{"id":1537,"date":"2020-03-15T12:02:00","date_gmt":"2020-03-15T11:02:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/?p=1537"},"modified":"2026-09-14T07:01:38","modified_gmt":"2026-09-14T05:01:38","slug":"schatten-von-unbekannter-autor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/kurzgeschichten\/schatten-von-unbekannter-autor\/","title":{"rendered":"Schatten \u2013 Von Unbekannter Autor"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da war ein Licht am Ende des Tunnels. Genau wie es einem immer versprochen wurde. Ein wundersch\u00f6nes Licht, warm und golden, wie das der Oktobersonne, wenn sie Abends zwischen dichten, herbstlichen Baumkronen versinkt und die Welt in ihr Zauberlicht h\u00fcllt. Sein Anblick erf\u00fcllte mich mit einer eigenartigen Ruhe und einem tiefen, erf\u00fcllenden Frieden. Es war anziehend, wie ein stummes, leuchtendes Versprechen, dem man einfach folgen musste. Ich sehnte mich danach, hineinzugehen, um zu sehen, was danach kam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe immer gewusst, wie ich einmal sterben w\u00fcrde. Ich wusste, eines Tages w\u00fcrde ich \u00fcber eine Kreuzung fahren oder \u00fcber eine gr\u00fcne Ampel, an einer Seitenstra\u00dfe vorbei, und jemand, wahrscheinlich ein LKW, w\u00fcrde mir die Vorfahrt nehmen und mir mit voller Wucht ungebremst in die Seite brettern. Ich wusste genau, irgendwann w\u00fcrde es krachen. Aus heiterem Himmel. Ich konnte es vor meinem geistigen Auge sehen, wann immer ich \u00fcber Kreuzungen, gr\u00fcne Ampeln und an Seitenstra\u00dfen vorbei fuhr. Ich sah das Glas splittern und h\u00f6rte den Aufprall.<br>Aber ich ertrank.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht, weil Unf\u00e4lle immer dann passieren, wenn man sie eben nicht erwartet. Oder weil das Schicksal es am\u00fcsant findet, Vorahnung zu missachten. Oder weil meine Vorahnungen keine Vorahnungen, sondern blo\u00df Einbildungen waren. Hirngespinste, \u00fcbereifrige Fantasien, die rein gar nichts damit zu tun hatten, dass ich tats\u00e4chlich vor meiner Zeit abtreten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht war es auch einfach nicht besonders klug, sich den Hals nach einer fremden Blondine zu verdrehen, wenn man am Rand des F\u00fcnfmeterbretts im \u00f6rtlichen Schwimmbad steht und mit einem miserablen Gleichgewichtssinn gesegnet ist. Es brauchte nur eine winzige Drehung in die falsche Richtung. Meine F\u00fc\u00dfe glitten aus, ich trat mit einem Bein ins Leere, rutschten vom Brett, und schlug mir im Fallen den Kopf an der Kante an. F\u00fcnf Meter tiefer klatsche ich bewusstlos ins Wasser. Wie ich ertrank, bekam ich nicht mit, ich war umh\u00fcllt von einer Wolke aus dunklem, dumpfen Schmerz, dann wurde es noch schw\u00e4rzer. Diesbez\u00fcglich kann ich mich wahrscheinlich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen. Zu ertrinken mag als eine der angenehmeren Arten zu sterben gelten, wobei ich mich frage, wer das genau beurteilen will, aber erleben will man das trotzdem nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fakt ist, ich war tot. Nicht lange. Nicht lange genug, um mein Gehirn zu ruinieren \u2013 Gott bewahre, und an Gott, oder zumindest irgendetwas G\u00f6ttliches, glaube ich seit diesem Ereignis. Aber ich war tot. Tot genug, um das Licht zu sehen und zu verstehen, dass ich hineingegangen w\u00e4re, h\u00e4tten sie mich nicht zur\u00fcckgeholt. Und ich w\u00e4re gerne gegangen. Vielleicht sogar lieber, als zu bleiben. Aber die Wahl hatte ich nicht, denn sie holten mich zur\u00fcck. Zumindest glaubte ich vorerst, dass ich keine Wahl hatte und lieber gegangen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Nachhinein allerdings frage ich mich oft, ob es genau anders herum war. Dass sie mich nur zur\u00fcckholen konnten, weil ich doch eine Wahl hatte und auch eine Entscheidung traf. N\u00e4mlich nicht zu gehen. Weil da noch etwas war in diesem Licht, etwas, das mich zutiefst entsetzte. Aber das fiel mir erst sp\u00e4ter wieder ein. Erst einmal glaubte ich, ich h\u00e4tte den Weg ins Paradies gesehen und h\u00e4tte ihn noch nicht gehen d\u00fcrfen.<br>Die \u00c4rzte sagen, dieses Licht, das so viele zu sehen glauben, sei lediglich auf Projektionen im Gehirn zur\u00fcckzuf\u00fchren. Auf etwas, das geschieht, wenn sich diese Hochleistungsmaschine herunterf\u00e4hrt, kurz bevor sie sich ganz abschaltet. Das sei weder ungew\u00f6hnlich, noch \u00fcbernat\u00fcrlich.<br>Ich bin sicher, dass sie mit dieser Annahme ziemlich falsch liegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich jedenfalls lag ein Woche im Krankenhaus, lie\u00df etliche Tests \u00fcber mich ergehen und durfte es schlie\u00dflich offiziell als lebendiger und kerngesunder Mann wieder verlassen \u2013 keine bleibenden Sch\u00e4den, nochmal Gl\u00fcck gehabt, passen Sie in Zukunft etwas besser auf sich auf. Selbstverst\u00e4ndlich. Etwas benommen von all dem ging ich nach Hause, versuchte, zu verarbeiten, was da geschehen war, und in mein normales Leben zur\u00fcckzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das klingt leichter, als es ist. Viele einschneidende Erlebnisse ver\u00e4ndern einen, lassen einen die Welt aus einer anderen Perspektive wahrnehmen, auch die Menschen im eigenen Umfeld. Man \u00fcberdenkt so einiges, manchmal sein ganzes Leben. Einmal tot gewesen zu sein geh\u00f6rt sicherlich zu jenen Erlebnissen, die einen nicht nur ver\u00e4ndern, sondern in seinen Grundfesten ersch\u00fcttern. Vermutlich gibt es Leute, die das mit links wegstecken, und ich war einer von jenen, die, h\u00e4tte man sie im Vorfeld gefragt, sehr \u00fcberzeugt davon gewesen w\u00e4ren, dieser elit\u00e4ren Gruppe anzugeh\u00f6ren. Tja, das war ein Irrtum. Ich steckte gar nichts weg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stattdessen versank ich in tr\u00fcbsinniger Gr\u00fcbelei. \u00dcber den Sinn des Lebens \u2013 hatte es \u00fcberhaupt einen? \u00dcber das was danach kam \u2013 was kam danach? Kam was danach? War das Licht am Ende doch nur ein Kurzschluss in meinem Denkapparat? Was sollte ich jetzt anstellen, mit meinem Leben, meiner Familie, meinem Haus mit Garten und den Kindern und dem Job?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieser Zustand hielt einige Tage an. Dann kamen die Tr\u00e4ume. Und dabei fiel es mir wieder ein.<br>Ich hatte nicht nur ein Licht \u2013 ein wundervolles Traumlicht \u2013 gesehen. Ich hatte etwas darin gesehen. Es kam auf mich zu, ich wei\u00df noch, ich dachte, vielleicht ein Verwandter, irgendein Vorfahr, jemand, der mir die Hand reicht und mich abholt. Aber es war kein menschliches Wesen. Es hatte zwei Arme und zwei Beine und einen Kopf, und es war d\u00fcnn, wie aus Zweigen gebastelt, und die Gliedma\u00dfen waren viel zu lang, der Kopf zu schmal und es war schwarz, tiefschwarz. Es hatte kein Gesicht, keine Augen, nur dieses schwarze, l\u00e4nglich schmale Oval, das sein Kopf war. Und es erf\u00fcllte mich mit eisigem Grauen. Es musste keine Z\u00e4hne haben, die es blecken konnte, um mich wissen zu lassen, dass es ein Ungeheuer war. Ich konnte es sp\u00fcren. Ich habe es damals gesp\u00fcrt und sp\u00fcrte es wieder, als es in meinen Tr\u00e4umen erschien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Tr\u00e4ume waren wie ein zweites Mal zu sterben. Erst sah ich den langen, dunklen Tunnel, an dessen Ende sich ein kleiner Lichtpunkt befand. Ich ging n\u00e4her und n\u00e4her, und das Licht wurde gr\u00f6\u00dfer und heller und pr\u00e4chtiger, und dann, es kam von links, war da dieses Ding, und ich wusste, w\u00fcrde ich weitergehen, w\u00fcrde es mich packen. Ich war schwei\u00dfgebadet, wenn ich aufwachte und ich muss jedes Mal geschrien haben, denn meine Frau sa\u00df hellwach neben mir im Bett und fragte mich, was los sei. Ich sagte ihr, ich h\u00e4tte von dem Unfall getr\u00e4umt. Von dem Wesen sagte ich nichts. Nie. Ich tr\u00e4umte jede Nacht davon. Es war immer der gleiche Traum. Ich ging durch den Tunnel, auf das Licht zu, und von links erschien die schwarze Gestalt. Ich wachte auf, immer wenn ich mich entschied, umzukehren und ihr nicht in die Arme zu laufen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Frau riet mir, einen Arzt aufzusuchen, einen Seelenklempner. Vollkommen verst\u00e4ndlich, von ihrer Warte aus betrachtet, schlie\u00dflich wurde sie einmal pro Nacht durch einen gellenden Schrei aus dem Schlaf gerissen. Ich tat, was sie sagte, sprach mit einem Psychologen, erz\u00e4hlte ihm von dem Unfall, von dem Licht, h\u00f6rte mir an, was er \u00fcber Kurzschl\u00fcsse im Gehirn und damit verbundene Nahtoderfahrungen zu sagen hatte, und lie\u00df mir Pillen verschreiben, die mich m\u00fcde machten und noch mehr tr\u00e4umen lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einer Woche zog ich ins G\u00e4stezimmer. Ich schrie immer noch, aber meiner Frau nicht mehr direkt ins Ohr. Die Tr\u00e4ume verschwanden nicht, die Pillen landeten im M\u00fclleimer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kinder wollten wissen, was mit mir nicht stimmte. Warum ich jede Nacht schrie, warum ich da war und doch nicht da war. Einem Dreij\u00e4hrigen und einem F\u00fcnfj\u00e4hrigen erkl\u00e4rte man nicht einfach so, dass Papa ein paar Minuten klinisch tot war und jetzt an einer Art Posttraumatischer Belastungsst\u00f6rung litt (oder wie immer der Seelenklempner das genannt hatte, ich habe ihm nie richtig zugeh\u00f6rt), aber ihre Mutter tat ihr Bestes, ihnen irgendetwas zu erkl\u00e4ren. Ich wei\u00df nicht, was genau. Ich k\u00fcmmerte mich nicht darum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die meiste Zeit sa\u00df ich am Fenster des G\u00e4stezimmers, das hinaus auf unseren Garten zeigte, und starrte die dunklen Tannen an, die den Rand unseres Grundst\u00fccks s\u00e4umten, oder den Sternenhimmel, wenn es Nacht wurde. Ich schlief nicht mehr besonders gerne, also sah ich mir die Sterne oft und lange an. Ich dachte wieder h\u00e4ufiger \u00fcber Seelenklempner nach. Vielleicht brauchte ich nur einen anderen, oder ein paar andere Pillen. Aber ich wusste, dass dem nicht so war. Ich wusste es ganz genau, aus einem verzweifelten, tiefen Verst\u00e4ndnis heraus.<br>Meine Entlassung aus dem Krankenhaus war drei Wochen her (oder waren es vier \u2026 oder f\u00fcnf?), ich war noch krank geschrieben und konnte mich meinen Gr\u00fcbeleien ungest\u00f6rt hingeben. Die Tr\u00e4ume nahmen zu. Ich wachte jetzt nicht mehr nur einmal in der Nacht auf, es geschah, wann immer ich einschlief. Nachts, Tags\u00fcber, sobald ich die Augen schloss, sobald mein Bewusstsein den Wachzustand hinter sich lie\u00df. Der Tunnel, das Licht, das Wesen. Und es r\u00fcckte immer n\u00e4her. Je \u00f6fter ich tr\u00e4umte, desto n\u00e4her kam es, bis es schlie\u00dflich schon am Anfang des Tunnels auf mich wartete. Nur ein Schatten, der mit der Dunkelheit zu einem schwarzen Nichts verschmolz. Aber ich wusste, dass es da war. Ich wusste, dass es kalt sein w\u00fcrde, wenn es mich mit seinen langen, d\u00fcnnen Fingern packte. So kalt, dass es brennen w\u00fcrde wie Feuer. Ich wusste es.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Wirklichkeit war es noch viel k\u00e4lter. Ich wei\u00df nicht, wie lange es her ist, dass er mich gepackt hat. Zwei Wochen, drei? Monate? Seine Hand schloss sich fest um meinen Arm. Mir stockte der Atem, er gefror mir in der Kehle, erstickte meinen Schrei. Ich habe seitdem nie mehr geschrien. Mein Herz ist kalt, und ich friere, obwohl drau\u00dfen Hochsommer ist. Aber ich glaube, drau\u00dfen war ich schon lange nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Frau ist nicht mehr hier. Ich wei\u00df nicht, wann sie gegangen ist, nur noch, dass sie sagte, sie w\u00fcrde die Kinder nehmen und eine Weile verreisen, bis ich mich wieder im Griff h\u00e4tte. Verreisen \u2026 sagte sie verreisen? Ich wei\u00df nicht. Vielleicht auch ausziehen. Oder verschwinden. Oder sie sagte, ich solle verschwinden. Jedenfalls ist sie weg. Sie sind alle drei weg. Daf\u00fcr ist er jetzt da. Auch, wenn ich nicht schlafe. Er sitzt da in einer Ecke und h\u00e4lt mein Herz umklammert, zumindest f\u00fchlte es sich so an. Mir ist furchtbar kalt. Ich sehe ihn aus den Augenwinkeln, egal wo ich bin. Ich w\u00fcrde gerne wissen, ob andere ihn auch sehen, aber es ist niemand da, den ich fragen k\u00f6nnte. Vielleicht gehe ich morgen raus und frage den erstbesten, den ich treffe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hab gestern schon versucht rauszugehen (ich glaube, es war gestern), dabei bin ich \u00fcber den Vorschlaghammer gestolpert, den irgendjemand so dumm an die Treppe gelehnt hat, das er einem quasi ein Beinchen stellt. Ich hab damit damals, vor einer gef\u00fchlten Ewigkeit, die Pfosten f\u00fcr unseren Zaun in den Boden geschlagen, damit der Garten ordentlich aussieht und der Hund, den wir irgendwann einmal haben werden, nicht abhauen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt klebt Blut daran, aber ich kann mich nicht erinnern, weshalb. Ich hab es gesehen, als ich dr\u00fcber gestolpert bin, und mich gefragt, wie lange es da schon dran klebt. Eigentlich sieht es frisch aus, aber ich hab den Hammer eine Ewigkeit nicht benutzt. Ich wei\u00df nicht einmal, weshalb er da gestern an der Treppe lehnte. Ich verga\u00df dar\u00fcber, nach drau\u00dfen zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich wollte jemanden anrufen, meine Frau, meinen Seelenklempner, einen Freund \u2013 ich hatte mal Freunde, ich wei\u00df nicht, wo sie jetzt sind. Aber ich glaube, ich brauche sie sowieso nicht mehr. Ich brauche niemanden mehr, ich hab ja jetzt ihn. Au\u00dferdem ist das Telefon kaputt. Sieht aus, als h\u00e4tte jemand mit einem gro\u00dfen Hammer zugeschlagen. K\u00f6nnen Telefone bluten?<br>Seit einer Weile spricht er mit mir. Nicht richtig, er hat keinen Mund, obwohl ich auch das nicht so genau wei\u00df, ich kann ihn nicht fixieren. Ich sehe ihn nur aus den Augenwinkeln und dann nur als schwarzes, d\u00fcnnes Wesen. Er fl\u00fcstert, direkt in meinen Kopf. Es sind keine Worte, keine Sprache. Aber ich wei\u00df trotzdem, was er sagt. Er antwortet mir sogar, wenn ich ihm Fragen stelle.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich fragte, wie er hei\u00dft, er sagte, er habe viele Namen.<br>Ich fragte, woher er komme, er sagte, ich h\u00e4tte ihn mitgebracht, wof\u00fcr er mir dankbar sei.<br>Ich fragte, woher ich ihn denn mitgebracht h\u00e4tte und wer er sei, und er sagte, aus der Dunkelheit und er sei so alt wie die Zeit, und mehr als ich begreifen k\u00f6nnte.<br>Er sagte mir auch, er habe Hunger und hier g\u00e4be es nichts mehr. Ich solle zu den Nachbarn gehen und den Hammer nicht vergessen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war schon dunkel, als ich bei ihnen vor der T\u00fcr stand und klingelte. Das Nachbarm\u00e4dchen \u00f6ffnete mir, sie war allein zu Haus. Sie kaute Kaugummi \u2013 mit offenem Mund, es sah ekelhaft aus \u2013, sah mich genervt an, wie Teenager das so tun, als k\u00e4me ich gerade ungelegen, und fragte mich, was ich wolle. Ihr Blick fiel auf den Hammer, den ich mit einer Hand am Ende des Griffs gepackt hielt und am Boden hinter mir herschleifte. Sie h\u00f6rte auf zu kauen, machte einen Schritt zur\u00fcck, wollte die T\u00fcr zuwerfen, aber ich hatte den Hammer hochgenommen, geschwungen und schlug mit aller Kraft auf die T\u00fcr ein, die ein knackendes Splittern von sich gab und nach innen aufflog. Das M\u00e4dchen stolperte r\u00fcckw\u00e4rts ins Haus, ich folgte ihr. Er machte hinter uns die T\u00fcr zu, mit einem Windsto\u00df, kalt wie eine uralte Winternacht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das M\u00e4dchen wimmerte und lief weiter ins Haus. In der K\u00fcche trieb ich sie in eine Ecke, wo sie weiter bettelte und gar nicht mehr genervt aussah. \u201eAber er hat Hunger\u201c, sagte ich und schwang den Hammer.<br>Ich hatte auch Hunger und ging zum K\u00fchlschrank. Ich a\u00df, was ich finden konnte, mein Magen war wie ausgeh\u00f6hlt. Ich schmeckte nichts und stopfte alles in mich hinein. In der K\u00fcchenecke ert\u00f6nte saftiges Schmatzen, aus den Augenwinkeln sah ich, wie er die Eingeweide des M\u00e4dchens \u00fcber dem Boden verteilte. Er schmatze, und er wuchs, und mich erf\u00fcllte eine ungewohnte W\u00e4rme. Als w\u00fcrden seine kalten H\u00e4nde, die mein Herz umfangen hielten, wohlig warm wie ein Kaminfeuer an einem frostigen Abend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er a\u00df weiter, ich ging, drei W\u00fcrstchen in der einen, den Hammer in der anderen Hand, durch das Haus und l\u00f6schte \u00fcberall die Lichter, indem ich s\u00e4mtliche Gl\u00fchbirnen zerschlug, auch die, die nicht brannten, und biss dabei immer wieder von den W\u00fcrstchen ab. Dann setzte ich mich ins Dunkel auf die Couch und wartete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendwann h\u00f6rte ich einen Wagen vor dem Haus, dann Stimmen. Ich stand auf und stellte mich in den Flur neben die Haust\u00fcr. Er stellte sich neben mich. Drau\u00dfen sagte jemand etwas \u00fcber ein Loch in der T\u00fcr, dann ging sie auf. Der Lichtschalter wurde an und aus und an und ausgeknipst, aber es blieb dunkel. Glassplitter knirschten unter den F\u00fc\u00dfen der beiden Gestalten. Jemand keuchte, sagte etwas von Polizei, jemand anders rief \u00e4ngstlich einen Namen. Die T\u00fcr schwang zu, durch einen eisigen Windsto\u00df. Ich schwang den Hammer, einmal, zweimal. Danach war alles wieder still. Ich schleppte die Eltern des M\u00e4dchens zu ihm in die K\u00fcche und setzte mich auf die Couch. Er a\u00df weiter. Ich schlief irgendwann ein. Traumlos. Seit er da war, tr\u00e4umte ich nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich erwachte, war es hell. Ich ging in die K\u00fcche und fand drei Leichen mit eingeschlagenen K\u00f6pfen und ausgeweideten B\u00e4uchen. Mir drehte sich der Magen um. Ich lief ins Bad, st\u00fcrzte zur Toilette und \u00fcbergab mich. Als ich zum Waschbecken wankte, um mir den Mund auszusp\u00fclen, fiel mein Blick auf mein Spiegelbild, und ich verharrte mit der Hand \u00fcber dem Wasserhahn, den ich eben ge\u00f6ffnet hatte. Das Gesicht kam mir vage bekannt vor. Ich hatte es schon einmal gesehen, vor langer Zeit. Nicht so hager. Ohne die eingefallenen Wangen und ohne diesen Bart, der ungepflegt und mindestens zwei Monate alt war und in dem Essensreste und Kotze hingen. Ohne die schwarzen Ringe unter den blutunterlaufenen Augen. Ohne die str\u00e4hnigen Haare, die viel zu lang in eine viel zu blasse Stirn fielen. Mein Blick war leer, wie mein Kopf, und nur von einem mageren Hauch Erkenntnis erf\u00fcllt. Dann sah ich ihn.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er stand hinter mir. Gr\u00f6\u00dfer als zuletzt, breiter, mit mehr Substanz. Er \u00fcberragte mich jetzt um einen Kopf und starrte mich aus dem Spiegel heraus an. Ich sah ihn, und ich sp\u00fcrte ihn. Gro\u00df und kalt und furchtbar.<br>Ich fl\u00fcsterte: \u201eWas bist du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er kam n\u00e4her, so nah, dass seine K\u00e4lte mich einh\u00fcllte und bis ins Mark durchdrang, legte seine langen, d\u00fcrren Finger um meine Arme und l\u00e4chelte, ohne Mund, in einem schwarzen, gesichtslosen Gesicht. Wir m\u00fcssen weiter, sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er musste ihn gesp\u00fcrt haben, diesen Hauch von Erkenntnis, der ein kaum merkliches, inneres Z\u00f6gern nach sich zog, denn seine Finger umfingen meine Arme fester und fester, so fest, dass ihre eisige K\u00e4lte durch mein Hemd in meine Haut und immer tiefer, bis in mein Fleisch, schnitt. Ich schrie vor Schmerz und wand mich in seinem erbarmungslosen Griff. Pl\u00f6tzlich lie\u00df er los. Ich fiel auf die Knie, presste die H\u00e4nde auf die Wunden. Ich roch verbranntes Fleisch. Mir wurde wieder \u00fcbel, aber dieses Mal \u00fcbergab ich mich nicht. Er stand immer noch neben mir. Kannte er sein Spiegelbild? Fand er es ebenso faszinierend wie jedes Wesen, das es zum ersten Mal erblickte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber er sah nicht in den Spiegel. Er sah auf mich hinab. Und ich sah zu ihm auf. Der Schmerz beherrschte noch meinen K\u00f6rper und verst\u00f6rte meinen Geist, aber ich sah in die dunkelste Schw\u00e4rze, die ich je erblickte, und sie fesselte mich. Ich sah in seine Augen. Ich wusste nicht, ob sich das, was ich dort sah, immer in den Tiefen seiner Augen spiegelte, oder ob er mich an seinem Wissen, seinen Gedanken, seinen finsteren Tr\u00e4umen teilhaben lie\u00df. Ob er wollte, dass ich es sah.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er kam n\u00e4her, so nah, dass ich nichts als das Schwarz seiner Augen sah, und ich blickte in die Dunkelheit, in die dunkelste aller Dunkelheiten. Ich f\u00fcrchtete, sie w\u00fcrde mich aufsaugen, er w\u00fcrde mich dorthin verbannen, in diese eisige, alles umfassende Finsternis. Aber dann sah ich etwas leuchten. Einen kleinen, glitzernden Punkt, und dann noch einen und noch einen, es wurden mehr und mehr, viele Dutzend, hunderte, tausende, kleine funkelnde Punkte. Sterne, dachte ich. Das war wirklich ein Himmel voller Sterne. Sie funkelten und pulsierten. Einer davon wurde gr\u00f6\u00dfer und kam n\u00e4her, bis ich den brennenden K\u00f6rper der Sonne erkennen konnte. Das Bild verschob sich, mein Blick ging an der Sonne vorbei und weiter zu einer kleinen Kugel. Einem Planeten. Es war nicht die Erde, es war irgendein Planet, in irgendeinem Sonnensystem. Auch dieser n\u00e4herte sich, immer weiter, immer weiter, bis ich die Atmosph\u00e4re und dann eine Decke aus schwarzen Wolken durchbrach. Darunter lag die H\u00f6lle. Eine brennende, sterbende Welt. Feuerst\u00fcrme tobten \u00fcber das verbrannte Land, ich sah schreiende, sich windende, brennende Menschen und Tiere, und \u00fcberall um sie herum Wesen wie jenes, das im Bad meiner Nachbarn vor mir stand. Sie lachten, ohne M\u00fcnder, und suhlten sich im Leid der Sterbenden, deren gepeinigte K\u00f6rper sie zerfetzten, um ihre Eingeweide zu fressen und zu wachsen. Einige waren noch klein, aber andere waren riesig. Gewaltige, todschwarze Monster, genauso w\u00fctend und vernichtend wie die Feuerst\u00fcrme, die durch die L\u00fcfte und \u00fcber Land und Ozeane peitschten. Ein seltsames Gef\u00fchl ergriff mich. Ein Gef\u00fchl von Macht, von \u00fcbermenschlicher, \u00fcberirdischer Macht, bedrohlich und zerst\u00f6rerisch. Ich wusste nicht, dass man Macht wirklich sp\u00fcren konnte, wie K\u00e4lte oder Schnee oder Feuer, aber es f\u00fchlte sich an, als k\u00f6nne sie einen wahrhaftig ersticken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er musste geblinzelt haben, denn das Bild verschwand, das Gef\u00fchl klang noch in mir nach, aber ich sah nurmehr in das finstere, konturlose Gesicht, das nicht minder entsetzlich war als das Bild, das er mir gezeigt hatte.<br>Er zerrte mich auf die Beine, mit einer Leichtigkeit, als w\u00e4re ich aus Papier. Meine Knie zitterten, meine Arme brannten. Ich f\u00fchlte mich benommen. Er schob mich aus dem Bad und zur T\u00fcr. Ich solle den Hammer nicht vergessen, sagte er. Ich verga\u00df ihn nicht. Ich hielt ihn fest umklammert. Nur nicht loslassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drau\u00dfen war es warm und wieder dunkel. Es war doch eben erst Morgen gewesen, dachte ich. Vielleicht auch Mittag. Oder Nachmittag. Vielleicht hatte ich mich auch so lange in seinen Augen verloren. Ich starrte auf die Stra\u00dfe. Sie lag leer und verlassen vor uns. Wir lebten in einer gew\u00f6hnlichen Wohnsiedlung, in der nachts kein Verkehr herrschte. Hier gab es keine Laster. Nur jede Menge Familienvans, SUVs und ganz normale Kleinwagen. Aber ich wusste doch, es w\u00fcrde ein LKW sein. Oder etwas \u00c4hnliches. Wie ein kleiner Lastwagen. Eben kam einer am Ende der Stra\u00dfe um die Kurve. Viel zu schnell. Das musste der Typ sein, der ein paar H\u00e4user weiter wohnte. Die renovierten seit Wochen, und er schleppte st\u00e4ndig irgendetwas mit diesem Lastwagen an, auch sp\u00e4t noch, und er fuhr st\u00e4ndig zu schnell.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich ging langsamer. Der Hammerkopf schabte leise \u00fcber den Bordstein. Nur den Griff nicht loslassen. Ich starrte den Wagen an, die Lichter blendeten mich schon. Ihm passte das nicht. Vielleicht weil er ahnte, was passieren w\u00fcrde. Ich musste nicht allzu lange warten. Dann, blitzschnell, griff ich nach ihm. Ich hatte noch nie nach ihm gegriffen, jetzt packte meine freie Hand ihn am Unterarm. Er war kalt und glatt wie Eisen und zugleich versanken meine Finger in ihm, wie in weichem Ton. Ich packte ihn, so fest ich konnte, ballte all meine Kraft und schmiss mich gerade rechtzeitig mit ihm zusammen vor die nahenden Lichter auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es war, wie ich es immer geahnt hatte. Es traf uns mit voller Wucht. Glas splitterte, Bremsen quietschten. Ich sp\u00fcrte den Aufprall, dann den zweiten auf dem Asphalt. Ich sp\u00fcrte Knochen brechen und einen bei\u00dfenden Schmerz im ganzen K\u00f6rper, aber ich hielt ihn und den Hammergriff krampfhaft fest. Dann umh\u00fcllte mich Dunkelheit.<br>Sein Protest war ein schriller, w\u00fctender Schrei. Er durchschnitt die Dunkelheit und verdarb mir den Anblick des sch\u00f6nen, hellen Lichts, das am Ende des Tunnels erschien. Und trotzdem sp\u00fcrte ich wieder diesen Frieden in mir. Mir war nicht mehr kalt, ich f\u00fcrchtete mich nicht. Nicht einmal, als ich ihn neben mir sah. Er versuchte seinen Arm aus meinem Griff zu befreien, verfluchte mich in tausend fremden Sprachen und schrie, dass meine Wirbelk\u00f6rper kribbelten. Aber ich f\u00fcrchtete mich nicht. Ich f\u00fchlte mich so stark und gesund wie schon lange nicht mehr. Ich f\u00fchlte mich geheilt. Und ich hielt noch immer den Hammer. Ich hob ihn und schwang ihn und schlug auf die Finsternis ein, die ich festhielt. Immer wieder, immer wieder, bis die Schreie verstummten und die Finsternis sich in Nichts aufl\u00f6ste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich keuchte nicht, als ich den Hammer sinken lie\u00df. Man keucht nicht, wenn man tot ist. Ich sah zum Licht, einen sehns\u00fcchtigen Moment lang, dann lie\u00df ich den Hammer fallen, drehte mich um und ging zur\u00fcck zum Anfang des Tunnels.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich glaube, ich w\u00e4re auch zur\u00fcckgegangen, h\u00e4tte ich gewusst, was mich erwartet. Das Licht lief nicht davon. Ob ich die Welt dagegen jemals wiedersehen w\u00fcrde, wusste ich nicht.<br>Ich erz\u00e4hlte niemandem von ihm. Nicht im Krankenhaus \u2013 in dem ich sehr lange lag \u2013 auch nicht vor der Verhandlung, oder danach, oder \u00fcberhaupt irgendwann. Wenn sie mich fragten, warum ich das alles getan habe, sagte ich immer, dass es mich eben so \u00fcberkommen habe und es mir leid tue. Was sonst soll man auch sagen? Genau so ist es.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich werde niemals wieder auf freiem Fu\u00df sein, aber das bereue ich nicht. Ich habe es verdient, f\u00fcr das, was ich meiner Familie und meinen Nachbarn angetan habe. Ich nutzte die Zeit auf dieser Welt dennoch, so gut ich kann. Mein Wissen sorgt daf\u00fcr, dass ich mich manchmal eigenartig fremd f\u00fchle, aber auch das ist nicht schlimm. Die Narben von seinen Fingern habe ich bis heute auf meinen Armen, sie sind wie ein Denkzettel f\u00fcr die Momente, in denen ich versucht bin zu glauben, ich sei wirklich so verr\u00fcckt, wie das Gerichtsurteil besagte. Aber ich bin weit davon entfernt, verr\u00fcckt zu sein. Ich habe niemals klarer gedacht als in diesen Tagen. Ich bin klar und ein bisschen erhellt und frei von Angst. Ich f\u00fcrchte mich nicht. Vor gar nichts. Und wenn das Ende kommt, wei\u00df ich, dass dort ein Tunnel ist. Und sollte in diesem Tunnel wieder etwas auf mich lauern, dann wei\u00df ich auch, dass dort irgendwo ein Hammer liegt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Verfasser dieser Kurznachricht? Bitte melden Sie sich bei uns. 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