{"id":1510,"date":"2017-05-07T11:25:00","date_gmt":"2017-05-07T09:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/?p=1510"},"modified":"2026-08-29T14:15:21","modified_gmt":"2026-08-29T12:15:21","slug":"jackson-von-tim-pinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/kurzgeschichten\/jackson-von-tim-pinder\/","title":{"rendered":"Jackson \u2013 Von Tim Pinder"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jay stand vor seinem Spiegel und gelte sich die Haare. Mit viel Fingerspitzengef\u00fchl und<br>noch mehr Hingabe behandelte er jede Str\u00e4hne wie ein St\u00fcck rohe Seide. Immerhin<br>stehen die M\u00e4dchen in der Schule drauf. Und Jay, der eigentlich Jason hie\u00df, w\u00fcrde einen<br>Teufel tun, dem entgegenzuwirken. Er war stolz auf seine athletische Figur, aber noch<br>stolzer war er auf seine dunklen, satten Haare. Die lie\u00dfen ihn manchmal wie einen<br>kleinen Mafioso aussehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ihn seine Mutter zum Essen rief, gehorchte der Junge nur widerwillig. Immerhin<br>hatte er heute noch Gro\u00dfes vor. Es war an der Zeit mit Melinda ins Kino zu gehen. Und<br>da wollte er nicht zu sp\u00e4t kommen. Und schon gar nicht durch eine so banale Sache wie<br>Abendbrot essen. 12 Wochen hatte er jetzt an Melinda herum gebaggert. Sicher, Jay<br>h\u00e4tte jede andere haben k\u00f6nnen. Wom\u00f6glich h\u00e4tte es bei den meisten M\u00e4dchen bereits<br>gen\u00fcgt, mit den Fingern zu schnippen und sie w\u00e4ren ihm reihenweise verfallen. Doch<br>nicht so Melinda. Das gro\u00df gewachsene dunkelhaarige Wesen wandelte in anderen<br>Sph\u00e4ren. Sie umgab immer so eine Art Mysterium. Wenn sie Jemanden anschaute,<br>erstarrte dieser Jemand erst einmal zur Salzs\u00e4ule. Ihre stahlblauen Augen bohrten sich<br>in das Gehirn des Gegen\u00fcbers und lie\u00dfen es erst wieder frei denken, wenn sie den Blick<br>senkte. Niemand konnte Melinda etwas vormachen. Und genau das war es, was Jay<br>faszinierte. Er schlang das gebratene und vor Fett triefende Hackfleisch herunter und<br>bemerkte gar nicht, dass auch getoastete Br\u00f6tchen bereit lagen, um einen Hamburger<br>daraus zu formen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cCiao Mama!\u201d, schnallzte Jay noch mit letzten kleinen Fleischresten zwischen den<br>Z\u00e4hnen in Richtung seiner Mutter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Italienerin in ihren besten Jahren stand mit einer blaugetupften Kittelsch\u00fcrze im<br>T\u00fcrrahmen und schickte ihrem Sohn ein vertrautes L\u00e4cheln hinterher. Trotz ihrer<br>beinahe 40 Jahre hatte sie noch immer den Anmut einer Zwanzigj\u00e4hrigen. Auch ihre<br>Br\u00fcste schienen von einer J\u00fcngeren zu stammen. Volumin\u00f6s f\u00fcllten diese ihr eng<br>anliegendes rotes \u00e4rmelloses Shirt aus. Jay war diesen Anblick gew\u00f6hnt. Andere M\u00e4nner<br>verfielen jedoch reihenweise ins Sabbern, wenn sie seine Mutter \u2013 beispielsweise im<br>Supermarkt \u2013 vorbeilaufen sahen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jay hatte sich seinen Rucksack auf den R\u00fccken geworfen und rannte die Einfahrt des<br>gepflegten kleinen Einfamilienhauses herunter. Fahrrad oder Longboard, was w\u00e4re jetzt<br>cooler? \u201cAch schei\u00dfe, ich bin sp\u00e4t dran. Das Fahrrad muss reichen.\u201d, dachte Jay.<br>Melinda w\u00fcrde sicher schon ungeduldig auf ihn vor dem Cineplex warten. Sie war<br>irgendwie faszinierend und angsteinfl\u00f6\u00dfend zugleich. Wundersch\u00f6n und sexy gebaut,<br>aber dennoch eine Mischung aus Elfe und Vampir. Ja, das trifft es wahrscheinlich am<br>besten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jay schoss um die Ecke der 2nd Street und bog in die Lauderdale Road ein. Die<br>Gesch\u00e4fte flogen nur so an ihm vorbei. Beinahe h\u00e4tte er sogar eines dieser<br>Grandpa-Autos \u00fcberholt, das auf 30 Meilen begrenzt war. Jerry der Hotdogverk\u00e4ufer<br>winkte ihm im Vorbeihuschen zu. Doch Jay bemerkte ihn noch nicht einmal. Jetzt war<br>nur eines wichtig, nein Eine. Wom\u00f6glich die Frau seiner Tr\u00e4ume, ja die Frau seines<br>Lebens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jay hing seinen Gedanken nach, als pl\u00f6tzlich sein Vorderrad sich seltsam wie in Zeitlupe<br>anfing zu verformen. Ein gr\u00fcnes St\u00fcck dunklen Metalls bohrte sich durch seine Gabel.<br>Jay enthob es aus seinem Sattel und er begann zu schweben. Ein Zustand der ewig<br>anzuhalten schien. Wenig sp\u00e4ter f\u00fchlte er sich wie im Himmel. Zumindest sah er<br>genauso viele Sterne, wie es dort geben musste.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendetwas r\u00fcttelte an ihm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cMein Gott Junge, geht es dir gut, nun sag\u2019 doch was!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mr. Schindler, der Antiquar, hockte \u00fcber ihn gelehnt und begann sanfte Ohrfeigen auf<br>dessen Wangen zu platzieren. Jay \u00f6ffnete ein Auge und blinzelte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cWas ist denn\u2026?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cIrgend so ein Schwein hat dich angefahren. Ist noch alles dran mein Junge?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mr. Schindler zog sein kariertes Jackett aus, um Jay besser aufhelfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cIch denke schon, sieht zumindest so aus.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jay war wie gel\u00e4hmt, aber er hatte keine Schmerzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cDas ist der Schock mein Sohn. Komm, wir gehen jetzt erstmal zu mir rein und rufen die<br>Polizei.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige Passanten hatten sich auf den umliegenden Gehsteigen versammelt und<br>tuschelten. Eine kleine dicke Frau mit ebenso kleinem dicken Hund in einer pinken<br>Bluse rief her\u00fcber, ob sie helfen k\u00f6nne. Mr. Schindler winkte ihr freundlich und sagte,<br>dass alles in Ordnung sei. Jay wurde im Antiquit\u00e4tengesch\u00e4ft, das genau gegen\u00fcber lag,<br>auf einem alten Polstersessel mit gr\u00fcnem muffigen Bezug gesetzt. Jay kannte das<br>Gesch\u00e4ft gut. Hier war er schon als Kind h\u00e4ufig mit seiner Mutter gewesen, als sein Vater<br>die Familie verlassen hatte. Damals war er 6. Mr. Schindler hatte den Jungen quasi<br>aufwachsen gesehen und war mit den Jahren ein guter Freund der Familie geworden.<br>Darum sorgte er sich um Jay, als w\u00e4re er sein eigen Fleisch und Blut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cAutsch!\u201d, etwas hatte Jay in den Allerwertesten gepiekst und er r\u00fcckte etwas nach links.<br>Der alte Sessel mit dem grobporigen Stoff und den h\u00f6lzernen Armlehnen hatte seine<br>beste Zeit wohl definitiv schon hinter sich. Jay f\u00fchlte sich etwas benommen. Seine<br>Gedanken taumelten. W\u00e4re er jetzt aufgestanden, w\u00e4re er h\u00f6chstwahrscheinlich gleich<br>wieder nach hinten in den Sessel gekippt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cHier, trink einen Schluck Jason!\u201d, Mr. Schindler streckte ihm ein Glas Wasser entgegen.<br>Jay nippte daraus ein paar Schlucke und rieb sich \u00fcber das Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cUnd sei vorsichtig, wenn du dich \u00fcbergeben musst, dann bitte nicht auf den Sessel. Das<br>ist meine neueste Errungenschaft. Den habe ich einem alten Doc abgeluxt.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Blick wanderte zum Schaufenster, dass von alten B\u00fccherregalen mit noch \u00e4lteren<br>B\u00fcchern darin flankiert wurde. Durch das staubige Glas hindurch sah er die Reste seines<br>Bikes. Der Grandflower 3200 war nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Vordergabel<br>war verbogen, das Vorderrad fehlte ganz. Der gesamte Rahmen verschrammt und<br>mehrere Schwei\u00dfn\u00e4hte schienen aufgerissen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mr. Schindler verschwand kurz nach hinten, um die Polizei zu verst\u00e4ndigen. Kurz dachte<br>er dar\u00fcber nach, ob es nicht sinnvoller w\u00e4re, zuerst einen Krankenwagen zu rufen, da<br>Unfallopfer unter Schock h\u00e4ufig erst nach ein paar Stunden Schmerzen von ihren<br>Verletzungen bemerkten. Aber da es Jason einigerma\u00dfen gut zu gehen schien, w\u00e4hlte er<br>die 911. Die Leitung gab einen Dauerton von sich. Er versuchte es erneut und w\u00e4hlte die<br>9..1..<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mr. Schindler bemerkte wie es nass wurde auf seinem R\u00fccken. Ein kalter und zugleich<br>warmer Schauer \u00fcberkam ihn und er kippte nach vorne \u00fcber, genau auf das Telefon.<br>Jason zog den alten Nazidolch aus dem R\u00fccken des Antiquars wie aus einem St\u00fcck<br>Butter, wischte ihn ab und hing ihn zur\u00fcck an die Wand. Er taumelte nach drau\u00dfen,<br>sch\u00fcttelte sich und blickte in die tiefstehende sp\u00e4tsommerliche Sonne. Ein angenehmes<br>Kribbeln durchwanderte seinen Bauch. Er f\u00fchlte sich auf einmal gro\u00dfartig. Doch was tat<br>er hier? Er blickte sich um, konnte sich aber nicht erinnern. Sein Fahrrad war kaputt. Und wie es kaputt war. Er musste gest\u00fcrzt sein. Die Passanten, die den Unfall beobachtet<br>hatten, waren indes bereits wieder weiter gegangen. Der Gro\u00dfteil von ihnen kannte Mr.<br>Schindler pers\u00f6nlich und der Rest gr\u00fc\u00dfte ihn zumindest, wenn sie ihm in der Stadt<br>begegneten. In einer so kleinen Stadt wie Little Richmond kannte man sich eben. Und<br>man vertraute sich. Wenn Mr. Schindler sagte, es sei alles in Ordnung und er k\u00fcmmere<br>sich darum, dann w\u00fcrde er das auch tun und es g\u00e4be keinen weiteren Grund zur<br>Besorgnis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jay ging nach Hause. Sein Rad schob er neben sich her ohne eine Miene zu verziehen. Er<br>hatte keinerlei Schmerzen. Aber seine Hose war verschrammt und an seinem Shirt<br>klebte Blut.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Wochenende pl\u00e4tscherte so vor sich hin. Es war Zeit zum Fr\u00fchst\u00fccken an diesem<br>wundersch\u00f6nen Sonntagmorgen. Auf der Terrasse war bereits ein herrliches Aufgebot an<br>frischem Toast und frisch gepresstem Orangensaft arrangiert worden. Jays Mutter sa\u00df<br>am Tisch und r\u00fcmpfte die Nase. Ihr Kopf steckte in der Wochenendausgabe der Little<br>Richnews.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cAm 16. Oktober ereignete sich in der Lauderdale Road 28 ein grausames Verbrechen.<br>Der 66-j\u00e4hrige Inhaber des GoodOldBookstore wurde am fr\u00fchen Abend von einer<br>Kundin erstochen aufgefunden. Die Polizei geht davon aus, dass es sich um einen<br>Raubmord handelt. Allerdings wurde der T\u00e4ter offenbar gest\u00f6rt und entkam ohne<br>Beute.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schnell legte Esmeralda die Zeitung beiseite und verdr\u00fcckte eine kleine Tr\u00e4ne aus ihrem<br>linken Auge. Sie wollte ihrem Sohn diese f\u00fcrchterliche Nachricht am Wochenende<br>ersparen. Er w\u00fcrde es ohnehin fr\u00fch genug erfahren. Mr. Schindler, dachte sie, der arme<br>alte Mann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Montag in der Schule w\u00fcrdigte sie ihm keines Blickes. Schnustracks<br>stolzierte Melinda an Jason vorbei ohne mit der Wimper zu zucken. Jay verstand die<br>Welt nicht mehr. Hatten sie nicht vergangene Woche geplant, ins Kino zu gehen? Gerne<br>h\u00e4tte er ihr gesagt, dass ihm ein paar Stunden fehlten, seit er diesen Unfall hatte. Aber<br>w\u00fcrde sie ihm glauben? War sie deshalb sauer auf ihn? Seine Mutter wusste nicht, wo er<br>an besagtem Tag hinfuhr. Er meinte nur, er treffe sich mit einem Freund. Und was, wenn<br>Melinda dieser Freund gewesen ist? Um Gottes Willen, das w\u00fcrde alles zunichte machen.<br>Sein Herz begann zu schlagen. Eine Hand erschien auf Jays Schulter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cJay Jay, alter Haudegen, was l\u00e4uft?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cAlter Haudegen? Aus welchem Jahrhundert bist du denn bitte ausgebrochen?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cSorry Alter, aber man muss die Traditionen aufrecht erhalten, du wei\u00dft schon.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cEin bisschen weniger Gras w\u00fcrde dir manchmal ganz gut tun, was?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cIst klar ja, hast du schon von dem alten Schindler geh\u00f6rt?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cIst mir schon zu Ohren gekommen, ja.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cUnd wei\u00dft du auch schon von dem, was sie in seinem Keller gefunden haben?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cNein, was denn?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cNa, mal eben ein paar Knochen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cJa und, was ist schon dabei?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cJaja, da hast du schon recht. Es w\u00e4r nat\u00fcrlich nichts dabei, wenn es nicht<br>Kinderknochen gewesen w\u00e4ren.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cWas zur H\u00f6lle?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cMan geht davon aus, dass es sich um vermisste Kinder handelt, die bereits vor 20<br>Jahren entf\u00fchrt wurden. Zumindest l\u00e4ge das das Alter der Knochen nahe.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cDas kann ich mir beim besten Willen bei dem alten Kauz nicht vorstellen. Und von wem<br>hast du bitte diese brandhei\u00dfen Infos?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cHab heimlich den Bericht von meinem Dad gelesen. Der lag da so mutterseelenallein<br>auf seinem Schreibtisch und\u2026\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cJa herrlich, der Sohnemann vom Sheriff kann es einfach nicht lassen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Glocke zur 3. Stunde bimmelte. Man verabschiedete sich auf coole Art und Weise mit<br>einem dreifach gedrehten und einmal gefausteten Handschlag, eine Choreographie, f\u00fcr<br>die es ein paar Tage ben\u00f6tigt hatte, bis sie fl\u00fcssig sa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es stellte sich heraus, dass offenbar Mr. Schindler tats\u00e4chlich der lang gesuchte<br>Sexualstraft\u00e4ter einer Gemeinde war, die etwa 200 Meilen entfernt lag. Offenbar hatte er<br>zuletzt vor 20 Jahren einige M\u00e4dchen im Alter zwischen 7 und 10 Jahren entf\u00fchrt, sie<br>vergewaltigt, ermordet und dann in seinem Keller vergraben. Bis jetzt fand man<br>Knochen, die man 3 unterschiedlichen Kindern zuordnen konnte. Niemand h\u00e4tte das<br>dem netten Mr. Schindler zugetraut. Und offenbar hatte er schon lange Zeit nicht mehr<br>gemordet. Zumindest fand man noch keinen Beleg daf\u00fcr. Jay kannte den \u00e4lteren Herren<br>gut, da er schon lange mit seiner Mom befreundet war. Dennoch hielt er ihn schon<br>immer f\u00fcr einen merkw\u00fcrdigen Kauz. Er spuckte beim Reden und ging immer leicht<br>geb\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da hat es wohl mal den richtigen getroffen \u2013 h\u00f6rte man die Leute sagen. Und Jay<br>stimmte dem zu. Nur seine Mutter tat ihm Leid. Sie schien die darauffolgenden Tage<br>sehr bedr\u00fcckt und redete f\u00fcr ihre Verh\u00e4ltnisse erstaunlich wenig. Und schon gar nicht<br>\u00fcber den Kinderm\u00f6rder von Little Richmond, wie jetzt auch schon die \u00fcberregionale<br>Presse titelte. Zumindest las Jay dar\u00fcber bei Facebook, weil wieder irgendjemand<br>irgendeinen Link geteilt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Immer mehr grauenhafte Details wurden ver\u00f6ffentlicht. Offenbar hatte ein findiger<br>Reporter alte Akten ausgegraben und verwendete nun nach und nach jedes blutr\u00fcnstige<br>Detail. Auflage, Auflage, Auflage. Das war es, was die K\u00e4sebl\u00e4tter diesseits und jenseits<br>des Mississippi interessierte, dachte Jay. Es war die Rede von einem Mann in den 90ern,<br>der kleine Kinder aus seinem Pickup heraus zu sich ins Auto einlud. Er lockte sie mit<br>seinem Streichelzoo \u2013 wie er es nannte. Allerdings hatte der in Little Richmond als Mr.<br>Schindler bekannte Mann nie eine Farm oder gar Tiere besessen. Einige Kinder<br>berichteten ihren Eltern von diesem eigenartigen Typen. Doch niemand konnte sich<br>vorstellen, dass er so weit gehen w\u00fcrde. Als zunehmend Kinder verschwanden, ging die<br>Polizei der Sache nach. Konnte dem mit b\u00fcrgerlichem Namen Winfried Jackson<br>hei\u00dfenden, damals 45-j\u00e4hrigen, aber nichts nachweisen. Ein paar Jahre sp\u00e4ter zog er fort<br>und wurde dort nie mehr gesehen. Bis er dann eines sch\u00f6nen Tages in Little Richmond,<br>einer 5000 Seelengemeinde im S\u00fcden der USA, auftauchte. Meinem Little Richmond,<br>erg\u00e4nze sich Jay und seine Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem bekannt wurde, was Mr. Schindler, oder auch Mr. Jackson, getan hatte, wollte<br>niemand mehr von ihm und seinen Antiquit\u00e4ten h\u00f6ren. Selbst die Zwangsversteigerung<br>seiner Habseligkeiten brachte keinen nennenswerten Erfolg. Der Eigent\u00fcmer des Ladens<br>hatte auf diese Art gehofft, die letzte Miete, welche Mr. Schindler noch s\u00e4umig geblieben<br>war, zu amortisieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Jahre vergingen wie im Flug. Jay war nun auf dem College. Irgendwie hatte er es<br>geschafft, alle Pr\u00fcfungen mit einem herausragendem Ergebnis zu meistern. Nur die<br>wirklich wichtigen, versteht sich. F\u00fcr die \u00fcbrigen bl\u00e4tterte er einmal durch die Hefter,<br>was meist f\u00fcr ein C oder sogar ein B- gen\u00fcgte. Seine Mutter war perplex und konnte die<br>pl\u00f6tzliche Leistungssteigerung nicht nachvollziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jay schulterte schnell seinen Rucksack, um zu einer Besprechung mit Professor Ashcroft<br>nicht schon wieder zu sp\u00e4t zu kommen. Mit langen Schritten hastete er \u00fcber den<br>Campus. Die Bl\u00e4tter der B\u00e4ume hatten sich in diesem fr\u00fchen Herbst bereits begonnen zu<br>verf\u00e4rben und statteten die Erde mit orangenen und roten Tupfen aus. Von oben h\u00e4tte<br>das ganze wie ein Gem\u00e4lde von Jackson Pollock ausgesehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Beim Professor angekommen klopfte Jay v\u00f6llig au\u00dfer Atem an der T\u00fcr. Dabei \u00f6ffenete<br>sie sich quietschend zu einem Spalt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cKomm rein Jason, die T\u00fcr ist offen!\u201d, schallte es von drinnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cUnd du bist schon wieder zu sp\u00e4t mein Sohn.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jay schaute auf die Uhr und musste feststellen, dass Professor Ashcroft recht hatte. Es<br>hatte bereits 3 Uhr nachmittags geschlagen. Eigentlich h\u00e4tte er bereits vor 30 Minuten<br>da sein m\u00fcssen. Komisch. Er war sich sicher, p\u00fcnktlich genug losgegangen zu sein.<br>Dunkle Haarstr\u00e4hnen klebten in seinem Gesicht. Er war total verschwitzt. Im<br>Arbeitszimmer des Professors, in dem er haupts\u00e4chlich Klausuren korrigierte und<br>Studenten zu eben solchen Nachhilfestunden empfing, herrschte eine althistorische<br>Atmosph\u00e4re. Das Zimmer war voll von Gr\u00fcnderzeitm\u00f6beln. Dunkle schwere Stoffe<br>hingen als Gardinen vor den Fenstern. Eichenvert\u00e4felungen zierten die W\u00e4nde. Fehlte<br>nur noch eine Alte Globusbar, so eine zum Aufklappen. Aber die hatte der alte<br>Volkswirtschaftsprediger bestimmt auch irgendwo versteckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht, dass Jay so etwas wie Nachhilfe n\u00f6tig gehabt h\u00e4tte. Aber es geziemte sich, und das<br>begriff Jay sehr schnell, immer einmal \u00f6fter beim Professor um Rat zu suchen. Somit<br>bekundete man Interesse am gelehrten Stoff, erhielt hier und da wertvolle Tipps zu<br>anstehenden Pr\u00fcfungen und wurde auch mit einem gewissen positiven Merkzettel im<br>Kopf des Professors versehen. So stellte Jay sich das zumindest vor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cSetz dich doch mein Junge.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihr Verh\u00e4ltnis war in den vergangenen Semestern zu einem fast famili\u00e4ren gereift. Jay<br>grinste verschmitzt und betrachtete die alten Stoffsessel. Einer von denen kam ihm<br>bekannt vor und sein Blick blieb daran kleben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cGef\u00e4llt er dir? Meine neueste Errungenschaft, aus einem kleinen Nest hier in der N\u00e4he.<br>Irgendetwas mit Little sowieso.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Little Richmond f\u00fchrte Jason den Satz in seinem Kopf zu Ende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er setzte sich auf das ihm sehr vertraute Sitzmobiliar und legte ein Bein l\u00e4ssig \u00fcber das<br>andere. Seinen Ordner brauchte er nicht hervor zu kramen, Jay hatte alles im Kopf. Den<br>gesamten Stoff der vergangenen und sogar einiger noch kommender Semester. Seit<br>seiner Schulzeit hatte sein Verstand absonderliche Spr\u00fcnge gemacht. Man konnte fast<br>sagen, er hatte ein fotografisches Ged\u00e4chtnis. Jay brauchte nur ein oder maximal<br>zweimal etwas lesen und behielt es sofort zum Gro\u00dfteil in seinem Denklappen. Der<br>Professor begann etwas in seinen Bart zu murmeln. Jay lehnte sich leicht zur\u00fcck, als ihn<br>etwas in die linke Pobacke piekste. Schnell verlagerte er das Gewicht. Die alte<br>Sprungfeder hatte ihn doch schon einmal massakriert, fiel ihm ein. Danach gab es dann<br>aber ein Loch in seiner Erinnerung. Ein eben solches Loch, wie es seitdem des \u00d6fteren<br>seinen Verstand durchschnitt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cJason, hast du von dem erschreckenden Vorfall mit einer unserer Studentinnen in der<br>letzten Woche geh\u00f6rt?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Campus war gro\u00df, beinahe eine Stadt. Nein, er war eine Stadt. Zumindest gemessen<br>an der Anzahl von Leuten, die hier tagein tagaus dem Studieren, Lehren oder was auch<br>immer nachgingen. Ganz zu schweigen vom logistisch notwendigen Verwaltungs-,<br>Reinigungs- und Sicherheitspersonal. Und dann waren da ja noch das Unirestaurant, die<br>Unikneipe, die B\u00fccherei und all das. Alles war mit ausreichend Personal best\u00fcckt. Z\u00e4hlte<br>man all diese Menschen zusammen, k\u00e4me man bestimmt auf die doppelte<br>Einwohnerzahl von Little Richmond, dachte sich Jay. Dennoch h\u00f6rte man nat\u00fcrlich<br>solche Sachen. Auch wenn dies hier so gro\u00df wie eine Stadt war. Solche Dinge<br>verbreiteten sich wie ein sprichw\u00f6rtliches Lauffeuer. Die 21-j\u00e4hrige Taylor Metthews war<br>am vergangenen Dienstag verschwunden. Heute war wieder Dienstag. Man hatte sie ein<br>paar Tage sp\u00e4ter, am Freitag, auf der Schultoilette aufgefunden. Ihr lebloser K\u00f6rper sa\u00df<br>auf dem Herrenklo auf einer Toilette. In ihrem Mund steckte ein Kondom. Ob es benutzt<br>wurde oder nicht, war der Ger\u00fcchtek\u00fcche nicht bekannt. Zumindest noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein widerw\u00e4rtiges Bild musste das junge M\u00e4dchen abgegeben haben. In ihren Ohren<br>steckten je links und rechts ein Messer. Beide stammten aus der Kantine. So erz\u00e4hlte<br>man sich. Diese waren allerdings bekanntlich so stumpf, dass man nicht mal, selbst<br>wenn man es gewollt h\u00e4tte, jemanden h\u00e4tte damit verletzen k\u00f6nnen. Der T\u00e4ter musste<br>sie also mit brutalster Energie in den Kopf der bildh\u00fcbschen, gertenschlanken Br\u00fcnetten<br>gerammt haben. Jay ekelte sich zwar vor dem Bild, dass diese Greueltat in seinem Kopf<br>hinterlie\u00df, fand die Tat an sich jedoch eher interessant und eigentlich nur oberfl\u00e4chlich<br>absto\u00dfend. Ein kalter Schwei\u00dftropfen rann \u00fcber seinen R\u00fccken und jagte einen Schauer<br>hinter sich her.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cEin grausames Schauspiel, was ich so noch nie erlebt habe und hoffentlich auch nie<br>wieder miterleben muss.\u201d, fuhr Professor Ashcroft schmallippig fort.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am n\u00e4chsten Morgen wachte Jay schwei\u00dfgebadet in seinem Bett auf und warf sich wie in<br>Trance von links nach rechts. Wo war er? Er blinzelte und versuchte die Umgebung zu<br>erfassen. Alles war ihm fremd, er f\u00fchlte sich, als l\u00e4ge er falsch herum im Bett, obwohl<br>alles seine Richtigkeit hatte. Langsam bekamen die Schatten um ihn herum Umrisse und<br>schlie\u00dflich scharfe Kanten. Als dann auch noch die Dreidimensionalit\u00e4t der Gegenst\u00e4nde<br>in seinem Zimmer zur\u00fcckkehrte, stand Jay langsam auf. Was war passiert? Er war beim<br>Professor zu einer der w\u00f6chentlich \u00fcblichen Vorlesungsbesprechungen. Das wusste er<br>noch. Danach war alles einmal mehr wie abgeschnitten. Sein Kopf dr\u00f6hnte, als ob<br>jemand ein Messer quer hindurch gezogen h\u00e4tte. Ein stumpfes Messer. Eines aus der<br>hiesigen Kantine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jay bewegte seine Gardine und wurde umgehend vom hellen Sonnenlicht geblendet. Er<br>musste die Augen umgehend wieder schlie\u00dfen, da er sonst bef\u00fcrchtete, zu erblinden. Am<br>anderen Ende des Campus vernahm er nach ein paar Sekunden Blaulichter. Sie blinkten<br>in einem merkw\u00fcrdigen Wechselspiel mal synchron und dann wieder wild<br>durcheinander. Was war dort geschehen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es klopfte an der T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cSchei\u00dfe, Jayson, hast du schon geh\u00f6rt?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ungegfragt betrat Martin, den alle nur Shorty nannten, den Raum.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cVerdammt Alter\u2026\u201d, er musste Luft holen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cJemand hat den alten Ashcroft zur Strecke gebracht.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jason zuckte zusammen und wusste nicht, wie er einen seiner Gedanken in eine<br>geordnete Bahn lenken sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cGestern Abend muss es geschehen sein, so genau wissen das die Cops noch nicht. Die<br>Putzfrau fand ihn heute fr\u00fch mit einem seiner alten Brief\u00f6ffner im R\u00fccken kopf\u00fcber auf<br>seinem Schreibtisch. Schei\u00dfe, das ist keine geile Art um abzutreten. Ich werde meinen<br>Vater anrufen. So langsam nerven die Morde an dieser schei\u00df Uni. Schei\u00dfe Mann.\u201d, sagte<br>er und verschwand genauso unangek\u00fcndigt wie er gekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">War ich es, der gestern zuletzt bei ihm war? Ich war gegen 3 bei ihm, aber war ich<br>tats\u00e4chlich bis zum Abend da? Unwahrscheinlich. Jay konnte sich an nichts, was nach 3<br>Uhr passierte, erinnern und das machte ihm noch mehr Kopfschmerzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ein Cousin des dahingeschiedenen Professors beim FBI besch\u00e4ftigt war, wurde das<br>ganze Zimmer des ehemaligen Volkswirtschaftlers auf den Kopf gestellt. Eifrige Beamte<br>in schwarzen Bomberjacken mit grellgelben Lettern darauf gaben sich alle M\u00fche, die<br>alten Habseligkeiten des Professors aufs genaueste zu untersuchen. Dabei zerschnitten<br>sie Kissen, Bez\u00fcge und stemmten sogar vereinzelt Holzplatten an der Wand auf. In<br>einem alten Sessel mit grobem gr\u00fcnen Stoffbezug und h\u00f6lzernen Lehnen wurde man<br>schlie\u00dflich f\u00fcndig. Alte Spritzen befanden sich darin. Alle waren fein s\u00e4uberlich jeweils<br>in einen Ledersack geh\u00fcllt. Eine hatte jedoch den ledernen Mantel durchstochen und<br>ragte nach oben in Richtung desjenigen, der auf dem Stuhl Platz nahm. Die uralten<br>Glasspritzen mit riesiger Kan\u00fcle waren mit einer tr\u00fcbbraunen Fl\u00fcssigkeit gef\u00fcllt.<br>\u201cStopp!\u201d, rief einer der Beamten als er die \u00e4rztlichen Folterinstrumente entdeckte und<br>eine von diesen ihn unbemerkt in die linke Hand zwischen Handschuh und Jackensaum<br>stach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cNichts mehr anfassen Leute, hier muss der Seuchenschutz ran. Ich habe n\u00e4mlich keine<br>Lust, mir aus irgendwelchen alten Spritzen irgendwelche uralten Krankheiten<br>einzufangen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die \u00fcbrigen FBI-Leute nickten zustimmend und freuten sich insgeheim \u00fcber die<br>unverhoffte Pause. W\u00e4hrend einige sich drau\u00dfen ihrer Einsatzweste entledigten und<br>gen\u00fcsslich eine Zigarette dampften, traf wenig sp\u00e4ter ein Quartett aus in Folie<br>Gekleideten ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kampfmittelanz\u00fcge und Schutzmasken geh\u00f6rten ebenso zu deren Ausstattung wie ein<br>Koffer mit allerlei Mess- und Pr\u00fcfutensilien. Man stellte fest, es handelte sich tats\u00e4chlich<br>um eine unter Umst\u00e4nden gef\u00e4hrliche Substanz in den Spritzen. Diese wurde zur<br>n\u00e4heren Untersuchung unter h\u00f6chsten Sicherheitsvorkehrungen ins Labor des<br>Seuchenschutzes verbracht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dr. Augustin, der Leiter der Beh\u00f6rde f\u00fcr Seuchenschutz, hielt h\u00f6chstpers\u00f6nlich seinen<br>Riecher ans Mikroskop, um diesen noch unbekannten Erregerstamm zu untersuchen.<br>Noch niemand hatte solche Bakterienst\u00e4mme gesehen. F\u00fchrte man ihnen UV-Strahlung<br>zu, begannen sie, sich gegenseitig aufzufressen. Hielt man sie von Licht fern, fielen sie in<br>eine Art Starre, vergleichbar mit einem Winterschlaf. Gleiche Auswirkungen hatte es,<br>wenn man ihnen W\u00e4rme zuf\u00fchrte. Etwa 36- 37 Grad Celsius gen\u00fcgten, was rein zuf\u00e4llig<br>der menschlichen K\u00f6rpertemperatur entsprach. Doch es wurde noch obskurer. Dr.<br>Augustin unternahm in den kommenden Tagen zusammen mit seinen immer in wei\u00df<br>gekleideten Kollegen viele Versuche. So entdeckte man etwa, dass der Erreger zwar<br>menschliches Gewebe angriff, aber nicht jedes beliebige. Lediglich Hirnzellen wurden<br>angefallen und zerfressen. Die Experten gr\u00fcbelten und schlugen sich die N\u00e4chte um die<br>Ohren, ohne zu einem nennenswerten Ergebnis zu gelangen. Man dachte dar\u00fcber nach,<br>Tierversuche mit dem Erreger durchzuf\u00fchren. Aus Mangel an \u00f6ffentlichem Interesse und<br>dem damit verbundenen Mittelfreigaben der Regierung wurde die Forschung jedoch<br>nach wenigen Wochen wieder eingestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Polizei tappte im Dunkeln. Am Brief\u00f6ffner, welcher als m\u00f6rderische Tatwaffe im<br>R\u00fccken des Professors gesteckt hatte, waren keine Fingerabdr\u00fccke festzustellen. Auch<br>jegliche Form von DNA war nicht daran anhaftend. Das Zimmer jedoch wimmelte von<br>Doppelhelixen der hier ein und ausgegangenen Studenten, Putzfrauen, und wer wei\u00df,<br>wer hier noch alles verkehrte. Damit konnten sich die Ermittler auch keinen Reim<br>bilden. Es gab kein Motiv. Professor Ashcroft war bei allen beliebt und hatte keine<br>Feinde, er schuldete niemandem auch nur einen Cent und dr\u00fcckte sich in seiner Freizeit<br>auch nicht in dunklen Spieler- oder Rotlichtetablissements herum. Man schloss daraus,<br>dass es sich nur um eine Tat aus dem Affekt heraus handeln konnte. Etwa um einen<br>Studenten, der unzufrieden mit einem Pr\u00fcfungsergebnis war und auf diese Weise Rache<br>nehmen wollte. Es konnte jedoch kein direkt Tatverd\u00e4chtiger ermittelt werden. Zwar<br>befragte man stichprobenartig einige Kurs- und Seminarteilnehmer des Professors,<br>jedoch hatte keiner aktuell mit herausragend schlechten Ergebnissen zu k\u00e4mpfen. Auch<br>hatten die meisten der Befragten ein stichhaltiges Alibi oder man konnte ihnen keine<br>direkte Beteiligung nachweisen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige Wochen darauf, es war indes der Winter eingekehrt, h\u00e4uften sich die F\u00e4lle von<br>unerkl\u00e4rlichen Morden in der n\u00e4heren Umgebung. Noch dazu einer grausamer als der<br>andere. Mal wurde eine \u00e4ltere Dame mit ihrem Hund zusammen lebendig in einem<br>M\u00fcllsack ertr\u00e4nkt, mal eine junge Frau mit einer Glasplatte und einem schweren<br>Gewicht darauf in ihrer eigenen Badewanne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bill Morres, der FBI-Haudrauf alter Schule, schaute in den Spiegel und betrachtete seine<br>blutunterlaufenen Augen. Er war so etwas wie der Rammbock seiner Einheit. Den, den<br>man rief, wenn ein Dutzend Bewaffnete Drogenjunkies auf der anderen Seite der T\u00fcr<br>warteten. Nichts und niemand hatte ihn in den vergangenen 8 Jahren jemals aufhalten<br>k\u00f6nnen. Doch seit dem Vorfall mit dem Collegeprofessor f\u00fchlte er sich irgendwie krank.<br>Er hatte das Gef\u00fchl, seinen K\u00f6rper zeitweise nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Als er<br>sich dann auch noch beim Rasieren schnitt und das Blut in das halb gef\u00fcllte<br>Waschbecken unter ihm tropfte, verdrehten sich seine Augen nach hinten und er sackte<br>zusammen. Kleine Blutstropfen bildeten psychedelische Muster, die an Batikt\u00fccher<br>erinnerten, als sie sich im Nass verteilten und langsam aber sicher verd\u00fcnnten und<br>aufzul\u00f6sen schienen. Doch das war nur der Anschein. Der Erregerstamm hatte sich im<br>K\u00f6rper von Bill Morres erstaunlich wohl gef\u00fchlt. Seine K\u00f6rpertemperatur hatte zu einem<br>exponentiellen Wachstum der Bakterienst\u00e4mme gef\u00fchrt. Diese waren nun in hoher Zahl<br>in Bills Blut vorhanden. Und nun auch im Wasser, das langsam an dem nur leicht<br>undichten St\u00f6psel des Waschbeckens hinab in die Abgr\u00fcnde der Kanalisation floss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cJason mein Sohn? Kannst du mich h\u00f6ren?\u201d, die Leitung knackte etwas.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cJa Mom, ich h\u00f6re dich.\u201d, antwortete Jay.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cIch wei\u00df nicht, ob du mitbekommen hast, was hier passiert. Ich traue mich momentan<br>noch nicht einmal mehr vor die T\u00fcr. Immer wieder wird von irgendwelchen<br>willk\u00fcrlichen Morden auf offener Stra\u00dfe berichtet. Geht es dir gut mein Junge? Wo bist<br>du gerade?\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cKeine Sorge Mom, sie haben das Unigel\u00e4nde hermetisch abgeriegelt. Hier kommt<br>keiner rein oder raus. Es wurden Sicherheitsschleusen im Inneren errichtet. Sie<br>untersuchen jeden, der sich zwischen den Fakult\u00e4ten und Wohnheimen hin und her<br>bewegen m\u00f6chte. Sie messen die K\u00f6rpertemperatur. Anscheinend ist Fieber ein Zeichen,<br>dass man es hat.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cSei bitte vorsichtig mein Junge, ich m\u00f6chte dich nicht auch noch verlieren, wie deinen<br>Vater vor 5 Jahren.\u201d, sie zuckte zusammen, denn sie wusste was sie angerichtet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cWieso vor 5 Jahren? Dad hat uns doch schon im Stich gelassen, als ich 6 war.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cEs tut mir Leid mein Sohn, aber ich muss dir etwas sagen.\u201d Im gleichen Moment kratzte<br>es an ihrer T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cDa sind irgendwelche Leute drau\u00dfen, die versuchen hier rein zu kommen.\u201d, schrie Jays<br>Mutter in den H\u00f6rer. Ihre Stimme war verzweifelt und au\u00dfer sich vor Angst. Sie<br>versuchte sich zu beruhigen und nahm den H\u00f6rer dichter ans Ohr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201cDein Nachname ist eigentlich Jackson\u2026\u201d, danach wurde die Leitung unterbrochen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine schreiende Person rannte \u00fcber den Campus. In der Hand hielt sie einen<br>Absperrpfosten. Damit schlug sie jeden bewusstlos, der sich versuchte ihr zu n\u00e4hern.<br>Jason konnte nicht erkennen, ob die Person m\u00e4nnlich oder weiblich war und es war ihm<br>in diesem Moment auch egal. Er war ein Jackson. Das konnte nur bedeuten, dass Mr.<br>Schindler\u2026 nein, das konnte unm\u00f6glich sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tim Pinder<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hinweis: <\/strong>Sie schreiben Kurzgeschichten rund um die Genres Mystery, Fantasy, Gothic oder Horror? Wir ver\u00f6ffentlichen selbige auf dieser Seite zu eben diesen Genres und laden Sie herzlich ein, Ihr Werk einzureichen. <a href=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/reichen-sie-ihre-kurzgeschichten-ein\/\" data-type=\"page\" data-id=\"8250\">Hier finden Sie alle Informationen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jay stand vor seinem Spiegel und gelte sich die Haare. Mit viel Fingerspitzengef\u00fchl undnoch mehr Hingabe behandelte er jede Str\u00e4hne wie ein St\u00fcck rohe Seide. 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