{"id":1480,"date":"2016-05-14T10:31:00","date_gmt":"2016-05-14T08:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/?p=1480"},"modified":"2026-08-29T14:06:51","modified_gmt":"2026-08-29T12:06:51","slug":"1888-von-marie-salka","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/kurzgeschichten\/1888-von-marie-salka\/","title":{"rendered":"1888 \u2013 Von Marie Salka"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein marodes, heruntergekommenes Haus\u2026 Wir hatten es zuf\u00e4llig entdeckt, auf unserem Spaziergang an den Flussauen entlang. Es war ein hei\u00dfer Sommertag, und so verlockte das schattenspendende, k\u00fchle Geb\u00e4ude geradezu, es zu erkunden, zumal die T\u00fcr nur angelehnt schien. Wir schlichen uns, nach einem versch\u00e4mten Blick, ob uns auch keiner beobachtete, durch die knirschende T\u00fcr und fanden uns in einem hohen Raum wieder. Staub wirbelte durch die schmalen Sonnenstrahlen, die durch die ungeputzten Fenster drangen. Ich hatte den Eindruck, in einer Werkstatt zu stehen. Vielleicht eine alte Schmiede? An der Wand hingen Werkzeuge, die mir den Eindruck machten. Unter dem hohen Dachgiebel wehten Spinnweben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine angegriffene Holzt\u00fcr hing in den Angeln, die uns in den n\u00e4chsten Raum f\u00fchrte. Er war \u00e4hnlich gestaltet, und enthielt einen Amboss, der meine Theorie best\u00e4tigte. Nur sehr fahl fiel das Sonnenlicht durch die zugeklappten Fensterl\u00e4den.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als ich durch einen weiteren wackeligen T\u00fcrrahmen um die Ecke blickte, fiel mir schr\u00e4g gegen\u00fcber, auf der anderen Seite des Ganges, eine dunkelgr\u00fcn gestrichene T\u00fcr auf. Die Farbe war in weiten Fl\u00e4chen abgebl\u00e4ttert, und doch schien sich jemand einmal gro\u00dfe M\u00fche gemacht zu haben, sie zu streichen. Mein Freund dr\u00fcckte die T\u00fcr auf und wir blickten in ein\u2026 \u2013 nun, es sah aus wie ein Kinderzimmer. Drei Betten, davon ein Kinderbettchen mit Drapieren, standen an den W\u00e4nden. Ein hoher Kleiderschrank verdeckte die gegen\u00fcberliegende Ecke, und die Wand daneben schien ungew\u00f6hnlich stark einger\u00fcckt. Spinngewebe und eine zentimeterdicke Staubdecke h\u00fcllten die M\u00f6bel in einen seltsam anmutenden Schleier.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich trat ein und erschrak \u00fcber die laut knirschenden Dielen. Mit der linken Hand schloss ich die Kleiderschrankt\u00fcr auf. Sie quietschte und mir fiel ein alter Teddy entgegen. Ein Ohr war abgerissen und seine Nase zerschlitzt. Ein Schauer lief mir \u00fcber den R\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir verlie\u00dfen das Zimmer und tasteten uns weiter den d\u00e4mmrigen Flur entlang. Aus einer offen stehenden T\u00fcr drang ein Lichtstrahl und beschien einen verstaubten Bilderrahmen, der an der Wand des Flurs hing. Ich kniff meine Augen zusammen und erkannte unter der Glasscheibe ein vergilbtes Familienfoto. Als ich noch genauer hinsah, konnte ich auch Details erkennen \u2013 ein Ehepaar, eine \u00e4ltere Frau und drei Kinder. In der rechten unteren Ecke war ein Datum verzeichnet. Ich beugte mich noch n\u00e4her, um es zu entziffern. Pl\u00f6tzlich waren Schritte zu h\u00f6ren. Sie kamen aus der Schmiede. Es klang nach schweren Stiefeln, und ich lief panisch meinem Freund, der just die Flucht ergriffen hatte, durch den Flur hinterher. War uns jetzt der Weg abgeschnitten?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eMalte!\u201c rief ich angsterf\u00fcllt. Das Stampfen hinter mir klang gar zu unheimlich, und ich hatte meinen Freund aus den Augen verloren! Die T\u00fcren um mich herum erschienen mir, obwohl es nicht mehr als zuvor waren, wie ein Labyrinth, und ich konnte nicht begreifen, warum er nicht auf mich gewartet hatte. Ich hatte eine T\u00fcr erreicht, die offenbar \u00fcber eine Treppe in den Keller f\u00fchrte. Ob Malte diesen Weg gew\u00e4hlt hatte? Nicht, dass mir der Gedanke, ins Gew\u00f6lbe herabzusteigen, \u00fcberm\u00e4\u00dfig behagte, aber ich wollte auf keinen Fall allein in diesem d\u00fcsteren Flur bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade als ich meine Hand auf die Klinke legte, ert\u00f6nte der schwere Schritt so nah, dass die Diele unter meinem Fu\u00df vibrierte. Ein Angstschauer erfasste mich. Mir rutschte das Herz in den Magen, als ein fester Griff meinen Kragen packte. Ich wurde durch eine offene T\u00fcr gezogen, die im rechten Winkel zur Kellertreppe lag. Als ich mich herum drehte, blickte ich in ein Paar braune Augen. Mir gegen\u00fcber stand jemand, der etwa so alt wie Malte sein musste, mir aber ansonsten v\u00f6llig unbekannt erschien. Auch der Raum, in den ich geraten war, war ganz und gar nicht so d\u00fcster wie die bisherigen Zimmer, die wir durchquert hatten. Ich befand mich in einer wei\u00df gekachelten K\u00fcche, und es herrschte rege Betriebsamkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEntschuldigung,\u201c ert\u00f6nte da mein Gegen\u00fcber. \u201eIch hatte dich vor der T\u00fcr geh\u00f6rt, als ob etwas nicht in Ordnung sei, und beschloss, nachzusehen, woran es lag.\u201c Ich sah ihn verwirrt an. \u201eUnd weil du so panisch aussahst, hielt ich es f\u00fcr besser, dass du dich hier erst einmal wieder beruhigst.\u201c Er grinste. \u201eIch hei\u00dfe Joachim.\u201c Ich murmelte ebenfalls meinen Namen. Als ich mich in dieser K\u00fcche, die es offenbar war, genauer umblickte, erschienen mir die gusseisernen Pfannen, die in Reih und Glied an der Wand befestigt waren, seltsam. Aber nun, jedem das Seine! Schlie\u00dflich fiel mein Blick auf eine Zeitung. Die Titelseite lag offen da. Und das Titelbild kam mir vertraut vor\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eTragisch, nicht wahr?\u201c Die K\u00f6chin am Herd hatte sich mir zugewandt und deutete auf die Schlagzeile. Ich fokussierte sie. Familie spurlos verschwunden \u2013 immer noch kein Lebenszeichen lautete sie. \u201eDiese Leute wohnten vor uns in diesem Haus.\u201c Die K\u00f6chin beugte sich \u00fcber meine Schulter. \u201eIm Februar verschwanden sie von einem Tag auf den anderen. Alle Suchaktionen blieben bisher erfolglos. Der Familienvater, der einzige, den man am Tag nach der ersten Suche noch befragen konnte, war nach der Befragung ebenfalls nicht mehr aufzufinden. Keiner hat ihn seitdem mehr gesehen.\u201c Die K\u00f6chin wandte sich darauf wieder ihrer Suppe zu. Ich betrachtete das Foto unter der Schlagzeile genauer, und sah, dass ich recht hatte: Es handelte sich um dieselbe Gruppe \u2013 ja, um das gleiche Foto \u2013 die auch im Flur im Bilderrahmen aufgetaucht war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuf\u00e4llig fiel mein Blick auf das Datum, das unter dem Zeitungstitel abgedruckt war \u2013 ich stutzte. Dies konnte nicht stimmen \u2013 tr\u00e4umte ich? Konnte ich meinen eigenen Sinnen nicht mehr trauen? Das Datum lautete auf den 17. November 1888. Ich widmete mich dem Zeitungsartikel genauer. Daraus ging hervor, dass die besagte Familie am 28. Februar desselben Jahres als vermisst gemeldet worden war, nachdem eine hilfebed\u00fcrftige Nachbarin, die auf die Besuche der Mutter der drei S\u00f6hne angewiesen war, ihre Abwesenheit bemerkt hatte. Bald darauf war auch der Vater abg\u00e4ngig, und s\u00e4mtliche Ermittlungen in diesem Fall waren fruchtlos geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eEs handelte sich um ein Ehepaar mit drei S\u00f6hnen. Der j\u00fcngste von ihnen soll wohl erst drei Jahre alt gewesen sein. Au\u00dferdem wohnte die Mutter des Vaters mit ihnen im Haus. Auch sie wurde nicht mehr gesehen.\u201c Joachim hatte sich wieder zu Wort gemeldet. \u201eSchon sehr seltsam, nicht wahr? Und schlie\u00dflich zogen wir in dieses Haus ein. Den Schmiedebetrieb<br>\u00fcbernahmen wir allerdings nicht, denn keiner von uns ist in diesem Handwerk bewandert.\u201c Er beugte sich n\u00e4her zu mir. \u201eGer\u00fcchte gingen um, der Familienvater, der Schmied, soll das Eisen mit roher Hand behauen haben.\u201c Er zuckte mit den Achseln. \u201eDas ist sicher eine \u00dcbertreibung. Aber ein wahrer H\u00fcne war er. Man h\u00f6rte ihn jeden Sonntag schon von weitem in die Kirche poltern.\u201c Schwere Schritte? \u201eAber nun erkl\u00e4re doch erst einmal, was dich vorhin so erregt hat. Jagt dir etwa unser Haus Angst ein?\u201c Ich blickte in Joachims Augen, und da fiel mir Malte wieder ein. Ich erkl\u00e4rte ihm, dass ich auf die Suche nach ihm war. Von unserem Verfolger sagte ich nichts. Was w\u00fcrde Joachim von mir denken? Ich war wohl paranoid. Diese schweren Stiefel \u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eIch werde dir helfen. Wir finden ihn schon. Er h\u00e4lt sich tats\u00e4chlich in unserem Haus auf?\u201c Ja, das fiel mir jetzt auch auf. Wir waren ohne Berechtigung in ein fremdes Gel\u00e4nde eingedrungen. Ich senkte betreten den Kopf. Aber Joachim schien sich nicht weiter von dem Gedanken st\u00f6ren zu lassen. Ich \u00e4u\u00dferte meine Vermutung, dass Malte vielleicht in den Keller geflohen sei. Also \u00f6ffnete Joachim dieselbe T\u00fcr, deren Klinke ich zuvor schon in der Hand gehalten hatte, und wir stiegen die Treppe hinab. Eine steile Stiege. Geruch von altem Moder stieg mir entgegen. Dabei fiel mir wieder ein, dass ich gerade das Verr\u00fcckteste durchlebte, was mir bisher vorgekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie konnte ich Menschen begegnen, die mit solcher Selbstverst\u00e4ndlichkeit eine Zeitung<br>aus dem Jahr 1888 lasen? Was stimmte nicht mit ihnen? Oder war am Ende ich diejenige, der etwas Unglaubliches passierte\u2026Ich begann an meinem Verstand zu zweifeln. Wer war Joachim? Wie alt war er \u2013 ja, welche Zeit war f\u00fcr ihn selbstverst\u00e4ndlich? War er verr\u00fcckt oder ich? Ich konnte unm\u00f6glich im Jahre 1888 diese Stiegen hinabsteigen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eWie sieht er denn eigentlich aus, dein Malte?\u201c unterbrach Joachim meinen Gedankengang. \u201eNun\u2026\u201c ich \u00fcberlegte, und sah dabei Joachim an, der vom Licht des Flurs beschienen wurde. \u201eEr hat braunes Haar, so wie du. Wenn es auch l\u00e4nger ist. Rehbraune Augen, so wie du. Und, ja, er tr\u00e4gt ebenfalls ein wei\u00dfes Hemd.\u201c Joachim schmunzelte. \u201eInteressante \u00dcbereinstimmungen.\u201c Dann z\u00fcndete er eine Lampe an, die er mit hinab gebracht hatte. Ein warmer Schein erleuchtete das Gew\u00f6lbe. Es war nicht sehr hoch, und \u00fcberschaubar, doch von Malte keine Spur. \u201eWir wollen den Keller nutzen, um Wein einzulagern. Noch gebrauchen wir ihn aber nicht.\u201c erkl\u00e4rte Joachim. Ich h\u00f6rte ihm nur mit halbem Ohr zu. Ein Instrument erregte meine Aufmerksamkeit. In einer Ecke des ansonsten leeren Gew\u00f6lbes lehnte eine Axt. Meine Augen hatten sich an das d\u00fcrftige Licht gew\u00f6hnt, das die \u00d6llampe umstrahlte, und so konnte ich am Schneideblatt der Axt braune Schlieren erkennen, die sich bis \u00fcber den Stiel zogen. Etwas daran behagte mir nicht. Wieder kam mir die Schlagzeile von der verschwundenen Familie in den Sinn. Wohin war sie verschwunden? Was, wenn er \u2026 Mir wurde ganz flau bei diesem Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Blut? Eine Axt? Eine auf Nimmerwiedersehen entschwundene Frau? Drei Kinder? Ihre Gro\u00dfmutter? \u201cJoachim, oh mein Gott\u2026\u201c Ich drehte mich zu ihm zur\u00fcck, und schreckte zur\u00fcck, als ich nicht in Joachims gepflegte Frisur, sondern auf den Wuschelkopf meines Freundes blickte. \u201eMalte!\u201c Ich fiel ihm in die Arme. Dann sah ich mich erstaunt um. \u201eWo ist Joachim?\u201c Malte blickte mich \u00fcberrascht an. \u201eWer ist Joachim?\u201c Ich starrte vor mich hin. War ich vollends au\u00dfer Verstand geraten? Ich hielt es f\u00fcr besser, mein Erlebnis \u2013 oder sollte ich es besser eine Sinneswahrnehmung nennen? \u2013 f\u00fcr mich zu behalten. Ich sch\u00fcttelte nur den Kopf, und drehte mich noch einmal zu der Axt um, die inzwischen von einer dicken Staubschicht bedeckt war. Wir stiegen die Treppe hinauf, und Malte dr\u00fcckte den Lichtschalter, so dass die einsam im Keller h\u00e4ngende Gl\u00fchbirne erlosch. Malte schloss leise die Kellert\u00fcr, und wir lugten um die Ecke, um zu sehen, ob die Luft rein war. Der Flur lag verlassen da, und so schlichen wir auf leisen Sohlen den Weg zur\u00fcck, den wir gekommen waren. Vor dem Kinderzimmer hielt ich inne und blickte durch die marode T\u00fcr direkt auf die gegen\u00fcberliegende Wand, die so seltsam einger\u00fcckt schien. Ein schwei\u00dfnasser Schauer erfasste mich, als mir beim Anblick der Kinderbetten die vermisste Familie wieder einfiel, und ich hatte das Gef\u00fchl, als ob die Wand mich verfolgte, mir n\u00e4her kam\u2026<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schnell holte ich meinen Freund wieder ein und wich ihm nicht mehr von der Seite. Wir durchquerten die zwei R\u00e4ume der Schmiede und ich atmete auf, als ich die warme Sonne im Gesicht sp\u00fcrte. Ich ergriff Maltes Hand und zog ihn weg von diesem eigenartigen Haus. Als wir uns am gegen\u00fcber der Stra\u00dfe liegenden Fluss wieder umsahen, erblickten wir einen Kran, dessen Abrissbirne sich in dem Moment auf das Gem\u00e4uer zubewegte. Au\u00dfer Atem sah ich dem Geschehen zu und fragte mich, welcher arme Hund wohl das Geheimnis entdecken w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Marie Salka<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Hinweis: <\/strong>Sie schreiben Kurzgeschichten rund um die Genres Mystery, Fantasy, Gothic oder Horror? Wir ver\u00f6ffentlichen selbige auf dieser Seite zu eben diesen Genres und laden Sie herzlich ein, Ihr Werk einzureichen. <a href=\"https:\/\/rottenplaces.de\/rpweb\/reichen-sie-ihre-kurzgeschichten-ein\/\" data-type=\"page\" data-id=\"8250\">Hier finden Sie alle Informationen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein marodes, heruntergekommenes Haus\u2026 Wir hatten es zuf\u00e4llig entdeckt, auf unserem Spaziergang an den Flussauen entlang. 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