{"id":1522,"date":"2019-03-17T11:44:00","date_gmt":"2019-03-17T10:44:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/?p=1522"},"modified":"2026-09-14T07:02:14","modified_gmt":"2026-09-14T05:02:14","slug":"rost-zu-rost-von-andrin-albrecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/kurzgeschichten\/rost-zu-rost-von-andrin-albrecht\/","title":{"rendered":"Rost zu Rost \u2013 Von Andrin Albrecht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oh let the sun beat down upon my face,<br>Stars to fill my dream<br>I am a traveler of both time and space,<br>To be where I have been<br>To sit with elders of the gentle race,<br>This world has seldom seen<br>They talk of days for which they sit and wait<br>And all will be revealed<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Led Zeppelin<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das erste, was er sah, als er auf die Stadt zuritt, waren die Geh\u00e4ngten.<br>An diesem Tag waren es ein knappes Dutzend, die vom Gel\u00e4nder der Br\u00fccke hingen \u2013 an Ketten, selbstverst\u00e4ndlich an Ketten, denn die H\u00e4nde der Gezeichneten waren zu ungeschickt, um aus Hanffasern Seile zu drehen. Er verzog das Gesicht, als er unter den Toten hindurch ritt, doch mehr aus Reflex, mehr als Geste der H\u00f6flichkeit. Gewiss, es war ein grausamer Tod, aber er hatte auf seinen Reisen schon viele Grausamere gesehen.<br>Im Schatten der Br\u00fccke erwartete ihn ein Z\u00f6llner der Gezeichneten. Es war ein h\u00fcnenhaftes Exemplar mit einem Buckel, der allein schon mehr wiegen mochte als ein ausgewachsener Mann. Seine Z\u00e4hne waren gelb, schief und manchmal handtellergro\u00df. Mit einem Laut, der fast wie ein Seufzen klang, streckte er die Hand nach ihm aus.<br>\u00bbName, Fremder?\u00ab Zwei weitere Gezeichnete standen im Schatten des H\u00fcnen. Einer davon hatte drei Arme, der andere einen \u00fcberdimensionierten Kopf und triefende Telleraugen. Beide hielten sie St\u00e4be mit sensenartigen Klingen in den H\u00e4nden, doch sie schienen sich damit selbst unwohl zu f\u00fchlen.<br>\u00bbMichael\u00ab, sagte er, darauf bedacht, jede Silbe sorgsam zu artikulieren. \u00bbMichael de l\u2019Ange.\u00ab<br>\u00bbBeruf?\u00ab<br>\u00bbPriester.\u00ab Er zog die Halskette mit dem silbernen Stern aus dem Mantelaufschlag und hielt sie ihm hin.<br>\u00bbPriester\u00ab, echote der H\u00fcne, und die beiden kleineren Gezeichneten keckerten manisch. \u00bbGabe?\u00ab<br>Michael griff in seine Satteltasche und zog zwei Laib Brot hervor, eingeschlagen in getrocknete Schilfbl\u00e4tter. Er legte sie in die ausgestreckte Hand des H\u00fcnen. \u00bbSpeise f\u00fcr euch, im Namen des Herrn.\u00ab<br>\u00bbSeinen Segen auf deinem Weg.\u00ab Der Z\u00f6llner nahm die Gabe an sich und zog sich zwischen die Felsen zur\u00fcck. Michael trieb dem Pferd die Fersen in die Flanken und ritt aus dem Schatten der Br\u00fccke, weiter auf die Stadt zu.<br>Auf seinen Reisen hatte er dieses Ritual beinahe zu sch\u00e4tzen gelernt. Die Gezeichneten an den Stadteing\u00e4ngen waren friedfertig, solange man ihre Forderungen erf\u00fcllte, denn sie brauchten die frische Nahrung, die ihnen Reisende von ausserhalb brachten. F\u00fcr Reisende wiederum waren sie n\u00fctzlich, weil sie die Stauwehre in Stand hielten, so gut sie konnten \u2013 mit Lehm, Holz und ungeschickt in Form geschlagenem Eisen \u2013, sodass das Flussbett ausgetrocknet und als Strasse begehbar blieb. In ihm reiste es sich viel sicherer als oben in den Vorst\u00e4dten, wo hinter jeder Strassenecke neue Gefahren lauern konnte.<br>Doch Michael sch\u00e4tzte diese Kreaturen noch aus einem ganz anderen Grund. Ihre blosse, \u00dcbelkeit erregende Pr\u00e4senz diente als Mahnung, als Erinnerung an das, was mit der Welt geschehen war. Denn einst waren auch sie Menschen gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fr\u00fcher hatte die Stadt gewiss einen Namen getragen, einen klingenden Namen voll Verheissung, der von ihrer Gr\u00f6sse und Glorie k\u00fcndete. Heute machte sich niemand mehr diese M\u00fche. Die meisten, die im Schatten der Himmelst\u00fcrme, in schuttverstopften Strassenz\u00fcgen oder den H\u00e4userruinen unter dem Stauwehr lebten, hatten nie auch nur in Betracht gezogen, dass es jenseits des Horizonts noch andere St\u00e4dte als diese geben k\u00f6nnte, oder auch nur dass es da \u00fcberhaupt noch etwas geben k\u00f6nnte.<br>F\u00fcr andere, die wie Michael die Welt hinter dem Horizont bereisten und schon viele St\u00e4dte gesehen hatten, nicht wenige davon gr\u00f6sser als diese, hatten sich schlichte Assoziationen eingeb\u00fcrgert, um die St\u00e4dte auseinander zu halten: die Gewaltige, die Rote, die Verfluchte.<br>Solche Reisende nannten diese Stadt die Rostige.<br>Hinter der Br\u00fccke f\u00fchrte eine Rampe aus Beton hinauf zum Flussufer. Fr\u00fcher mussten hier die Docks gelegen haben, den weit ins Flussbett hinausragenden Stegen und in Tr\u00fcmmern auf der Erde liegenden S\u00e4ulen nach zu urteilen. Eine Rotte Gezeichneter tummelte sich am oberen Rand der Rampe und stach mit St\u00f6cken auf etwas ein, das wie ein Hund mit zu vielen Beinen aussah. Sie wichen zur Seite, sobald sie Michael ersp\u00e4hten.<br>Er ritt zwischen ihnen hindurch, ohne sie eines zweiten Blickes zu w\u00fcrdigen. Das Schwert an seiner Seite war Abschreckung genug, ebenso die Tatsache, dass er sich ein reinrassiges Pferd leisten konnte, ein Prachtstier mit sauberem Fell und offenbar ebenso reinem Blut. Streuner wie die taten gut daran, jemandem aus dem Weg zu gehen, der ein solches Tier ritt.<br>Als er auf einer H\u00f6he mit den Strassen angelangt war, liess er das trockene Flussbett hinter sich und begab sich zwischen die H\u00e4user.<br>Seit seiner ersten Reise durch die Ruinen der Welt waren Jahrzehnte vergangen. Seither war Michael tausende Meilen gereist \u2013 zu Fuss, zu Pferd, auf Eselskarren und den R\u00fccken von Gezeichneten, auf Booten, Drachenfliegern und einmal sogar in einer der uralten Eisenbahnen, die schneller fuhren als der Wind. Er hatte Burgen und Schl\u00f6sser gesehen, K\u00f6nige und K\u00f6nigreiche, Kriege, Ungeheuer und viele Relikte der Alten. Trotzdem verschlug es ihm noch immer jedes Mal den Atem, wenn er in eine ihrer St\u00e4dte einritt.<br>Erst waren die H\u00e4user nur steinerne Ruinen, die sich unter der Sonne duckten. Zwischen ihnen hingen wie Nissen die Verschl\u00e4ge aus Holz und Wellblech, in denen die Gezeichneten hausten. Der Asphalt der Strassen war aufgeplatzt, graue Schuppen t\u00fcrmten sich auf, und aus den Narben zwischen ihnen wucherte Unkraut. Doch mit jeder Minute, die er voran ritt, wurden die H\u00e4user h\u00f6her. Ihre Fassaden waren zwar selten intakt, doch ihre Skelette aus Stahl und Beton erhoben sich noch immer unversehrt zu beiden Seiten der Strasse: f\u00fcnf, sechs, sieben Stockwerke hoch. \u00dcber die D\u00e4cher zog sich ein Stoppelfeld aus Antennen, auf denen manchmal die doppelk\u00f6pfigen Raben thronten, die St\u00e4dte wie diese zu ihrem Revier auserkoren hatten. Und hinter den Antennen, hinter den K\u00f6pfen der Raben, ragten die T\u00fcrme auf. Selbst wenn sie weit entfernt am Horizont standen, war ihre Gr\u00f6sse atemberaubend. Wenn man sich ihnen jedoch n\u00e4herte und sie h\u00f6her und h\u00f6her wachsen sah, makellose S\u00e4ulen aus Stahl und Panzerglas, denen die Jahrhunderte nichts hatten anhaben k\u00f6nnen, Reihen um Reihen um Reihen von Fenstern, die in die Hunderte gingen und schliesslich zwischen tief h\u00e4ngenden Wolken verschwanden, dann erstarrte man in Ehrfurcht vor der Schaffenskraft der Alten.<br>Die Erbauer dieser T\u00fcrme w\u00e4ren l\u00e4ngst tot, vernichtet durch ihre eigenen Waffen oder zu Gezeichneten verkommen. Doch ihre Bauwerke w\u00fcrden die \u00c4onen \u00fcberdauern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Michael traf den Wolfsmann auf halber Strecke zu den T\u00fcrmen. Er hatte Menschengestalt angenommen, war aber wie alle seiner Art nur in eine grosse, bestickte Decke gekleidet, die er bei Bedarf binnen eines Augenblicks abwerfen konnte. In den H\u00e4nden hielt er einen Bogen mit angelegtem Pfeil.<br>\u00bbFremder!\u00ab, rief er mit einer Stimme, der eine unvermutete Sinnlichkeit anhaftete. \u00bbDu befindest dich im Revier der El\u2019Vaurr. Was f\u00fchrt dich hierher?\u00ab<br>\u00bbIch komme auf Einladung von Dwight, F\u00fcrst der El\u2019Vaurr. Er mich gebeten, so bald wie m\u00f6glich zu ihm zu kommen, um ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen.\u00ab<br>Der Wolfsmann senkte den Boden nicht. Seine Z\u00fcge, unter dem sandfarbenen Bart, blieben skeptisch. \u00bbWie ist dein Name?\u00ab<br>Schon der zweite, der mich das in dieser Stadt fragt, dachte Michael. Er hob die H\u00e4nde, um zu unterstreichen, dass er unbewaffnet war. \u00bbMichael de l\u2019Ange. Ich bin Priester.\u00ab<br>\u00bbMichael?\u00ab Erst jetzt senkte der Wolfsmann die Waffe und machte zwei Schritte auf ihn zu. Sein Misstrauen war Sorge gewichen. \u00bbDer F\u00fcrst hat von dir erz\u00e4hlt, doch du kommst zu sp\u00e4t. Dwight der-viele-gerissen-hat ist tot.\u00ab<br>\u00bbTot?\u00ab Michael presste die Lippen aufeinander.<br>\u00bbEr wurde vor vier Tagen von einem Zauberer get\u00f6tet\u00ab, sagte der Wolfsmann. \u00bbDoch es ist nicht an mir, dir von seinem Schicksal zu erz\u00e4hlen. Folge mir. Ich bringe dich zu Prinzessin Luphia.\u00ab<br>\u00bbWarum Luphia?\u00ab Michael erinnerte sich an sie. Sie war ein kleines M\u00e4dchen gewesen, als er sie zum letzten Mal gesehen hatte, gerade erst den Zitzen ihrer Mutter entwachsen. Gewiss, das war lange her, Jahrzehnte. Doch die Wolfsmenschen lebten streng patriarchalisch. Nach dem Tod ihres F\u00fcrsten folgte ihm der n\u00e4chste m\u00e4nnliche Verwandte auf den Thron nach, wenn ihm nicht ein Herausforderer im Kampf das Erbrecht entriss. Frauen wurde niemals die Verantwortung f\u00fcr die Angelegenheiten des Stammes anvertraut.<br>\u00bbDas wird sie dir selbst erkl\u00e4ren.\u00ab Abrupt wandte sich der Wolfsmann um und sprintete los. Michael folgte ihm verwirrt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbEs ist der Tod, Michael.\u00ab Luphia sass im Fensterrahmen eines der alten H\u00e4user, hinter ihrem R\u00fccken fiel die Betonwand f\u00fcnf Stockwerke weit senkrecht in die Tiefe. \u00bbWir haben ihn aufgeweckt. Die El\u2019Vaurr sind zu tief ins Innere der Stadt vorgedrungen und sind \u2026 auf einen Alten gestossen.\u00ab<br>Trotz seiner Best\u00fcrzung \u00fcber diese Worte konnte Michael nicht umhin zu staunen, wie sch\u00f6n die junge Wolfsfrau geworden war. Auch sie trug die traditionelle Decke ihres Volkes, unter der sich die Konturen ihres K\u00f6rpers nur erahnen liessen, doch ihr Gesicht war das einer Frau in der Bl\u00fcte ihres Lebens, mit langem blondem Haar, das in der Abendsonne gl\u00e4nzte wie fl\u00fcssiger Honig. Ihre Z\u00fcge waren ebenm\u00e4ssig und von keiner der Narben entstellt, die bei m\u00e4nnlichen Wolfsmenschen nur allzu oft ein bezeichnendes Merkmal waren.<br>\u00bbWir kamen wie jedes Jahr am Abend des Sommers hierher in die Stadt, um uns mit den anderen St\u00e4mmen zu beraten und Wintervorr\u00e4te anzulegen. Dabei jagten wir ausserhalb der H\u00e4user, aber auch hier in den Strassen, wo es seit einigen Jahren wieder Hasen und F\u00fcchse gibt. Nicht viel Fleisch, aber gutes Fell, um mit den Windleuten zu handeln.\u00ab<br>Michael nickte schweigend.<br>\u00bbEine Gruppe unserer J\u00e4ger ging auf einem Streifzug bis zwischen die T\u00fcrme. Junge, unvorsichtige J\u00e4ger, darunter auch mein Bruder.\u00ab<br>\u00bbDaniel?\u00ab<br>\u00bbDaniel.\u00ab Sie nickte. Ihre Z\u00fcge waren wie aus Stein gemeisselt. \u00bbSie stiessen auf eine F\u00e4hrte, die F\u00e4hrte von Rindern. \u00dcberm\u00fctig, wie sie waren, dachten sie sich nichts dabei und folgten der F\u00e4hrte immer tiefer hinein, bis zu einer Schatzkammer.\u00ab<br>Er hob eine Augenbraue.<br>\u00bbSie konnten es nicht anders beschreiben. Ich habe sie nie mit eigenen Augen gesehen, aber die J\u00e4ger erz\u00e4hlten von einer Halle voll Brot und gesalzenem Fleisch, Fisch, Wasser und Petroleum, und dazwischen ein Dutzend lebender Rinder, mit einem so reinen Geruch, wie sie es noch nie in ihrem Leben gerochen hatten.\u00ab<br>\u00bbEin Lebkuchenh\u00e4uschen zwischen den T\u00fcrmen aus Glas \u2026\u00ab<br>\u00bbWas?\u00ab<br>\u00bbAch, nichts. Nur eine alte Legende. Bitte, fahr fort.\u00ab<br>\u00bbDen n\u00e4chsten Teil kannst du dir denken. Sie schlugen sich die B\u00e4uche voll und nahmen die Rinder mit, zum Beweis f\u00fcr den Rest des Stammes.\u00ab<br>\u00bbNur leider gab es einen Besitzer der Rinder?\u00ab<br>\u00bbJa.\u00ab Ihre Wangen, zu Beginn des Gespr\u00e4chs noch von lebhaftem Rot, verloren alle Farbe. \u00bbEr sah aus wie ein Mensch \u2013 ein echter Mensch, kein Gezeichneter \u2013, aber mit brennenden Fl\u00fcgeln. Er kam noch am selben Tag, an dem unsere J\u00e4ger die Rinder gefunden hatten, und verk\u00fcndete, wir seien als Banditen ins Reich von Apherion eingedrungen, das zwischen den ersten T\u00fcrmen beginne. Er forderte die Rinder zur\u00fcck, und ausserdem eine Entsch\u00e4digung f\u00fcr das Begangene Unrecht.\u00ab<br>\u00bbWie hoch sollte diese sein?\u00ab<br>\u00bbZweihundert Felle, f\u00fcnfhundert Pfund P\u00f6kelfleisch und dreizehn Donnereier, durch die wir die Stimmen der Ahnen h\u00f6ren k\u00f6nnen. Mein Vater konnte ihm dies nicht gew\u00e4hren. Er wollte verhandeln, doch einer von denen, die die Rinder gefunden hatten, wurde zornig und schoss nach dem fliegenden Boten. Sein Pfeil traf ihn ins Bein.\u00ab<br>Michael hielt den Atem an.<br>\u00bbDaraufhin griff der Bote an. Er liess Blitz und Donner auf uns herunterfahren, Pfeile aus Feuer und eiserne Kugeln, die durch unsere Krieger glatt hindurch fuhren. Er t\u00f6tete meinen Vater und sechs andere. Mindestens ein Dutzend wurden verletzt, darunter mein Bruder. Der Bote packte ihn und zog ihn mit sich in die Luft. Er verk\u00fcndete, wenn wir die Rinder und die Entsch\u00e4digung nicht bis zum neuen Mond zur\u00fcck zu den T\u00fcrmen br\u00e4chten, sei Daniel des Todes.\u00ab<br>\u00bbWie lange ist das her?\u00ab<br>\u00bbVierzehn Tage. Nur noch drei weitere, dann ist das Ultimatum abgelaufen.\u00ab<br>\u00bbVierzehn Tage?\u00ab Michael verengte die Augen. \u00bbIch erhielt die Nachricht deines Vaters vor f\u00fcnf Tagen. Der El\u2019Vaurr, der sie mir \u00fcberreicht hat, reiste in Wolfsgestalt. Er kann nicht l\u00e4nger zu mir gebraucht haben als ich hierher. Was hat das zu bedeuten, Luphia?\u00ab<br>Sie sah ihn flehentlich an. \u00bbBitte, verzeih mir \u2026 Ich war es, die dir die Nachricht geschickt hat. Ich brauchte deine Hilfe, so schnell wie m\u00f6glich. Deshalb musste ich sie in seinem Namen schreiben.\u00ab<br>\u00bbWarum?\u00ab<br>\u00bbIch kann dem Boten das Verlangte nicht geben. Ohne die Felle und das P\u00f6kelfleisch werden viele El\u2019Vaurr diesen Winter nicht \u00fcberleben, vor allem die Verletzten nicht. Und \u2026 die Krieger wollen Rache. Sie w\u00fcrden mich in St\u00fccke reissen, wenn ich mich den Forderungen des fliegenden Boten beugen w\u00fcrde.\u00ab<br>\u00bbKrieg gegen einen Alten. Du wei\u00dft, dass dies euer sicherer Tod w\u00e4re.\u00ab<br>\u00bbJa, aber sie wollen es nicht einsehen! Deshalb bitte ich dich um Hilfe.\u00ab<br>\u00bbWas kann ich tun?\u00ab Michaels Finger wanderten zu dem Silberstern an seinem Hals. \u00bbMeine Kr\u00e4fte k\u00f6nnen sich nicht mit jemandem messen, der \u00fcber Blitz und Donner gebietet.\u00ab<br>\u00bbAber du kennst die Alten. Du hattest schon fr\u00fcher mit ihnen zu tun. Ich bitte sich, sei unser Unterh\u00e4ndler \u2013 um meines Vaters willen.\u00ab<br>\u00bbNiemand kennt die Alten, Luphia. Wie kann jemand Sterbliches ein Volk kennen, das St\u00e4dte wie diese geschaffen hat, das Jahrhunderte an sich vorbeiziehen sieht wie Jahreszeiten, das \u00fcber Leben und Tod und die Zeit selbst gebietet.<br>Es ist war, ich habe manche von ihnen getroffen. Weise und Wahnsinnige. Heiler, Gelehrte und Tyrannen. Ich habe mit manchen von ihnen gesprochen, aber keinen verstanden.<br>Dennoch werde ich tun, was ich kann. Trotz meiner Schw\u00e4che, und trotz deiner L\u00fcge, denn ich stehe mit meinem Leben in Dwights Schuld.\u00ab<br>\u00bbIch danke dir, Michael!\u00ab<br>\u00bbDu solltest mir nicht danken, Luphia. Du solltest mich um Verzeihung bitten.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor er aufbrach, verlangte Luphia, dass er zu den Ahnen sprach und ihren Beistand erbat. Seine Einw\u00e4nde, dass er ein Priester des Schweigenden war und deshalb nicht an den Beistand der Ahnen glaubte, schlug sie ab. \u00bbDu geh\u00f6rst nicht mehr zum Orden, Michael. Man erz\u00e4hlt sich, dass genau das der Grund daf\u00fcr war: Du k\u00fcmmerst dich wenig um die Gebote eures Gottes.\u00ab<br>Also ist die Kunde vom meiner Exkommunikation bis hierher gedrungen, bis ans andere Ende des Kontinents, dachte er grimmig. Seine Hand wanderte zum Stern an seinem Hals, doch er lenkte mit einem Schulterzucken ein. \u00bbIch werde eure Gebr\u00e4uche respektieren.\u00ab<br>Die Halle der Ahnen befand sich im Keller des Ruinenhauses, in dem Luphia ihn empfangen hatte. F\u00fcr gew\u00f6hnlich tat man gut daran, sich in St\u00e4dten wie dieser von Kellern fernzuhalten \u2013 der Gefahren gab es schon \u00fcber Tag genug. Was f\u00fcr Schrecken in den Sch\u00e4chten lauerten, in den Kan\u00e4len und uralten Wasserrohren, davon existierten nur dunkle Geschichten, denn kaum jemand war jemals lebend und bei Verstand von einer solchen Begegnung zur\u00fcckgekehrt. Doch dieser Keller war sicher. Jeder Winkel war mit Fackeln ausgeleuchtet, und er wurde das ganze Jahr \u00fcber von Wolfsmenschen bewacht, selbst wenn der Rest des Stammes im Fr\u00fchling weit ausserhalb der Stadt \u00fcber die Ebenen zog.<br>In seiner Mitte, auf einem Podest aus glattem, spiegelndem schwarzen Stein, stand der Projektor.<br>Die Wolfsmenschen nannten ihn das Fenster, doch Michael kannte seinen anderen, \u00e4lteren Namen noch aus seiner Studienzeit beim Orden. Er war ein schlankes, silbernes Konstrukt aus Glas und Aluminium, dessen makelloser Oberfl\u00e4che man die Jahrhunderte nicht ansah. Um ihn herum lagen Sch\u00e4del, Dutzende von Wolfssch\u00e4deln.<br>Im Leben achteten die Wolfsmenschen jede ihrer Gestalten, denn sowohl Mensch als auch Tier brachten ihnen unverzichtbare Vorteile. Doch im Tod verehrten sie nur diejenigen, die im grauen Pelz gestorben waren. Nur sie seien nahe bei den G\u00f6ttern, so besagte ihr Glaube, und nur sie hatten es verdient, in der Halle der Ahnen beigesetzt zu werden.<br>Luphia streifte die Decke von ihren Schultern, sobald sie den Raum betrat. Feuerschein spiegelte sich auf ihrer elfenbeinfarbenen Haut. Sie schritt zum Podest, wo sie in die Knie ging und den Kopf in den Nacken legte. Ein langgezogener Ruf entwich ihrer Kehle, zuerst der einer Frau in Ekstase, doch schon im n\u00e4chsten Augenblick ein dunklerer, hybrider Klang, der an Menschlichkeit verlor, je l\u00e4nger er andauerte. Ein Schatten legte sich auf ihre Haut, ihre Proportionen verzerrten sich. Fell wucherte \u00fcber ihren R\u00fccken und die eben noch verf\u00fchrerischen Rundungen ihrer H\u00fcfte, kroch \u00fcber die Arme und Beine, die pl\u00f6tzlich in krallenbewehrten Pfoten ausliefen. In ihrem Kopf, jetzt ganz die langgestreckte Schnauze eines Wolfes, erinnerten nur noch die Augen an ihr menschliches Wesen.<br>Michael blieb in der T\u00fcr stehen, w\u00e4hrend die Prinzessin ihren Ahnen Respekt zollte. Er hatte Verst\u00f6renderes gesehen auf seinen Reisen. Trotz all ihrer Schrecklichkeit hatte er in der Verwandlung der Wolfsmenschen immer auch eine unbestreitbare Sch\u00f6nheit gesehen.<br>Es mochten Minuten oder auch Stunden vergangen sein, als Luphia sich zur\u00fcckverwandelte. Ohne sich mit der Decke aufzuhalten, ging sie hinter das Podest und nahm ein zylinderf\u00f6rmiges Donnerei aus einer Schale, die dort lag. Ein weiteres Relikt der Alten, doch im Vergleich zu Waffen und himmelhohen T\u00fcrmen ein geradezu possierliches. Sie setzte das Ei in eine R\u00fcckwand des Projektors, und das Ger\u00e4t erwachte zum Leben.<br>Eine Spule begann sich zu drehen, und auf der Vorderseite glommen zwei rote Lichter wie Kohlest\u00fccke im Dunkeln. Die Prinzessin forderte Michael mit einer energischen Handbewegung auf, seine Pflicht zu tun.<br>Er trat n\u00e4her und verneigte sich.<br>\u00bbMein Name ist Michael de l\u2019Ange, und ich bin \u2026 ich war ein Priester des Schweigenden. Ebenso war ich ein guter Freund von F\u00fcrst Dwight der-viele-gerissen-hat und bei dem ich in Blutschuld stehe. Ich erbitte den Beistand der Ahnen dabei, diese Schuld zur\u00fcckzuzahlen, indem ich als Unterh\u00e4ndler f\u00fcr den Stamm der El\u2019Vaurr zu den gl\u00e4sernen T\u00fcrmen gehe und mit einem der Alten spreche. Sein Name ist Apherion.\u00ab<br>Er verstummte, und Luphia nickte scheinbar zufrieden. Sie ber\u00fchrte eine Stelle an der Seitenwand des Projektors, und die beiden Lichter wurden unvermittelt gr\u00fcn. Licht flutete aus der Oberseite des Relikts und erhellte den ganzen Raum. An der Kellerdecke, die zu ebendiesem Zweck schneeweiss get\u00fcncht war, erbl\u00fchte ein Bild.<br>Es war ein alter Wolfsmann mit verfilztem Bart und einer Augenklappe. \u00dcber seinen Oberk\u00f6rper spannten sich Verb\u00e4nde. Mit tiefer, immer wieder von St\u00f6rfrequenzen durchschnittener Stimme begann er zu sprechen:<br>\u00bb\u2026 Apherion. Es war am Morgen des Sommers, als er zu uns kam und uns Hilfe \u2026 Dabei wollte er nur drei Weibchen der unterworfenen Feinde, die besten drei \u2026 Er zog mit uns in den Krieg und erschlug mehr als jeder von uns mit seinem Stab-der-Feuer-atmet \u2026\u00ab<br>Das Bild erzitterte, dann erschien eine neue Szene. Diesmal war es ein junger Wolfsmann, der immer wieder nerv\u00f6s zur Seite blickte.<br>\u00bb\u2026 Apherion. Die El\u2019Suntur und die Dav El\u2019Dav fliehen nach Norden. Nein, nein, sie liegen tot auf dem Platz des grauen Mondes, die meisten \u2013 aber die, die \u00fcberlebt haben, fliehen \u2026 Haben den Donner geh\u00f6rt und uns versteckt \u2026 Schande vor den Ahnen, deshalb \u2026 und erst zur\u00fcckkommen, wenn Busse getan ist.\u00ab<br>Das Bild gefror, und noch einige Sekunden lang rauschte der Projektor. Dann verschwand das Licht, nur die Spule drehte sich leise summend weiter. Luphia zog das Donnerei aus der \u00d6ffnung und legte es behutsam zur\u00fcck zu den anderen. Ihre Miene war ernst.<br>\u00bbMichael. Die Ahnen haben zu dir gesprochen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbEine Geschichte?\u00ab<br>\u00bbJa. Es ist Brauch, sich vor der Schlacht Geschichten zu erz\u00e4hlen.\u00ab<br>\u00bbIch werde nicht in den Kampf ziehen, Luphia.\u00ab<br>\u00bbDoch, das wirst du. In den Kampf um das \u00dcberleben unseres Stammes.\u00ab<br>\u00bbUnd wovon soll ich erz\u00e4hlen?\u00ab<br>\u00bbVon fr\u00fcher. Von dir und Vater.\u00ab<br>\u00bbNun gut \u2026 Aber gib mir zuerst noch etwas von dem Pfeifenkraut, es ist k\u00f6stlich. Und komm n\u00e4her, die N\u00e4chte werden k\u00fchl.\u00ab<br>\u00bbDu riechst gut, Michael.\u00ab<br>\u00bbIch sagte doch, das ist das Pfeifenkraut \u2026 Ja, hier, komm hierher. Hat dir dein Vater je von unserer Reise mit dem Goldenen Ed erz\u00e4hlt?\u00ab<br>\u00bbIch kann mich nicht daran erinnern.\u00ab<br>\u00bbNun, dann hat er das aus gutem Grund nicht getan. Der Goldene Ed war ein Schatzsucher, obwohl er sich selbst Wissenschaftler zu nennen beliebte. Klug, weltgewandt, der beste Bogensch\u00fctze, den ich je getroffen habe. Er war ein Gezeichneter, aber einer der gl\u00fccklicheren, und er hatte in seinem Volk ein Ger\u00fccht geh\u00f6rt: F\u00fcnfzig Meilen von hier befinde sich eine verlassene Festung der Alten, in der sie Diamanten lagerten. Wir waren schon fr\u00fcher zusammen gereist, deshalb kam er zu Dwight und mir und bat uns um Hilfe. Wir waren jung und abenteuerlustig, also begleiteten wir ihn.<br>Wir hatten eine friedliche Reise, eine der friedlichsten, die ich je hatte. Binnen weniger Tage erreichten wir zu dritt die Festung, die in einer schattigen Klamm lag, umgeben von hohen, gesunden Tannen. Und zwischen diesen Tannen lauerte ein Wolf.\u00ab<br>\u00bbEiner der El\u2019Suntur?\u00ab<br>\u00bbOh nein. Kein lebender Wolf. Er war ein Ungeheuer, das die Alten geschaffen hatten, mit einer Haut aus Stahl. Aus seinem Rachen z\u00fcngelten Flammen. \u00dcberm\u00fctig wie wir waren, st\u00fcrzten wir uns sogleich in den Kampf und h\u00e4tten wahrscheinlich alle den Tod gefunden, wenn der Wolf nicht so alt gewesen w\u00e4re. Eines seiner Beine war lahm und verrostet, deshalb verfehlten und seine Angriffe immer wieder. Ich setzte die Gaben des Schweigenden ein, um ihn noch weiter zu verlangsamen, und da gelang es deinem Vater, ihm einen Speer mitten ins Maul zu stossen. Die Bestie spuckte schwarzen Rauch und brach schliesslich vor uns zusammen.<br>Ja, komm ruhig n\u00e4her, Luphia.<br>Nun glaubten wir, der Weg sei frei, und betraten die Festung. Wie wir schnell feststellten, lag ihr gr\u00f6sster Teil unter der Erde \u2013 wir konnten nur erahnen, wie gross. Der Goldene Ed f\u00fchrte uns, er hatte einen siebten Sinn, wenn es um Reicht\u00fcmer geht. Bald gelangten wir zu einem gl\u00e4sernen Tor, hinter dem wir im Fackellicht tats\u00e4chlich Diamanten glitzern sahen. Es waren mehr, als wir uns jemals h\u00e4tten vorstellen k\u00f6nnen.<br>Das Tor hatte keinen Riegel und kein Schl\u00fcsselloch, daf\u00fcr aber eine Inschrift, die ich mit grosser M\u00fche entziffern konnte. Es war eine Warnung, die von einem Schutzbann der Alten sprach.<br>\u2019Worauf warten wir\u2019, sagte Ed, \u2019es ist doch nur Glas!\u2019 Er hatte einen grossen Stein gefunden und wollte damit die T\u00fcr einschlagen. Ich zeigte ihm die Warnung, und dein Vater stimmte zu, dass es zu gef\u00e4hrlich war. Doch Ed wollte nicht h\u00f6ren \u2013 sein Herz hatte schon immer f\u00fcr alles geschlagen, was gl\u00e4nzte. Er rief, wir sollten doch zur\u00fcckgehen wenn wir Angst hatten, er w\u00fcrde sich nur freuen, dass umso mehr von der Beute f\u00fcr ihn \u00fcbrig bliebe.<br>Das taten wir, und Dwight rang ihm das Versprechen ab, zwei volle Stunden mit dem Einschlagen der T\u00fcr zu warten. Das reichte, um aus dem Tal heraus zu kommen, wenn wir uns nur beeilten. Dem Herrn sei Dank!\u00ab<br>\u00bbWas ist geschehen?\u00ab<br>\u00bbEs gab eine Explosion. Der Himmel brannte feuerrot. Aus allen Toren der Festung drangen Flammen, die sogleich auf die B\u00e4ume \u00fcbergriffen. Selbst am anderen Ende des Tals konnten wir die Hitze noch sp\u00fcren.<br>Nat\u00fcrlich haben wir den Goldenen Ed nie wiedergesehen. Er hat das Ende gefunden, das er verdiente. Aber die Diamanten, glaube ich, liegen immer noch dort und warten auf den n\u00e4chsten, der dumm genug ist, sie sich nehmen zu wollen.\u00ab<br>\u00bbKeine gl\u00fcckliche Geschichte. Das bringt Ungl\u00fcck vor dem Kampf.\u00ab<br>\u00bbGeschichten, in denen die Alten vorkommen, gehen niemals gl\u00fccklich aus, Luphia.\u00ab<br>\u00bbDu hast recht. Und dennoch \u2026<br>Michael?\u00ab<br>\u00bbJa?\u00ab<br>\u00bbW\u00e4rmst du mich heute Nacht?\u00ab<br>\u00bbW\u00fcrde das Gl\u00fcck oder Ungl\u00fcck bringen?\u00ab<br>\u00bbGl\u00fcck. Du kannst es brauchen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er liess sein Pferd bei den Wolfsmenschen, nachdem er ihm lange ruhig zugeredet und es einen Strassenzug vom Hauptquartier des Stammes angebunden hatte. Das Tier scheute vor den Gestaltwandlern, doch hier war es am sichersten aufgehoben. Weiter im Innern der Stadt w\u00fcrde es nur als K\u00f6der f\u00fcr seinen eigenen Tod dienen.<br>Um der Unauff\u00e4lligkeit willen verzichtete Michael auch auf einen Geleitschutz der Wolfsmenschen. Er kannte die Gefahren der Stadt besser als jeder ihrer Krieger. Alles, was er brauchte, waren sein Schwert und der Silberstern des Schweigenden.<br>Auf den Strassen passierte er die Skelette alter H\u00e4user \u2013 manche ausgebrannt, manche in sich zusammengest\u00fcrzt, manche noch nach Jahrhunderten aufragend wie Trutzburgen gegen die Zeit selbst. Zwischen ihnen lagen Knochen \u2013 die Knochen von Rehen, F\u00fcchsen und degenerierten Schweinen, aber auch die von Gezeichneten, von Wolfsmenschen und gelegentlich die metallenen Knochen aus der Zeit der Alten. Sie waren von Rost zerfressen, von Schlingpflanzen \u00fcberwuchert und dienten Tieren als Brutst\u00e4tten, doch noch immer liessen sie die Konturen der Gesch\u00f6pfe erahnen, zu denen sie einst geh\u00f6rt hatten: K\u00e4fer, gross wie H\u00e4user und mit R\u00e4dern statt Beinen, Arachnoiden und Kreaturen, die keinem lebenden Wesen \u00e4hnelten. An diesem Morgen waren sie alle von Raureif \u00fcberzogen, der jedoch nicht lange andauern w\u00fcrde. Noch hatte die Sonne ihre Kraft nicht verloren.<br>Nachdem er etwa zwei Meilen gegangen war und die T\u00fcrme sich vor ihm so hoch erhoben, dass er den Kopf weit in den Nacken legen musste, um ihre Spitzen zu sehen, h\u00f6rte Michael ein Zischen aus einer Seitenstrasse.<br>Seine Bewegungen gefroren augenblicklich. Wie in Zeitlupe wanderte seine rechte Hand zum Schwertgriff, die Linke an seinen Hals. Er kannte das Ger\u00e4usch.<br>Ein Schatten l\u00f6ste sich von der Hauswand. Mit tr\u00fcgerischer Beh\u00e4bigkeit trat eine Gestalt ins Licht der Morgensonne, im Vergleich zu der ein Gezeichneter sch\u00f6n gewirkt h\u00e4tte:<br>Sie erinnerte entfernt an eine Menschenfrau \u2013 an eine sehr alte, sehr bucklige Frau, deren deformierte Br\u00fcste bis zu den Knien hingen. Ihre Arme reichten noch tiefer herab, sodass die klauenartigen N\u00e4gel \u00fcber den Boden schleiften. Blasen und Geschw\u00fcre \u00fcberzogen die dunkelgraue Haut. Der Kopf, ebenfalls entfernt humanoid, aber mit zu vielen Augen, schien in der Mitte gespalten. Was ein unaufmerksamer Betrachter f\u00fcr die Folgen eines Schwerthiebs halten mochte, offenbarte sich jemandem, der die Selbstbeherrschung aufbrachte, es genauer in Augenschein zu nehmen, als riesiges, mit schiefen Fangz\u00e4hnen bewehrtes Maul, das vom Scheitel bis zum Kehlkopf der Kreatur verlief.<br>Eine Jaga.<br>Michael hatte das zweifelhafte Vergn\u00fcgen bereits auf fr\u00fcheren Reisen gehabt. Er wusste, dass diese Ungeheuer fast blind waren und deshalb nur auf hektische Bewegungen aufmerksam wurden \u2013 doch anscheinend hatte ihn dieses bereits ersp\u00e4ht, bevor er mitten auf der Strasse erstarrt war.<br>Wieder zischte das Ungeheuer. Es kam langsam auf Michael zu, seine Bewegungen von einer fast hypnotischen Tr\u00e4gheit. Die beiden H\u00e4lften des Kopfes klappten leicht auseinander.<br>Jetzt, wo kein Weg mehr an einem Kampf vorbeif\u00fchren konnte, reagierte Michael schnell wie ein Schatten: Er machte einen Satz zur\u00fcck, der ihn ausser Reichweite der \u00fcberlangen Arme brachte, riss sein Schwert aus der Scheide und zog gleichzeitig den Stern unter seinem Mantel hervor. Ein Gedanke nur, und das silberne Metall wurde eiskalt auf seiner Hand.<br>\u00bbVi\u2019sech n de!\u00ab, fl\u00fcsterte er in einem fort, \u00bbvi\u2019sech n de, vi\u2019sech n de!\u00ab<br>Blaue Blitze z\u00fcngelten aus dem Stern und krochen \u00fcber seine Finger. Ein entsetzlicher Schmerz fuhr ihm den Arm hinauf bis in die Schulter, doch er unterdr\u00fcckte einen Schrei und fuhr mit der Beschw\u00f6rung fort: \u00bbvi\u2019sech n de, vi\u2019sech n de, vi\u2019sech n de!\u00ab<br>Unter der faulenden Haut der Jaga spannten sich die Muskeln kaum merklich an. Sie war zum Sprung bereit.<br>Doch ehe einer der beiden zum Angriff \u00fcbergehen konnte, ert\u00f6nte \u00fcber ihren K\u00f6pfen ein Rauschen. Drei Donnerschl\u00e4ge ersch\u00fctterten die Strasse, und f\u00fcr einen Moment ergl\u00fchte vor dem Ocker des Himmels eine grellweisse Flamme.<br>Pl\u00f6tzlich hatten die Bewegungen der Jaga alle Tr\u00e4gheit verloren. Sie warf die Arme \u00fcber den Kopf und kreischte, wobei die beiden H\u00e4lften ihres Kopfes fast auf den Schultern zu liegen kamen. In ihrem R\u00fccken waren drei L\u00f6cher aufgeklafft, aus denen Rinnsale dunkelroten Blutes sickerten. Sie taumelte auf Michael zu, doch ehe er reagieren konnte ert\u00f6nte ein vierter Donnerschlag, und die linke Kopfh\u00e4lfte des Ungeheuers zerbarst in tausend Fetzen.<br>Die Jaga stiess einen Seufzer aus, der fast menschlich klang und fiel hinten\u00fcber in den Staub der Strasse.<br>Erst jetzt sah Michael nach oben, ohne freilich das Schwert zu senken.<br>\u00dcber seinem Kopf schwebte ein hagerer, fahlgesichtiger Mann in dunkler Lederkleidung. Er trug ein Konstrukt auf den R\u00fccken geschnallt, das wie zwei Fl\u00fcgel aus Metall aussah. Helle, handlange Flammen str\u00f6mten aus der Unterseite.<br>Langsam schwebte der Mann zu ihm hinunter. Als er n\u00e4her kam, konnte Michael in seiner Hand einen dunklen Gegenstand erkennen, den er schon fr\u00fcher einmal gesehen hatte: auf Gem\u00e4lden im Heiligtum seines Ordens. Shin-gun hatte man diese Waffe der Alten genannt, oder Donnerstab.<br>\u00bbWer auch immer Ihr seid, ich danke Euch f\u00fcr Eure Hilfe\u00ab, sagte Michael und deutete eine Verbeugung an. Noch immer hatte er das Schwert nicht zur\u00fcck in die Scheide gesteckt.<br>\u00bbDu befindest dich im Reich von Apherion, Fremder. Hier ist es allein an ihm, \u00fcber Leben und Tod zu entscheiden.\u00ab<br>\u00bbUmso mehr danke ich, dass er sich f\u00fcr mein Leben entschieden hat.\u00ab Eine Pause entstand, w\u00e4hrend der Gefl\u00fcgelte unger\u00fchrt auf der Stelle schwebte. Erst jetzt erkannte Michael, dass sein Gesicht von einem Netz hellblauer \u00c4derchen \u00fcberzogen war, kaum mehr als Schattenspiele unter der blassen Haut. \u00bbMein Name ist Michael de l\u2019Ange. Ich bin hier, um eine Unterredung mit Apherion zu erbitten.\u00ab<br>\u00bbDein Gl\u00fcck, Fremder, dass der Herr dieses Reiches dich hat kommen sehen. Auch er w\u00fcnscht mit dir zu sprechen.\u00ab Mit einem leisen Zischen erloschen die Flammen. Der Gefl\u00fcgelte fiel die letzten zwei Meter bis zum Boden, setzte federnd auf und taxierte Michael mit dem Blick eines erfahrenen Raubtiers. \u00bbGeh voran. Ich werde dich zu ihm bringen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Alte, der sich Apherion nannte, residierte nicht im h\u00f6chsten der T\u00fcrme, sondern in dem, der die Jahrhunderte im besten Zustand \u00fcberdauert hatte.<br>Die gesamten Aussenw\u00e4nde bestanden aus verspiegeltem Glas, von dem keine einzige Scheibe eingeschlagen war oder auch nur einen Riss aufwies. Vor zwei riesigen, ebenfalls gl\u00e4sernen T\u00fcrfl\u00fcgeln lag ein Vorplatz, dessen Asphalt nicht von einem einzigen Spr\u00f6ssling durchbrochen wurde. Sogar ein Brunnen mit fliessendem Wasser pl\u00e4tscherte in seiner Mitte. Michael zweifelte nicht daran, dass man davon bedenkenlos h\u00e4tte trinken k\u00f6nnen.<br>Sogar ein halbes Dutzend eiserner Parkb\u00e4nke stand um den Brunnen herum. Zwischen ihnen ragten zwei Laternen auf, deren gl\u00e4serne K\u00f6pfe ein weiches, goldenes Licht absonderten, das sogar die Morgensonne blass wirken liess. Die Szenerie hatte etwas so Surreales und gleichzeitig Bezauberndes, dass Michael unwillk\u00fcrlich aufseufzte.<br>Als die beiden den Platz betraten, glitten die T\u00fcrfl\u00fcgel wie von Geisterhand auseinander. Der Gefl\u00fcgelte war einen Blick zum Himmel, dann sah er Michael eindringlich an.<br>\u00bbApherion w\u00fcnscht, mit dir alleine zu sprechen. Tritt ein und geh die Treppe auf der linken Seite hoch, immer die Treppe hoch. Wage es nicht, eine der T\u00fcren zu \u00f6ffnen, an denen du vorbei kommst, es sei denn, sie werden dir ge\u00f6ffnet. Hast du verstanden?\u00ab<br>\u00bbIch beuge mich dem Wunsch meines Gastgebers.\u00ab<br>\u00bbIch hoffe um deinetwillen, dass du das tust.\u00ab Der Gefl\u00fcgelte streckte die Hand aus. \u00bbDein Schwert.\u00ab<br>\u00bbDer Herr dieses Reiches f\u00fcrchtet sich von einer Klinge aus gew\u00f6hnlichem Stahl?\u00ab<br>\u00bbEr f\u00fcrchtet sich von keiner Macht, \u00fcber die du gebieten k\u00f6nntest. Dennoch w\u00e4re es eine Beleidigung des Gastrechts, mit einer Waffe vor ihm zu erscheinen.\u00ab<br>Michael nickte und l\u00f6ste widerwillig den Schwertgurt. Er wusste ohnehin, dass seine Klinge gegen eine Waffe wie den Donnerstab des Gefl\u00fcgelten machtlos war. \u00bbGebt gut darauf acht \u2013 es bedeutet mir viel.\u00ab Als er es aus der Hand gab und am Gefl\u00fcgelten vorbei zum Tor ging, sp\u00fcrte er das Gewicht des Sterns an seiner Halskette wie die Hand eines guten Freundes. Er war zwar kein Alter, aber noch war er nicht schutzlos.<br>Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und brennender Neugier betrat Michael den gl\u00e4sernen Turm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Treppen. Eine Endlose Flucht von Treppen. Erst begannen Michaels Beine zu brennen, dann sein ganzer K\u00f6rper. Er war es gewohnt, zu reisen, er konnte tagelang im Sattel sitzen, Tag und Nacht marschieren. Doch einen Aufstieg wie diesen hatte er zeitlebens noch nicht zur\u00fcckgelegt.<br>Die Stufen f\u00fchren ihn von T\u00fcr zu T\u00fcr zu T\u00fcr, die allesamt geschlossen blieben. Es gab keine Fenster, daf\u00fcr jedoch Bilder an den W\u00e4nden, eines an jedem Treppenabsatz. Manche waren kleine Aquarelle, altes Papier in h\u00f6lzernen Rahmen, andere \u00d6lgem\u00e4lde auf Leinwand bis hin zu riesigen Fresken, die Menschen, Engel und ganze H\u00e4user in Lebensgr\u00f6sse abbildeten. Michael hatte keines der Motive je gesehen. Sie waren so verschieden wie die Materialien, auf die sie aufgetragen waren: Da war ein Sternenhimmel \u00fcber einer kleinen Stadt, alles durchdrungen von Tupfern und Spiralwirbeln. Da war ein K\u00f6nig mit langem schwarzem Haar und goldenen Insignien seiner Herrschaft. Da war eine skizzierte Gestalt mit angstverzerrtem Gesicht. Da war eine Frau mit r\u00e4tselhaftem L\u00e4cheln, da waren b\u00e4rtige M\u00e4nner beim Mahl, da war ein abstraktes Muster aus H\u00e4nden, K\u00f6pfen und bunten Rechtecken. Da war ein Trichter in der Erde, bev\u00f6lkert von Myriaden in Agonie erstarrter Menschen. Da waren viele Gesichter einer Frau, alle in verschiedenen Farben. Und auf dem obersten Treppenansatz war ein Bild, das drei Gegenst\u00e4nde aufgereiht auf einem Tisch zeigte: eine Blume, einen Sch\u00e4del und ein Stundenglas.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Michael konnte nur erahnen, wie hoch \u00fcber dem Erdboden er war, als die oberste T\u00fcr des Treppenhauses sich f\u00fcr ihn \u00f6ffnete. Sie war ungleich kleiner als das gl\u00e4serne Eingangsportal und schien mit sandfarbenem Holz get\u00e4felt, doch allein wegen ihrer Dicke vermutete er, dass sich darunter ein viel massiverer Kern verbarg.<br>Sonnenlicht flutete durch die offene T\u00fcr. Nach dem langen Aufstieg im fensterlosen Treppenhaus f\u00fchlte es sich an wie die Ber\u00fchrung einer Geliebten auf seiner Haut.<br>Doch da war nicht nur Licht. Da war auch Musik \u2026 Eine Art von Musik, die er bisher nur an den Messen seines alten Ordens geh\u00f6rt hatte: Die Musik eines Klaviers.<br>Verwundert schritt Michael durch die T\u00fcr und blieb im n\u00e4chsten Moment wie zu Stein erstarrt stehen.<br>Er befand sich in einem riesigen, lichtdurchfluteten Raum, der durch geschickt platzierte Leinw\u00e4nde und B\u00fccherregale in zahlreiche gesch\u00fctzte Parzellen unterteilt war. Der Raum schien sich auf die gesamte Fl\u00e4che des Turmes zu erstrecken und hatte keine eigentlichen W\u00e4nde, sondern Glasfenster, die vom Boden bis zur Decke reichten. Das n\u00e4chste davon befand sich keine vier Meter von Michael entfernt. Der Ausblick raubte ihm den Atem.<br>Die Rostige lag so weit unter ihm, dass es ihm war, als blicke er aus der Sonne selbst auf sie herab. Alleen, Pl\u00e4tze und Strassenfluchten waren nur Linien, die ein Kind mit einem St\u00f6ckchen in den Sand gezeichnet hatte. H\u00e4user, uralte Fabrikgeb\u00e4ude, die aus Bruchstein aufget\u00fcrmten Festungen von Gezeichneten, Schwarzlingen und Al-Theen waren Spielw\u00fcrfel, verstreut \u00fcber einen Tisch, den Michael mit der Hand h\u00e4tte umstossen k\u00f6nnen. Das leere Flussbett, in dem er zur Stadt geritten war, war nur die Kerbe eines Schnitzmessers, die Br\u00fccken dar\u00fcber filigrane Konstrukte aus Streichh\u00f6lzern und Draht. Das m\u00e4chtige Stauwehr \u00f6stlich der Stadt war ein Biberdamm, und das Wasser dahinter ein stiller, indigoblau glimmender Teich.<br>\u00bbEs ist ein Geschenk, die Welt von oben zu betrachten\u00ab, sagte unvermittelt eine Stimme hinter ihm. Die Klaviermusik endete mit einem dissonanten Akkord, der lange in die sonnengeschw\u00e4ngerte Luft blutete. \u00bbEs hilft, sich die Relationen zu vergegenw\u00e4rtigen. Es hilft zu begreifen wie zerbrechlich \u2026 Marmor, Stein und Eisen sind.\u00ab Ein trockenes Lachen.<br>Michael wandte sich um, eine Hand auf halbem Weg zum Stern an seinem Hals. In der Mitte des Raumes sass ein Mann an einem schwarz polierten Fl\u00fcgel. Er war klein \u2013 ein Eindruck, der im Sitzen noch verst\u00e4rkt wurde. Sein Haar war sch\u00fctter, aber dunkel ohne eine Str\u00e4hne von Grau. Gekleidet war er in einen makellos schwarzen Anzug \u2013 ein weiteres Relikt, das Michael nur von Bildern kannte. Sein L\u00e4cheln war warm, sogar herzlich, doch sein Blicks so durchdringend, dass Michael ein kalter Schauer \u00fcber den R\u00fccken lief.<br>\u00bbMein Name ist Michael de l\u2019Ange\u00ab, stellte er sich verneigte sich, diesmal nicht nur angedeutet. \u00bbIch bedanke mich f\u00fcr die Ehre, in Euer Reich vorgelassen worden zu sein und die Gnade einer Audienz zu erfahren.\u00ab<br>\u00bbZieh dein Hemd aus.\u00ab<br>\u00bbEuer Gnaden?\u00ab<br>\u00bbEuer Gnaden?\u00ab Der Mann verzog das Gesicht. \u00bbLass diese antiquierten Floskeln, ich komme mir vor wie in einem schlecht geschriebenen Roman. Wenn ich als Gottk\u00f6nig mit dir sprechen wollte, w\u00e4re ich mit Blitz und Donner vor dich getreten.<br>Zieh dein Hemd aus.\u00ab<br>Michael unterdr\u00fcckte seine Verwirrung. Jeder der Alten, denen er auf seinen Reisen begegnet war, hatte gewisse Eigenarten gehabt, mit denen es sich abzufinden galt.<br>Er streifte sein Obergewand, das er am Vorabend gewaschen hatte und dem dennoch die Hunderten von Meilen deutlich anzusehen waren, auf denen es ihn begleitet hatte, \u00fcber den Kopf. Der Alte hob eine Augenbraue, als der Silberstern darunter zum Vorschein kam, doch tats\u00e4chlich schien sein Interesse etwas anderem zu gelten. Er musterte Michaels Oberk\u00f6rper lange und eindringlich, ganz wie ein St\u00fcck Vieh auf dem Markt. Dann nickte er starr.<br>\u00bbDu bist ein Mensch.\u00ab<br>\u00bbIch halte mich jedenfalls f\u00fcr einen.\u00ab<br>\u00bbEin Mensch und ein Agnostiker \u2013 das gef\u00e4llt mir. Woher kommst du?\u00ab<br>\u00bbAus einer Stadt am n\u00f6rdlichen Meer. Kleiner als diese, aber \u2026 reiner.\u00ab<br>\u00bbReiner!\u00ab, spie der Alte aus. F\u00fcr einen Augenblick waren seine Z\u00fcge vor Abscheu verzerrt. Dann fing er sich, und sein L\u00e4cheln wurde wieder warm. Er trat zu einem kleinen Schr\u00e4nkchen aus ge\u00f6ltem Holz, auf dem ein Strauss Lilien in voller Bl\u00fcte in einer Vase stand.<br>\u00bbDarf ich dir etwas zu trinken anbieten? Einen Schluck Nostalgie aus der Flasche? Whiskey, gute alte Cola \u2026 Wein?\u00ab Diesmal musste Michael die Verwunderung anzusehen sein, denn der Alte bleckte die Z\u00e4hne. \u00bbNat\u00fcrlich nichts von dem Gift, das sie den kontaminierten B\u00f6den im S\u00fcden abringen. Ich baue ihn selbst an \u2013 hier, auf der Spitze dieses Turmes.\u00ab Ohne eine Erwiderung abzuwarten, nahm er zwei Kristallkelche und eine Flasche aus dunklem Glas aus dem Schr\u00e4nkchen. Er goss einen Schluck dunkelroter Fl\u00fcssigkeit in einen davon, schwenkte sie hin und her, nippte daran und schloss gen\u00fcsslich die Augen. Dann f\u00fcllte er beide Kelche bis zum Rand.<br>\u00bbMichael de l\u2019Ange.\u00ab Er liess sich den Namen auf der Zunge zergehen wie zuvor den Traubensaft. \u00bbEin Mensch, zumindest dem \u00c4usseren nach ohne Mutationen oder Anzeichen genetischen Zerfalls. Lass mich sehen, wie es um deine Eloquenz steht und erweise mir die Freude eines Gespr\u00e4chs.<br>Wenn du dazu einen Namen f\u00fcr mich brauchst: Ich bin Apherion.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWas siehst du dort unten, Michael?\u00ab<br>\u00bbIch sehe Ruinen.\u00ab<br>\u00bbRuinen wovon?\u00ab<br>\u00bbRuinen einer fr\u00fcheren Zeit. Ruinen einstiger Gr\u00f6sse \u2026 und dazwischen neues Leben.\u00ab<br>\u00bbDu nennst das Leben? Gezeichnete, die sich in rotem Wasser suhlen und sich gegenseitig auffressen als Opfer f\u00fcr ihre G\u00f6tzen? Die Jaga, die dir auf dem Weg hierher begegnet ist? W\u00e4rst du selbst nicht so interessant, h\u00e4tte ich viel darum gegeben zu sehen, was von deinem Leben nach dieser Begegnung noch \u00fcbrig geblieben w\u00e4re.\u00ab<br>\u00bbEs war nicht meine erste Begegnung mit einer Jaga, und es w\u00e4re auch nicht meine letzte gewesen, selbst ohne die Hilfe Eures \u2026 Torw\u00e4chters.\u00ab<br>\u00bbSoll ich dir sagen, was ich sehe, Michael? Soll ich dir meine Augen leihen, so gut ich das verbal vermag?<br>Ich sehe einen Friedhof. Ich sehe ein Schlachtfeld, den Morgen nach Armageddon, wenn sich Rauch und Nebelschleier lichten und das Grauen einer toten Welt preisgeben. Ich sehe einen Teich, auf dessen Oberfl\u00e4che sich rot die verl\u00f6schende Sonne spiegelt. Ich sehe es jeden Morgen, wenn ich hier in diesem Raum erwache. Ich sehe es jeden Mittag, wenn ich am Fenster speise. Ich sehe es jeden Abend, bis die Sonne untergeht und es zu dunkel wird, um noch irgendetwas zu sehen.\u00ab<br>\u00bbDie Gnade der Nacht \u2013 ein Schleier der Stille \u2013 oh verbirg meine Tr\u00e4nen, verbirg meine Freud\u2019 \u2013 in seidenen Laken zum Schweigen gebracht.\u00ab<br>\u00bbEin Poet? Oder nur ein weiterer Zyniker?\u00ab<br>\u00bbIch habe nie einen Poeten gekannt, der kein Zyniker war, allerdings viele Zyniker, die keinen Sinn f\u00fcr Poesie hatten.\u00ab<br>\u00bbAber du hast Poeten gekannt. Das ist selten in dieser Welt.<br>Da unten sehe ich keine Poesie. Poesie liegt in Gr\u00f6sse und glorreichem Untergang, in Sehnsucht, Glanz und Finsternis. Da unten gibt es nichts mehr von all dem. Die alte Welt war Poesie, und Armageddon war Poesie und Zynismus in Vollendung. Jetzt ist da nur noch Rost, Hunger und faules Fleisch.\u00ab<br>\u00bbDas mag so scheinen \u2026 Wenn man die Welt nur von hier oben sieht. Man sieht nur die Ruinen und manchmal die Feuer, wenn Gezeichnete ihre Opfergaben verbrennen.<br>Wenn man aber dort unten durch die Strassen geht, trifft man nicht nur Gezeichnete und Jagas. Man trifft Wolfsmenschen, die lieben und singen und Geschichten erz\u00e4hlen. Man trifft Garudae, die farbige Perlenketten zu wundersch\u00f6nen T\u00fccher flechten. Man sieht Pflanzen, die bl\u00fchen, ohne Gift in sich zu tragen. So sieht keine tote Welt aus.\u00ab<br>\u00bbIch war in den Strassen. Ich bin Jahrzehnte lang durch sie gegangen, bis der Abscheu mich \u00fcberw\u00e4ltigte und ich davon abliess. Ich sehe sie auch noch heute. Ich habe dich von dem Augenblick an beobachtet, als du unter der Br\u00fccke der Gezeichneten hindurchgeritten bist, Michael. Auf Schritt und Tritt bin ich dir gefolgt. Ich habe geh\u00f6rt, wie die junge Wolfsfrau in der Nacht geseufzt hat.<br>Von hier oben sehe ich jede Strasse der Stadt, jede H\u00f6hle und jedes Zimmer. Ich h\u00f6re jedes Babyweinen und jeden Todesschrei. Meine Hand liegt am Herzen dieser Stadt. Tagaus, tagein sp\u00fcre ich ihren abscheulichen. Kranken. Puls.<br>Wei\u00dft du, dass ich diese Stadt gebaut habe?\u00ab<br>\u00bbIch habe etwas dergleichen erwartet.\u00ab<br>\u00bbHast du Kinder, Michael?\u00ab<br>\u00bbNein. Im Gegenteil, ich lebte lange Jahre im Z\u00f6libat.\u00ab<br>\u00bbWie schade. Ich h\u00e4tte gerne einem davon Blut abgenommen.<br>Ich habe Kinder. Du hast Adam getroffen \u2013 den, den du meinen Torw\u00e4chter genannt hast. Nach was sieht er f\u00fcr dich aus?<br>Sprich schon, und sprich ehrlich! Ich werde keinen Anstoss daran nehmen, schliesslich habe ich selber Augen, um das Offensichtliche zu sehen.\u00ab<br>\u00bbEr sieht f\u00fcr mich nach einem \u00fcberaus gesunden Gezeichneten aus, den jemand mit \u00fcberaus m\u00e4chtigen Waffen beschenkt hat.\u00ab<br>\u00bbDu hast die Adern also bemerkt. Adam ist jetzt vierundzwanzig. Er wird seinen dreissigsten Geburtstag nicht mehr erleben \u2013 die Adern werden platzen und sein Gesicht verformen, und dann werde ich den Selbstzerst\u00f6rungsmechanismus dieser \u00fcberaus m\u00e4chtigen Waffen ausl\u00f6sen und dem Trauerspiel ein Ende bereiten.<br>Er ist mein dreiundsechzigstes Kind. Eines von sieben, die \u00fcberhaupt \u00e4lter als zwanzig geworden sind.<br>Noch etwas Wein, Michael? Bitte, ich bestehe darauf. Und dann m\u00f6chte ich dir etwas zeigen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Apherion f\u00fchrte ihn durch den stilvoll m\u00f6blierten Raum, wobei Michael bei jedem Schritt neue Artefakte erblickte: In einer Nische stand ein Plattenspieler, daneben ein mannshoher Stapel H\u00fcllen aus schwarzer Folie. Ein einer gl\u00e4sernen Vitrine stand eine Maske in der Form eines b\u00e4rtigen M\u00e4nnergesichts, allem Anschein nach aus purem Gold. Etwas weiter entfernt war ein Becken in den Boden eingelassen, das mit genug Wasser gef\u00fcllt werden konnte, um den Durst eines Stammes von Wolfsmenschen f\u00fcr ein ganzes Jahr zu stillen.<br>Schliesslich erreichten sie eine get\u00e4felte Plattform, halb verborgen zwischen B\u00fccherregalen. Apherion stieg hinauf und bedeutete Michael, sich neben ihn zu stellen. Dann rief er einen Befehl in einer ihm unbekannten Sprache.<br>Ohne einen Laut erhob sich die Plattform in die Luft. Im selben Augenblick glitt die Decke \u00fcber ihnen zur Seite, sodass sie wie auf einer Wolke stehend hindurch schweben konnten.<br>Pl\u00f6tzlich befanden sie sich unter einer gewaltigen Glaskuppel, durch die Michael den ockerfarbenen Himmel sah. Es war warm, aber alles andere als stickig \u2013 vielmehr herrschte die Art von W\u00e4rme, bei der man das Bed\u00fcrfnis versp\u00fcrte, sich f\u00fcr den Rest seines Lebens im Freien aufzuhalten, wenn nur gen\u00fcgend kalte Getr\u00e4nke vorhanden waren.<br>Viel faszinierender als die Kuppel jedoch war das Gr\u00fcn.<br>Nie im Leben hatte Michael so viele Pflanzen an einem Ort gesehen, nicht einmal in den Tempelg\u00e4rten des Schweigenden. Rund um die Stelle, an der die Plattform durch den Fussboden geschwebt war, wuchsen Rosenstr\u00e4ucher, die kaum f\u00e4hig schienen, das Gewicht der weissen, gelben und scharlachroten Bl\u00fcten zu tragen. S\u00fcss und bet\u00f6rend hing ihr Duft in der Luft. Weiter entfernt erkannte Michael Schwertlilien, Tulpen und bunten Flieder, Wein, Pfefferminze, Sonnenblumen und roten Mohn, purpurrote Orchideen, Silberdisteln, Nelken und unz\u00e4hlige andere Blumen in allen Farben des Regenbogens. \u00dcber ihnen streckten Apfel-, Aprikosen und Nussb\u00e4ume ihre mit Fr\u00fcchten vollbeladenen \u00c4ste. Eine Font\u00e4ne spr\u00fchte in einem k\u00fcnstlichen Teich am Rand der Kuppel, umschwommen von Wasserlilien, Seerosen und Schilfrohr. Genau im Zentrum des Gartens stand eine uralte Eibe, deren Krone sich, w\u00e4hrend Michael hinsah, leicht in einer Brise ohne erkenntlichen Ursprung neigte.<br>Apherion stieg von der Plattform auf einen mit weissem Kies bestreuten Weg.<br>\u00bbKannst du dir vorstellen, dass einst die ganze Welt so aussah?\u00ab Als auch Michael die Plattform verlassen hatte, versank sie wieder im Boden. Ein Mosaik aus Halbedelsteinen schloss sich \u00fcber ihr, das ein ihm unbekanntes Wappen zeigte.<br>\u00bbJeder Stadt hatte einen solchen Garten, in dem die Menschen lustwandelten, wenn sie nichts anderes mit ihrer Zeit zu tun wussten. Menschen, Michael, wie du und ich! Keine Mutanten, keine Kr\u00fcppel mit mehr Karzinomen als gesundem Fleisch. Und keine \u2026 M\u00e4rchengesch\u00f6pfe.\u00ab<br>\u00bbM\u00e4rchengesch\u00f6pfe?\u00ab Staunend folgte Michael dem alten den Weg entlang in Richtung der Eibe. Sein wieder aufgef\u00fclltes Weinglas hielt er noch immer in der Hand, ohne einen Schluck getrunken zu haben.<br>\u00bbWolfs- und Vogelmenschen, Wisperalbe, Jagas, Nachtl\u00e4ufer und \u00e4hnliche Blasphemien gegen die Gesetze der Natur. Sie sind alle nicht von dieser Welt. Sie sind Parasiten, die sich auf einem noch nicht erkalteten Kadaver einnisten.<br>Und doch sind sie gewissermassen Produkte menschlicher Arroganz. Wei\u00dft du, wie sie in diese Welt gekommen sind?\u00ab<br>\u00bb\u2026 und der Herr sah, dass die Menschen selbstgerecht geworden waren. Er z\u00fcrnte ihrer Arroganz, mit der sie hundertmal Babel und hundertmal Babylon auf dem Antlitz der Erde errichteten hatten. Und er sandte den Schweigenden, sie zu richten\u00ab, zitierte Michael mit erhobenen Brauen. \u00bbUnd der Schweigende warnte die Menschheit mit hundert Zeichen, doch sie wollten nicht h\u00f6ren. So nahm er einen Hammer von f\u00fcnf Spannen L\u00e4nge und einen Meissel von drei, und er schlug damit einen Spalt in die Tore der H\u00f6lle, auf dass ihre Schrecken ihr entweichen und sich unter die Menschen mischen sollten.<br>Ich nehme an, es ist nicht diese Geschichte, nach der Ihr fragt?\u00ab<br>\u00bbKirchengeschichten \u2026 Als diese Welt noch lebte, war ich ein erkl\u00e4rter Feind der Kirche. Man nannte mich Wissenschaftler, und jeden, der mir solche Folklore ins Gesicht zu sagen gewagt h\u00e4tte, h\u00e4tte ich f\u00fcr den Rest meines Lebens verachtet. Doch die Zeiten \u00e4ndern sich, und ich muss eingestehen, dass dieser Geschichte zumindest ein Kern Wahrheit innewohnt.\u00ab Er l\u00e4chelte bitter. \u00bbEs werde Licht!\u00ab<br>Mit einem Schlag war der Himmel \u00fcber ihnen verschwunden. Stattdessen ragten jetzt T\u00fcrme um sie herum auf \u2013 dieselben T\u00fcrme, zwischen die Michael vor kurzem getreten war, aber neu und unversehrt, und trotz ihrer verspiegelten Glasw\u00e4nde pulsierend vor Leben. Menschen gingen zwischen ihnen, Menschen in fremdartiger Kleidung, mit fremdartigen Bewegungen und zarten Gesichter, die weder Hunger noch die Mittagssonne kannten.<br>Michael f\u00fchlte schon Panik in sich aufsteigen, als er begriff, was er hier vor sich hatte: Das war nichts anderes als der Projektor in der Halle der Ahnen \u2013 nur um ein Vielfaches gr\u00f6sser.<br>\u00bbLass mich dir eine Geschichte erz\u00e4hlen.\u00ab Apherion bleckte die Z\u00e4hne. \u00bbEs ist Brauch, sich vor der Schlacht Geschichten zu erz\u00e4hlen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWenn ich die Geschichte dieser Welt betrachte, sehe ich keinen linearen Anstieg oder Fall, wie die Kirche ihn einst lehrte. Ich sehe auch keinen Kreislauf von Tod und Wiedergeburt, wie du ihn trotz deines Zynismus sehen willst. Ich sehe eine Parabel: ein kometenhafter Anstieg, eine kurzer, tr\u00fcgerisch stabiler Zenit. Dann ein immer schnellerer Fall, hinab und hinab bis zum Nullpunkt. Bis zum Tod.<br>Wenn ich je ein Wunder gesehen habe, dann ist es die menschliche Spezies. In ein paar wenigen Jahrtausenden haben wir uns von einer Gattung haarloser Affen zu sich ihrer selbst bewussten Wesen entwickelt, welche die Gefahren erkannten, mit denen diese Welt sie konfrontierte. Und daraufhin, innert einiger hundert Jahren, wurden aus diesen selbstbewussten Wesen G\u00f6tter, die sich die Welt in all ihrer Perfidit\u00e4t unterwarfen. Cognito, ergo sum? Cognito, ergo deus sum!<br>Als ich geboren wurde, brachte jeder Tag neue Wunder hervor. Menschen umrundeten auf Spazierg\u00e4ngen den Erdball. Ihre \u2026 Kutschen waren schneller als jedes Pferd, und wenn sie flogen, \u00fcberholten sie dabei den Schall. Krankheit, Verletzungen, Tod? Wir gaben Verwundeten neues Blut und neue Herzen, wir liessen Gliedmassen nachwachsen und h\u00e4tten die Geschw\u00fcre jedes Gezeichneten binnen eines Jahres kuriert. Wir speisten Fleisch vom anderen Ende der Welt, wann immer es uns beliebte. Wir reisten zum Mond und streckten von dort aus bereits die Hand aus, um nach den Sternen zu greifen.<br>Kannst du dir das vorstellen? Nein, nat\u00fcrlich nicht. Du bist es gewohnt, zu hungern, zu leiden und zu sterben. An G\u00f6tter glaubst du nur, wenn Priester dir davon erz\u00e4hlen.<br>Im Pantheon der alten Welt stieg ich zu einem der obersten auf. Ich liess diesen Turm errichten und die Stadt darum herum. Unter meiner Aufsicht arbeiteten einhunderttausend Menschen Tag und Nacht daran, unsere Macht zu erweitern. Wir hatten einem der letzten Feinde den Krieg erkl\u00e4rt, den die Menschheit noch kannte: dem Alter.<br>Und wir hatten Erfolg! Hast du von anderen \u00dcberlebenden meiner Zeit geh\u00f6rt? Gabriel Kreuzer, Echnaton, Walter O\u2019Dim? Sie alle leben von meiner Gnade. Ich bin es, der die Zeit f\u00fcr sie alle angehalten hat und die Menschen endg\u00fcltig zu G\u00f6ttern machte. Jedenfalls einige Auserw\u00e4hlte.<br>Manchmal h\u00f6re ich, die Welt von einst sei get\u00f6tet worden \u2013 von Gott oder der Natur, die ihrer Vorherrschaft leid war. L\u00e4cherlich! Es gab nur eine Macht, die uns etwas anhaben konnte, und das waren wir selbst. Die Welt von einst beging Selbstmord.<br>Das einzige, wogegen unsere eigene Macht nicht ankam, war die Gier der Menschen. Viele wollten alles Gl\u00fcck f\u00fcr sich, wollten nicht auf ihren gerechten Anteil warten. Das Volk t\u00f6tete sich gegenseitig in seinem Hunger nach den Errungenschaften derer, die sie sich verdient hatten. Und wenn das Volk sich in Blut suhlt, anstatt seine Pflichten zu erf\u00fcllen, dann bricht das ganze System zusammen. Dann m\u00fcssen die Herrscher um ihr \u00dcberleben k\u00e4mpfen.<br>Ich k\u00f6nnte dir lange von Staaten und Intrigen, von B\u00fcndnissen, Fehden und verlorenen Schlachten erz\u00e4hlen, doch das tut jetzt nichts zur Sache. Du sollst verstehen, kein Epos schreiben.<br>Kannst du dir einen Krieg vorstellen, in dem G\u00f6tter mit g\u00f6ttlichen Waffen k\u00e4mpfen?<br>Nein, kannst du nicht! Sieh doch: St\u00e4dte, die vom Feuer verschlungen werden. Wolken aus Gift, der Himmel verfinstert von tausenden, zehntausenden Fliegern. Seuchen, im Reagenzglas dazu gez\u00fcchtet, ganze Ethnien auszurotten.<br>Ja, Armageddon. Deine Priester k\u00f6nnten kein schrecklicheres Bild davon zeichnen als die Wirklichkeit.<br>Jeder versuchte, den anderen mit dem Schrecken neuer Waffen zu \u00fcbertrumpfen. Das Gift, das die Gezeichneten zu den Kreaturen macht, die sie sind, stammt aus dieser Zeit. Es war kalte Berechnung, von Feldherren ersonnen und von Wissenschaftlern wie mir umgesetzt.<br>Die Wolfsmenschen jedoch konnte niemand vorhersehen. Es gab Theorien, gewiss, k\u00fchne Beschreibungen von parallelen Dimensionen mit uns fremden Naturgesetzen, von einem Multiversum, in dem diese Welt nicht mehr als ein Staubkorn ist. Haben wir jemals daran geglaubt? Nein, wir hielten das f\u00fcr die Gedankenexperimente von gelangweilten Intellektuellen, w\u00e4hrend wir daran arbeiteten, mit immer gr\u00f6sseren und pr\u00e4ziseren Bomben immer gr\u00f6ssere und endg\u00fcltigere Vernichtung zu s\u00e4en.<br>Wir bauten eine Bombe, die schrecklicher war als alle bisherigen. Wei\u00dft du, wie wir sie nannten? St. Michael, nach dem Erzengel, der den Drachen erschlug. Sie sollte f\u00fcr uns den Drachen t\u00f6ten, unseren gr\u00f6ssten Feind, nach dessen Vernichtung der Krieg zu Ende sein sollte.<br>Das tat sie, aber nicht nur das. Die Bombe zerst\u00f6rte nicht nur Land und Menschen, verwandelte bl\u00fchende St\u00e4dte in Seen von Schlacke, sondern schuf einen Riss in etwas, das selbst wir G\u00f6tter nicht verstanden. Die Tore der H\u00f6lle, wie du es genannt hast. Zu dem Zeitpunkt hatten wir uns gegenseitig bereits so sehr zugesetzt, dass wir nur hilflos zusehen konnten, wie Dinge in unsere Welt str\u00f6mten, die allen Naturgesetzen trotzten. Dinge, die sp\u00e4ter zu deinen Wolfsmenschen und Gardudae wurden.<br>Blasphemie, ja \u2026 Aber die G\u00f6tter waren gefallen und konnten sie nicht mehr ahnden. Wir konnten uns nur zur\u00fcckziehen und den Kreaturen den Kadaver dieser Welt \u00fcberlassen. Einen gesch\u00e4ndeten, verbrannten, vergifteten Kadaver, \u00fcber den sie nun kriechen wie die Maden.<br>Alles, was uns noch bleibt, ist die Nostalgie.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Michael hatte gebannt die Erz\u00e4hlung des Alten verfolgt. W\u00e4hrend er gesprochen hatte, hatten sich die Bilder auf dem Projektor immer wieder ver\u00e4ndert: Hatten sie erst noch in einer prosperierenden, uralten Stadt gestanden, war da im n\u00e4chsten Moment ein blauer Himmel \u2013 blau, nicht ockerfarben wie der, unter dem Michael sein Leben verbracht hatte \u2013, durchkreuzt von riesigen V\u00f6geln aus Stahl. Er hatte Blitze gesehen, himmelhohe Pilze aus schwarzem Feuer, Tod und gestaltlose Schatten, die einem Strudel aus Farben und unm\u00f6gliche Formen entsprangen.<br>Er hatte die Welt der Alten gesehen. Doch jetzt, da Apherion verstummt war, verschwanden die Visionen. Die Kuppel \u00fcber ihnen war wieder aus klarem Glas, \u00fcber dem die Nachmittagssonne an einem Firmament aus Ocker hing.<br>Lange standen sie schweigend neben dem Stamm der Eibe.<br>Michael war der erste, der das Schweigen brach:<br>\u00bbIch sehe, dass Ihr die Wolfsmenschen verabscheut, und ich glaube es sogar zu verstehen. Trotzdem bin ich hier, um euch f\u00fcr sie zu bitten. Wie Ihr wisst, hat mich der Stamm der El\u2019Vaurr zu Euch geschickt, um als Unterh\u00e4ndler zu fungieren. Euer Sohn hat viele der Ihren umgebracht und ihren neuen Anf\u00fchrer gefangen genommen.\u00ab<br>\u00bbDas ist wahr. Es wird dich betr\u00fcben zu h\u00f6ren, dass er tot ist.\u00ab<br>\u00bbTot?! Die Frist ist noch nicht abgelaufen \u2013 er war Eure Geisel!\u00ab<br>\u00bbIch darf doch um ein bisschen mehr Pragmatismus bitten.<br>Ich bedaure, mich nicht an alle Formalit\u00e4ten gehalten zu haben, doch am Ausgang dieses Konflikts wird sich dadurch nichts \u00e4ndern. Die Wolfsmenschen werden meine Forderungen nicht bezahlen, vor allem nicht, wenn sie glauben, du seist bei den Unterhandlungen gescheitert. Sie werden in den Krieg ziehen, das ist ihre Natur. Ich werde mich verteidigen, oder vielmehr, Adam wird das f\u00fcr mich tun und ein Exempel statuieren. Die verbliebenen ziehen sich zur\u00fcck, um ihre Wunden zu lecken, und verbreiten die Kunde unter den anderen St\u00e4mmen. Meine Macht ist gefestigt, meine Grenzen werden wieder respektiert, jeder k\u00fcmmert sich um seine eigenen Angelegenheiten und keiner dieser Hybriden wagt es, nochmal unrechtm\u00e4ssig in meine Speicher einzudringen.<br>Siehst du meinen Standpunkt?\u00ab<br>\u00bbEin Exempel? Ging es die ganze Zeit nur darum?\u00ab<br>\u00bbNat\u00fcrlich! Dass die Wolfsmenschen dich hinzugezogen haben war eine unvorhergesehene Wendung, aber keineswegs eine unerfreuliche. Sie \u00e4ndert nichts an den Umst\u00e4nden: Es geht mir nicht um ein paar l\u00e4cherliche Felle, auch nicht um meine Rinder, die mir gestohlen wurden.<br>Du hast diesen Turm gesehen, Michael. Man m\u00f6chte behaupten er lebt, selbst nach all den Jahrhunderten noch! Ich brauche nur einen Befehl zu erteilen, und dieser Garten giesst sich von selbst. Da unten gibt es Etagen, in denen von Maschinen Mais und Getreide angebaut wird, es gibt ganz hervorragendes Fleisch, das f\u00fcr mich in Reagenzgl\u00e4sern w\u00e4chst. Der Turm reinigt sich selbst vom Staub, er kann Wunden n\u00e4hen und Alkohol destillieren. Wenn ich irgendetwas von da draussen begehre, sende ich Adam aus, um es mir zu holen. Ich brauche mich nicht auf Handel mit diesen Halbmenschen einzulassen.<br>Alles, was ich von ihnen will, ist Respekt. Sollen sie ihren Kadaver behalten und jeden einzelnen Knochen aussaugen! Doch dies hier ist mein Reich, dies ist das letzte Denkmal f\u00fcr die Gr\u00f6sse der Menschheit, und ich werde niemals zulassen, dass sie es beschmutzen.\u00ab<br>Michael sah sich in dem m\u00e4rchenhaften Garten um. \u00bbEin Denkmal? Ein Grabmal?\u00ab Seine Stimme spitzte sich zu, wurde von einem Frosthauch zu einer Klinge aus Eis. \u00bbVon welcher Gr\u00f6sse kann ein Ort k\u00fcnden, an denen Versprechen nichts wert sind und Geiseln willk\u00fcrlich umgebracht werden? Wenn dies die Ehrenhaftigkeit der alten Welt ist, dann hat sie es verdient, unterzugehen!\u00ab<br>\u00bbEhre, Versprechen! Das sind Beziehungen von Mensch zu Mensch, so wie dies eine Welt der Menschen ist.<br>Ehre gegen\u00fcber Hybriden, Mutanten, Abnormit\u00e4ten? Dass ich nicht lache!\u00ab<br>Michael schickte sich an, wieder auf den Pfad zu treten. \u00bbIch w\u00fcnsche zu gehen. Ich sehe, meine Zeit ist hier verschwendet. Das alles hier war mag sch\u00f6n anzusehen sein, und Eure Geschichte war erhellend, aber letztendlich seid Ihr nichts als ein besonders hartn\u00e4ckiger Anachronismus.\u00ab<br>Apherion sch\u00fcttelte fast widerwillig den Kopf. \u00bbGehen? Nein. Ganz abgesehen von dem praktischen Grund, dass ich nicht zulassen kann, dass du dein Wissen \u00fcber diesen Ort an die Wolfsmenschen weitergibst \u2026 Du geh\u00f6rst hierher. Glaubst du, ich habe dich zu mir vorgelassen und dir von meiner Welt erz\u00e4hlt, um Verhandlungsgespr\u00e4che zu f\u00fchren?<br>Du bist hier, weil deine Haut frei von Geschw\u00fcren ist und du bestimmt schon dreissig Jahre gelebt hast, ohne dass die Adern in deinem Gesicht geplatzt sind! Wie alt bist du, Michael?\u00ab<br>\u00bbDas geht Euch nichts an.\u00ab<br>\u00bbHattest du Geschwister? Gesunde, so wie du? Eine Schwester, die menstruiert hat, vielleicht sogar Kinder geb\u00e4ren konnte?\u00ab<br>\u00bbIch w\u00fcnsche zu gehen!\u00ab Michael stand mit dem R\u00fccken zu Apherion, auf halbem weg zu dem Mosaik, das den Eingang zum Turm verschloss. Jede Faser seines K\u00f6rpers war angespannt. Dass er immer noch den Weinkelch in der Hand hielt, merkte er erst, als er nach dem Stern an seinem Hals tasten wollte.<br>\u00bbWei\u00dft du, was ich w\u00fcnsche? Kein Gold, keine Felle, kein Fleisch oder sauberes Wasser wie all die Kreaturen da draussen. Ich w\u00fcnsche mir einen Menschen, dessen Erbgut rein genug ist, um von meiner Hand die Unsterblichkeit zu empfangen.\u00ab<br>\u00bbSpricht aus euch der Wahnsinn, oder sind das nur die Tr\u00e4ume eines verbitterten Greises?\u00ab Michael drehte sich um und sah, dass Apherion aus dem Innern seines Jacketts eine Waffe gezogen hatte \u2013 kleiner, aber von derselben Machart wie Adams Donnerstab.<br>\u00bbDu geh\u00f6rst hierher zu mir, Michael! Wir sind Menschen, die Erben dieser Welt. Gemeinsam k\u00f6nnen wir sie von den Toten auferwecken!\u00ab<br>Michaels Finger schlossen sich um den Stern und zogen ihn aus seinem Mantelaufschlag. \u00bbIch habe Euch lange zugeh\u00f6rt, aber Ihr mich nicht. Deshalb seid Ihr gar nicht auf den Gedanken gekommen, dass mir diese Welt gefallen k\u00f6nnte, so wie sie ist.\u00ab<br>Er sprang zur Seite, als er sah, wie sich der Finger des Alten kr\u00fcmmte. Kein Donnerschlag ert\u00f6nte, sondern nur ein abgehacktes Fauchen. Gleich darauf verwandelte etwas Kleines eine Distelbl\u00fcte neben Michael in Fetzen.<br>Er schnellte los, war in Sekundenschnelle beim Mosaik. Die Rosenb\u00fcsche schenkten ihm Sichtschutz, wenn auch keine verl\u00e4ssliche Deckung. Er umklammerte den Silberstern.<br>\u00bbVi\u2019sech n de, vi\u2019sech n de, vi\u2019sech n de!\u00ab Apherions Schritte knirschen auf dem Kiesweg. Er schien keine Eile zu haben. \u00bbVi\u2019sech n de, vi\u2019sech n de.\u00ab Die vertraute K\u00e4lte kroch Michaels Arm hoch. Sein Herzschlag beruhigte sich. \u00bbVi\u2019sech n de!\u00ab Blaue Blitze, Vibrationen aus dem Innern des Sterns. Aber auch Schritte, viel n\u00e4her schon. \u00bbVi\u2019sech n de!\u00ab<br>Azurblaues Feuer erbl\u00fchte um Michaels H\u00e4nde. Es umh\u00fcllte das Adernetz aus Blitzen und loderte hoch empor \u2013 lautlos, kompromisslos, gnadenlos. Im einen Moment hatte er noch skandierend inmitten des Mosaiks gestanden, im n\u00e4chsten war er umh\u00fcllt von einem Kokon aus kaltem Licht.<br>Es war keine Macht von dieser Welt, nein, aber es war Macht ohnegleichen. Die Macht des Schweigenden.<br>Mit einem letzten \u00bbvi\u2019sech n de!\u00ab warf er sie gegen das Mosaik.<br>Apherion hatte ihn erreicht und abermals den Donnerstab auf ihn gerichtet, aber sein Angriff prallte wirkungslos von Michaels Kokon ab.<br>Risse frassen sich durch das Mosaik. Steinsplitter, manche l\u00e4nger als der Oberschenkel eines ausgewachsenen Mannes, wurden in die Luft gerissen und gleich blauen Kometen durch die Luft geschleudert.<br>F\u00fcr die Dauer eines Lidschlags trafen sich Michaels und Apherions Blicke. Zum ersten Mal wirkte der Alte fassungslos. Er hielt den Donnerstab in der Hand, als habe er mit einem Mal dessen Sinn vergessen. Auf seinen Z\u00fcgen stand nacktes Entsetzen.<br>Dann waren die Risse im Boden gross genug, dass Michael hindurch springen konnte. Der Raum darunter war hoch, mindestens viereinhalb Meter von der Decke bis zum Boden, doch der Kokon aus blauem Feuer sch\u00fctzte ihn auch beim Sprung und liess ihn federnd auf dem Parkett landen.<br>Ein Ger\u00e4usch ert\u00f6nte: ein Heulen, so laut und schrill, dass es die Grundfesten des Turmes zum Erzittern brachte. Im selben Augenblick ergoss sich ein eiskalter Spr\u00fchregen aus tausenden D\u00fcsen in der Decke. Michaels entglitt vor \u00dcberraschung die Kontrolle \u00fcber seine Beschw\u00f6rung. Der Stern entglitt seinen Fingern, und die Flammen des Kokons schossen nach oben davon, liessen ihn zitternd und mit tauben H\u00e4nden zur\u00fcck. Binnen Sekunden war er bis auf die Haut durchn\u00e4sst.<br>Trotzdem begann er zu rennen \u2013 durch den riesigen Raum, vorbei an B\u00fccherregalen, verschlossenen Schr\u00e4nken und dem Fl\u00fcgel. Seine Ohren dr\u00f6hnten. Er musste all seine Selbstbeherrschung aufbieten, um ein Zittern zu unterdr\u00fccken. Gerade hatte er die immer noch offen stehende T\u00fcr zum Treppenhaus erreicht, als er von oben ein weiteres Ger\u00e4usch h\u00f6rte, das sogar das grauenhafte Heulen \u00fcbert\u00f6nte: das Splittern von Glas.<br>Auch im Treppenhaus regnete es. Michael musste seinen Lauf zwangsl\u00e4ufig verlangsamen, um nicht auf den Stufen auszurutschen und in den Tod zu st\u00fcrzen. Der Silberstern pendelte an seiner Halskette. Jetzt, da die Trance gebrochen war, sp\u00fcrte er, wie sich sein Herzschlag wieder beschleunigte. Um Atem ringend stolperte er Treppe um Treppe hinab. Die Bilder an den W\u00e4nden waren auf einmal allesamt verschwunden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00dcber dem Gl\u00e4sernen Turm schwebte ein Todgeweihter. Er wusste nichts von seinem Schicksal, wusste nichts von den Kriegen der Alten, der erloschenen Pracht einer alten Welt, von Bomben, Dimensionsverschiebungen, Metaphysik und der Nostalgie der Verbliebenen. Sein Name war Adam, und alles, was er wusste, war, dass er geboren war, um seinem Vater zu dienen.<br>Als er die Kuppel des Turms in einem blau brennenden Gewittersturm bersten sah, flog er deshalb unverz\u00fcglich heran, um den Kampf oder wenn n\u00f6tig die Verfolgung aufzunehmen. Doch er fand keinen Feind mehr, nur seinen Vater, der ihm bedeutete zu landen.<br>Er stand in der Mitte des Gartens, unter der Krone der uralten Eibe, und weinte.<br>Um ihn herum war der Boden weiss vor Scherben. Wie Kirschbl\u00fcten lagen sie zwischen den Pflanzen und fl\u00fcsterten ihnen Geschichten von Hitze, Gift und der Endg\u00fcltigkeit des Todes zu. Alles, was von der Kuppel geblieben war, war ein vielerorts zerrissenes Netz aus haarfeinen Dr\u00e4hten.<br>Die H\u00e4nde seines Vaters bluteten. Er hatte sie sich aufgeschnitten, als er eine einzelne Tulpe mitsamt Wurzeln ausgegraben hatte.<br>\u00bbWas ist geschehen?!\u00ab, fragte Adam mit bebender Stimme.<br>\u00bbWas geschehen musste. Nur ein Nachbeben \u2026 Nur ein paar eitle Hoffnungen, die sich nicht erf\u00fcllt haben.<br>Hilf mir, Adam. Hilf mir, so viele du kannst auszugraben und nach drinnen zu bringen. Hinunter, wo noch reine Luft ist.\u00ab Die Wurzeln der Tulpe tranken zu gleichen Teilen Tr\u00e4nen und Blut.<br>Der Todgeweihte liess die Waffe fallen, die bei den meisten Bewohnern dieser Welt als Donnerstab bekannt war, die er jedoch unter dem Namen Maschinengewehr bekommen hatte. Er sah sich hilflos um. Der Garten war riesig, er hatte nur seine zwei H\u00e4nde.<br>Bereits begann der Wind aufzufrischen. Er wehte herab vom ockerfarbenen Himmel, heiss und trocken wie Sandpapier.<br>Auf ihren Lippen schmeckte der Wind nach Rost.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWas meinst du damit \u2013 weg? Was ist geschehen, Michael?\u00ab<br>Die Nacht war hereingebrochen. Michael stand inmitten eines Rudels Wolfsmenschen, noch immer triefend nass und frierend. Luphia stand vor ihm, ein grosses Fell auf dem Arm, machte aber keine Anstalten, sie ihm anzubieten.<br>\u00bbEs war alles vergebens. Es tut mir leid \u2026 Ich habe Apherions Zorn nur noch mehr angefacht. Ein gottgleicher Zorn, auch wenn er selbst nur ein Mensch ist.\u00ab<br>\u00bbDie El\u2019Vaurr sind noch nie vor einem Feind davongelaufen!\u00ab, knurrte ein Wolfsmann weiter hinten. In der Hand hielt er ein martialisch anmutendes Kriegsbeil. \u00bbSchon gar nicht vor einem Menschen. Wenn er Krieg will, soll er kommen!\u00ab<br>\u00bbEr ist schon einmal gekommen!\u00ab Michael hob die Stimme, obwohl es ihn Kraft kostete. \u00bbVergessen die El\u2019Vaurr wirklich so schnell? Er \u2013 nein, nicht einmal er, ein gew\u00f6hnlicher Handlanger \u2013 hat gegen euch gek\u00e4mpft und euren F\u00fcrsten erschlagen. Blut wurde vergossen, ja, aber deshalb noch mehr Blut zu vergiessen w\u00e4re n\u00e4rrisch!<br>Ich habe gesehen, was er vermag\u00ab, sagte er leiser. Sein Blick fand den von Luphia. \u00bbEr kann euren ganzen Stamm mit einer Kr\u00fcmmung seines Fingers ausl\u00f6schen. Und ich f\u00fcrchte, dass er genau das tun wird, aus Rache, weil ich seinen \u2026 seinen Schatz zerst\u00f6rte.\u00ab<br>\u00bbIch sage, wir ziehen jetzt los und reissen ihm die Kehle auf, solange er noch besch\u00e4ftigt ist!\u00ab, rief ein anderer Wolfsmann, diesmal ein H\u00fcne mit keiner Waffe ausser seinen kindskopfgrossen F\u00e4usten. \u00bbSchaffen wir uns dieses \u00dcbel vom Hals!\u00ab<br>Luphia fuhr herum und bleckte die Z\u00e4hne. Obwohl ihr Gebiss das eines Menschen war, h\u00e4tte die Geste nicht w\u00f6lfischer sein k\u00f6nnen. \u00bbDu hast hier gar nichts zu sagen, Castor, Sohn des Castor. Ich bin es, die an meines Bruders statt \u00fcber die El\u2019Vaurr regiert.\u00ab<br>\u00bbEin Weib kann nicht regieren\u00ab, entgegnete Castor unbeeindruckt. \u00bbEs sei denn die eigenen Welpen.\u00ab<br>Luphia fauchte und ging in die Knie. Auf ihrem R\u00fccken begann Haar zu spriessen. Augenblicklich wich Castor zwei Schritte zur\u00fcck und setzte ebenfalls zur Verwandlung an.<br>Michael war in Sekundenschnelle bei ihm und streckte den Wolfsmann mit einem Fausthieb nieder. Ein Knacken ert\u00f6nte, Blut str\u00f6mte aus der Nase, die bereits einige Zentimeter in die L\u00e4nge gewachsen war.<br>Augenblicklich brach Tumult aus. \u00dcberall um hin herum bleckten Wolfsmenschen die Z\u00e4hne, die Luft war erf\u00fcllt von Zischen und Knurren. Selbst Luphia sah ihn zornentbrannt an, doch Michael k\u00fcmmerte es nicht. Seine Kn\u00f6chel brannten, seine Kleidung klebte eiskalt an seiner Haut, sein Verstand rotierte gleichermassen um Angst und Verwirrung, die von der Erz\u00e4hlung des Alten herr\u00fchrte.<br>Er nahm den Stern von seinem Hals und hielt ihn hoch in die Luft, sodass alle ihn sehen konnten. Trotz seiner Ersch\u00f6pfung brachte er eine Aureole aus blauen Blitzen zustande. \u00bbIm Namen des Schweigenden, Ruhe!\u00ab<br>Die Wolfsmenschen verstummten, als habe man jedem einzelnen von ihnen die Kehle durchgeschnitten. Einige wichen erschrocken zur\u00fcck, andere umklammerten ihre Waffen umso fester, doch auf allen Gesichtern standen Ehrfurcht und Angst.<br>\u00bbDies ist die Macht, mit der ich Apherions Schatz zerst\u00f6ren konnte \u2013 und selbst das, so glaube ich, nur, weil ich ihn \u00fcberrascht habe. Er wird \u00fcber eure Pfeile lachen und eure Klauen und Z\u00e4hne nicht einmal zur Kenntnis nehmen!<br>Wer unbedingt im Kampf gegen ihn den Tod finden will, der soll gehen, und zwar jetzt gleich. Aber ich werde nicht zulassen, dass ihr euch seinetwegen gegenseitig zerfleischt.<br>Ich werde die Stadt vor Morgengrauen verlassen. Wem sein Leben lieb ist soll mit mir kommen oder sich verstecken, bis der Sturm vor\u00fcber gezogen ist. Alle, die nicht auf mich h\u00f6ren wollen, haben sich ihr Schicksal selbst zuzuschreiben.\u00ab Er trat nahe an den niedergestreckten Wolf heran, der inzwischen wieder g\u00e4nzlich Menschengestalt angenommen hatte und sich die blutige Nase hielt.<br>\u00bbJa, ich fliehe vor ihm, denn ich bin klug genug, einen aussichtlosen Kampf zu erkennen. Ich fliehe vor ihm, trotz der Macht, \u00fcber die ich gebiete.<br>Aber ich werde nicht z\u00f6gern, sie dich sp\u00fcren zu lassen.\u00ab<br>Der Wolfsmann wich vor dem ihm entgegen gereckten Silberstern zur\u00fcck wie vor einem giftigen Tier.<br>\u00bbIch frage euch, solange ich noch fragen kann: Wer kommt mit mir?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kein einziger kam mit ihm. Selbst Luphia, die ihn mit zwei weiteren Kriegern bis zum Stadtrand begleitete, lehnte sein Angebot mit Tr\u00e4nen in den Augen ab.<br>\u00bbIch bin eine El\u2019Vaurr. Mein Platz ist bei meinem Stamm, ob im Leben oder im Tod. Ich danke dir f\u00fcr deine Hilfe, Michael. Danke \u2026 dass du es versucht hast. Warte bis zum n\u00e4chsten Jahr und kehre dann zur\u00fcck. Wenn die El\u2019Vaurr dann noch hier sind, wirst du ihre Dankbarkeit erfahren.\u00ab Sie l\u00e4chelte zaghaft. \u00bbGib nur den Wogen Zeit, sich ein wenig zu gl\u00e4tten.\u00ab<br>Michael nickte und nahm ihre Hand, als er versprach, in einem Jahr wiederzukommen. \u00bbGebt auf euch \u2026 Der Herr stehe euch bei, Luphia.\u00ab<br>Ihr L\u00e4cheln wurde schief, und f\u00fcr einen Moment war es ihm, als s\u00e4he er unter diesem zarten Frauengesicht wieder die Z\u00fcge ihres Vaters aus einer Zeit, in der sie noch jung gewesen waren. In der das Leben ein Spielzeug gewesen war \u2013 gut f\u00fcr eine Menge Abenteuer und Spass, doch was scherte es sie, wenn es einmal verloren gehen sollte? Es war schliesslich nur ein Spielzeug.<br>\u00bbIch dachte, du seist kein Mitglied des Ordens mehr? H\u00e4ttest deinen Glauben l\u00e4ngst verloren?\u00ab<br>\u00bbDas mag sein. Aber wenn es etwas gibt, das euch jetzt noch helfen kann, ist es der Beistand eines Gottes.\u00ab<br>Ohne ein weiteres Wort trieb er sein Pferd an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An diesem Morgen wartete kein Z\u00f6llner unter der Br\u00fccke. Hatten die Gezeichneten sich zur\u00fcckgezogen, wie Tiere, die ein nahendes Unwetter witterten?<br>Die Geh\u00e4ngten pendelten sacht im auffrischenden Wind, einem Vorboten des nahenden Winters. Bald w\u00fcrden Eisen, Rost und Beton unter dem ersten Schnee verschwinden. Auch wenn dieser nicht lange liegen bleiben w\u00fcrde \u2013 Schnee lag niemals lange in dieser Welt, er war krank wie alles, das mit dem ockerfarbenen Himmel in Ber\u00fchrung kam \u2013 w\u00e4ren die Strassen doch ein wenig sauberer, wenn er wieder schmolz. Die Wiesen h\u00e4tten neue Kraft, und vielleicht, nur vielleicht, w\u00e4re im Fr\u00fchling wieder neues Leben m\u00f6glich.<br>Hinter Michael l\u00f6sten sich die Silhouetten der T\u00fcrme langsam aus dem Violett des Nachthimmels, w\u00e4hrend vor ihm die aufgehende Sonne den Horizont zum Gl\u00fchen brachte.<br>Rost, Krankheit, Tod \u2026 Das mochte sein. Das alles gab es zur Gen\u00fcge in dieser Welt. Doch eines hatte Apherion nicht verstanden: dass all dies ihrer Sch\u00f6nheit keinen Abbruch tun konnte. Es ver\u00e4nderte sie nur.<br>Vielleicht w\u00fcrde er es jetzt verstehen, wenn sein Garten verdorrte und er seinen Blick nicht mehr nur in die Vergangenheit richten konnte. Doch Michael glaubte nicht daran. Er hatte auf seinen Reisen gen\u00fcgend Alte getroffen, um zu lernen, dass Verst\u00e4ndnis nicht zu ihren Wesensz\u00fcgen geh\u00f6rte. Viel eher w\u00fcrde Apherion seine Erde mit dem Blut der Wolfsmenschen w\u00e4ssern, aus ihrer Haut eine neue Kuppel aufspannen und dann abermals zu s\u00e4en beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Michael kehrte nicht zur\u00fcck in die Stadt, nicht nach einem Jahr und nicht nach Jahrzehnten. Er nannte sich nur noch Priester, weil er \u00fcber die Macht des Silbersterns gebot. Totenmessen zu halten geh\u00f6rte l\u00e4ngst nicht mehr zu seinem Metier.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andrin Albrecht<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hinweis: <\/strong>Sie schreiben Kurzgeschichten rund um die Genres Mystery, Fantasy, Gothic oder Horror? Wir ver\u00f6ffentlichen selbige auf dieser Seite zu eben diesen Genres und laden Sie herzlich ein, Ihr Werk einzureichen. <a href=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/reichen-sie-ihre-kurzgeschichten-ein\/\" data-type=\"page\" data-id=\"8250\">Hier finden Sie alle Informationen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oh let the sun beat down upon my face,Stars to fill my dreamI am a traveler of both time and space,To be where I have beenTo sit with elders of &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1523,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[],"class_list":["post-1522","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kurzgeschichten"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Rost zu Rost \u2013 Von Andrin Albrecht - 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