{"id":1495,"date":"2016-08-16T11:03:00","date_gmt":"2016-08-16T09:03:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/?p=1495"},"modified":"2026-09-14T07:03:58","modified_gmt":"2026-09-14T05:03:58","slug":"geschrieben-in-blut-und-eis-von-marius-kuhle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/kurzgeschichten\/geschrieben-in-blut-und-eis-von-marius-kuhle\/","title":{"rendered":"Geschrieben in Blut und Eis \u2013 Von Marius Kuhle"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Trotz des peitschenden, kalten Windes, dem tiefen Schnee und des immer dunkler werdenden Himmels, k\u00e4mpfte Nella sich weiter unbeirrt vorw\u00e4rts. Sie hatte auch keine andere Wahl, denn in der Ferne, an den Spitzen der schneebedeckten Gipfel zeichnete sich ein Sturm ab. Vor Anbruch der Nacht musste sie ihre Blockh\u00fctte erreichen. Kein leichtes Unterfangen wenn die Beine bei jedem Schritt fast bis zu den Knien einsackten und dem schweren B\u00fcndel trockenem Brennholz auf ihrem R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ohnehin war das Leben in dieser Wildnis niemals leicht oder einfach. Schon gar nicht f\u00fcr eine junge, alleinstehende Frau. Nella kam aber zurecht, sie musste auch zurechtkommen, denn ihr Mann war heute, genau vor einem Jahr, in einem \u00e4hnlich unbarmherzigen Winter ausgezogen, um mit Fallen auf Pelzjagd zu gehen und seither nie wieder zur\u00fcckgekommen. Die einen erz\u00e4hlten, er w\u00e4re bei einem Streit in einem Saloon erstochen worden, die anderen, das er bei einem Pokerspiel viel Geld verloren hatte und geflohen war und die Wenigsten fl\u00fcsterten, dass er Opfer von den W\u00f6lfen geworden war. Nella waren die Geschichten alle egal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alexander war fort und die einzigen Dinge, die er ihr hinterlassen hatte, war seine Blockh\u00fctte, fernab von jeder Ansiedlung entfernt, und sein Jagdmesser, was er auf dem Kamin vergessen hatte. Ein Fallensteller, der sein Jagdmesser verga\u00df. Das h\u00e4tte ihr damals ein b\u00f6ses Omen sein sollen. Das eine Jahr war aber nicht spurlos an Nella vorbeigegangen. Wind und K\u00e4lte hatten die Haut auf ihrem Gesicht aufgerissen und aufgesch\u00fcrft. Das br\u00fcnette, lockige Haar war stumpf und Ihre Knochen knirschten morsch, die kratzige Stimme kam kaum noch aus der ausged\u00f6rrten Kehle und ihre Finger und Zehen f\u00fchlten sich immer verbrannt an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nella wollte aber nicht aufgeben oder sich in die Arme eines anderen Mannes fl\u00fcchten. Auch wenn sie nun ein Leben f\u00fchren musste, dass ihr zwei Nummern zu gro\u00df und doppelt so schwer war, war es immer noch ihr Leben. Ihre Blockh\u00fctte, ihr wertloses St\u00fcck Land und nun ihr Jagdmesser, was sie immer bei sich trug. Endlich erreichte sie die Grenze des Waldes, der zu einem Abhang f\u00fchrt, von wo aus sie ihr Haus mitsamt dem kargen Landbesitz sehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Eisdecke glitzerte im immer schw\u00e4cher werdenden Sonnenlicht. Der Winterhimmel hatte bei der D\u00e4mmerung eine dunkelviolette Farbe, aber selbst am Tag ging die Sonne scheinbar kaum auf. Ihre H\u00fctte war ein winziger Punkt in einer endlosen Eisw\u00fcste. Jetzt, wo Nella hier oben stand, f\u00fchlte sie sich trotz der kurzen, anstrengenden Tage und langen, einsamen N\u00e4chte, doch zufrieden und gl\u00fccklich. Auch wenn die Last des Brennholzes auf ihrem R\u00fccken sie niederdr\u00fcckte und ihr K\u00f6rper scheinbar ein ganzes Leben keine W\u00e4rme und Sonnenlicht mehr ber\u00fchrt hatte, wollte sie diesen einmaligen Anblick und die damit verbliebene Ruhe niemals missen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Kadaver des B\u00e4ren lag im Schnee, ganz steif von den Eiszapfen in seinem Fell. Sein Mund stand weit offen, Blut und Gehirnmasse sprenkelten den wei\u00dfen Boden um ihn herum. Sie glitzerten wie gefrorene, rote, graue und gelbe Kristalle. Durch sein dunkles Fell liefen mehrere, tiefe Schnittwunden, aber das Fleisch wies keine Biss- oder Fressspuren auf. Daf\u00fcr fehlte fast das gesamte Blut des Grizzlys. Die Schneedecke wirkte fast zu jungfr\u00e4ulich wei\u00df und sauber. Nach den Verletzungen h\u00e4tte es ein gro\u00dfer, roter Teppich sein m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was f\u00fcr ein Tier konnte diese schwerf\u00e4llige, riesige Kreatur t\u00f6ten und r\u00fchrte das gute Fleisch nicht an? Die Spuren des Kampfes des B\u00e4ren und das des anderen Tieres waren nicht mehr auszumachen. Es war, als w\u00e4ren sie schon zugeschneit, obwohl in den letzten Stunden nichts vom Himmel gekommen war. Welches Tier war so klug und geschickt, seine Spuren zu verwischen? Der Wind frischte auf und die ersten Schneeflocken fielen herab. Nella musste weiter. Sie ging aus der Hocke und h\u00f6rte ein leises Knirschen im Schnee hinter sich. Sie fuhr herum und hatte den Revolver schon gez\u00fcckt, konnte aber nichts entdecken. Als Frau ging Nella zu diesen Zeiten immer mit Pistole und Messer aus dem Haus, auch wenn die wenigen, gelegentlichen Begegnungen nur aus Wildkaninchen und F\u00fcchsen bestanden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie spannte den Hahn und hielt inne. Wieder ein Knirschen hinter ihr. N\u00e4her als vorher. Sie drehte sich erneut um, konnte aber wieder nichts erkennen. Nur die wei\u00dfe Fl\u00e4che, in der Ferne die schneebedeckten B\u00e4ume und dieses kalte, graue Flirren in der Luft. Z\u00f6gernd steckte Nella die Waffe wieder ein. Die Natur konnte den Sinnen so manchen Streich spielen und die Einsamkeit im Eis fra\u00dfen regelrecht den Verstand auf. Die Folge waren Beklemmungen, Aggressionen und Depressionen. Nella f\u00fchlte sich aber immer noch Herr \u00fcber ihre Sinne und der B\u00e4r vor ihr war auch keine Einbildung. Selbst durch ihre kaputte, tropfende Nase und den kalten Wind konnte sie den Gestank des Todes riechen. Da vernahm sie wieder etwas, nur diesmal war es kein Knirschen im Schnee, obwohl es unter diesen Umst\u00e4nden fast genauso beunruhigend klang. Das mehrmalige Aufeinanderklappern von Z\u00e4hnen. Gierig, l\u00fcstern, voller Erwartung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nella rannte los, bevor sie einen warmen, stinkenden Hauch sp\u00fcren konnte und es dann zu sp\u00e4t war. Zu ihrer isolierten H\u00fctte war es nicht mehr weit, f\u00fcr eine Flucht in dicker Winterkleidung mit Feuerholz doch ein langer Weg. Sie drehte sich nicht einmal um, atmete durch den Mund und bei jedem Atemzug gefror das Innerer ihrer Kehle mehr und mehr. Sie machte nicht den Fehler, sich umzudrehen, stolperte aber trotzdem \u00fcber einen Stein oder etwas anderes unter der Schneedecke. Nella st\u00fcrzte in einen Haufen Pulverschnee. Sie tauchte fast vollst\u00e4ndig ein und hievte sich, so schnell wie es ging, wieder hoch. Das Klappern der Z\u00e4hne war n\u00e4her ger\u00fcckt. Hinzugekommen war das Wetzen von Krallen und ein Knurren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Wind nahm zu und immer mehr Schneeflocken fielen herab. Bald m\u00fcsste Nella nicht nur gegen das st\u00e4ndig Einsacken, sondern auch gegen den Wind ank\u00e4mpfen m\u00fcssen. Ihre dunkle H\u00fctte wirkte wie eine rettende Insel in diesem Meer. Es war nicht mehr weit. Nur noch wenige hundert Meter. Nella rannte weiter. Ein Fauchen zischte hinter ihr her. Sie konnte nicht einordnen wer oder was, solche Ger\u00e4usche von sich gab. Mit den letzten Reserven ihrer Kr\u00e4fte erreichte sie endlich ihr trautes Heim. Nella warf das Holz auf den Boden, knallte die T\u00fcr zu und stemmte sich mit dem R\u00fccken gegen das Holz. Jeder Atemzug schmerzte in ihren eingefrorenen Lungen und der Schwei\u00df, schien auf ihrer Haut zu verdampfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie wusste nicht, wie lange sie an der T\u00fcr lehnte, aber in der ganzen Zeit h\u00e4mmerte oder schlug nichts dagegen, au\u00dfer den kr\u00e4ftigen Windb\u00f6en. Wie ein unheimliches Geheul fegten diese \u00fcber ihre H\u00fctte hinweg. Der Schnee schmolz auf ihrer Kleidung und tropfte auf den Boden. Nella schob sich mit dem R\u00fccken die Wand entlang und sp\u00e4hte aus dem Fenster hinaus. Nichts war zu sehen. Nur immer mehr Schnee, der wild herabfiel und herumwirbelte. Kein Wolf, ein anderes wildes Tier oder gar ein Monster. Nella fing an, zu lachen und entfernte sich vom Fenster.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Sonnenuntergang hatte der Blizzard eingesetzt. Das Pfeifen des Windes schien nicht einmal abzuebben und klapperte an den Fenstern und T\u00fcren. Das Knarren von Holz erf\u00fcllte st\u00e4ndig die von den Laternen beleuchtete H\u00fctte. Nella sa\u00df vor dem Kamin in ihrem Schaukelstuhl und sie sah gedankenverloren in den Feuerschein. Jetzt, wo die Nacht angebrochen war, merkte sie, wie einsam und alleine sie doch war. Nella h\u00e4tte es niemals \u00fcber die Lippen gebracht, aber gerade in dieser Nacht, fehlte ihr Alexander besonders. Das ganze Jahr war sie so hart und kalt gewesen, um Au\u00dfen hin stark zu wirken, aber jetzt schmolz ihre St\u00e4rke dahin. Trotz des nahen Feuers fr\u00f6stelte sie und zog die Decke bis zu ihrem Kinn hoch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie sah noch eine Weile in die zuckenden Flammen und ihre Augen fielen mehr und mehr zu. Obwohl Nella wegd\u00f6ste, nahm sie ihre kleine Welt um sich herum immer noch wahr. Das Rauschen des Sturmes. Das leise Tr\u00f6pfeln der Schneeflocken auf das Fensterglas. Das Knarren und Knarzen des Holzes. Das Knistern des Kaminfeuers. Als eine besonders starke Windb\u00f6e gegen die T\u00fcr traf, tauchte das Bild des toten B\u00e4ren im Schnee vor Nellas geistigem Auge auf und sie schreckte hoch. Das hatte sich fast genauso wie ein einzelnes H\u00e4mmern angeh\u00f6rt. Nella griff leise kichernd an ihre Brust und f\u00fchlte ihren Herzschlag. Ihr Blick fiel auf das Jagdmesser, dass seinen gewohnten Stammplatz auf dem Kamin hatte. Dabei fragte sie sich, wieso sie es immer noch da hin legte, wo es doch jetzt \u00fcberall in ihrem Haus sein konnte. Neben dem Revolver auf dem Esstisch zum Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Jahr war vergangen und es war Zeit, dass ihr Messer nun endlich eine neue Heimat fand. Nella befreite sich unter der Decke, nahm die Klinge vom Sims und legte sie auf den Tisch, da kam von drau\u00dfen ein neues Ger\u00e4usch hinzu. Durch den tobenden Wind h\u00e4tte dieser unscheinbare, leise Laut kaum zu vernehmen sein sollen und doch h\u00f6rte Nella es klar und deutlich. Das qu\u00e4lende, langsame Scharben von Fingern\u00e4geln auf Glas. Nella riss den Revolver hoch und fuhr zur T\u00fcr herum. Sie glaubte einen Moment, ein leuchtendes Augenpaar am Fenster erkannt zu haben, die aber nun verschwunden waren. Sie zielte weiterhin, n\u00e4herte sich dem Fenster an der T\u00fcr und sah hinaus. Tats\u00e4chlich erkannte sie in diesem Mischmasch auf Schwarz, Wei\u00df und Grau etwas. Die Umrisse eines gro\u00dfen, hageren Mannes. Er wirkte wie ein unruhiger, schemenhafter Schatten. War das ein verirrter J\u00e4ger oder Wanderer?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nella hatte kein Interesse, der Sache n\u00e4her auf den Grund zu gehen. Sie w\u00fcrde dem Mann bei diesem Sturm keine Zuflucht gew\u00e4hren. Es war nicht der erste Mann, der auf ihrer T\u00fcrschwelle gestanden und geglaubt hatte, mit einer einsamen, verlassenen Frau leichtes Spiel zu haben. Sie spannte den Hahn und schon schnellte der fremde Schatten hervor, um mit der gleichen Kraft des Blizzards, die abgeschlossene T\u00fcr aufzubrechen, um in ihre H\u00fctte zu gelangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Kreatur, die durch die T\u00fcr brach, konnte man kaum als menschlich bezeichnen, obwohl sie in ihren Grundz\u00fcgen an ein sterbliches Wesen erinnerte. Der Mann undefinierbaren Alters, war splitterfaser nackt und v\u00f6llig ausgemergelt. Seine tintenblaue Haut spannte sich \u00fcber die sichtbaren Rippen und Knochen. Das wirre, abstehende Haar hatte die Farbe von altem, schmelzendem Frost. Der lange Bart war voller Eiskristalle und dunklem, getrocknetem Blut. Die Pupillen waren farblos und trieben in dem tr\u00fcben, dreckigen Wei\u00df seiner schmalen Augen. Mit dem Angreifer gelangte der Schneesturm in ihr trautes Heim. Alles wirbelte durcheinander, ein dr\u00f6hnendes Geheul fra\u00df jedes andere Ger\u00e4usch auf und die Laternen vollf\u00fchrten einen hektischen, panischen Tanz. Durch den wilden Schleier aus Schneeflocken und dem Lichtgewitter, trat dieser erfrorene Leichnam auf zwei Beinen auf sie zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nella feuerte und selbst der laute Schuss wurde von dem Sturm verschlungen. Die Kugel durchschnitt die kalte Luft und die Schneeflocken und sie verfehlte den Mann nur knapp. Er riss seine schwarzen, rissigen Lippen auf und schrie so d\u00fcster und schrill, dass er selbst den Blizzard \u00fcbert\u00f6nte. Nella schoss erneut und diesmal wich das Monster mit einem Sprung an die Decke aus. Wie eine Spinne kroch der Mann m\u00fchelos umher. Nella feuerte zwei weitere Sch\u00fcsse dem Wesen hinterher und wieder gingen alle ins Leere. Sie war keine besonders gute Sch\u00fctzin und die Sturmb\u00f6en, die K\u00e4lte und die Angst nahmen ihr noch den letzten Rest Zielwasser. Sie hatte aber noch zwei Kugeln. Sie wollte die Vorletzte abfeuern, da setzte der blaue Mann zum Angriff an. Er sprang herab und trat Nella mit seinen nackten, mit Frostbeulen \u00fcbers\u00e4ten F\u00fc\u00dfen, gegen ihre Brust. Nella wurde zur\u00fcckgeschleudert, feuerte dabei blindlings in die Luft und stie\u00df mit den R\u00fccken gegen den Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie alle Sachen darauf, fiel sie auf den Boden, schrie auf und der Eiswind bahnte sich seinen Weg durch ihren Hals bis zu ihrem Herzen und lie\u00df ihr Blut gefrieren. Der Mann kam in geb\u00fcckter Haltung rasch auf Nella zu. Seine Fratze offenbarte Angriffslust, w\u00e4hrend er l\u00e4chelte und mit seinen krummen, spitzen Z\u00e4hnen klapperte. Das diente nicht nur dazu, um den Gegner einzusch\u00fcchtern, sondern schien von der K\u00e4lte in seinem Inneren herzur\u00fchren. Eine Kugel hatte sie noch. Nella hob den Arm hoch und zielte so gut wie sie konnte. Vergebens. Der Mann packte ihr Handgelenk und riss die Hand zur Seite. Auch der letzte Schuss drang irgendwo ins Holz, aber zuvor traf sie eine der vielen Lampen an der Decke. Diese fiel herab, zerschellte und setzte die Decke an ihrem Schaukelstuhl in Brand. Der Mann grinste und sein stinkender Atem kondensierte vor ihrem Gesicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Er hielt ihr Handgelenk immer noch fest und seine Augen waren so tr\u00fcb und farblos, dass sich Nella in ihnen nicht einmal spiegelte. Vergn\u00fcgt klapperte er weiter mit seinen Z\u00e4hnen und bemerkte nicht, wie Nellas freie Hand \u00fcber den Boden huschte, bis sie etwas fand. Ihr Jagdmesser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Umst\u00e4ndlich rammte es Nella ihm in den Hals. Sie hatte schon Angst, dass die Klinge abbrechen w\u00fcrde, weil seine Haut so kalt und hart aussah, aber sie glitt m\u00fchelos in sein blaues Fleisch, wie bei einem gew\u00f6hnlichen Menschen. Er schrie auf und sein Griff um ihr Handgelenk wurde fester. Im Gegenzug dr\u00fcckte Nella die Klinge ein wenig tiefer hinein und drehte sie ein St\u00fcckchen. Sein eiskaltes Blut spritzte auf ihre Hand und Arm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Feuer wurde gr\u00f6\u00dfer, ging auf den Schaukelstuhl \u00fcber und breitete sich in der H\u00fctte weiter wie eine Schlange aus. Die Welt um Nella war eine bizarre Mischung aus orangem und blauen Licht. Endlich lie\u00df das Eismonster los und wollte nach dem Messer greifen, da schlug Nella mit dem Griff des Revolvers zu. Durch den Sturm konnte sie das typische Knirschen des Knorpels bei einem Nasenbruch nicht h\u00f6ren, sah aber, eine Blutfont\u00e4ne, die empor schoss. Schreiend griff er sich ins Gesicht und Nella schlug ein weiteres Mal zu. Diesmal gegen seine Stirn. Mit den H\u00e4nden vor seinem Gesicht fiel der Angreifer zu Boden. Nella schlug zu, ein weiteres Mal und ein drittes Mal.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch wenn dieser Schneeuntote keinen weiteren Laut oder K\u00f6rperregung mehr von sich gab, warf Nella den Revolver zur Seite, riss das Messer heraus und stach weiter auf ihn ein. Solange bis Nella keine Kraft mehr in ihren tauben Armen hatte. Mit zerschmettertem und blutverschmiertem Gesicht lag er nun vor ihr und ein letzter Hauch sichtbarer Luft wich aus seinem leicht ge\u00f6ffneten Mund. Nella hielt das Messer immer noch mit beiden H\u00e4nden umklammert. Sie hatte es wahllos in sein Fleisch gerammt, aber am meisten in die Stelle, wo sie sein Herz vermutete. Sie zog die Waffe mit einem matschigen Ger\u00e4usch heraus. Das Blut, dass von der Klinge tropfte und an ihren H\u00e4nden klebte war Himmelblau.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Gef\u00fchle wirbelten in ihrem Inneren wie die Schneeflocken vor ihren Augen herum.<br>Sie wollte schreien, weinen, jubeln, tat aber nichts dergleichen. Unbemerkt liefen ihr Tr\u00e4nen \u00fcber das Gesicht und Rotz \u00fcber die Oberlippe, bis die Hitze der Flammen sie aus ihrer Starre befreiten. Der Gro\u00dfteil ihrer H\u00fctte brannte. Das Feuer war auch auf die Decke \u00fcbergegangen. Mit zitternden Beinen stand Nella auf und stolperte hinaus in den Schneesturm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nella kam keine zehn Schritte, da fiel sie ersch\u00f6pft in den Schnee. Ihr K\u00f6rper f\u00fchlte sich komplett taub, leer und tot an. Nur ihr Geist z\u00fcndelte noch auf Sparflamme. Die Sicht war so gering, dass Nella nur wenige Meter vor sich etwas richtig erkennen konnte. Und was sie sah, war in seiner eigenen Art, bizarr sch\u00f6n. Das orange Licht im R\u00fccken, dass trotz seiner Gr\u00f6\u00dfe und St\u00e4rke nicht gegen die Dunkelheit ankam. Die dunkelgrauschwarze Welt um sich herum. Die Schneeflocken, die irgendwie in alle Richtungen gleichzeitig herunterfielen und flogen. Obwohl der Himmel \u00fcberhaupt nicht auszumachen war, wurde der Glanz der Sterne vom Eis zur\u00fcckgeworfen. Unz\u00e4hlige Lichtpunkte auf dem Boden oder in dem aufgew\u00fchlten Schneenebel. Nellas Augen begannen, wie unruhige Kerzen zu Flackern und sie schloss sie. Nur einen Moment, bis etwas durch den Sturm zu ihr \u00fcber das Eis hallte. Das Klappern von Z\u00e4hnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nella riss die Augen wieder auf und damit stieg auch der letzte Schwall von Kraft und W\u00e4rme in ihr wieder an. Ein Schatten kam n\u00e4her, dann ein zweiter, ein dritter, noch einer und dann noch einer. M\u00e4nner, Frauen und Kinder sch\u00e4lten sich durch den Wind auf sie zu. Alle nackt, vom Winter ausgezerrt und mit blauer Haut. Ihre Augen wirkten in der Nacht wie gl\u00fchende, wei\u00dfe Kohle. Nein, Nella w\u00fcrde heute nicht sterben. Sie w\u00fcrde diesen Monstern ebenso trotzen, so wie sie all den vielen Schicksalschl\u00e4gen im vergangenen Jahr die Stirn geboten hatte. Diese Kreaturen wollten ihr Blut? Kampflos w\u00fcrde Nella es nicht hergeben. Sie umfing den Griff des Jagdmessers so feste, wie es ihre gef\u00fchllose Hand zu lie\u00df und stand auf. Mit wackeligen Beinen und klappernden Z\u00e4hnen nahm ihr fast erfrorener K\u00f6rper eine Angriffshaltung ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nellas Schicksal war noch nicht in Blut und Eis geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Marius Kuhle<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hinweis: <\/strong>Sie schreiben Kurzgeschichten rund um die Genres Mystery, Fantasy, Gothic oder Horror? Wir ver\u00f6ffentlichen selbige auf dieser Seite zu eben diesen Genres und laden Sie herzlich ein, Ihr Werk einzureichen. <a href=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/reichen-sie-ihre-kurzgeschichten-ein\/\" data-type=\"page\" data-id=\"8250\">Hier finden Sie alle Informationen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz des peitschenden, kalten Windes, dem tiefen Schnee und des immer dunkler werdenden Himmels, k\u00e4mpfte Nella sich weiter unbeirrt vorw\u00e4rts. 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