{"id":1513,"date":"2017-09-26T11:29:00","date_gmt":"2017-09-26T09:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/?p=1513"},"modified":"2026-09-14T07:03:18","modified_gmt":"2026-09-14T05:03:18","slug":"elf-von-jan-heilig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/kurzgeschichten\/elf-von-jan-heilig\/","title":{"rendered":"\u201eElf\u201c von Jan Heilig"},"content":{"rendered":"\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Schule im Nebel<br>Die B\u00e4ume pfeifen im Wind. Nebel weht den H\u00fcgel herauf. Bl\u00e4st \u00fcber das kleine Schulgeb\u00e4ude. Bl\u00e4st auf dem Schulhof dem Direktor das Streichholz aus. Der Mann mit dem wei\u00dfen Bart neben ihm nimmt seinen Hut ab und h\u00e4lt ihn hilfsbereit als Abschirmung davor. Endlich gl\u00fcht es kurz auf. Der Schulleiter macht einen tiefen Zug \u2013 und hustet.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cVerdammtes Wetter!\u201d Noch einen Zug, ganz tief. Dem Nebel entkommt er damit aber nicht. Also dr\u00fcckt er die halb gerauchte Kippe wieder aus und \u00f6ffnet f\u00fcr seinen Gast die gro\u00dfe Eingangst\u00fcr. Anders als der \u00fcberfein gekleidete Direktor mit seiner Krawatte tr\u00e4gt der Professor festes Schuhwerk und einen billigen Trenchcoat. Die kleine Schule steht am Rande der Wildnis \u2013 oben auf einem Bergsattel. Und der Mann aus der Hauptstadt wollte lieber vorbereitet sein. Er sieht kurz in die leuchtenden Fenster. Kinder sitzen an ihren Pulten. Bunten Kleider, unschuldige Gesichter, die Augen gl\u00e4nzend vor Konzentration. Er sieht zum Wald. Nur die Spitzen der Eschen und Ulmen ragen aus dem Grau. Der Nebel verdeckt fast alles. Verdeckt das Dorf am Hang. Verdeckt so manches Geheimnis. Im Wald wohnen unsere \u00c4ngste und Tr\u00e4ume. Und Grau ist keine Farbe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cBitte, Herr Professor.\u201d Der Direktor wartet und der alte Mann nickt und geht nach drinnen. Heute wollen sie versuchen, ein wenig Nebel zu verscheuchen. Vielleicht kann man ihm ja doch entkommen.<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"2\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Der neue Sch\u00fcler<br>Die Lehrerin hat ihre Klasse kurz alleine gelassen. Es ist nicht laut, als sie jetzt zur\u00fcckkehrt, denn die Sch\u00fcler m\u00f6gen sie. Und dazu ist dies hier kein Londoner Klassenzimmer, sondern Hoia Baicu. Die kleine Provinz in Rum\u00e4nien ist vor allem f\u00fcr die Spukgeschichten aus ihrem Geisterwald ber\u00fchmt. Aber eigentlich ist es nur ein Ort am Rande Europas. Und dort vergeht die Zeit langsamer. In den Holztischen sehen die Sch\u00fcler noch die Kratzer und Schnitzbilder ihrer Gro\u00dfeltern aus der Zeit vor dem Krieg.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute bringt die Lehrerin jemanden mit, hinter ihrer schlanken Gestalt versteckt sich ein kleiner Junge. In der Klasse wird es so ruhig, dass man das leise S\u00e4useln des Windes von draussen h\u00f6ren kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cKinder, dies ist euer neuer Klassenkamerad, leider habe ich seinen Namen noch nicht herausbekommen. Aber sobald er unsere Sprache gelernt hat, kann er ihn uns ja selber sagen. Seid also nett zu ihm. Eva, bei Dir ist noch frei.\u201d Sie bringt den Jungen zu dem Platz neben dem braunhaarigen M\u00e4dchen mit Z\u00f6pfen. Jetzt raunen die Kinder doch, denn der Junge hat nicht nur fast schwarze, wuschelige Locken, wie sie hier selten zu sehen sind, sonder dazwischen blitzen auch hell seine Ohren auf \u2013 und mit denen stimmt etwas nicht. Eva macht ihm bereitwillig Platz, aber auch sie blickt ihn unverwandt an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cDer hat ja spitze Ohren!\u201d, platzt es aus Jeremy heraus, dem Lautsprecher der Klasse.<br>\u201cJeremy! Ich sagte \u2018nett\u2019 sein!\u201d<br>\u201cAber das ist komisch!\u201d Die Lehrerin kommt zu seinem Tisch.<br>\u201cKomisch ist, da\u00df ich deine Hausaufgaben gar nicht sehe.\u201d Jeremy hebt die Schultern.<br>\u201cIch musste zur Pflaumen-Ernte.\u201d Die Lehrerin blickt sich um.<br>\u201cWer hat sie denn gemacht?\u201d Jetzt wendet sich Eva von dem Neuen ab und meldet sich. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein herrlich buntes Bild.<br>\u201cNoch jemand au\u00dfer Eva?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Lehrerin geht durch die Reihen und Eva nimmt ihr Bild in die Hand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cDas ist Bunny.\u201d, erkl\u00e4rt sie ihrem neuen Sitznachbarn. Der r\u00fchrt sich nicht, also h\u00e4lt sie ihm das Bild unter die Nase. Darauf ist eine Schildkr\u00f6te zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cIch wollte eigentlich ein Kaninchen. Aber eine Schildkr\u00f6te ist auch ok. Sie ist fast wie ein Kaninchen, nur kleiner und langsamer und nicht so flauschig. Aber sie mag Karotten. Schau mal, da. Ganz viele davon \u2013 weil sie Geburtstag hat.\u201d Die Lehrerin ist wieder an ihrem Platz am Pult angekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cAlso gut, Kinder! Einige von Euch hatten keine Zeit, dann d\u00fcrft ihr es jetzt nachholen. Die anderen malen einfach ein zweites Bild \u2013 aber diesmal malt ihr Euch selber. Als Fantasiefigur. Malt, wie ihr gerne einmal sein wollt.\u201d Eva rei\u00dft ein Blatt aus ihrem Block und legt es dem Jungen hin. Ebenso verteilt sie alle ihre Malstifte in der Tischmitte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cKannst dir nehmen, was du brauchst.\u201d Jetzt kommt zum ersten Mal Bewegung in den Jungen. Er sieht sich die Zeichensachen an, schiebt langsam die bunten Farben zur Seite und greift nach dem dicksten Stift in Schwarz.<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"3\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Das schwarze Gesicht<br>Die Kinder sind eifrig am Zeichnen. Jeremy blickt auf das Bild seines Sitznachbarn und sch\u00fcttelt den Kopf.<br>\u201cWas malst du da f\u00fcr ein Pups? Batman hat doch kein Gewehr!\u201d Der Junge zieht sein Bild ein St\u00fcck weg.<br>\u201cIst doch egal!\u201d<br>\u201cIst es nicht! Mann, bist du dumm, du wirst nie Batman sein! Und der G\u00fcrtel ist nicht gr\u00fcn, sondern gelb!\u201d<br>\u201cIch hab aber nur Gr\u00fcn!\u201d Die Lehrerin kommt vorbei.<br>\u201cJeremy!\u201d Der schnaubt nur und malt weiter an seinem Bild, auf dem er sich selbst mit der Uniform eines Generals gemalt hat. Und mit einem Gewehr. Und einer dicken Goldkette, was bei Gener\u00e4len eher un\u00fcblich ist \u2013 aber das beh\u00e4lt die Lehrerin f\u00fcr sich. Sie kommt an Evas Tisch. Ihr Bild zeigt eine sonnige Insel. Eine Palme, etwas Sand, und der gesamte Platz ist mit Kaninchen bev\u00f6lkert, jedes in einer anderen Farbe. Sie sehen aus, wie Ostereier mit Ohren. Mitten drin sitzt sie selber, und f\u00fcttert ihren kleinen Zoo mit Karotten. Der stille Junge neben ihr hat jedoch ein ganz anderes Bild gemalt. Eines, da\u00df die Lehrerin fr\u00f6steln l\u00e4sst. Das Blatt ist jetzt komplett schwarz \u2013 nur in der Mitte hat er zwei Ovale frei gelassen und Pupillen hinein gemalt. Starre Augen, die sie verfolgen, als sie am Tisch vorbei geht. Die Lehrerin blickt aus dem Fenster in das d\u00e4mmrige Grau. Auf dem Schulhof kann sie die Zigarette ihres Direktors gl\u00fchen sehen \u2013 neben ihm leuchtet schwach der helle Bart des Professors. Als der kurz zu ihr her\u00fcber schaut, sch\u00fcttelt sie ganz leicht den Kopf.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Direktor zieht an seiner immerw\u00e4hrenden Kippe, offenbar g\u00f6nnt er sich nach jeder Stunde eine.<br>\u201cIch kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll, Herr Professor.\u201d Er bekommt keine Antwort, aber der \u00c4ltere sieht schon wieder hinab in den Wald, der sich durch das ganze Tal zieht.<br>\u201cErstes Mal hier, oder?\u201d<br>\u201cJa.\u201d, nickt der Professor.<br>\u201cIm Sommer kommen die Touristen, Franzosen, Engl\u00e4nder, sogar welche aus den Staaten \u2013 gehen auf Erkundungstouren durchs den ganzen Forst. Die einen suchen Ufos, die anderen Geister. Fr\u00fcher waren es noch Elfen oder Vampire. Mein Schwager bietet Touren an.\u201d<br>\u201cAch wirklich?\u201d<br>\u201cIst ein gutes Gesch\u00e4ft. Aber ich wollte lieber etwas Reifes tun, mit Sinn. So eine Schule, das ist eine gro\u00dfe Verantwortung.\u201d Der Professor sieht zu den vier Klassenr\u00e4umen, aus denen diese Schule besteht. Die Verantwortung h\u00e4lt sich da in Grenzen.<br>\u201cErst dachte ich, sie kommen auch deswegen.\u201d Er nickt zum nebligen Wald.<br>\u201cDa\u00df die Regierung jetzt auch noch irgend so ein spinnertes Forschungsprojekt finanziert \u2013 zu den Mysterien von Hoia Baicu.\u201d Er kichert kurz, dann dr\u00fcckt er seine Zigarette am Holzzaun des Schulhofes aus.<br>\u201cNaja \u2013 mal sehen, wie\u2019s mit ihrer Idee l\u00e4uft. Ich muss rein, sie verstehen schon \u2013 Arbeit.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Professor bleibt zur\u00fcck und setzt sich auf eine Bank. Er kennt die Geschichten \u00fcber den Wald. Obwohl er nicht gro\u00df ist, kann man sich darin verirren. Und in der Mitte gibt es eine fast kreisrunde Lichtung, auf der seit Jahrzehnten nichts w\u00e4chst. Es gibt daf\u00fcr keine nat\u00fcrliche Erkl\u00e4rung, aber so ist es eben. Das Internet ist voller Spekulationen dar\u00fcber. Ohne den Nebel k\u00f6nnte er den Flecken bestimmt von hier oben aus sehen. Doch wenn er den grauen Schwaden eine Weile lang mit den Augen folgt, dann erkennt er, da\u00df sie nicht in eine Richtung ziehen. Stattdessen kreisen sie langsam aber eindeutig um irgendeinen Punkt unten im Tal. Einen Punkt, an dem er keine Baumwipfel erkennen kann.<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"4\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Maske<br>Es klingelt zur ersten Pause und die Kinder st\u00fcrmen mit dem \u00fcblichen Jubelschrei nach drau\u00dfen. Nur der merkw\u00fcrdige Junge mit den spitzen Ohren r\u00fchrt sich nicht. Eva holt zwei Apfelh\u00e4lften aus ihrer Tasche, f\u00fcr sie beide \u2013 er hat ja nichts dabei.<br>\u201cKommst Du mit, wir gehen jetzt in die\u2026?\u201d, Sie bricht ab, denn der Platz neben ihr ist leer. Auch an der T\u00fcr ist ihr Sitznachbar nicht. Sie steht auf und geht auf den Pausenhof, schaut sich um \u2013 aber sie kann ihn nicht entdecken. Mitten im Schulhof ist ein kleiner Kletterfelsen, ein St\u00fcck Berg, da\u00df hier schon vor der Schule aus dem Boden ragte. Die Jungen haben ihn besetzt, wie jede Pause, und ganz oben hockt Jeremy.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cSpock hat auch so Ohren!\u201d meint sein Sitznachbar gerade. Jeremy lacht.<br>\u201cUnd die Schweine bei uns auf dem Hof auch.\u201d Er grunzt \u00fcbertrieben und die Jungen machen es ihm nach und kichern. Eva geht an dem Affenfelsen vorbei und setzt sich zu ein paar Freundinnen.<br>\u201cOb seine Eltern auch so Ohren haben?\u201d meint ein M\u00e4dchen grade, da\u00df alle immer nur Wizzy nennen. Seit \u2018Wizzardizzard\u2019 im Fernsehen l\u00e4uft, geben sich die M\u00e4dchen gerne die Spitznamen der Heldinnen.<br>\u201cVielleicht sind die Elfen?\u201d, meint Kyriezz, noch so ein Name aus der Serie, der wesentlich interessanter klingt als Katja. Die M\u00e4dchen blicken automatisch zum Wald. Wo sonst k\u00f6nnten Elfen wohnen?<br>\u201cEs gibt welche in Santinavien.\u201d, \u00fcberlegt Wizzy weiter, aber Zzaty, die dritte im Bunde, korrigiert sie:<br>\u201c\u2018Skandinavien\u2019 hei\u00dft das. Aber hab ich auch geh\u00f6rt. Was malt er?\u201d Die Frage geht an Eva, f\u00fcr die kein Name mehr frei war, da es nur drei Heldinnen in der Serie gibt \u2013 und die daraufhin freiwillig verzichtet hat. Sie folgt Zzatys Blick und sieht den m\u00f6glichen Elfen in einer dunklen Ecke sitzen. \u2018Wie ist er nur hier rausgekommen\u2019, \u00fcberlegt sie. Er hat sich ein Blatt Papier mit nach drau\u00dfen gebracht und malt trotz des Windes weiter. Eva geht zu ihm und sieht ihm \u00fcber die Schulter. Auf dem Blatt entsteht exakt dieselbe Zeichnung wie zuvor: Alles schwarz, in der Mitte zwei Augen wie L\u00f6cher. Eva geht um ihn herum und hockt sich hin.<br>\u201cL\u00e4chelt der oder weint der?\u201d Der Junge reagiert nicht. Eva zieht ihre eigenen Mundwinkel mit den Fingern nach oben und spricht langsam und deutlich.<br>\u201cL\u00e4cheln. So.\u201d Dann zieht sie die Mundwinkel herunter.<br>\u201cUnd Weinen.\u201d Jetzt hebt der Junge die Augen und blickt sie an. Ein starrer Blick, Eva blinzelt kurz, aber dann l\u00e4chelt sie ihn an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cL\u00e4cheln.\u201d Es dauert ein paar Sekunden, dann werden seine Gesichtsz\u00fcge etwas weicher und die Augen scheinen Eva nun endlich zu sehen. Fast kann sie auch ein kleines L\u00e4cheln erkennen, da rei\u00dft eine Hand seine Zeichnung vor ihm weg.<br>\u201cHEYYY, seht mal!\u201d, schreit Jeremy und wedelt mit dem schwarzen Bild in der Luft. Er sticht mit dem Finger zwei L\u00f6cher durch die Stellen mit den Augen und h\u00e4lt es sich vor das Gesicht. So springt er kurz auf Eva zu und ruft:<br>\u201cBUH!\u201d Dann rennt er davon. Eva hinter ihm her.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cGib das sofort zur\u00fcck!\u201d Jeremy jagd wie ein gl\u00fccklicher Stra\u00dfenk\u00f6ter mit seiner Beute \u00fcber den Schulhof und wiederholt seinen Witz mit anderen Kindern, bis Eva bei ihm ist. Er l\u00e4sst sie ein paar Mal vergeblich nach dem Bild schnappen, aber schlie\u00dflich wirft er es in den M\u00fclleimer \u2013 einen mit Klappe, man kommt mit dem Arm nicht weit hinein. W\u00e4hrend er zufrieden davon schlendert, versucht Eva vergeblich, das Blatt Papier wieder herauszufischen. Als es klingelt, sieht sie sich um \u2013 der fremde Junge ist erneut verschwunden. Auf dem Schulhof sitzt auch dieser alte Mann mit Bart, den Eva heute morgen schon gesehen hatte mit dem Direktor. Er liest in einer Art Mappe. Sie sucht weiter mit den Augen und dann sieht sie die wuscheligen Haare hinter den Fensterscheiben ihres Klassenraumes und geht hinein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der Unterricht weitergeht, erhebt sich der Professor und \u00f6ffnet die Klappe des M\u00fclleimers. Sein Arm ist lang genug. Er fischt das zerkn\u00fcllte Papier heraus und streicht es glatt. Eine Weile betrachtet er die Zeichnung \u2013 die jetzt unfreiwillig zu einer Maske geworden ist. Dann \u00f6ffnet er seine Ledermappe und legt das schwarze Gesicht hinein. Zu einem Stapel anderer Bl\u00e4tter. Alle Schwarz angemalt. Mit stechenden Augen in der Mitte.<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"5\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Das L\u00e4cheln<br>Eva hat einen Halbmond aus Karton ausgeschnitten \u2013 sie will ihn \u00fcber ihrem H\u00e4uschen befestigen. Es ist Bastelstunde, die Sch\u00fcler sind emsig am Werkeln und Kleben. Jeremy gibt ab und zu ein Grunzen von sich, und die meisten Jungen kichern dann. Nur der neue Junge nicht. Er bastelt auch nicht. Stattdessen sitzt er weiter stur vor einem neuen Blatt, den schwarzen Stift in der Hand, und malt schon wieder. Die gleiche Dunkelheit. Die gleichen stechenden Augen. Die Lehrerin l\u00e4sst ihn. Aber Eva schneidet aus Karton zwei Ohren aus \u2013 sie sehen zumindest recht \u00e4hnlich aus. Und sie hat oben kleine Spitzen gelassen. Sie legt die Kartonst\u00fccke rechts und links neben das schwarze Bild ihres Nachbarn. Jetzt wird daraus ein richtiges Gesicht. Ohne Ausdruck, aber jedenfalls nicht mehr nur ein starrer Blick im Nichts. Der Junge h\u00f6rt auf zu zeichnen. Eva grinst:<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cJetzt sieht es aus wie ein Elf. So wie du.\u201d Sie zeigt auf die Ohren des Jungen. Der lehnt sich reflexartig zur\u00fcck. Eva zuckt die Schultern.<br>\u201cIch nenn\u2019 dich so, ok? Du brauchst doch einen Namen. Ich bin Eva.\u201d Sie deutet auf ihre Brust, und dann auf seine.<br>\u201cUnd du bist Elf!\u201d Der Junge deutet auf sich.<br>\u201cJa, genau.\u201d, nickt Eva.<br>\u201cElf. Und ich Eva.\u201d Der Junge sieht sie weiter unsicher an.<br>\u201cSag mal: Elf \u2013 Eva \u2013 L\u00e4cheln.\u201d, ermuntert sie ihn. Sie zieht erneut ihre Mundwinkel demonstrativ mit ihren Fingern nach oben, wie schon im Schulhof.<br>\u201cL\u00e4cheln! Wei\u00dft Du noch?\u201d Er reagiert nicht, also nimmt sie kurzerhand ihren Papier-Mond und legt ihn mitten auf sein Bild. Richtig herum nat\u00fcrlich. Das Gesicht auf dem Papier verwandelt sich schon wieder \u2013 alles Be\u00e4ngstigende ist verschwunden.<br>\u201cL\u00e4cheln!\u201d sagt Eva stolz. Der Junge sieht unverwandt auf das Bild \u2013 und dann heben sich auch seine Mundwinkel ganz leicht. Eva klatscht vor Freude in die H\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cKinder, ich lass Euch kurz alleine. Keinen Unsinn machen!\u201d, ruft die Lehrerin und beeilt sich, um in das kleine B\u00fcro des Direktors zu kommen. Dort sitzen der Professor und der Direktor grade bei einem Tuica, dem rum\u00e4nischen Nationalgetr\u00e4nk: Alkohol, der nach Pflaumen schmeckt. Oder auch nicht, aber er wird zumindest daraus hergestellt.<br>\u201cHerr Professor? Es gibt eine Ver\u00e4nderung!\u201d, berichtet sie aufgeregt. Die Augen des alten Mannes beginnen zu leuchten, und sie f\u00e4hrt fort:<br>\u201cJa also das Bild \u2013 es l\u00e4chelt jetzt.\u201d<br>\u201cEs l\u00e4chelt?\u201d, fragt der Direktor.<br>\u201cJa, er hat Karton hinzugef\u00fcgt, zwei Ohren und einen Mund. Einen l\u00e4chelnden Mund.\u201d Jetzt l\u00e4chelt auch der Professor.<br>\u201cGro\u00dfartig, ganz gro\u00dfartig! Es ist das M\u00e4dchen, nicht wahr?\u201d<br>\u201cJa, Eva, sie hat sehr viel Fantasie.\u201d Der Schuldirektor wiegt skeptisch den Kopf hin und her.<br>\u201cZeichnen ist nicht sprechen.\u201d Er wendet sich an seine Angestellte:<br>\u201cVielleicht, wenn sie ihn ein wenig ermutigen, da gibt es doch bestimmt ein paar \u00dcbungen, die wir\u2026\u201d<br>\u201cAuf keinen Fall!\u201d Der Professor hebt beide H\u00e4nde.<br>\u201cDas alles haben wir schon versucht. Wir sind hier, um etwas Neues zu probieren. Lassen sie es sich einfach entwickeln, dieses Experiment ben\u00f6tigt Zeit und..\u201d er unterbricht sich, denn aus dem Klassenzimmer dringt Kindergekreische zu ihnen her\u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cLASS IHN IN RUHE!\u201d Eva hat sich vor Jeremy aufgebaut, und schirmt damit den fremden Jungen ab. Aber Jeremy ist grade voll in Fahrt.<br>\u201cEr ist keine Elf!\u201d<br>\u201cIst er wohl!<br>\u201cIst er nicht!\u201d<br>\u201cWoher willst DU das wissen?!\u201d Eva ist selten so zornig, aber jetzt hat sie die H\u00e4nde in die H\u00fcften gestemmt.<br>\u201cPah! Kuck mal.\u201d Jeremy springt einfach um Eva herum und greift blitzschnell nach den spitzen Ohren des Jungen. Eva versucht noch, ihn festzuhalten, aber es ist schon zu sp\u00e4t. Die Ohren haben sich gel\u00f6st und der Junge kreischt auf. Das erste Mal, da\u00df er \u00fcberhaupt etwas von sich gibt. Ein hoher, verzweifelter Schrei, wie ihn Kaninchen in Todesangst aussto\u00dfen. Er bricht auf dem Boden zusammen und versteckt seinen Kopf zwischen den Armen. Aber Eva hat in der einen Sekunde gesehen, was mit seinen Ohren wirklich ist: Der Junge hat \u00fcberhaupt keine! Stattdessen hat sie Narben gesehen \u2013 wulstiges rotes Gewebe, Knubbel und Hautfetzen. Es ist furchtbar.<br>Jeremy st\u00f6\u00dft ein Freudengeheul aus und wirbelt eine Art Spange mit den beiden spitzen Ohr-Attrappen in der Luft herum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cSeht ihr, seht ihr?\u201d<br>Die anderen Kinder sind ebenfalls aufgesprungen, um besser sehen zu k\u00f6nnen.<br>\u201cGib sofort her!\u201d Eva greift nach den Ohren, und er spielt das Kriegst-es-nicht-Spiel noch einmal, aber dann stolpert er und kracht \u00fcber einen Tisch. Die Spange f\u00e4llt ihm mit Schwung aus der Hand und knallt auf den harten Boden. Dort zerbricht sie in zwei Teile. Eva h\u00e4lt die H\u00e4nde vor den Mund vor Schreck und dreht sich nach dem Jungen um. Aber der ist verschwunden. Schon wieder.<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"6\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Die Suche<br>\u201cWas ist hier denn los?\u201d Die Lehrerin steht in der T\u00fcr des Klassenzimmers. Sofort flitzen die Kinder auf ihre Pl\u00e4tze. Bevor Eva irgendetwas sagen kann, taucht hinter der Lehrerin der Professor auf.<br>\u201cDer Junge?\u201d, fragt er. Aber als er in Evas H\u00e4nden die Spange sieht \u2013 zerbrochen \u2013 dr\u00e4ngt er sich schnell in den Raum, hinter ihm folgt der Direktor.<br>\u201cSie sind kaputt.\u201d, murmelt Eva geknickt. Sie hat Jeremy noch nicht verraten, der versucht, sich so klein wie m\u00f6glich zu machen.<br>\u201cWo ist der Junge?\u201d, wiederholt der Professor. Eva blickt sich um \u2013 und sieht die hintere T\u00fcr zum Hof, die ein St\u00fcck offen steht.<br>\u201cDA!\u201d, ruft sie und l\u00e4uft los. Sie ist schon durch die T\u00fcr, bevor die Lehrerin sie zur\u00fcckpfeifen kann. Die Erwachsenen st\u00fcrmen hinterher \u2013 einige der Kinder wollen folgen, aber die Lehrerin breitet die Arme aus und h\u00e4lt sie zur\u00fcck. Eva ist derweilen \u00fcber den Hof geeilt. Der Zaun um die Schule hat L\u00fccken und hinter einer zittern noch ein paar B\u00fcsche. Dort entlang muss ihr Elfenjunge gefl\u00fcchtet sein: Den Hang hinab in den Wald. Der Professor und der Direktor sind gefolgt, und k\u00f6nnen das M\u00e4dchen nur noch ebenfalls im Buschwerk verschwinden sehen.<br>\u201cGro\u00dfartig!\u201d, schimpft der Direktor und l\u00e4uft zum Zaun.<br>\u201cEinfach laufen lassen, hm? Das ist ein Labyrinth da drinnen \u2013 und alles v\u00f6llig vermatscht bei dem Wetter.\u201d Er dr\u00fcck zwei Holzlatten auseinander.<br>\u201cSie zahlen mir die Schuhe!\u201d Der Professor will etwas sagen, aber der Direktor schlittert mit einem lauten Ruf den Abhang hinab zwischen die B\u00fcsche und ger\u00e4t au\u00dfer Sicht. Die Lehrerin, die endlich alle Kinder wieder in den Klassenraum zur\u00fcckman\u00f6vriert hat, kommt zu ihm.<br>\u201cEs tut mir aufrichtig leid!\u201d, sagt er. Aber sie sch\u00fcttelt nur den Kopf.<br>\u201cNein, das war mein Fehler.\u201d Der Professor sieht sie fragend an.<br>\u201cIch war zu ungeduldig. Ich h\u00e4tte in der Klasse bleiben sollen. Was werden sie jetzt tun?\u201d<br>\u201cIhn suchen gehen.\u201d<br>\u201cIst das schlau? Der Direktor sucht ihn doch schon. Und er kennt den Wald.\u201d Der Professor l\u00e4chelt.<br>\u201cJa. Aber ich kenne den Jungen.\u201d<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eva kennt sich hier ebenfalls aus \u2013 es war nicht erlaubt, aber nat\u00fcrlich haben alle Kinder den Wald um die Schule erkundet \u2013 es ist ihr verl\u00e4ngerter Spielplatz, hier gibt es tausend Verstecke.<br>\u201cEEELF!\u201d, ruft sie.<br>\u201cWo bist duuuuu?\u201d Sie steigt immer tiefer hinab \u2013 dies ist die Seite, die in das Tal von Hoia Baicu f\u00fchrt, ihr Dorf liegt auf der anderen Seite des H\u00fcgelkammes \u2013 hier wohnt niemand und nach eine Weile kommt sie in den Bereich, den sie nicht mehr so gut kennt. Also holt sie ein Packung Tempos heraus und klemmt eines der wei\u00dfen Papiert\u00fccher m\u00f6glichst sichtbar in eine Astgabel. Dann l\u00e4uft sie weiter, bis sie den hellen Fleck gerade noch so erkennen kann. Und befestigt hier ihr n\u00e4chstes Tuch in einem Baum. Ein riskantes Spiel im Nebel, aber die Sorge um den Jungen ist gr\u00f6\u00dfer und sie arbeitet sich weiter voran. Ihre Schuhe sind l\u00e4ngst durchweicht und der Hang hier ist steil und glitschig, denn der Boden ist voller Bl\u00e4tter und darunter kann der Boden urpl\u00f6tzlich nachgeben \u2013 man sieht es nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach kurzer Zeit kommt sie an die Grenze des Buschwerkes und bleibt stehen. Etwas hat sich ver\u00e4ndert, als w\u00e4re sie \u00fcber eine unsichtbare Schwelle gekommen. Sie stehen weiter auseinander, es wirkt wie eine S\u00e4ulenhalle im Grau der Nebelschwaden. Die Ger\u00e4usche sind hier ged\u00e4mpft, die Luft ist k\u00e4lter und auf einmal ist sie sich unsicher.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cElf?\u201d Sie lauscht. Au\u00dfer einem Tropfen, der hier und da von Bl\u00e4ttern auf den Boden ploppt, ist alles still. Sie sieht sich um \u2013 und da bemerkt sie erschrocken, da\u00df ihr letztes Taschentuch verschwunden ist \u2013 der Nebel ist zu dicht hier. Sie wei\u00df schon jetzt nicht mehr genau, in welcher Richtung der R\u00fcckweg liegt. Z\u00f6gernd macht sie ein paar Schritte in die n\u00e4chstbeste Richtung. Doch nach einer Weile merkt sie: Hier kommt keine Steigung. Ihr wird langsam klar: Sie hat sich verlaufen. Und dann bleibt sie wie angewurzelt stehen. Etwas weiter vor ihr scheint etwas aus dem Boden zu steigen \u2013 d\u00fcrre \u00c4ste. Nein, es sind keine \u00c4ste. Arme! Das sind Arme, die dort aus der Erde kommen. Und dann wendet sich ihr ein dunkles Gesicht zu \u2013 mit zwei stechenden Augen. Eva st\u00f6\u00dft einen schrillen Schrei aus.<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"7\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Das Geheimnis<br>Etwas kommt den Hang heruntergeschlittert, rauscht durch B\u00fcsche und krallt sich schlie\u00dflich an einem gro\u00dfen Ast fest. Der Ast bricht unter dem Schwung entzwei und der Direktor landet r\u00fccklings in der feuchten Erde. Der Matsch durchdringt sofort seinen Hosenboden<br>\u201cHerrgott!\u201d, flucht er und rappelt sich m\u00fchsam wieder auf. Da meint er, im Wind einen fernen Schrei zu h\u00f6ren. Das m\u00fcssen sie sein!<br>\u201cWENN ICH EUCH ERWISCHE!\u201d Er l\u00e4uft etwas seitlich und streift sich dabei den Schmodder vom ruinierten Jacket. Vor ihm taucht ein gro\u00dfer Findling auf. Er h\u00e4lt inne und l\u00e4sst die Schultern h\u00e4ngen.<br>\u201cHier \u2026 war ich doch schon?\u201d Er dreht sich um und stapft in die andere Richtung davon. Weg von der Senke, in der sich Eva hingekniet hat. Sie hat ihn zwar geh\u00f6rt, aber als er seine Drohung gebr\u00fcllt hat, ist sie lieber still geblieben. Wegen ihm, dem Jungen: Vor ihr in einer Mulde liegt er \u2013 sein Arme fuchteln in der Luft herum. Von weitem hatte es sie erschreckt. Und noch mehr sein ver\u00e4ndertes Gesicht: Er hat es mit Dreck beschmiert, so dass es fast schwarz geworden ist. Und auch fast unsichtbar hier im dunklen Wald. Aber jetzt hat sie vor allem Angst um ihn \u2013 denn er will sich \u00fcberhaupt nicht beruhigen. Ja, er nimmt sie nicht einmal wahr. Stattdessen scheint er mit einem unsichtbaren Gegner zu k\u00e4mpfen. Und immer wieder h\u00e4lt er sich die H\u00e4nde an die Narben \u2013 dort, wo einmal Ohren gewesen sein m\u00fcssen. Eva sieht hilflos auf die zerbrochene Spange, die sie mitgenommen hat. Der Plastikb\u00fcgel ist zerbrochen, das ist nicht zu reparieren. Was kann sie denn noch tun?<br>\u201cDu kannst jetzt gar nichts tun!\u201d Sie f\u00e4hrt herum. Hinter ihr steht der Professor. Nur leicht verdreckte Schuhe. Auf der Hutkrempe haben sich ein paar Bl\u00e4tter niedergelassen. Er geht zu einem umgest\u00fcrzten Baum, setzt sich hin und sch\u00fcttelt den Hut aus.<br>\u201cEva, richtig?\u201d Sie nickt, immer noch misstrauisch.<br>\u201cDeine Taschent\u00fccher haben mich hergef\u00fchrt. Du bist wirklich schlau.\u201d Sie zuckt die Schultern und wendet sie sich wieder dem Jungen zu. Die starren Augen, die zuckenden Arme.<br>\u201cWas ist mit ihm?\u201d Der Professor seufzt.<br>\u201cEs muss ein Trauma sein.\u201d Als sie nur den Kopf schr\u00e4g legt, erkl\u00e4rt er:<br>\u201dDas ist wie ein Albtraum, der nicht weggeht. Auch am Tag nicht \u2013 weil er ihn wohl einmal erlebt hat.\u201d<br>\u201cWas hat er erlebt?\u201d Der Professor bleibt lange still, aber schlie\u00dflich st\u00f6\u00dft er einen Seufzer aus und erkl\u00e4rt:.<br>\u201cDie Ohren\u2026jemand hat sie ihm abgeschnitten. Wo er herkommt, ist Krieg. Da geschehen schlimme Dinge.\u201d Eva hebt die zerbrochenen H\u00e4lften der Elfenohr-Attrappe hoch.<br>\u201cUnd die hier?\u201d<br>\u201cEine Verkleidung. Ein Witzbold im Fl\u00fcchtlingsheim hat sie ihm aufgesetzt. Aber seit er sie tr\u00e4gt, verh\u00e4lt er sich mehr oder weniger normal. Nur \u2026 spricht er einfach nicht. Kein Wort, solange ich ihn schon betreue.\u201d Der Junge zuckt wieder, gibt ein St\u00f6hnen von sich. Eva sieht die kaputten Ohrspange an. Dann zieht sie kurzerhand ihre eigene Haarspange aus.<br>\u201cWenn er nicht spricht \u2013 woher wissen sie dann das alles?\u201d Der Professor muss l\u00e4cheln.<br>\u201cGute Frage.\u201d Eva schiebt ihren eigenen Haarreif in die kleinen Laschen an den spitzen Gummiohren. Es h\u00e4lt ganz gut.<br>\u201cWeil \u2013 ohne Ohren k\u00f6nnen sie es ja gar nicht wissen. Vielleicht ist er ja doch ein Elf.\u201d<br>Sie rutscht hinter den Kopf des Jungen und setzt ihm die geflickten Ohren auf. Der Professor hat sich erhoben und kommt neugierig n\u00e4her. Das Zucken in den Armen des Jungen l\u00e4sst langsam nach. Er hebt seine H\u00e4nde an den Kopf und bef\u00fchlt vorsichtig die Gummiohren. Der Atem wird ruhiger. Eva l\u00e4chelt und der Professor kniet sich zu ihnen hin und sch\u00fcttelt anerkennend den Kopf.<br>\u201cDu hast recht, Eva. Genau wissen kann man es nicht.\u201d In dem Augenblick ert\u00f6nt aus der N\u00e4he ein zorniger Ruf.<br>\u201cICH FINDE EUCH, IHR BALGEN!\u201d Eva und der Professor sehen sich an: Der Direktor! Sie sp\u00e4hen in den Nebel, k\u00f6nnen aber nichts sehen. Als sie sich wieder dem Jungen zuwenden \u2013 ist der verschwunden.<br>\u201cSehen sie? Er kann einfach so verschwinden. Wie die Elfen.\u201d<br>Eva springt auf und l\u00e4uft aufs Geratewohl in eine Richtung. Der Professor hinterher.<br>\u201cWarte doch!\u201d Aber Eva bleibt erst stehen, als vor ihr keine B\u00e4ume mehr sind. Sie wei\u00df automatisch, wo sie gelandet ist \u2013 alle Menschen hier kennen diesen Ort: Die Lichtung. Das Zentrum von Hoia Baicu. Dicke Nebelschwaden ziehen dar\u00fcber hin. Der Professor holt sie ein und auch er h\u00e4lt vor der wei\u00dfen Leere vor ihnen inne. Dieser Ort hat eine ganz besondere Atmosph\u00e4re. Es ist zu still, man l\u00e4uft nicht einfach dort hinein.<br>\u201cJa, Eva.\u201d, sagt der Professor etwas au\u00dfer Atem.<br>\u201cEr kann sich ganz gut davon schleichen, das hat ihm vielleicht im Krieg das Leben gerettet. Er kann sich auch sehr gut tarnen und verstecken, aber deswegen ist er noch kein..\u201d<br>\u201cDa!\u201d ruft Eva und zeigt in den Nebel auf der Lichtung.<br>\u201cEr kann auch einfach so auftauchen! Schaun sie doch, dort!\u201d Sie zeigt auf eine Schatten vor ihnen. Ganz schwach ist im Nebel auf der Lichtung eine Gestalt zu erkennen. Mit spitzen Ohren.<\/li>\n\n\n\n<li>R\u00fcckkehr<br>Der Direktor hat schon dreimal vergeblich versucht, sich unterwegs eine Zigarette anzustecken \u2013 aber die Hangwinde sind zu stark. Dabei h\u00e4tte er sie wei\u00df Gott verdient, nach all dem Stress. Er kennt sich gut aus im Wald, fr\u00fcher ist er mit seinem Bruder hier herumgestrobert. Sie haben tausend dumme Kinderspiele erfunden. Eigentlich m\u00fcsste hier bald der ber\u00fchmte freie Kreis kommen. Den haben sie als Kinder immer gemieden, aus Aberglauben. Tats\u00e4chlich \u2013 nach ein paar Schritten kommt er durch die B\u00e4ume auf das freie Rund und grinst. Seine Ortskenntnis ist einfach unschlagbar. Der Nebel ist hier offenbar am dicksten. Doch daf\u00fcr hat der Wind sich gelegt \u2013 wie im Auge eines Orkans. Er holt die Streichh\u00f6lzer und Zigaretten hervor, lehnt sich an einen Baumstamm und genie\u00dft endlich den Rauch. Warum auch nicht, in dem Nebel k\u00f6nnen auch die Ausrei\u00dfer nicht allzu weit gekommen sein. Er wird sie schon finden. Nach einer Weile kommt es ihm allerdings so vor, als ob er weiter drau\u00dfen auf der Lichtung ged\u00e4mpfte Ger\u00e4usche wahrnimmt \u2013 als w\u00fcrde irgendetwas durch das Gras rascheln.<br>\u201cICH FINDE EUCH!\u201d ruft er noch einmal, der \u00c4rger ist wieder da, und er hustet und spuckt aus. Er dr\u00fcckt die Zigarette in den weichen Matsch und geht los \u2013 in den Nebel hinein, und ganz kurz fr\u00f6stelt es ihn. Er kickt vor \u00c4rger einen Ast zur Seite, er ist doch kein Kind mehr. Hier gibt es nichts, vor dem man sich \u00e4ngstigen m\u00fcsste \u2013 h\u00f6chstens vor ihm selber. Der Gedanke l\u00e4sst ihn grinsen. Die Ger\u00e4usche kommen eindeutig von Links und er beeilt sich.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eva und der Professor folgen dem Schatten immer weiter in den Nebel, sie haben jede Orientierung verloren und von dem Jungen vorne sind keinerlei Ger\u00e4usche zu h\u00f6ren. Den Direktor haben sie dagegen sehr deutlich vernommen, er hat ein paar Mal gerufen, zum Gl\u00fcck ziemlich weit zu ihrer Linken. Der Professor h\u00e4lt mit verschw\u00f6rerischem Grinsen einen Finger an den Mund und Eva nickt. Beide haben gerade keine gro\u00dfe Lust auf eine Begegnung. Sie sind so leise, wie sie nur k\u00f6nnen und schleichen sich durch das Heidegras. Es scheint wirklich lange zu dauern, dabei ist diese Lichtung doch eigentlich nicht sehr gro\u00df. Der Professor hat sich das rein interessehalber mal auf einer Landkarte angesehen. Dann bleibt Eva stehen \u2013 sie hat ihren F\u00fchrer aus den Augen verloren. Als der Professor seine Brille von den Nebeltr\u00f6pfchen befreit hat, meint er, ein dunkleres Band im Nebelgrau zu erkennen, zu ihrer Rechten. Sie wenden sich dorthin \u2013 und richtig: Endlich kommen sie wieder unter B\u00e4ume. Eva st\u00f6\u00dft einen kleinen Freudenruf aus: Hinter einem Baum sehen sie einen Lockenkopf hervorschauen. Eine Hand winkt ihnen.<br>\u201cElf! Wo warst du denn?\u201d Aber der Junge sieht an Eva vorbei, als w\u00fcrde er im Nebel etwas erkennen. Eva und der Professor folgen seinem Blick, aber dort ist alles nur grau.<br>\u201cSiehst Du etwas?\u201d, fragt der alte Mann das M\u00e4dchen. Aber sie sch\u00fcttelt den Kopf und nickt in die Richtung, aus der sie gekommen sind.<br>\u201cWissen sie was? Ich glaube, das war gar nicht er.\u201d<br>\u201cWer?\u201d<br>\u201cDer uns hergebracht hat.\u201d Der Professor l\u00e4chelt.<br>\u201cIch habe im Nebel nicht viel erkannt, aber seine Ohren habe ich schon gesehen. Ist doch ziemlich unwahrscheinlich, da\u00df es hier besonders viele Leute mit solchen Ohren gibt!\u201d<br>\u201cUnd wenn doch? Elfen helfen einander, das wissen alle. Sie helfen auch den Menschen. Solange sie niemand zu Gesicht bekommt.\u201d Der Junge beobachtet jetzt den alten Mann. Fast so, als w\u00fcrde er verstehen, dass es um ihn geht.<br>\u201cNehmen wir an, es w\u00e4re so. Und unser Junge w\u00e4re ein Elf \u2013 wer h\u00e4tte sowas getan, mit seinen Ohren?\u201d<br>\u201cMenschen tun so was \u2013 haben sie selber gesagt!\u201d Der Professor schweigt. Was w\u00fcrde einem echten Elfen widerfahren, wenn er uns Menschen in die H\u00e4nde fiele? Die schon vor den eigenen Kindern nicht Halt machen? Er seufzt, und da sieht im der Junge direkt ins Auge. Es dauert nur einen Augenblick aber der alte Mann f\u00fchlt einen Stich im Herzen und aus einer Regung heraus kniet er sich hin und legt ihm kurz den Arm auf die Schulter. Der Junge l\u00e4sst es zu.<br>\u201cWollen wir zur\u00fcck gehen, kleiner Elf?\u201d Eva kommt dazu und nimmt die Hand des Jungen. Und so gehen sie langsam zum Hang und dort findet Eva schlie\u00dflich ein kleines leuchtendes Taschentuch in einer Astgabel \u2013 ihre Markierung. Sie steigen gemeinsam die Anh\u00f6he hinauf, w\u00e4hrend der Direktor immer noch auf der Lichtung irgendwelchen Ger\u00e4uschen nachirrt.<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"9\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Erwachen<br>Die Lehrerin entdeckt fast augenblicklich durchs Fenster, wie die drei aus den B\u00fcschen auftauchen. Eva, der Junge und der Professor. Jetzt klatscht sie in die H\u00e4nde:<br>\u201cKinder, wir machen etwas fr\u00fcher Schluss, es war ein aufregender Morgen \u2013 ab in die Pause!\u201d Die Kinder st\u00fcrmen nach drau\u00dfen und h\u00fcpfen um die Neuank\u00f6mmlinge herum. Diesmal ist die Stimmung ganz anders. Eva und der Junge werden mit tausend Fragen bombardiert. Der Professor fasst der Lehrerin kurz die Suchaktion zusammen, so wie es Eva f\u00fcr die Kinder tut \u2013 der Pulk um die Abenteurer schiebt sich wie ein Ameisentrupp \u00fcber den Pausenhof.<br>\u201cMit Ohren sieht er viel besser aus!\u201d, meint Zzaty.<br>\u201cWillst Du ein Tuch?\u201d Mein Kyriezz und kramt in ihrer Tasche. Das Gesicht des Jungen ist immer noch ganz verschmiert. Aber er reagiert nicht.<br>\u201cEr h\u00f6rt nicht so gut, glaub ich. Du musst es ihm zeigen.\u201d, schl\u00e4gt Eva vor. Kyriezz wedelt mit dem Tuch vor ihm und reibt sich selber das Gesicht. Er nimmt es schlie\u00dflich von ihr an und h\u00e4lt es an sein Gesicht. Auf dem Tuch bleibt ein Abdruck, der seinem urspr\u00fcnglichen Bild nicht un\u00e4hnlich ist. Die Kinder lachen, aber diesmal ist es ist ein fr\u00f6hliches Lachen.<br>\u201cIst er jetzt ein Elf?\u201d, fragt Wizzy.<br>\u201cVielleicht!\u201d, antwortet Eva und schielt zum Professor. Der nickt:<br>\u201cWir fragen ihn, sobald er wieder sprechen kann.\u201d Auf dem Affenfelsen r\u00fcmpft Jeremy ver\u00e4chtlich die Nase, aber niemand bekommt es mit \u2013 alle Jungen sind bei dem Spektakel rund um den Elfenjungen dabei, um ja nichts zu verpassen.<br>\u201cHi Elf, ich bin Anna, aber du darfst auch Wizzy zu mir sagen.\u201d<br>\u201cUnd ich bin Kyriezz und das ist Zzaty. Wir sind Zauberfeen, aber Elf ist auch cool.\u201d Sie lachen und deuten immer wieder auf sich, sagen ihre Namen, und achten darauf, dass er sie gut sehen kann. Der Junge blickt etwas unsicher zwischen ihnen und Eva hin und her. Aber als sie lacht, ist er beruhigt und schlie\u00dflich grinst er ebenfalls.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dann aber ert\u00f6nt eine zornige Stimme vom Zaun her. Durch eine der L\u00fccken schiebt sich eine braunes Etwas mit Hut \u2013 der Direktor! Schlamm und \u00c4rger im Gesicht. Er ist eindeutig die bessere Verk\u00f6rperung der gruseligen Zeichnung.<br>\u201cHerrgott, da kann ich ja lange suchen! Dabei sind alle schon wieder in Seelenruhe hier anspaziert. Hatten alle ein sch\u00f6ne Pause? Ich fasse es nicht..\u201d er versucht, den Matsch an seinen Schuhe im Gras abzustreifen.<br>\u201cDas wird ein Nachspiel haben, oh ja, das versichere ich. Das ist eine Schule und kein Irrenhaus!\u201d Der Professor versucht, ihn etwas zu beschwichtigen:<br>\u201cAlso einen kleinen Fortschritt haben wir doch erreicht, weil\u2026\u201d<br>\u201cPaperlapapp!\u201d, f\u00e4llt ihm der Direktor ins Wort.<br>\u201cDer Junge sollte sprechen lernen, oder? Daf\u00fcr ist eine Schule auch da! Es gibt sowas wie Unterricht. Stattdessen wird der gesamte Schulablauf v\u00f6llig auf den Kopf gestellt. Wir haben hier Verantwortung, und zwar f\u00fcr alle Sch\u00fcler. Verantwortung! Wissen sie \u00fcberhaupt, was das ist? Ganz zu schweigen von meinen Kleidern, sehn sie sich das mal an, ich\u2026\u201d<br>\u201cStill!\u201d Die Lehrerin hat die Hand gehoben und blickt zu den Kindern. Dem Direktor bleibt kurz der Atem weg.<br>\u201cAlso, ich muss doch bitten.\u201d<br>\u201cSchhhhht!\u201d Seine Angestellte deutet zu dem Kreis der Kinder \u2013 dort ist es ebenfalls ruhig geworden und in der Stille h\u00f6ren sie eine leise, kehlige Stimme.<br>\u201cEee..waah.\u201d Die Lehrerin geht vorsichtig n\u00e4her, zwischen den dicht gedr\u00e4ngten Kinderk\u00f6pfchen kann sie jetzt den Jungen erkennen, vor ihm steht Eva, und strahlt ihn an. Der Junge deutet auf sie.<br>\u201cEh\u2026wah..?\u201d Eva nickt begeistert.<br>\u201cJaaa! Eva!\u201d Der Junge l\u00e4chelt, zeigt wieder auf sich. Aber aus dem ge\u00f6ffneten Mund kommt kein Ton. Er setzt noch einmal an \u2013 die Lehrerin und der Professor halten den Atem an.<br>\u201cL\u2026.- L\u2026\u201d er stockt. Zeigt noch einmal auf seine neue Freundin.<br>\u201cEwah\u2026\u201d<br>\u201cEva.\u201d korrigiert sie ihn, und wischt ihm beil\u00e4ufig den letzten Rest Dreck aus dem Gesicht. Seine helle Haut leuchtet jetzt richtig.<br>\u201cEvahh.\u201d Er deutet wieder auf sich. Alle warten auf seinen Namen \u2013 und der Junge versucht es noch einmal.<br>\u201cL\u2026\u201d Es gelingt ihm einfach nicht. Er blickt zu Boden, ballt die F\u00e4uste vor Anstrengung. Es ist mucksm\u00e4uschenstill auf dem Hof. Jeder sieht ihn an, will seinen echten Namen h\u00f6ren. Eine ganze Weile r\u00fchrt er sich nicht. Dann geht pl\u00f6tzlich ein Leuchten \u00fcber sein Gesicht, er blickt hoch und sagt laut und klar und ohne Fehler:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cELF!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jan Heilig, Rotk\u00e4ppchenstra\u00dfe 24a, 12555 Berlin, jan.heilig@filmbit.de<br>www.filmbit.de und www.okayfactor.com<br>Instagram: @papierdrachen_poesie<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hinweis: <\/strong>Sie schreiben Kurzgeschichten rund um die Genres Mystery, Fantasy, Gothic oder Horror? Wir ver\u00f6ffentlichen selbige auf dieser Seite zu eben diesen Genres und laden Sie herzlich ein, Ihr Werk einzureichen. <a href=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/reichen-sie-ihre-kurzgeschichten-ein\/\" data-type=\"page\" data-id=\"8250\">Hier finden Sie alle Informationen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cVerdammtes Wetter!\u201d Noch einen Zug, ganz tief. Dem Nebel entkommt er damit aber nicht. 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