer mehr Geb\u00e4ude dem Erdboden gleich. Im Gegensatz zu heute, wo der Schlachthof ein fest etablierter Veranstalter ist, mussten sie damals noch um ihre Existenz bangen, von der Stadtpolitik keineswegs so behandelt, wie man das erwarten kann. So wurden mal eben bei Arbeiten auf dem Gel\u00e4nde prim\u00e4re Stromkabel besch\u00e4digt, sodass der Veranstalter im Dunkeln sa\u00df und sich \u00fcber l\u00e4ngere Zeit mit einem Notstromaggregat behelfen musste. Angesichts dieser Zust\u00e4nde gr\u00fcndete sich aus unterschiedlichen Jugendverb\u00e4nden die IG Schlachthof f\u00fcr die Jugend, die Ideen f\u00fcr einen Kulturpark auf dem Gel\u00e4nde entwickelten und f\u00fcr diese auch k\u00e4mpften. Kurz nach der Gr\u00fcndung stie\u00df ich dazu und erlebte es mit: Demonstrationen, Sitzungen im Stadtparlament, Podiumsdiskussionen, Veranstaltungen und bald die ersten Erfolge. Und in all dem stromerte ich immer wieder durch die Ruinen, die f\u00fcr Jahre mein 2. Zuhause wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Inzwischen ist der Kulturpark Realit\u00e4t, wenn auch nicht in allen Punkten so, wie von uns erhofft. Der Schlachthof ist ein fest etablierter Veranstalter und im Gegensatz zu 2002 traut sich heute auch kein Politiker mehr, das infrage zu stellen. Die aus der IG hervorgegangene Kreativfabrik ist ein eigener kleiner Veranstalter geworden. Zum 10-j\u00e4hrigen Bestehen hat sich die Kreativfabrik nun meiner vielen Bilder erinnert und sie gebaren die Idee zu diesem Bildband und ja, nat\u00fcrlich war ich gern dabei. Die Buchvorstellung und die dazugeh\u00f6rige Vernissage war f\u00fcr Viele von uns eine Zeitreise in die eigene Vergangenheit, teilweise sogar die Jugend. Zu erleben, wie die Menschen vor meinen Bildern stehen, ins Gespr\u00e4ch kommen und wie ihre Erinnerungen erwachen, war f\u00fcr mich ein unbeschreiblich sch\u00f6nes Geschenk. Wenn es noch Beweise braucht, dass Urbex gute Fr\u00fcchte tragen kann, dann hat sie mir dieser Abend erbracht \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Herausgeber des Buches ist der Verein \u201eKreativfabrik Wiesbaden e.V.\u201c Erschienen ist eine erste Auflage mit 100 St\u00fcck. Das Buch kostet 25 Euro und ist bei der Kreativfabrik zu erwerben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was gibt es demn\u00e4chst von Jens Kuhl zu lesen, sehen oder h\u00f6ren, bzw. wie lauten deine Zukunftspl\u00e4ne?<\/strong><br>In diesem Jahr habe ich es mit Urbex seit 1998 erstmalig etwas ruhiger angehen lassen. Ich habe weniger stark den Wunsch gesp\u00fcrt, auf Touren zu gehen. Ich denke, dann sollte man sich diese Pause auch g\u00f6nnen und anderen Ideen zuwenden. Inzwischen ist die Lust aufs Schleichen zur\u00fcckgekehrt, wie es weitergeht, werde ich erleben. Ich sehe das auch nicht tragisch. Es darf gern einmal Objekte geben, in denen Andere vor mir waren, die sie in unber\u00fchrterem Zustand erleben oder auch solche, die ich gar nicht erlebe. Meine Seite \u201eGeisterstadttaxi.de\u201c ist schon etwas l\u00e4nger liegen geblieben und viele unver\u00f6ffentlichte Bilder warten auf ihren Platz. Auch meine fr\u00fcher betriebssamere WKW- Gruppe ist derzeit etwas ruhiger. Hier wieder etwas neuen Betrieb hereinzubekommen, sind noch Ziele, die mir wichtig sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wir danken Jens Kuhl f\u00fcr das Interview. Das Interview f\u00fchrte Andr\u00e9 Winternitz.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Wiesbadener Jens Kuhl erkundet seit Jahren Ruinen der Stadt- und Industriekultur und h\u00e4lt diese auf seiner Webseite www.geisterstadttaxi.de fest. 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