{"id":1507,"date":"2017-04-16T11:21:00","date_gmt":"2017-04-16T09:21:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/?p=1507"},"modified":"2026-09-14T07:03:27","modified_gmt":"2026-09-14T05:03:27","slug":"ein-leben-im-ehernen-zeitalter-des-menschengeschlechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/kurzgeschichten\/ein-leben-im-ehernen-zeitalter-des-menschengeschlechts\/","title":{"rendered":"Ein Leben im ehernen Zeitalter des Menschengeschlechts"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alte Menschen schreiben ihr Leben nieder, so sagt man. Sie neigen dazu, in Erinnerungen zu schwelgen, der Welt etwas zur\u00fccklassen zu wollen. Alt zu sein ist scheinbar nicht der einzige Antrieb hierzu: Einsamkeit geh\u00f6rt auch dazu. So sitze ich nun hier und will die Vergangenheit in Worte fassen. Ich bin nicht sicher, ob es mir gelingen wird, ob ich das Erlebte angemessen zu Papier zu bringen vermag. Und doch will ich beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Name ist Carl Vermillion und ich war Agent der Beh\u00f6rde, die heute als FBI, zu meiner Zeit jedoch als BOI bekannt war. Geboren bin ich in Louisiana in einem verschlafenen St\u00e4dtchen namens Terrebonne, \u00fcber das es genauso wenig zu berichten gibt wie \u00fcber mein Leben bis zu jenem schicksalshaften Tag im April 1917, an dem Pr\u00e4sident Wilson mein Land in den Kampf gegen die verbrecherischen Autokraten f\u00fchrte, wie er es nannte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zusammen mit vielen Gleichaltrigen bestieg ich ein Schiff und wurde auf die Schlachtfelder Europas gebracht. Die Dinge, die ich dort sah und die ich dort zu tun gezwungen war, ver\u00e4nderten mich, sie lie\u00dfen mich h\u00e4rter und doch gleichzeitig in gewisser Weise stumpf werden. Nach nur wenigen Wochen in der H\u00f6lle der Sch\u00fctzengr\u00e4ben muss auch aus meinen Augen das gesprochen haben, was mich meinen Gro\u00dfvater, der im Sezessionskrieg gedient hatte, stets f\u00fcrchten und meiden lie\u00df. Entgegen meiner Erwartungen kehrte ich k\u00f6rperlich unversehrt in die Heimat zur\u00fcck. Meine alten Kameraden lie\u00dfen die Ereignisse jenseits des Atlantiks niemals zur\u00fcck, doch heirateten sie, gr\u00fcndeten Familien und erweckten den Anschein der Normalit\u00e4t. Bis sie schlafen gingen und die Vergangenheit sie Nacht f\u00fcr Nacht einholte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich selbst ging zur Polizei, gr\u00fcndete keine Familie und erschien meinen Mitmenschen wohl niemals als wirklich normal. Sie mieden mich wie ich einst meinen Gro\u00dfvater. Dennoch entwickelte ich mich zu einem guten Polizisten. Ich verlie\u00df Terrebonne und wurde Teil des Morddezernats von Baton Rouge. Hier traf ich zum ersten Mal auf Timothy Warden, meinen sp\u00e4teren Vorgesetzten beim BOI. Nach einem gemeinsam gel\u00f6sten Fall holte er mich zu seiner Beh\u00f6rde. Mein erster und einziger Einsatz als Agent ist es, \u00fcber den ich hier berichten will, und der mich seither niemals losgelassen hat:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWas gibt es denn, Tim?\u00ab, fragte ich, immer noch verschlafen und leicht verkatert.<br>\u00bbMord, ein Opfer. Da dr\u00fcben in dem Schuppen.\u00abWarden war wie immer kein Freund vieler Worte. Das Geb\u00e4ude, von dem er gesprochen hatte, machte einen bauf\u00e4lligen Eindruck und stand am Rande des Sumpfes. Ich verstand nicht genau, warum ein gew\u00f6hnlicher Mord sofort unsere Beh\u00f6rde auf den Plan rief, zog es aber vor, nichts zu sagen. Langsam gingen wir durch den morgendlichen Nebel auf den h\u00f6lzernen Bau zu. Vor dem Eingang stand ein blasser Deputy des \u00f6rtlichen Sheriffs. Ich nickte ihm im Vorbeigehen zu, Warden ignorierte ihn g\u00e4nzlich. Als wir das Geb\u00e4ude betraten, hielt mein Vorgesetzter mich fest.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbDas ist nicht sonderlich sch\u00f6n da drinnen. Ich hoffe, du hast noch nichts gefr\u00fchst\u00fcckt.\u00ab<br>\u00bbIch habe schon so ziemlich alles gesehen\u00ab, sagte ich. Ich wusste damals nicht, wie sehr ich mich irren sollte. Im Inneren des Schuppens war es d\u00e4mmerig, das Morgenlicht fiel durch die T\u00fcr\u00f6ffnung und die Ritzen im Holz, vermochte aber nicht alle Details der Szene zu erleuchten, die sich vor mir ausbreitete.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sah einen Tisch, einen gro\u00dfen Tisch, fast schon eine Tafel zu nennen. Ein wei\u00dfes, sauberes Tuch bedeckte die Oberfl\u00e4che, ein Stuhl aus dunklem Holz war mittig platziert. Dort standen zwei Platten aus Silber, wie sie kultivierte Menschen zum Servieren von Speisen nutzen. Hier lag die Leiche. Oder vielmehr die Leichenteile. Auf der linken Platte war ein Haufen menschlicher Knochen aufgeschichtet. Auf der rechten lag das Fleisch, obenauf ein Organ, das meine ungen\u00fcgenden anatomischen Kenntnisse nicht zu identifizieren in der Lage waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbKeine Ahnung, welches Schwein so etwas anrichtet.\u00ab Selbst Warden wirkte leicht blass. Auf mich \u00fcbte der furchtbare Anblick eine Art widerw\u00e4rtige Faszination aus. Ich ging ein St\u00fcck n\u00e4her heran und beugte mich \u00fcber die Platte mit dem Fleisch.<br>\u00bbEs sieht gekocht aus\u00ab, sagte ich, ohne mich umzudrehen.<br>\u00bbDas w\u00fcrde zumindest erkl\u00e4ren, wie er so sauber trennen konnte.\u00ab Widerwillig folgte mir mein Vorgesetzter zum Tisch. \u00bbVerdammt, du steckst ja gleich dein Gesicht in den Haufen, Carl!\u00ab<br>Ich zuckte zur\u00fcck. Der Geruch des gekochten Menschenfleischs zog mich geradezu magisch an. Gebannt starrte ich auf den Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">An dieser Stelle verl\u00e4sst mich meine Erinnerung an jene lange zur\u00fcckliegende Szenerie. Ich wei\u00df noch, dass wir die Leichenteile einsammelten und zur Untersuchung in die Stadt bringen lie\u00dfen. So sehr ich es auch versuche, der Name des Rechtsmediziners, der die Autopsie durchf\u00fchrte, will mir nicht in den Sinn kommen. Er ist f\u00fcr meine Geschichte aber auch nicht wichtig. Wichtig ist aber, was er zu berichten hatte. So stellte sich heraus, dass das Organ auf dem Tablett eine menschliche Leber war. An jenem Tag wussten Warden und ich mit dieser Information noch nicht viel anzufangen, sp\u00e4ter sollte sie sich jedoch in ein schreckliches Bild f\u00fcgen. Zun\u00e4chst standen wir vor dem Nichts. Es gab keinen Verd\u00e4chtigen, keine wirkliche Spur.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es schien klar, dass der eigentliche Mord nicht in dem Schuppen geschehen war, der T\u00e4ter hatte eine gro\u00dfe Menge an Ausr\u00fcstung gebraucht, um den Toten zu kochen und anschlie\u00dfend zu zerlegen. Der Tote. Auch seinen Namen kann ich nicht nennen, denn wir haben das Opfer niemals identifiziert. M\u00e4nnlich, etwa 1,80 m, 70 kg schwer, um die 30 Jahre alt. Mehr Informationen hatten wir nicht, mehr haben wir nie herausgefunden. Seltsam, wie sich diese Zahlen in mein Ged\u00e4chtnis eingebrannt haben, sodass ich sie nach all den Jahren noch wiederzugeben vermag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbEs ist einfach schei\u00dfe.\u00abWarden nippte an seinem Kaffee. \u00bbWir haben nichts. Einfach gar nichts. Keinen Namen, nicht einmal eine Spur. Der Kerl war auf jeden Fall ein Profi. Ein beschissener, kranker Profi.\u00ab<br>\u00bbIrgendwann werden wir ihn finden\u00ab, erwiderte ich. \u00dcberzeugt war ich aber nicht, was mich schier in den Wahnsinn trieb. Damals dachte ich, mein Instinkt als Polizist, mein Drang nach Gerechtigkeit erzeuge dieses Gef\u00fchl.<br>Zwei Wochen sp\u00e4ter hatten wir immer noch keine neuen Hinweise. Zwei Wochen sp\u00e4ter hatten wir eine weitere Leiche.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Hund tobte an seiner Kette. Er war gro\u00df und dunkelgrau, wirkte fast wie ein Wolf. Warden machte einen respektvollen Bogen um das Tier, das an den Pecan-Baum gebunden war.<br>\u00bbWie kommt dieses Vieh hierher?\u00ab, warf er einem der Deputys entgegen.<br>\u00bbDer T\u00e4ter muss ihn mitgebracht haben, Sir! Ich kann mir nicht erkl\u00e4ren, wer ihn sonst soweit au\u00dferhalb des Ortes angebunden haben soll.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich folgte meinem Vorgesetzten und musterte den Hund. Je l\u00e4nger ich das Tier ansah, desto mehr erschien es mir wie ein Wolf. Gemessenen Schrittes ging ich weiter und besah mir den eigentlichen Tatort. Etwa einhundert Meter hinter dem Pecan-Baum stand die Silberplatte auf dem sumpfigen Boden. Der Tote war wieder zerst\u00fcckelt, dieses Mal jedoch hatte man nicht das Fleisch von den Knochen gekocht. Beine und Arme waren neben dem Torso drapiert, auf dem Brustkorb lag der Kopf, aus dem mich zwei Augen scheinbar anklagend anstarrten. Rechts und links des Tabletts waren Messer und Gabel drapiert, schienen aber, ebenso wie beim ersten Tatort, nicht benutzt worden zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bb\u00c4hnlich und doch irgendwie anders\u00ab, befand Warden mit erhobener Stimme, um das Tier \u2013 den Wolf \u2013 zu \u00fcbert\u00f6nen.<br>Erneut empfand ich eine krude Faszination und musste meinen K\u00f6rper geradezu zwingen, mir nicht erneut eine Bl\u00f6\u00dfe vor meinem Partner zu geben. Ich stimmte Warden zu. \u00c4hnlich, aber doch irgendwie anders. Dennoch war ich mir absolut sicher, es mit demselben T\u00e4ter zu tun zu haben.<br>\u00bbWas meinst du, Carl?\u00ab<br>\u00bbAuf jeden Fall unser Mann. Ich hoffe nur, dass wir hier mehr Gl\u00fcck haben\u00ab, erwiderte ich.<br>Dieses Mal ergaben sich tats\u00e4chlich mehrere Hinweise, die uns hoffen lie\u00dfen, den Fall abschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen, ohne dass noch mehr Menschen ihr Leben lassen mussten. Welche Arroganz! Der Gerichtsmediziner \u2013 inzwischen glaube ich, sein Name war Fleure \u2013 identifizierte die Leiche als einen k\u00fcrzlich vermissten Lehrer der nahegelegenen High School. Wir nahmen uns also das Privatleben des Mannes vor und suchten nach potentiellen Feinden. Dabei stie\u00df ich auf einen ehemaligen Kollegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbKennen Sie einen Donald Hutchins?\u00ab, fragte ich.<br>\u00bbJa, wir haben vor einigen Jahren zusammen gearbeitet. Wieso?\u00ab<br>\u00bbNun, Mister Carrol, wir haben uns gefragt, ob Sie in letzter Zeit eventuell Kontakt zu ihm hatten.\u00ab<br>\u00bbNein, schon seit Jahren nicht mehr. Warum stellen Sie mir diese Fragen?\u00ab<br>\u00bbWeil wir geh\u00f6rt haben, dass Sie einen gewissen Groll gegen Mister Hutchins hegen. Ist das soweit korrekt?\u00ab<br>\u00bbEr ist schuld daran, dass man mich entlassen hat. Also ja, ich bin nicht besonders gut auf ihn zu sprechen. W\u00fcrden Sie mir jetzt wohl endlich sagen, warum ich hier sitze?\u00ab<br>\u00bbDonald Hutchins ist tot.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Rest des Verh\u00f6rs liegt im Dunkel der Vergangenheit. Ich wei\u00df noch, dass ich den Mann von Anfang an f\u00fcr unschuldig hielt. Er war einfach zu gew\u00f6hnlich. Hutchins hatte ihn dabei erwischt, wie er ein M\u00e4dchen der Klasse unsittlich ber\u00fchrte. Nur ein gew\u00f6hnlicher, ekelhafter P\u00e4dophiler. Kein M\u00f6rder, kein wahrer K\u00fcnstler.Carrol erwies sich allerdings in anderer Hinsicht als bahnbrechend. Haupts\u00e4chlich um ihn zu qu\u00e4len, legte ich ihm Photographien der Tatorte vor. Schien er bei der ersten Leiche noch befriedigend geschockt, wirkte er beim Anblick des zweiten Toten pl\u00f6tzlich \u00e4u\u00dferst aufmerksam und verlangte gar, das vorangegangene Bild nochmals zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbPrometheus und Lykaon\u00ab, murmelte Carrol.<br>An dieser Stelle zittert meine Hand. Ich bin nicht sicher, ob ich meine Erz\u00e4hlung werde zu Ende f\u00fchren k\u00f6nnen. Meine Gedanken entgleiten mir, je st\u00e4rker ich sie mir in Erinnerung zu rufen suche. Prometheus und Lykaon. Der T\u00e4ter stelle Szenen aus der griechischen Mythologie nach. Es erscheint mir heute seltsam, dass ich selbst nicht zu dieser Erkenntnis gelangt bin, hatte ich doch in meiner Kindheit die Geschichten um die Heldentaten des Herakles gelesen, hatte die sch\u00f6ne Helena nach Troia geleitet und war mit Jason ausgezogen, das goldene Vlies zu erlangen. Auf den Schlachtfeldern Europas fielen mir die Legenden wieder ein, sie bewahrten mich vielleicht vor dem Wahnsinn. Ich war ein Heros, mein Feind die b\u00f6sartige Hydra, die es zu erschlagen galt. Ich habe sie erschlagen, ich bin zur\u00fcckgekehrt. Nun hatten mich die alten Geschichten offenbar erneut eingeholt und dabei nicht an Anziehungskraft eingeb\u00fc\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warden und ich ermittelten in diese neue Richtung, suchten nach Menschen mit Interessen wie den meinen. Wir erstellten ein Profil des T\u00e4ters. Warum gerade Prometheus und Lykaon? Prometheus war kein M\u00f6rder. Er schlachtete einen Stier, kochte ihn, trennte Fleisch und Knochen, um sie Zeus als zwei Haufen zu pr\u00e4sentieren, den einen unter der Haut, den anderen unter dem Talg des Tieres verborgen. Er wollte das Wissen des Gottes testen, nicht t\u00f6ten. Die Menschen sind seine Sch\u00f6pfung. F\u00fcr uns stahl er den Olympiern das Feuer und wurde schrecklich bestraft: Geschmiedet an einen Berg und zur Unsterblichkeit verdammt, frisst jeden Tag ein Adler seine Leber, die sich in der Nacht erneuert. Prometheus ist der Vater des Menschengeschlechts, nicht sein Vernichter. Oder nimmt er nun Rache? Ist er entsetzt \u00fcber das, was aus seinem Werk geworden ist, was uns sein Opfer wert war?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Lykaon ist b\u00f6se. Er frevelte die G\u00f6tter, glaubte nicht an deren Allmacht. Als Zeus zur Erde stieg, um ihn zur Rechenschaft zu ziehen, lie\u00df Lykaon, der K\u00f6nig der Arkadier, ihm Menschenfleisch vorsetzen. Zur Strafe verwandelte Zeus ihn in einen Wolf, damit aller Welt seine B\u00f6sartigkeit gewahr werde.<br>\u00bbSo kommen wir nicht weiter.\u00abWarden klang verdrossen. \u00bbDer Kerl ist einfach verr\u00fcckt und hat die erstbesten Morde in diesen Geschichten genommen. Da steckt nichts dahinter.\u00ab<br>\u00bbAber Prometheus ist nicht b\u00f6se, er ist der Besch\u00fctzer der Menschen. Es ergibt keinen Sinn. Und au\u00dferdem mordet er nicht.\u00abIch glaubte, schier verr\u00fcckt zu werden.<br>\u00bbJa, was gibt es?\u00abWarden redete mit einem anderen Beamten. Ich hatte ihn nicht eintreten h\u00f6ren. Der Mann war bleich, brachte keine guten Nachrichten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das alte Lagerhaus war zum Heim des Minotaurus geworden. Holzkisten, Paletten und Stacheldraht formten im Inneren des Geb\u00e4udes ein Labyrinth. Meine Haut kribbelte, als ich den Tatort betrat. Das hier war sein Meisterst\u00fcck. Mein Atem ging schneller. Die Leiche lag mit dem Gesicht nach unten auf dem dreckigen Fu\u00dfboden. In ihrem R\u00fccken klaffte eine tiefe Stichwunde, wie ich sie als Folge von Bajonetttreffern in Europa dutzendfach gesehen hatte.<br>Warden bedeutete zwei Beamten den Toten umzudrehen.<br>Es war Carrol.<br>Heute frage ich mich, wie alle in jenen l\u00e4ngst vergangenen Tagen so blind sein konnten.<br>Carrol. Entweder hatte der M\u00f6rder gewusst, dass Hutchins Kollege mit uns gesprochen hatte, oder er kam doch aus dem Umfeld der beiden M\u00e4nner. So dachten wir. Wie gesagt, heute frage ich mich, wie alle so blind sein konnten. Im Moment erscheint mir alles klar, das Labyrinth steht mir in seiner grauenvollen und doch erhabenen Pracht genau vor Augen. Ich will den Moment nutzen und meine Geschichte weiterf\u00fchren, ehe sich mein Blick wieder tr\u00fcbt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir fanden nichts in den Familien der beiden Lehrer, an der High School nur einige unzufriedene Sch\u00fcler und die Familie des M\u00e4dchens, das Carrol bel\u00e4stigt hatte. Generell drehten wir uns im Kreis. Bis ich das erste Mal meinen Partner zuhause besuchte. Meine Erinnerungen drohen erneut zu verschwimmen. Ich vermag heute nicht mehr zu sagen, warum ich in den Monaten, die wir uns kannten, nie in Wardens Haus gewesen bin.<br>Genauso wenig wei\u00df ich, warum ausgerechnet dieser Fall einen Anlass f\u00fcr einen Besuch geboten haben sollte. Fakt ist, dass ich dort war. Und dass dieser Umstand alles \u00e4nderte.<br>\u00bbCarl, da bist du ja! Komm rein, Rita hat das Essen fertig!\u00abWarden schien ungew\u00f6hnlich fr\u00f6hlich. Ich betrat das Haus meines Vorgesetzten. Es war ein sch\u00f6nes Haus. Gelegen am Rand der Stadt war es sicherlich nicht alt, vermittelte aber dennoch eine gewisse Form von Ehrw\u00fcrdigkeit, die eine Saite in mir zum Schwingen brachte, deren Vorhandensein mir vorher nie wirklich bewusst gewesen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbSetzen Sie sich, Carl. Mein Name ist Rita. Ich habe schon viel von Ihnen geh\u00f6rt.\u00abWardens Frau wirkte blass. Sie schwitze und warf ihrem Gatten st\u00e4ndig nerv\u00f6se Blicke zu. Sie wirkte kr\u00e4nklich. Ich schob ihre Nervosit\u00e4t auf eine generelle Zur\u00fcckhaltung gegen\u00fcber neuen Leuten. Vielleicht \u00e4ngstigten sie auch meine Augen. Die Augen eines Veteranen.<br>\u00bbAlso Carl, wie geht es dir? Irgendwelche neuen Ideen bez\u00fcglich des Falls?\u00ab Warden dr\u00e4ngte mich in Richtung des ausladenden Eschtischs aus dunklem Holz.<br>Mein Blick zuckte kurz zu Rita.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbOh, du kannst offen reden. Meine Frau und ich teilen alle Geheimnisse.\u00ab<br>\u00bbNichts.\u00ab Warden erschien mir immer seltsamer.<br>\u00bbSchade. Aber an sich nicht schlimm, denn ich hatte eine Erkenntnis.\u00abWarden starrte mich an. \u00bbUnd ich glaube, wenn du ein bisschen nachdenkst, kommst du zu dem selben Schluss wie ich. Eigentlich ist es ganz einfach. Fast schon zu einfach.\u00ab<br>In diesem Moment trug Rita das Essen herein.<br>Ein silbernes Tablett, darauf zwei abdeckte Teller.<br>\u00bbWas soll das?\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00bbWarum hast du es getan, Carl? Warum?\u00ab Wardens Fr\u00f6hlichkeit war verschwunden und hatte kalter, berechnender Wut Platz gemacht.<br>Ich konnte Wardens Frage nicht beantworten. Warum hatte ich es getan? Damals vermochte ich mich nicht einmal an die Taten zu erinnern. Ich war fest davon \u00fcberzeugt, einen M\u00f6rder zu jagen. Nicht mein eigenes Selbst. Allenfalls die krude Faszination, die das Grauen, das wir erlebt hatten, auf mich aus\u00fcbte, h\u00e4tte mir einen Hinweis bieten k\u00f6nnen. Doch ich war blind. So blind. Als die Beamten kamen, um mich festzunehmen, leistete ich keinen Widerstand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich beende meine Aufzeichnungen.<br>Mein Leben ist ab diesem Punkt nicht mehr von Bedeutung. Ich hebe den Blick, die W\u00e4nde meiner Zelle engen mich heute noch mehr ein als sonst, brachten meine Gedanken doch die Vergangenheit und mit ihr einen Hauch von Freiheit mit sich. Ich warte auf meine Hinrichtung. Das tue ich seit Jahrzehnten.<br>Ich bin der Besch\u00fctzer.<br>Ich bin der Frevler.<br>Ich bin das Monster.<br>Ich besch\u00fctze die Menschen. Ich besch\u00fctzte sie im Krieg, besch\u00fctzte sie vor Verbrechen. Heute besch\u00fctze ich sie vor mir selbst. Doch wof\u00fcr? Ich habe f\u00fcr sie gelitten, habe mein Leben weggeschmissen. Ich kann sie nicht besch\u00fctzen, sie wollen nicht besch\u00fctzt werden. Die Menschen vernichten sich selbst. Sie sind es nicht wert, besch\u00fctzt zu werden, waren es auch nie. Ihre Sch\u00f6pfung war ein Fehler.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin der Frevler. Ich zweifle an den G\u00f6ttern. Ich zweifle an einem h\u00f6heren Wesen, das eine solche Gesellschaft zul\u00e4sst. Gibt es die G\u00f6tter, gibt es den einen Gott? Wenn ja, dann verdient er keine Verehrung, denn er ist b\u00f6se. B\u00f6se und willk\u00fcrlich, er erg\u00f6tzt sich am Leid derer, die ihn verehren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich bin das Monster. Ich bin anders. Anders im Geist. Ich bin gefangen in einer Welt des Schreckens. Einer Welt des Krieges und der Brutalit\u00e4t. Ich streife umher, will ihr entkommen. Doch ich finde keinen Ausgang. Das Labyrinth umschlie\u00dft mich, ich verirre mich, entferne mich immer weiter von mir selbst.<br>Ich bin Prometheus.<br>Ich bin Lykaon.<br>Ich bin der Minotaurus.<br>Aus dem Spiegel in meiner Zelle starren mir zwei Augen entgegen. Sie verraten mich. Die Augen eines M\u00f6rders. Meine Augen.<br>Ich bin der Tod.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jan Niklas Meier<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hinweis:<\/strong> Sie schreiben Kurzgeschichten rund um die Genres Mystery, Fantasy, Gothic oder Horror? Wir ver\u00f6ffentlichen selbige auf dieser Seite zu eben diesen Genres und laden Sie herzlich ein, Ihr Werk einzureichen. <a href=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/reichen-sie-ihre-kurzgeschichten-ein\/\" data-type=\"page\" data-id=\"8250\">Hier finden Sie alle Informationen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alte Menschen schreiben ihr Leben nieder, so sagt man. 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